{"id":669770,"date":"2025-12-24T22:44:36","date_gmt":"2025-12-24T22:44:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/669770\/"},"modified":"2025-12-24T22:44:36","modified_gmt":"2025-12-24T22:44:36","slug":"ein-packen-neuer-geschichten-fuer-ein-interessiertes-publikum-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/669770\/","title":{"rendered":"Ein Packen neuer Geschichten f\u00fcr ein interessiertes Publikum \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Vor f\u00fcnf Jahren haben sie sich zusammengetan, um gemeinsam jedes Jahr eine handfeste Publikation zur Leipziger Geschichte vorzulegen: der Leipziger Geschichtsverein, das Stadtarchiv und das Stadtgeschichtliche Museum. Stoff gibt es in einer tausend Jahre alten Stadt wie Leipzig mehr als genug. Oft merkt man erst, dass es etwas zu finden gibt, wenn neugierige Historikerinnen und Historiker sich ein paar alte Akten genauer anschauen oder hartn\u00e4ckige Fragen stellen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel: Woher bekam die Anatomie der Uni Leipzig eigentlich fr\u00fcher ihre Leichen? Und welche Chancen hatte ein Frankfurter Jude, in Leipzig sein gestohlenes Eigentum wiederzuerlangen?<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/0914f29b904840839a036207fe6311f8.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\"\/><\/p>\n<p>Es sind Fragen, die bis in die Gegenwart hineinleuchten. Denn ganz offensichtlich leben wir in Zeiten, in denen wieder eine Menge Leute der Meinung sind, Recht und Gesetz w\u00fcrden nicht f\u00fcr alle gelten. Und das Entrechten von anderen Menschen sei ganz normal. Mit dem Beitrag \u201eDer Frankfurter Fettmilch-Aufstand und Leipzig 1614 \u2013 1617\u201c nimmt J\u00f6rg Ludwig die Leser mit in eine Zeit, in der Juden in Deutschland nach wie vor weniger Rechte hatten, in Leipzig auch nicht siedeln durften.<\/p>\n<p>Weshalb ein Ort wie das Ghetto in Frankfurt f\u00fcr sie so wichtig war. Nur dass auch das sie nicht vor \u00dcberf\u00e4llen sch\u00fctzte wie dem vom August 1614, als aufgeputschte B\u00fcrger die Judengasse st\u00fcrmten und pl\u00fcnderten.<\/p>\n<p>Dass Leipzig dabei ins Spiel kam, hat damit zu tun, dass wenig sp\u00e4ter einige kostbare Kleidungsst\u00fccke, die dem Juden Joseph und der j\u00fcdischen Witwe Judith geh\u00f6rten, in Leipzig auftauchten und beschlagnahmt wurden. Beide forderten ihr Eigentum zur\u00fcck und der Leipziger Rat behandelte den Fall auch irgendwie ganz rechtm\u00e4\u00dfig. Nur: Die Kleidungsst\u00fccke wurden \u00fcber Jahre nicht zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n<p>Nicht einmal die Interventionen des s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten \u00e4nderten etwas. Die Akten verraten nat\u00fcrlich nicht alles, auch nicht, warum der Leipziger Rat die Hinweise des Kurf\u00fcrsten ignorierte. Es mutet zwar an, als w\u00fcrde man hier den seltsamen Gepflogenheiten einer l\u00e4ngst vergangenen Justizepoche zuschauen. Aber die Erfahrungen der Gegenwart sagen einem: So seltsam geht es auch heute noch zu. Die Vergangenheit h\u00e4lt uns nur den Spiegel vor.<\/p>\n<p>So ist es auch mit Marcel Korges Beitrag, in dem er erkundet, wo die Anatomie der Uni Leipzig eigentlich vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ihre Leichen herbekam. Von Seiten der Uni gibt es dazu keine vollst\u00e4ndigen Belege. Aber die Ratsleichenb\u00fccher geben Hinweise. Die Stadtgeschichtsforschung seit der Erarbeitung der vierb\u00e4ndigen gro\u00dfen Stadtgeschichte f\u00fcr das Jahr 2015 hat lauter neue Wege sichtbar werden lassen, auf denen neugierige Historiker ihre Funde machen k\u00f6nnen. Und die Ratsleichenb\u00fccher geh\u00f6ren dazu.<\/p>\n<p>Da und dort verzeichnen sie eben auch, wessen Leiche eben nicht direkt auf den Friedhof gebracht wurde (was auch damals schon nicht billig war), sondern erst einmal in die Anatomie der Universit\u00e4t. Selbst die Professoren, die sich die Leichen bestellten, sind namhaft zu machen. Und nat\u00fcrlich wird der Stand der Verstorbenen deutlich, die da auf dem Seziertisch landeten.