{"id":66987,"date":"2025-04-28T03:05:11","date_gmt":"2025-04-28T03:05:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/66987\/"},"modified":"2025-04-28T03:05:11","modified_gmt":"2025-04-28T03:05:11","slug":"das-kapierste-sowieso-nicht-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/66987\/","title":{"rendered":"\u00bbDas kapierste sowieso nicht\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbSchnall dich an, es geht los\u00ab ist kein schlechter Name f\u00fcr einen Roman, der \u2013 wie sein Vorg\u00e4nger \u00bbAus unseren Feuern\u00ab von 2022 \u2013 rasant und vielschichtig von der Nachwende-Provinz und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern erz\u00e4hlt. \u00bbSchnall dich an, es geht los\u00ab ist im letzten Jahr erschienen, geschrieben hat ihn Domenico M\u00fcllensiefen, der auf einem Bauernhof in der Altmark aufgewachsen ist und in Magdeburg Systemelektroniker wurde, ehe er 2006 nach Leipzig ging und schlie\u00dflich Schriftsteller wurde. Im Eins-zu-Eins-Mentoringprogramm des S\u00e4chsischen Literaturrats wird der 1987 Geborene ab Mai 2025 ein Jahr lang Mentor f\u00fcr ein literarisches Nachwuchstalent sein. Auf der gro\u00dfen Pinnwand \u00fcber seinem Schreibtisch ordnet sich derweil M\u00fcllensiefens dritter Roman.<\/p>\n<p><strong>Wie war das, als Sie mit 19 Jahren nach Leipzig gekommen sind?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wohne heute in der Zuckerwolke S\u00fcdvorstadt \u2013 und muss daf\u00fcr dankbar sein, das wei\u00df ich. In meiner Nachbarschaft gibt es nur Akademiker, nur finanziell abgesicherte Existenzen. Als ich 2006 von Magdeburg hierhergezogen bin, sah das noch anders aus, da war die S\u00fcdvorstadt noch sehr connewitzig. Weniger schick, mit Graffiti und M\u00fcll, und man traf Leute in Arbeitsklamotten auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie damals schon ans Schreiben gedacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, geschrieben hatte ich immer wieder mal \u2013 aus purer Langeweile, weil ich ein paar Monate lang in einer Abteilung arbeitete (als Systemelektroniker, Anm. d. Red.), in der wir den ganzen Tag nichts zu tun hatten und an Rechnern sa\u00dfen. Von diesen Texten wurde dann einer zu einem Roman \u2013 aber ans Ver\u00f6ffentlichen dachte ich da \u00fcberhaupt nicht. Ich hatte eine Ausbildung bei der Telekom gemacht und in Leipzig gab es Arbeit. Deshalb bin ich hergezogen. Und weil ich endlich in eine Stadt wollte. Ich habe Kabel verlegt und f\u00fcr die Firma Fischer Haustechnik Router installiert. Ich war daf\u00fcr sicher in mehreren tausend Leipziger Wohnungen, von St\u00f6tteritz bis Gr\u00fcnau, von Gohlis bis L\u00f6\u00dfnig, von Zschocher bis Anger-Crottendorf. Es kam mir vor, als h\u00e4tte ich alle Leipziger pers\u00f6nlich kennengelernt. Vom feinsten Pinkel bis zum \u00e4rmsten Schlucker \u2013 alle brauchten Internet.<\/p>\n<p><strong>Klingt nicht nach dem direkten Weg ins Deutsche Literaturinstitut, wo Sie ab 2011 studiert haben.<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Meine damalige Freundin las irgendwann \u00bbDas Parfum\u00ab von Patrick S\u00fcskind und als ich sie fragte, worum es da geht, winkte sie ab: \u00bbDas kapierste sowieso nicht.\u00ab Ich war der ohne Abitur, der so eine Antwort schulterzuckend hingenommen hat. Irgendwann hat sich aber eine Freundin an meinen Rechner gesetzt, um was zu googeln \u2013 und sich dabei an den Texten festgelesen, die da noch ge\u00f6ffnet waren. Ich h\u00e4tte im Boden versinken k\u00f6nnen. Dann drehte sie sich um und sagte: \u00bbDas ist gut. Du solltest weitermachen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Und dann?