{"id":673019,"date":"2025-12-26T14:48:24","date_gmt":"2025-12-26T14:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/673019\/"},"modified":"2025-12-26T14:48:24","modified_gmt":"2025-12-26T14:48:24","slug":"israel-eine-gesellschaft-zwischen-wahnvorstellung-und-erwachen-daraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/673019\/","title":{"rendered":"Israel \u2013 Eine Gesellschaft zwischen Wahnvorstellung und Erwachen daraus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Shir Hevers grunds\u00e4tzliche und kritische Betrachtung auf den gesellschaftlichen Zustand Israels<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kommunalinfo-mannheim.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Shir-Hever-VA-17-12-2025-scaled.jpg\" rel=\"lightbox[35486] noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-35491\" class=\"wp-image-35491 size-medium\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Shir-Hever-VA-17-12-2025-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\"  \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-35491\" class=\"wp-caption-text\">Mit 70 Leuten vollbesetzter Raum. Auch im Vorraum standen viele Menschen. Etliche mussten unverrichteter Dinge wieder gehen.<\/p>\n<p><strong>Einleitende Erl\u00e4uterungen von der Nahost-Gruppe Mannheim:<\/strong> Zur Veranstaltung mit Shir Hever Im B\u00fcro der Partei Die Linke in Mannheim dr\u00e4ngten sich am 17.12. etwa 70 Personen zusammen. Mehrere sind wegen der r\u00e4umlichen Enge wieder gegangen. F\u00fcr Veranstaltungen der Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t gibt es in Mannheim keine Veranstaltungsr\u00e4ume. Die Stadt Mannheim ebenso wie Kirchengemeinden, Gewerkschaften und andere Organisationen passen sich an die Haltung der Bundesregierung an, alles was Israel tut um jeden Preis unterst\u00fctzen und sie f\u00fcrchten den Druck der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und der j\u00fcdischen Gemeinde, welche die Position der Israelischen Regierung vollst\u00e4ndig \u00fcbernehmen und daf\u00fcr bereit sind, die Menschenrechte der Pal\u00e4stinenser:innen und gleichzeitig das Grundrecht auf Meinungs- und Informationsfreiheit zu opfern.<\/p>\n<p>Der Referent Dr. Shir Hever kennt die israelische Gesellschaft von innen. Der \u00d6konom hat Israel verlassen. Er forscht zu Apartheid, Kolonialismus, Besatzung und israelischer R\u00fcstungsindustrie. Er ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von BIP e.V. (B\u00fcndnis f\u00fcr gerechten Frieden zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern) und Mitglied der J\u00fcdischen Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost e.V. Sein Vortrag tr\u00e4gt den Titel: \u201eIsrael \u2013 eine Gesellschaft zwischen Wahnvorstellung und Erwachen daraus\u201c.<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/mannheimnahost.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/mannheimnahost.wordpress.com\/<\/a> )<\/p>\n<p><strong>\u201eDiejenigen, die in den letzten zwei Jahren gegen uns demonstriert haben, wurden durch geschickte Propaganda get\u00e4uscht, die mit Geldern von Terroristen finanziert wurde. Es gab keinen V\u00f6lkermord, keine absichtliche Aushungerung.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kommunalinfo-mannheim.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Shir-Hever.jpeg\" rel=\"lightbox[35486] noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-35492\" class=\"wp-image-35492 size-medium\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Shir-Hever-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\"  \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-35492\" class=\"wp-caption-text\">Shir Hever<\/p>\n<p>So sagte am 14. Oktober Yair Lapid, der Vorsitzende der israelischen Opposition bei einer Rede in der Knesset, dem Parlament von Israel. <\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie sich diesen Satz noch einmal an. Lapid spricht als Oppositionsf\u00fchrer \u2013 er m\u00f6chte uns glauben machen, dass er eine Alternative zur Regierung Netanyahu darstellt. Doch was er sagt, ist praktisch identisch mit