{"id":672019,"date":"2025-12-26T03:33:14","date_gmt":"2025-12-26T03:33:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/672019\/"},"modified":"2025-12-26T03:33:14","modified_gmt":"2025-12-26T03:33:14","slug":"nachtblindheit-auf-molekularer-ebene-entschluesseln-universitaet-innsbruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/672019\/","title":{"rendered":"Nachtblindheit auf molekularer Ebene entschl\u00fcsseln \u2013 Universit\u00e4t Innsbruck"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/nachtblindheit_auge.jpg__576x346_q85_crop_subsampling-2.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"Ein offenes Auge in seitlicher Nahaufnahme blickt nach rechts.\"\/><a href=\"#uibk-copyright-0\" class=\"uibk-copyright\"><\/a><\/p>\n<p>Kongenitale station\u00e4re Nachtblindheit wird durch Mutationen eines bestimmten Kalzium-Kanals ausgel\u00f6st. (Symbolbild)<\/p>\n<p>Kongenitale station\u00e4re Nachtblindheit wird durch Mutationen eines bestimmten Kalzium-Kanals ausgel\u00f6st. Eine umfassende Proteom-Studie von Forscher:innen der Universit\u00e4t Innsbruck zeigt nun die komplexen Ver\u00e4nderungen auf molekularer Ebene, die von Mutation zu Mutation variieren. Damit liegt erstmals grundlegendes Wissen f\u00fcr die Entwicklung von personalisierten Therapien-Ans\u00e4tzen vor.<\/p>\n<p>Die kongenitale station\u00e4re Nachtblindheit, kurz CSNB, ist eine angeborene Erkrankung der Netzhaut, bei der die Sehf\u00e4higkeit bei D\u00e4mmerung und Dunkelheit stark beeintr\u00e4chtigt ist. Verantwortlich f\u00fcr CSNB sind Mutationen des Kalziumkanals Cav1.4, die zu St\u00f6rungen der Signal\u00fcbertragung in der Netzhaut f\u00fchren. Bisher gibt es daf\u00fcr weder Therapie- noch Heilungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Schritt zu einem besseren Verst\u00e4ndnis der kongenitalen station\u00e4ren Nachtblindheit Typ 2 (CSNB2) ist k\u00fcrzlich einem Forschungsteam rund um Matthias Ganglberger und Alexandra Koschak vom <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/en\/pharmazie\/pharmakologie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsbereich Pharmakologie und Toxikologie<\/a> am Institut f\u00fcr Pharmazie der Universit\u00e4t Innsbruck gelungen. Gemeinsam mit Kolleg:innen vom <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/biochemistry\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Institut f\u00fcr Biochemie<\/a>\u00a0f\u00fchrten sie eine umfassende <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Proteom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Proteom<\/a>-Studie mit drei verschiedenen M\u00e4usest\u00e4mmen durch. Die Ergebnisse liefern erstmals ein detailliertes Bild der pathophysiologischen Ver\u00e4nderungen auf molekularer Ebene, die durch Mutationen im Kalziumkanal Cav1.4 ausgel\u00f6st werden. Mit der Studie wurde Grundstein f\u00fcr m\u00f6gliche Therapie-Ans\u00e4tze gelegt. \u201eDie Proteom-Analysen zeigen, dass verschiedene Mutationen \u2013 in unserer Studie RX und IT \u2013 unterschiedliche molekulare Effekte haben. Dies ist wichtig f\u00fcr die Entwicklung von personalisierten Therapien, die auf die spezifische Mutation des Patienten zugeschnitten sind\u201c, erkl\u00e4rt Matthias Ganglberger.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/graphical_abstract.jpg__576x558_q85_crop_subsampling-2_upscale.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"Zu sehen ist eine einfache Illustration, die die beschriebenen Ergebnisse, insbesondere die Auswirkungen unterschiedlicher Mutationen zusammenfasst.\"\/><a href=\"#uibk-copyright-1\" class=\"uibk-copyright\"><\/a><\/p>\n<p>Die grafische Zusammenfassung illustriert die wichtigsten Ergebnisse der Publikation zusammen.<\/p>\n<p>Zu sehen ist eine einfache Illustration, die die beschriebenen Ergebnisse, insbesondere die Auswirkungen unterschiedlicher Mutationen zusammenfasst.<\/p>\n<p>Cav1.4 Kan\u00e4le spielen in sogenannten Bandsynapsen eine Schl\u00fcsselrolle. Diese spezialisierten chemischen Synapsen \u00fcbertragen ein breites Spektrum an Lichtsignalen von den St\u00e4bchen und Zapfen \u2013 den Lichtsinneszellen der Netzhaut \u2013an die nachgeschalteten Bipolarzellen und stehen im Fokus der Studie. Funktionsst\u00f6rungen des Cav1.4 Kanals, wie sie bei CSNB2 vorkommen, f\u00fchren daher zu charakteristischen Sehst\u00f6rungen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201eInteressanterweise zeigen beide Varianten teilweise entgegengesetzte biophysikalische Eigenschaften.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Forscher:innen verglichen f\u00fcr die Studie drei verschiedene M\u00e4usest\u00e4mme: einen Wildtyp mit normalem Cav1.4-Kanal, sowie zwei klinisch relevante Varianten \u2013 die RX-Variante und die IT-Variante. Beide Varianten wurden in Patient:innen beschrieben und mit \u00a0CSNB2 assoziiert. \u201eInteressanterweise zeigen beide Varianten teilweise entgegengesetzte biophysikalische Eigenschaften\u201c, erkl\u00e4rt Alexandra Koschak, \u201edas bedeutet, dass sich die \u00d6ffungs- und Schlie\u00dfeigenschaften, das so genannte Gating, bei den beiden Varianten unterscheiden und damit auch die Kalziumstr\u00f6me ver\u00e4ndert sind.