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hab auch bei Steffen Mohr in L\u00f6\u00dfnig den Router installiert. Diese Wohnung war ungew\u00f6hnlich, es gab da sehr gro\u00dfe Regale mit sehr vielen B\u00fcchern. So dass ich mich nach seinem Beruf erkundigt habe \u2013 und er sagte, dass er Schriftsteller sei. Ich hab ihn dann tats\u00e4chlich gebeten, doch mal was von mir zu lesen und mir seine Meinung zu sagen. Ich steckte ihm ein paar Tage sp\u00e4ter so drei\u00dfig Seiten in den Briefkasten. Heute wei\u00df ich: Das war eigentlich ziemlich dreist. Nach ein paar Tagen kam ein handschriftlicher Brief von ihm: Das w\u00e4re sehr gut, ich solle sofort ver\u00f6ffentlichen, mich aber mindestens beim Literaturinstitut bewerben.<\/p>\n<p><strong>Was Sie dann ja auch getan haben und was beim zweiten Mal auch erfolgreich war. <\/strong><\/p>\n<p>Am DLL so einen gesch\u00fctzten Raum f\u00fcr sich zu haben, ist f\u00fcr zweifelnde und verzweifelnde junge Schriftsteller gro\u00dfartig und wichtig. Aber es kommt auf jeden drauf an, was man selbst draus macht. Es gibt die, deren B\u00fccher jetzt in zwei gro\u00dfen Vitrinen im Literaturinstitut stehen und den Studenten dort zeigen: Wir haben es geschafft! \u2013 Ein unglaublicher Druck f\u00fcr die Neuen. Es gibt die, die sich w\u00e4hrend des Studiums zu fr\u00fch von Lektoren entdecken lie\u00dfen und die jetzt niemand kennt. Es gibt etliche richtig gute Absolventen, die aus irgendeinem Grund nie ver\u00f6ffentlicht haben. Ich hab den Bachelor und den Master gemacht und bin danach Vollzeit zur\u00fcck in meinen Beruf, hab mich zum Teamleiter und Bauleiter hochgearbeitet. Weil ich mir in dem Bereich sicher war: Das kann ich. Im September 2020 sa\u00df ich dann aber mit dem Verleger Gunnar Cynybulk vom Kanon-Verlag in Berlin bei Kaffee und Orangina \u2013 und er sagte zu mir, dass er \u00bbAus unseren Feuern\u00ab machen will.<\/p>\n<p><strong>Sie haben viele Wohnungen in Leipzig gesehen. Wo sind Sie heute am liebsten in der Stadt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich mag es, von meinem B\u00fcro in der Saarl\u00e4nder Stra\u00dfe am Karl-Heine-Kanal nach Plagwitz zu laufen. Ich brauch auch das Radfahren als Ausgleich, Schriftsteller ist am Ende doch ein Schreibtischjob. Ich freue mich jetzt im Fr\u00fchling und Sommer auf Touren um die Seen hier, den Cospudener, den Markkleeberger, den Zwenkauer, manchmal auch zum Kulkwitzer. Oder zum Caf\u00e9 Eisb\u00e4r nach L\u00fctzen, auf dem ehemaligen Bahndamm.<\/p>\n<p>&gt; Domenico M\u00fcllensiefen: Schnall dich an, es geht los. Berlin: Kanon 2024. 352 S., 25 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbSchnall dich an, es geht los\u00ab ist kein schlechter Name f\u00fcr einen Roman, der \u2013 wie sein Vorg\u00e4nger&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":66988,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29811,29,30,71,93,859],"class_list":{"0":"post-66987","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutsches-literaturinstitut-leipzig","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-leipzig","13":"tag-literatur","14":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114413379558486078","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66987"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66987\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66988"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}