der Regierungslinie. Die kategorische Leugnung. Die Behauptung, alle Kritiker:innen seien von Terror-Propaganda get\u00e4uscht. Diese \u00dcbereinstimmung ist kein Zufall \u2013 sie offenbart etwas Grundlegendes \u00fcber die israelische Gesellschaft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Lapid von \u201egeschickter Propaganda\u201c spricht, praktiziert Israel selbst eine rigide Kontrolle \u00fcber Informationen. Internationale Journalist:innen d\u00fcrfen Gaza bis heute nicht betreten. Am 16. Dezember 2024 verabschiedete die Knesset in zweiter Lesung einen Gesetzentwurf, der es der Regierung erm\u00f6glichen w\u00fcrde, B\u00fcros internationaler Medien zu schlie\u00dfen. Das ist keine Verteidigung gegen Propaganda \u2013 das ist Abschottung vor der Wahrheit.<\/p>\n<p>Israel unterzieht jede Ver\u00f6ffentlichung, die sich auf Sicherheitsfragen bezieht, einer milit\u00e4rischen Zensur. Journalisten riskieren eine Verhaftung, wenn sie ihre Texte nicht vorab an die Zensurbeh\u00f6rde schicken oder wenn sie dar\u00fcber berichten, dass ihre Texte zensiert wurden.<\/p>\n<p>Die eigentliche T\u00e4uschung findet also nicht bei internationalen Kritiker:innen statt, sondern innerhalb Israels selbst. Die israelischen Medien vermeiden oder besch\u00f6nigen systematisch die Berichterstattung \u00fcber Gaza. Die Leugnung der \u201eabsichtlichen Aushungerung\u201c und des V\u00f6lkermord-Vorwurfs erfolgt nicht, weil es keine Belege gibt \u2013 im Gegenteil, internationale Organisationen, Menschenrechtsgruppen und Augenzeug:innen haben massenhaft dokumentiert. Die Leugnung erfolgt trotz der Beweise.<\/p>\n<p>Was wir hier beobachten, ist eine kollektive Wahnvorstellung, die sich durch alle politischen Lager zieht. Von der extremen Rechten bis zur vermeintlichen Opposition. Wenn es keine politische Kraft mehr gibt, die bereit ist, die Realit\u00e4t anzuerkennen, wie soll dann eine Gesellschaft jemals aus dieser Krise finden?<\/p>\n<p><strong>Netanyahus Erpressung \u2013 oder: Wie Macht das Recht ersetzt<\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie uns von der kollektiven Leugnung zu einem konkreten Fall \u00fcbergehen, der zeigt, wie tief die Krise reicht: Netanyahus Begnadigungsgesuch.<\/p>\n<p>Benjamin Netanyahu hat Staatspr\u00e4sident Jitzchak Herzog um eine Begnadigung gebeten. Formal gesehen fehlt diesem Gesuch jede rechtliche Grundlage. Eine Begnadigung setzt normalerweise ein Schuldeingest\u00e4ndnis voraus \u2013 genau das, was Netanyahu kategorisch verweigert. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht um etwas viel Grundlegenderes: um Erpressung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kommunalinfo-mannheim.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/VA-Rudolf-Rogge-16-12-2025-Bild2-scaled.jpg\" rel=\"lightbox[35486] noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-35494\" class=\"wp-image-35494 size-medium\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/VA-Rudolf-Rogge-16-12-2025-Bild2-400x300.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"300\"  \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-35494\" class=\"wp-caption-text\">Tags zuvor am 16. Dezember 2025 schilderte Rudolf Rogg im Mannheimer Naturfreundehaus die Lage der pal\u00e4stinensischen Olivenbauern im Westjordanland. Er konnte aus erster Hand berichten, da er gerade von einem mehrw\u00f6chigen Aufenthalt zur\u00fcckkam. Zahlen von UN-OCHA dokumentieren, dass es allein in diesem Jahr zu Hunderten von Angriffen auf die Felder von Olivenbauern gekommen ist. Zahlreiche H\u00e4user wurden von Siedlern und israelischen Sicherheitskr\u00e4ften zerst\u00f6rt, Menschen verletzt, auch get\u00f6tet, und vertrieben.<\/p>\n<p>Netanyahu droht unverhohlen damit, die israelische Gesellschaft zu zerrei\u00dfen, sollte ihm die Begnadigung verweigert werden. Denken Sie einen Moment dar\u00fcber nach, was das bedeutet. Wenn er die Begnadigung erh\u00e4lt, triumphiert er \u00fcber das Rechtssystem und sendet die Botschaft: Wer m\u00e4chtig genug ist, steht \u00fcber dem Gesetz. Wird sie ihm verweigert, inszeniert er sich als M\u00e4rtyrer und mobilisiert seine Anh\u00e4nger:innen gegen die \u201eElite\u201c. Netanyahu gewinnt in beiden F\u00e4llen.