\u201c Mit Hilfe moderner Proteomanalytik konnte das Forschungsteam in Proben, in denen Synapsen angereichert sind, \u00fcber 4.000 Proteine in identifizieren und konnte ein sehr vollst\u00e4ndiges Bild der molekularen Ver\u00e4nderungen zeichnen.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Mutationen \u2013 unterschiedliche Effekte \u2013 eine Erkrankung<\/p>\n<p>Die Signalweg-Analyse zeigte interessante Muster: Bei der RX-Variante fand das Team eine deutliche Dysregulation von Proteinen, die mit synaptischen Prozessen assoziiert sind. Besonders auff\u00e4llig war die Ver\u00e4nderung von Proteinen der Kalzium-Signalwege und des vesikul\u00e4ren Transports. Proteine, die direkt an der Lichtsignalverarbeitung beteiligt sind, waren \u2013 wie erwartet \u2013 stark herunterreguliert, was die funktionellen Defizite dieser Variante widerspiegelt. Die detaillierte Analyse der Bandsynapse verdeutlichte, wie sich die Dysregulation des Cav1.4-Kanals auf das gesamte pr\u00e4synaptische Proteinnetzwerk auswirkt. \u00a0Insbesondere Proteine, die an vesikul\u00e4ren Transport und an der exozytotischen Freisetzung beteiligt sind, zeigten deutliche Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Hinweise auf Degenerationsprozesse<\/p>\n<p>Die Studie lieferte auch Hinweise auf Degenerationsprozesse. In beiden Varianten fanden sich Anzeichen f\u00fcr Apoptose, also den physiologischen Zelltod, und retinalen Stress, allerdings in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung. Bestimmte Stress-assoziierte Proteine waren stark hochreguliert. Immunhistochemische Analysen unterst\u00fctzten diese Befunde \u2013 die RX-Variante f\u00fchrte zu einer ver\u00e4nderten Morphologie der Mikrogliazellen, den Immunszellen der Netzhaut, was auf neuroinflammatorische Prozesse hindeutet.<\/p>\n<p>CSNB2 kann heute \u00fcber Genotypisierung und elektrographische Methoden diagnostiziert werden, diese Verfahren haben jedoch Limitationen. Die Genotypisierung identifiziert zwar die zugrunde liegende Mutation im CACNA1F-Gen, kann aber nicht vorhersagen, welche spezifischen Protein-Ver\u00e4nderungen auf Kanalebene entstehen. Die RX- und IT-Varianten beispielsweise sind beide Mutationen im selben Gen, doch auf Proteinebene zeigen sich v\u00f6llig unterschiedliche Kanal-Dysfunktionen und nachgeschaltete molekulare Effekte. Die RX-Variante f\u00fchrt zu massiven Ver\u00e4nderungen in synaptischen Proteinen, w\u00e4hrend die IT-Variante prim\u00e4r Stoffwechselwege beeinflusst.<br \/>Auch gegen\u00fcber der etablierten ERG-Diagnostik (Elektroretinogramm) bietet die molekulare Charakterisierung entscheidende Vorteile. W\u00e4hrend das ERG nur das charakteristische &#8222;negative ERG&#8220;-Muster zeigt, k\u00f6nnen molekulare Signaturen die spezifischen Kanal-Mutationen und deren funktionelle Konsequenzen klar differenzieren. Dies legt nahe, dass die Diagnose \u00fcber die reine Gen-Mutation hinausgehen muss: Es reicht nicht zu wissen, dass CACNA1F mutiert ist \u2013 entscheidend ist, welche konkrete Kanal-Mutation vorliegt und wie sich diese auf Proteinebene auswirkt. Molekulare Signaturen erm\u00f6glichen diese pr\u00e4zisere Differenzierung und sind damit ein entscheidender Aspekt f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Therapieplanung. \u201eDie Arbeit liefert erstmals eine umfassende molekulare Landkarte der pathophysiologischen Ver\u00e4nderungen bei CSNB2 \u2013 ein entscheidender Schritt f\u00fcr die Entwicklung gezielter Therapien. Besonders wichtig ist, dass verschiedene Mutationen zu unterschiedlichen molekularen Profilen f\u00fchren. Das bedeutet, dass in Zukunft personalisierte Therapieans\u00e4tze entwickelt werden k\u00f6nnten, die auf die spezifische Mutation des Patienten zugeschnitten sind.\u201c Das Team arbeitet bereits an funktionellen Studien zur Validierung dieser Erkentnisse und plant, in Zukunft auch zu untersuchen, ob sich diese Proteinver\u00e4nderungen in humanen Patientenproben nachweisen lassen.<\/p>\n<p><strong>Publikation:<\/strong> Ganglberger M, Zanetti L, Egger AS, G\u00fcnter A, Wagner B, Belhadj S, M\u00fchlfriedel R, Knoflach D, Casanova E, R\u00fclicke T, Seeliger MW, Kwiatkowski M, Seitter H, Koschak A. Quantitative Proteomics Identifies Potential Molecular Adaptations in Mouse Models of Congenital Stationary Night Blindness Type 2. Mol Cell Proteomics. 2025 Nov 10;24(12):101462. DOI: <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/41224078\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">10.1016\/j.mcpro.2025.101462<\/a>.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kongenitale station\u00e4re Nachtblindheit wird durch Mutationen eines bestimmten Kalzium-Kanals ausgel\u00f6st. 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