<\/p>\n<p>Und da ging es nicht nur um Hingerichtete, die durch ihre Taten ein christliches Begr\u00e4bnis sowieso verwirkt hatten und deren K\u00f6rper gleich nach der Hinrichtung in die Anatomie wanderte. Denn die Zahl dieser Leichen h\u00e4tte den Bedarf der Professoren f\u00fcr Forschungs- und Vorf\u00fchrungszwecke nicht gedeckt.<\/p>\n<p>Und so kamen eben auch dutzende Verstorbene in die Anatomie, die vor ihrem Tod Kostg\u00e4nger der Stadt waren, also letztlich schon durch ihre Bed\u00fcrftigkeit eine Art \u201eGef\u00e4lligkeit\u201c erzeugten, indem die Stadt davon ausging, dass sie die jahrelange F\u00fcrsorge eben dadurch \u201ebezahlten\u201c, dass ihre Leichen der Anatomie zur Verf\u00fcgung gestellt wurden.<\/p>\n<p>Sodass es letztlich die meist jung verstorbenen Armen der Stadt waren, die auf dem Seziertisch der Universit\u00e4t landeten.<\/p>\n<p>Forschung im Fluss<\/p>\n<p>Armsein hatte auch in der Fr\u00fchen Neuzeit seinen Preis. Und die Betroffenen hatten kaum eine Chance, sich zu wehren. Aber wir wissen ja aus gegenw\u00e4rtigen politischen Diskussionen: Das Denken hinter dieser Praxis ist noch immer da. Es \u00e4u\u00dfert sich nur anders, vorwurfsvoller, ver\u00e4chtlicher. Es sind diese nur zu menschlichen Momente in den \u201eJahrb\u00fcchern f\u00fcr Leipziger Stadtgeschichte\u201c, die vieles, was scheinbar uralter Aktenkram ist, auf einmal sehr aktuell anmuten lassen.<\/p>\n<p>Bei anderen Themen wird deutlich, dass die Forschung auch zu gro\u00dfen Themen immer noch im Fluss ist \u2013 so wie in Steffen Helds Beitrag zur Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig bis 1933. Oder in Carmen Laux\u2019 Text zur Verlagsstadt Leipzig im Jahr 1945 und zum ganz konkreten Verhalten von Ernst Reclam, der \u2013 anders als andere Leipziger Verlagschefs damals \u2013 nicht der Einladung der Amerikaner folgte, ihnen in ihre Besatzungszone zu folgen.<\/p>\n<p>Er wollte in der Buchstadt Leipzig bleiben, auch wenn er noch nicht ahnte, wie schwer es dann die sowjetischen Besatzer machen w\u00fcrden, dass Reclam wieder eine Lizenz bekam und seine B\u00fccher drucken konnte.<\/p>\n<p>Ein Beitrag, der direkt korrespondiert mit Helge-Heinz Heinkers Beitrag zur Reparationsgeschichte Leipzigs nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der gestandene Wirtschaftsjournalist sogar sehr kritische T\u00f6ne anschl\u00e4gt \u2013 nicht nur zur Rekrutierungspraxis der Sowjetarmee, die wesentlich dazu beitrug, dass der Osten 1945 noch viel schlechtere Startbedingungen bekam als der Westen.<\/p>\n<p>Es dauerte durchaus eine Weile, bis die verantwortlichen Kommandeure begriffen, dass ihnen eine demontierte Besatzungszone \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzte, und sie stattdessen begannen, Sowjetische Aktiengenossenschaften zu gr\u00fcnden und wenigstens noch einen holprigen Neustart erm\u00f6glichten. Mittendrin immer wieder die so geliebten SED-Genossen, die von Pontius zu Pilatus tingelten, um die schlimmsten Demontagen zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcchlichkeit von Geschichte<\/p>\n<p>Etwas, was auch in Martin Baumerts Beitrag zum Braunkohle-Industriekomplex B\u00f6hlen-Espenhain thematisiert wird. Da hatte zwar Leipzig \u2013 anders als andere ostdeutsche Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 die Braunkohle direkt vor der Nase, h\u00e4tte also locker seine \u00d6fen auch in den eiskalten Nachkriegswintern bef\u00fcllen k\u00f6nnen. Doch genau das gelang nicht wirklich. Oder eben nur mit Ach und Krach.<\/p>\n<p>Es sind solche Einblicke in l\u00e4ngst zur\u00fcckliegende historische Perioden, die nachf\u00fchlbar machen, wie hart und kalt Geschichte auch sein konnte. Und welche Folgen dummes menschliches Handeln haben kann. Was ja heute eine Menge Leute wieder vergessen zu haben scheinen.<\/p>\n<p>Um dieses oft dissonante menschliche Handeln geht es auch in einem Beitrag von Peer Pasternack, der sich einfach mal durch die verf\u00fcgbare Belletristik gearbeitet hat, in der Autoren wie Christoph Hein die Universit\u00e4t Leipzig nach 1945 zum Thema gemacht haben. Und ganz offensichtlich wurde keine andere ostdeutsche Universit\u00e4t so oft zum Handlungsort eines Romans wie die Leipziger.