<\/p>\n<p>Diese Art der Erpressung hat in Israel eine Geschichte. Erinnern wir uns an die Aff\u00e4re der Buslinie 300 von 1984 bis 1986. Shin-Bet-Offiziere hatten zwei pal\u00e4stinensische Geiselnehmer nach ihrer Festnahme ermordet. Als sie vor Gericht gestellt werden sollten, drohten sie damit, im Prozess Staatsgeheimnisse preiszugeben. Die Konsequenz: Sie erhielten eine Begnadigung. Das Signal war verheerend \u2013 wer \u00fcber brisante Informationen verf\u00fcgt, kann sich der Justiz entziehen.<\/p>\n<p>Und dann kam Donald Trump und erhob diese Erpressung auf eine internationale Ebene. In einer Rede vor der Knesset forderte er \u00f6ffentlich, Herzog solle Netanyahu begnadigen. Die Einmischung eines ausl\u00e4ndischen Pr\u00e4sidenten in ein laufendes Strafverfahren ist beispiellos. Sie legitimiert die Vorstellung, dass politische Macht \u00fcber rechtliche Verantwortung gestellt werden darf.<\/p>\n<p>Netanyahus Begnadigungsgesuch ist also mehr als eine pers\u00f6nliche Angelegenheit. In der die Drohung mit Chaos als legitimes politisches Mittel gilt. In der nicht mehr die Frage z\u00e4hlt, ob Recht gesprochen wird, sondern wer genug Macht besitzt, sich dem Recht zu entziehen.<\/p>\n<p>In seiner Rede vor dem leeren Saal der Vereinten Nationen am 26. September erz\u00e4hlte Netanjahu eine L\u00fcge nach der anderen. Er sprach zum israelischen Publikum, nicht zu den Vereinten Nationen, da die UN-Delegierten den Saal verlassen hatten. Obwohl seine L\u00fcgen leicht zu widerlegen waren. Aber die israelischen Zeitungen haben Netanjahus L\u00fcgen nicht widerlegt. Nicht einmal die Zeitung Haaretz. Sie m\u00fcssen so tun, als w\u00fcrden sie seine L\u00fcgen glauben, weil ihnen das ein Alibi verschafft. Wenn sie sagen, dass Netanjahu sie belogen hat, k\u00f6nnen sie so tun, als tr\u00fcgen sie keine Verantwortung f\u00fcr den V\u00f6lkermord. Deshalb braucht Netanjahu eigentlich keine Begnadigung. Er wird gesch\u00fctzt, weil die israelische \u00d6ffentlichkeit ihn braucht.<\/p>\n<p><strong>Der Zerfall \u2013 Wenn eine Gesellschaft in St\u00e4mme zerf\u00e4llt<\/strong><\/p>\n<p>Nun m\u00f6chte ich einen Schritt zur\u00fccktreten und fragen: Wie konnte es so weit kommen? Um das zu verstehen, m\u00fcssen wir uns ansehen, wie die israelische Gesellschaft intern funktioniert \u2013 oder vielmehr: wie sie nicht mehr funktioniert.<\/p>\n<p>Israel bezeichnet sich selbst als \u201eNationalstaat\u201c. Ein Nationalstaat ist eigentlich ein Staat, in dem die Mitglieder der Nation und die B\u00fcrger:innen des Staates dieselbe Gruppe bilden. Aber Israel war niemals ein Nationalstaat in diesem Sinne. Die gesamte Struktur basiert darauf, dass die j\u00fcdische Nation und die B\u00fcrger:innen Israels zwei verschiedene, sich \u00fcberschneidende Gruppen sind. Das Grundgesetz von 2018, ironischerweise \u201eGesetz des Nationalstaats\u201c genannt, macht dies explizit: Israel geh\u00f6rt der j\u00fcdischen Nation, und nicht-j\u00fcdische B\u00fcrger:innen haben nur individuelle Rechte, aber keine kollektiven Rechte.<\/p>\n<p>Das ist Apartheid. Aber Apartheid bedeutet nicht einfach, dass manche Menschen mehr Rechte haben als andere. Apartheid bedeutet: Niemand hat wirklich Rechte. Was Israel anbietet, sind Privilegien. Und Privilegien sind etwas ganz anderes als Rechte.<\/p>\n<p>Rechte sind unver\u00e4u\u00dferlich \u2013 sie geh\u00f6ren dir, weil du Mensch bist. Privilegien hingegen sind abgestuft, unsicher, jederzeit entziehbar. Der rassistische Diskurs in Israel sagt es ganz offen: Wenn pal\u00e4stinensische B\u00fcrger:innen \u201eerlaubt\u201c wird, leitende Positionen zu bekleiden, sollten sie \u201edankbar\u201c daf\u00fcr sein. Es ist nicht ihr Recht \u2013 es ist ihr Privileg.<\/p>\n<p>Und weil Privilegien so prek\u00e4r sind, k\u00e4mpft jede Gruppe verzweifelt darum, ihr Privileg zu bewahren. Das erkl\u00e4rt zum Beispiel, warum die Organisator:innen der Proteste gegen Netanyahu pal\u00e4stinensische Flaggen verboten haben. Sie wollten ihr eigenes Privileg nicht gef\u00e4hrden, indem sie sich mit den wirklich Rechtlosen solidarisierten.<\/p>\n<p>Hier ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. W\u00e4hrend der Covid-Krise nutzte Netanyahu das Regime der Privilegien, um Israelis davon zu \u00fcberzeugen, sich impfen zu lassen. Er k\u00fcndigte an, dass Israel Pal\u00e4stinenser:innen im Westjordanland und in Gaza keine Impfstoffe zur Verf\u00fcgung stellen w\u00fcrde, obwohl diese Politik die Gesundheit der Israelis gef\u00e4hrdete, und sicherte sich die erste Impfung f\u00fcr sich selbst, die er im Live-Fernsehen erhielt. Netanyahu verwandelte so den Impfstoff in ein Privileg, ein Statussymbol, das den eigenen Platz in der strengen Hierarchie beweist. Israel wurde innerhalb von Wochen die am h\u00f6chsten geimpfte Gesellschaft der Welt in Pro-Kopf-Zahlen \u2013 solange man nur B\u00fcrger:innen z\u00e4hlt. Als der Hype um das Privileg des Zugangs zum Impfstoff nachlie\u00df, wurde Israel schnell von den VAE bei der Impfrate \u00fcberholt und fiel dann weiter zur\u00fcck.<\/p>\n<p>2015 hielt der damalige Pr\u00e4sident Reuven Rivlin eine ber\u00fchmte Rede \u00fcber die \u201evier St\u00e4mme\u201c Israels: die \u201eisraelischen Araber\u201c (ein abwertender Begriff f\u00fcr pal\u00e4stinensische B\u00fcrger:innen), die Ultra-Orthodoxen, die Mizrahi und die Aschkenasim. Seine Rede war bereits ein Eingest\u00e4ndnis des Scheiterns \u2013 die \u201eSchmelztiegel\u201c-Fantasie Israels funktioniert nicht. Die Siedlerkolonie zerf\u00e4llt in rivalisierende Gruppen.<\/p>\n<p>Aber es gibt nicht vier St\u00e4mme \u2013 es gibt viel mehr. Und sie werden immer mehr. Apartheid tendiert ihrer Natur nach zu immer komplexeren Hierarchien. Seit 2014 konnte keine Koalition mehr eine vollst\u00e4ndige Amtszeit \u00fcberstehen. Netanyahu schmiedete eine Ad-hoc-Koalition nach der anderen, jedes Mal eine andere Mischung von Parteien, die vom Versprechen auf Macht angelockt wurden. 2021-2022 gab es sogar eine Koalition aus acht Parteien, vereint durch nichts au\u00dfer ihrer Opposition gegen Netanyahu \u2013 von einer islamischen Partei bis zu einer islamophoben, halbfaschistischen Partei. Sie schaffte es nicht, irgendetwas zu ver\u00e4ndern, und brach schnell auseinander.<\/p>\n<p>Die politische Instabilit\u00e4t ist kein Zufall. W\u00e4hrend der j\u00fcdische Nationalismus in St\u00e4mme zerf\u00e4llt, bleibt die pal\u00e4stinensische Nation intakt. Das ist die simple Wahrheit, die keine zionistische Partei aussprechen kann: Die Alternative w\u00e4re, die kollektiven Rechte der Pal\u00e4stinenser:innen auf Selbstbestimmung in ihrem eigenen Land anzuerkennen. Und das ist f\u00fcr zionistische J\u00fcdinnen und Juden undenkbar.<\/p>\n<p>Dieser Zerfall hat das Milit\u00e4r besonders hart getroffen. Der israelische Professor und ehemalige General Yagil Levy hat dokumentiert, wie sich Israels Armee in zwei Teile gespalten hat: die \u201eausgekl\u00fcgelte Armee\u201c und die \u201ebrutale Armee\u201c. Die Luftwaffe, Drohneneinheiten, Geheimdienste \u2013 das ist die \u201eausgekl\u00fcgelte\u201c Armee, haupts\u00e4chlich aschkenasisch, s\u00e4kular, gut ausgebildet. Die Infanterie, Artillerie, Panzer \u2013 das ist die \u201ebrutale\u201c Armee, haupts\u00e4chlich mizrahisch, religi\u00f6s, schlecht ausgebildet.<\/p>\n<p>2016 erschoss der Soldat Elor Azaria einen bereits festgenommenen Pal\u00e4stinenser in Hebron. Es wurde gefilmt. Azaria argumentierte vor Gericht, das T\u00f6ten von Pal\u00e4stinenser:innen sei sein Recht \u2013 und Kampfpiloten, die fast alle Aschkenasim sind, w\u00fcrden niemals vor Gericht gestellt wenn sie Zivilist:innen t\u00f6ten. Er erhielt massive Unterst\u00fctzung aus der \u00d6ffentlichkeit und dem Milit\u00e4r. Er repr\u00e4sentierte eine Fraktion, die sich diskriminiert f\u00fchlte \u2013 die folgen muss, aber nichts zur\u00fcckerh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Heute wird weniger als die H\u00e4lfte der 18-J\u00e4hrigen zum Milit\u00e4rdienst eingezogen. Wenn ganze \u201eSt\u00e4mme\u201c befreit sind \u2013 Muslim:innen, religi\u00f6se Frauen, Ultra-Orthodoxe \u2013 wird es leicht, sich zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Und dann kam der V\u00f6lkermord in Gaza. Die Transformation des Milit\u00e4rs war damit abgeschlossen. Soldaten schm\u00fcckten ihre Uniformen mit religi\u00f6sen und politischen Symbolen \u2013 technisch illegal, aber niemand scherte sich darum. Befehlsverweigerung wurde nicht bestraft, egal ob Soldat:innen Gr\u00e4ueltaten begingen oder desertierten. Die milit\u00e4rische Disziplin l\u00f6ste sich auf.