<\/p>\n<p>Was auch an Professoren wie Hans Mayer und Ernst Bloch liegt, die hier in den 1950er Jahren wirkten und ganze Generationen von Studierenden beeindruckten und pr\u00e4gten. Aber gerade Hein steht ja f\u00fcr eine jahrzehntelange Begleitung \u201eseiner\u201c Universit\u00e4t \u2013 kritisch auch in den Phasen, in denen der Geist des Aufbruchs l\u00e4ngst verloren war und sich die Helden seiner Romane in einem wilden Raum zwischen Anpassung, Verweigerung und Verrat verorten lassen mussten.<\/p>\n<p>Die L\u00f6cher der Geschichte<\/p>\n<p>So wird nun auch dieser f\u00fcnfte Band des Jahrbuchs zu einer kleinen Entdeckungsreise in v\u00f6llig verschiedene Teile der Leipziger Geschichte. Erg\u00e4nzt noch um einen ganzen Packen von Beitr\u00e4gen zur Forschungsdiskussion, in dem es unter anderem um das Nachlassverzeichnis des Leipziger Gelehrten Andreas Lanther geht, um den Ring der Katharina von Bora, das Bildnis des Juristen Karl Ferdinand Hommel, zwei neu erworbene S\u00e4bel f\u00fcrs V\u00f6lkerschlachtmuseum oder die Nutzung des Hauses \u201eZum Arabischen Coffe Baum\u201c in der DDR -Zeit.<\/p>\n<p>Da gab es im Haus noch Mieter. Und bekanntlich startete das Schauspiel Leipzig einen gro\u00dfen Aufruf, um <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/kultur\/ausstellungen\/2025\/06\/nach-sechs-jahren-schliesszeit-museum-zum-arabischen-coffe-baum-1-juli-627875\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">vor der Neuer\u00f6ffnung<\/a> noch Kontakt zu ehemaligen Mietern oder ihren Nachfahren zu finden. Aber wie Torsten Buss feststellen muss, meldete sich auf den Aufruf niemand. Die Geschichte der Wohnungen im Haus \u201eZum Arabischen Coffe Baum\u201c bleibt also skizzenhaft. Auch das passiert: Geschichte beh\u00e4lt ihre L\u00f6cher.<\/p>\n<p>Aber gerade deshalb zeigt das Jahrbuch eben auch, wie kleinteilig und m\u00fchsam die Arbeit von Historikern oft ist. Aktenbest\u00e4nde sind l\u00fcckenhaft, Zeitzeugen fehlen, Dokumente erz\u00e4hlen nur die H\u00e4lfte. Und oft genug kommen die Forscher einfach zu sp\u00e4t, weil manche Themen zu ihrer Zeit politisch nicht gewollt waren. Das betrifft selbst j\u00fcngere Geschichte \u2013 und nicht nur die der DDR.<\/p>\n<p>Denn wie wichtig manche Themen eigentlich sind, erfassen oft erst die Nachgeborenen, die dann sehr hartn\u00e4ckig fragen m\u00fcssen: Wie war es denn nun wirklich? Wohl wissend, dass die Jubelmeldungen in den Zeitungen tr\u00fcgen und die eigentlichen Profiteure der Geschichte meist schweigen wie ein Grab.<\/p>\n<p>Und trotzdem werden alle Geschichtsinteressierten wieder beschenkt, lernen dutzende neuer Aspekte der Leipziger Stadtgeschichte kennen. Und bekommen am Ende auch noch Lesetipps, weil manche Forschungen zur Stadtgeschichte irgendwann eben auch zu eigenen Publikationen werden, die dann von den Mitstreitern des Jahrbuchs in der Regel wohlwollend besprochen werden.<\/p>\n<p><strong>Markus Cottin, Uwe John (Hrsg.) <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783960236832@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eJahrbuch f\u00fcr Leipziger Stadtgeschichte 5\/2025\u201c,<\/a><\/strong> Leipziger Universit\u00e4tsverlag, Leipzig 2025, 30 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor f\u00fcnf Jahren haben sie sich zusammengetan, um gemeinsam jedes Jahr eine handfeste Publikation zur Leipziger Geschichte vorzulegen:&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":669771,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,155922,1803,859,8731,11028,14712],"class_list":{"0":"post-669770","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-leipzig","12":"tag-leipziger-geschichtsverein","13":"tag-rezension","14":"tag-sachsen","15":"tag-stadtarchiv","16":"tag-stadtgeschichte","17":"tag-stadtgeschichtliches-museum"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115776971168182723","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/669770","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=669770"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/669770\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/669771"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=669770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=669770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=669770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}