<\/p>\n<p>Im Juli 2024 erreichten die Spannungen einen H\u00f6hepunkt. Israelische Medien enth\u00fcllten, dass das Haftlager Sde Teiman ein Ort systematischer Folter war, einschlie\u00dflich sexueller Folter von pal\u00e4stinensischen Gefangenen. Als die Wachen verhaftet werden sollten, mobilisierte sich eine Miliz, um dies zu verhindern \u2013 unterst\u00fctzt von Knesset-Mitgliedern und Ministern. Der m\u00e4chtigste Journalist Israels, Amit Segal, scherzte, das Problem mit der Vergewaltigung von Pal\u00e4stinenser:innen sei, \u201eerwischt zu werden\u201c.<\/p>\n<p>Als die milit\u00e4rische Chefankl\u00e4gerin Yifat Tomer-Yerushalmi versuchte, die Misshandlungen zu untersuchen, wurde sie als \u201eVerr\u00e4terin\u201c beschimpft. Sie trat zur\u00fcck und wurde sp\u00e4ter verhaftet. Yagil Levy kommentierte: Ihre Identit\u00e4t \u2013 aschkenasisch, s\u00e4kular, gut ausgebildet \u2013 hatte ihre Autorit\u00e4t untergraben.<\/p>\n<p>Ihre Aufgabe als Chefankl\u00e4gerin der Milit\u00e4rjustiz war es, israelische Kriegsverbrecher strafrechtlich zu verfolgen. Sie tat dies jedoch nicht, woraufhin sowohl der Internationale Strafgerichtshof als auch der Internationale Gerichtshof zu dem Schluss kamen, dass Israel kein Rechtsstaat ist und dass sie eingreifen m\u00fcssen. Die Macht von Tomer-Yerushalmi beruhte jedoch auf Privilegien, nicht auf Rechten. Sobald sie versuchte, ein Verfahren gegen die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter in Sde Teiman einzuleiten, wurden ihr ihre Rechte entzogen, sie wurde verhaftet und sogar von den liberalen Medien diffamiert.<\/p>\n<p>Minister Itamar Ben-Gvir schuf seine \u201eNationalgarde\u201c, eine bewaffnete Siedlermiliz, und entkernte die Polizei. Proteste gegen den Krieg werden mit brutaler Gewalt unterdr\u00fcckt. Die Repression richtet sich nicht nur gegen Pal\u00e4stinenser:innen, sondern auch gegen die eigenen Eliten.<\/p>\n<p>Was wir beobachten, ist der Zusammenbruch des staatlichen Gewaltmonopols. Israels Gesellschaft zerf\u00e4llt in rivalisierende St\u00e4mme, die sich gegenseitig bek\u00e4mpfen, w\u00e4hrend die extreme Rechte die Siedlerkolonie selbst zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Wissen und Nicht-Wissen \u2013 Die Psychologie der kollektiven T\u00e4uschung<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt kommen wir zur vielleicht schwierigsten Frage dieser Vorlesung: Wie ist das psychologisch m\u00f6glich? Wie kann eine ganze Gesellschaft einen V\u00f6lkermord begehen und gleichzeitig leugnen, dass er stattfindet?<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen wir sehr vorsichtig sein. Zwei Extreme bedrohen unser Verst\u00e4ndnis: Wenn wir sagen, die Israelis w\u00fcssten genau, was passiert, und die Leugnung sei blo\u00dfe Propaganda, dann untersch\u00e4tzen wir die Macht der Selbstt\u00e4uschung. Aber wenn wir sagen, sie seien Opfer einer Desinformationskampagne und w\u00fcssten wirklich nichts, dann sprechen wir sie von moralischer Verantwortung frei.<\/p>\n<p>Der Soziologe Stanley Cohen bietet uns einen Weg durch dieses Dilemma mit seinem Konzept des \u201ekolonialen Blicks\u201c. Dieser Blick ist immer ein doppelter Blick. Israelis wissen und wissen gleichzeitig nicht. Sie erkennen, dass israelische Medien ihnen Versionen der Realit\u00e4t liefern, mit denen sie leben k\u00f6nnen. Deshalb vermeiden sie sorgf\u00e4ltig, sich internationalen Medien auszusetzen, obwohl diese online verf\u00fcgbar sind. Um nicht \u00fcber die Schrecken in Gaza zu erfahren, m\u00fcssen sie etwas dar\u00fcber wissen, was sie vermeiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Denken Sie an die Nakba. Israelis haben die Nakba jahrzehntelang geleugnet. Gleichzeitig beklagten sie, Ben-Gurion habe \u201edie Arbeit nicht zu Ende gebracht\u201c, und drohten mit einer \u201ezweiten Nakba\u201c. Sie wissen und wissen nicht \u2013 zur gleichen Zeit.<\/p>\n<p>Cohen schrieb \u00fcber das Konzentrationslager Mauthausen in \u00d6sterreich. Es gab dort einen ungeschriebenen Vertrag: Die Beh\u00f6rden verbergen die Gr\u00e4ueltaten, und die \u00d6ffentlichkeit unternimmt keine Anstrengungen, etwas herauszufinden. Beide Seiten halten den Deal ein.<\/p>\n<p>Israelische Wissenschaftler:innen haben gezeigt, wie diese Mechanismen \u00fcber Jahrzehnte der Besatzung entwickelt und perfektioniert wurden. Aber mit dem V\u00f6lkermord in Gaza wurde dieser Mechanismus bis \u00fcber seinen Bruchpunkt hinaus belastet. Der doppelte Blick beginnt zu versagen.<\/p>\n<p>Die Zeichen sind \u00fcberall. Eine Welle von Suiziden und Suizidversuchen unter israelischen Soldaten. Milit\u00e4rpsychiater:innen warnen vor \u201emoralischen Verletzungen\u201c. Der Haaretz-Journalist Nir Hasson sprach \u00fcber das entsetzliche K\u00f6dern hungriger Gazaner:innen an Hilfsposten und das anschlie\u00dfende Niederschie\u00dfen durch israelische Soldaten. Als er gefragt wurde: \u201eIst das also V\u00f6lkermord?\u201c, antwortete er: \u201eIch habe Angst zu antworten, weil ich hier Kinder gro\u00dfziehen muss.\u201c<\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie diese Aussage. Ein Journalist, der die Fakten kennt, kann die einfache Frage nicht beantworten \u2013 aus Angst. Die Verbreitung von Suiziden unter Soldaten zeigt, wie t\u00f6dlich Bewusstsein sein kann. Die Suizide haben sich vermehrt, als Soldat:innen begannen zu erkennen, dass sie sich selbst belogen hatten.<\/p>\n<p>Die Desinformation begann vom ersten Tag an. Am 16. Oktober 2023, als die Knesset-Abgeordnete Aida Touma-Sliman ausrief: \u201eWarum t\u00f6tet ihr die Kinder?\u201c, antwortete Merav Ben-Ari von der Oppositionspartei Yesh Atid: \u201eDie Kinder haben es sich selbst zuzuschreiben.\u201c Ein weiteres Beispiel: Israelis sprechen konsequent von \u201eKhamas\u201c statt \u201eHamas\u201c \u2013 sie ersetzen den arabischen Buchstaben und verwandeln das Akronym \u201eIslamische Widerstandsbewegung\u201c in einen bedeutungslosen Namen. Eine bewusste Weigerung, anzuerkennen, wie die Bewegung tats\u00e4chlich hei\u00dft.<\/p>\n<p>Ich lehne die Behauptung ab, dass der Zionismus von Natur aus v\u00f6lkerm\u00f6rderisch sei. Der Zionismus ist kolonial, und Siedlerkolonialismus versucht, die Einheimischen zu eliminieren. Aber es gibt eine rote Linie zwischen Eliminierungsphantasien, Massenvertreibung und ethnischer S\u00e4uberung einerseits und dem tats\u00e4chlichen Versuch, eine gesamte Bev\u00f6lkerung auszurotten andererseits. Diese rote Linie ist die Definition von V\u00f6lkermord. Weder Ze\u2019ev Jabotinsky, der zu einem permanenten Kriegszustand gegen die indigenen Pal\u00e4stinenser:innen aufrief, noch Yitzhak Rabin, der 1992 sagte, er w\u00fcnschte, Gaza w\u00fcrde \u201eim Meer versinken\u201c, haben diese Linie \u00fcberschritten, weil sie verstanden, dass ihre \u00dcberschreitung das Ende des zionistischen Projekts bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Aber jetzt wurde diese Linie \u00fcberschritten. Und die Leugnungsmechanismen arbeiten auf Hochtouren.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Mechanismen erzeugen einen Schneeballeffekt. Die Angst vor dem Herauskommen der Wahrheit befeuert die Phantasien, den V\u00f6lkermord zu vollenden und alle Zeug:innen zu eliminieren. Der Schrecken der Rechenschaftspflicht tr\u00e4gt zur v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Absicht bei. W\u00e4hrend Israelis begreifen, dass \u00dcberlebende bleiben werden, um auszusagen, suchen sie verzweifelt nach Alibis.<\/p>\n<p>Das erste Alibi sind die sozialen Medien. Der Journalist Guy Rolnik produzierte eine hastig zusammengestellte Dokumentarserie, die soziale Medien f\u00fcr eine weltweite Bewusstseinsmanipulation verantwortlich macht \u2013 die Welt habe \u201edas Hamas-Narrativ\u201c \u00fcbernommen. Rolnik erkl\u00e4rt nie, wie Hamas die Ressourcen erworben haben soll, um Meta und X zu manipulieren \u2013 Konzerne, die nachweislich eine pro-israelische Voreingenommenheit haben. Wenn Haaretz \u00fcber israelische Gr\u00e4ueltaten berichtet, werden die Autor:innen sofort als \u201eiranische Bots\u201c beschimpft.<\/p>\n<p>Nach zwei Jahren V\u00f6lkermord \u00e4nderte Rolnik seine Position um 180 Grad, ohne dies zuzugeben. Anstatt zu behaupten, dass die Israelis die Wahrheit kennen und die ganze Welt in einer L\u00fcge lebt, behauptet er nun, dass der durchschnittliche US-B\u00fcrger mehr \u00fcber die Geschehnisse in Gaza wei\u00df als der durchschnittliche Israeli. Rolnik hat seine Dokumentarserie nicht von der Website entfernt, denn damit w\u00fcrde er seine Rolle in der Propaganda bekennen, die den V\u00f6lkermord erm\u00f6glicht hat. Aber auch seine Behauptung, dass die Israelis nichts wissen, ist Teil dieses Rechtfertigungsmechanismus.<\/p>\n<p>Das zweite Alibi ist k\u00fcnstliche Intelligenz. Israel ist der erste Staat, der KI nicht nur zur Unterst\u00fctzung, sondern zur tats\u00e4chlichen Generierung von Bombardierungszielen einsetzt. Die KI-Tools \u2013 Lavender, The Gospel, The Alchemist, Where\u2019s Daddy \u2013 erm\u00f6glichten es, schnell Ziele zu generieren. Als der Journalist Yuval Abraham mit Geheimdienstoffizieren sprach, war deren Hauptbotschaft: Wie leicht die KI es macht, ein Ziel unkritisch zu akzeptieren und den Abzug zu dr\u00fccken. Wie die KI sie \u201e\u00fcberzeugt\u201c, ihre Zweifel beiseite zu schiegen. Professor Sebastian Ben-Daniel, der als \u201eLinker\u201c gilt, behauptete, die Zerst\u00f6rung Gazas sei die Schuld der KI, nicht der Soldaten. Ein perfektes Alibi. Dies erkl\u00e4rt auch, warum die Beamten bereit waren, mit Yuval Abraham zu sprechen, und warum die Zensur die Ver\u00f6ffentlichung der Artikel zulie\u00df. Auch sie wollen die KI als Alibi.<\/p>\n<p>Das dritte Alibi ist die Angst vor Antisemitismus. Um die Abwanderung der Elite zu stoppen, verbreiten israelische Medien Angst vor einer wachsenden Welle des Antisemitismus weltweit. Als israelische Hooligans im November 2024 in Amsterdam randalierten, wurde dies als \u201ePogrom\u201c dargestellt. In seiner UN-Rede bezog sich Netanyahu auf eine Holocaust-\u00dcberlebende, die \u201ein Colorado bei einem antisemitischen Vorfall zu Tode verbrannt\u201c worden sei. Barbara Steinmetz ist noch am Leben. Die Zahl der in antisemitischen Vorf\u00e4llen weltweit get\u00f6teten J\u00fcdinnen und Juden 2023-2025 ist weniger als 1% der in Pal\u00e4stina get\u00f6teten J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n<p>Nun m\u00fcssen wir noch das Massaker von Bondi vom Sonntag erw\u00e4hnen. Wenn wir verstehen wollen, wie Antisemitismus als Alibi benutzt wird, um in der israelischen Gesellschaft Zustimmung f\u00fcr den V\u00f6lkermord zu erzeugen, ist das Massaker von Bondi ein gutes Beispiel, denn die israelischen Beh\u00f6rden und pro-israelischen Organisationen feierten den Angriff, als w\u00e4re er ein Beweis daf\u00fcr, dass J\u00fcd:innen nur in Israel leben sollten. Netanjahu machte Australien daf\u00fcr verantwortlich, dass es den Staat Pal\u00e4stina anerkannt hatte. <\/p>\n<p>Das vierte und vielleicht perfideste Alibi ist die Umkehrung von T\u00e4ter und Opfer. Israelische Propaganda beschuldigt Pal\u00e4stinenser:innen genau der Verbrechen, die Israel gegen sie begeht. Das ist ein Ph\u00e4nomen, das in sozialen Medien als \u201ejede Anschuldigung ist ein Gest\u00e4ndnis\u201c bekannt geworden ist. Dadurch wird gleichzeitig zus\u00e4tzliche Gewalt gerechtfertigt und die Verantwortung geleugnet. Die Bombardierung des Al-Ahli-Krankenhauses am 17. Oktober 2023 ist ein Beispiel. Israel beschuldigte den Pal\u00e4stinensischen Islamischen Jihad und ver\u00f6ffentlichte ein angeblich abgefangenes arabisches Gespr\u00e4ch. Es wurde als gef\u00e4lscht entlarvt \u2013 die Sprecher hatten libanesische, keine gazanischen Akzente.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir den Begriff \u201eGeiseln\u201c. Israel bezeichnet alle israelischen Gefangenen als \u201eGeiseln\u201c, auch gefangene Soldaten \u2013 obwohl die Gefangennahme von Kombattant:innen nach internationalem Recht zul\u00e4ssig ist. Gleichzeitig h\u00e4lt Israel Tausende Pal\u00e4stinenser:innen ohne Gerichtsverfahren unter schrecklichen Bedingungen fest, ausdr\u00fccklich um ihre Freilassung zu verhandeln. Diese werden niemals als \u201eGeiseln\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Als israelische Gefangene in Gaza starben, wurde berichtet, sie seien \u201ein Gefangenschaft ermordet\u201c worden \u2013 selbst wenn die Todesursache Hunger, Krankheit oder eine israelische Bombe war. Mindestens 98 Pal\u00e4stinenser:innen starben in israelischen Gef\u00e4ngnissen an Folter, Hunger und Verweigerung medizinischer Behandlung. Die israelischen Medien bezeichneten diese Todesf\u00e4lle niemals als Morde.<\/p>\n<p><strong>Schlussbetrachtung \u2013 Eine Gesellschaft ohne Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie uns zusammenf\u00fchren, was wir gesehen haben.<\/p>\n<p>Erstens: Die Leugnung durchzieht alle politischen Lager. Wenn sogar die Opposition dieselbe Realit\u00e4tsverweigerung praktiziert wie die Regierung, gibt es keine Kraft mehr f\u00fcr eine Kurskorrektur.<\/p>\n<p>Zweitens: Die Erpressung ist zum Regierungsprinzip geworden. Wer genug Macht besitzt \u2013 durch politischen Einfluss oder brisante Staatsgeheimnisse \u2013 kann sich dem Recht entziehen. Die nihilistische Vorstellung, dass Macht Recht schafft, ist sehr gef\u00e4hrlich. Als Netanjahu sagte, Israel m\u00fcsse zu einem \u201eSuper-Sparta\u201c werden, machte er deutlich, dass seine Politik von Macht und nicht von Ethik geleitet wird.<\/p>\n<p>Drittens: Die Gesellschaft zerf\u00e4llt in rivalisierende St\u00e4mme. Das Apartheidsystem, das auf Privilegien statt Rechten basiert, hat eine Fragmentierung erzeugt, die selbst das Milit\u00e4r erfasst hat. Der Staat verliert sein Gewaltmonopol.<\/p>\n<p>Viertens: Die psychologischen Mechanismen des doppelten Blicks haben ihren Bruchpunkt erreicht. Die Suizide unter Soldaten, die Angst von Journalist:innen, die verzweifelten Alibis \u2013 all das zeigt, dass die Realit\u00e4t nicht mehr vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt werden kann.<\/p>\n<p>Diese vier Dimensionen verst\u00e4rken sich gegenseitig in einer t\u00f6dlichen Spirale. Die politische Leugnung braucht die Fragmentierung, weil eine geeinte Opposition gef\u00e4hrlich w\u00e4re. Die Fragmentierung braucht die Erpressung, weil nur durch das Aussetzen von Rechtsstaatlichkeit die konkurrierenden St\u00e4mme kontrollierbar bleiben. Die Erpressung braucht die psychologische Verdr\u00e4ngung, weil die volle Konfrontation mit der Realit\u00e4t das System zum Einsturz bringen w\u00fcrde. Und die Verdr\u00e4ngung braucht die politische Leugnung, um zu funktionieren.<\/p>\n<p>Doch genau diese wechselseitige Abh\u00e4ngigkeit macht das System so fragil. Der doppelte Blick versagt. Israelische Soldat:innen kehren mit moralischen Verletzungen zur\u00fcck, die nicht zu heilen sind. Die internationale Isolation w\u00e4chst. Die wirtschaftlichen Kosten werden untragbar. Die interne Gewalt eskaliert. Und vor allem: Die \u00dcberlebenden in Gaza werden Zeugnis ablegen. Die Wahrheit l\u00e4sst sich nicht dauerhaft unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Israel steht vor einer existenziellen Wahl, die es bisher kategorisch verweigert: Entweder konfrontiert sich die Gesellschaft mit der moralischen Katastrophe, beendet die Besatzung, das Apartheidsystem und den V\u00f6lkermord, und beginnt einen schmerzhaften Prozess der Rechenschaft \u2013 oder die Siedlerkolonie zerf\u00e4llt unter dem Gewicht ihrer eigenen Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Ohne eine radikale Auseinandersetzung mit der moralischen Krise, ohne die Anerkennung der Nakba und des aktuellen V\u00f6lkermords, ohne die Bereitschaft, das koloniale Projekt zu beenden und echte Gleichberechtigung zu erm\u00f6glichen, hat der Staat Israel keine Zukunft. Die Wahnvorstellung kann nicht ewig aufrechterhalten werden.<\/p>\n<p>Die Israelis werden trotz aller internen Widerspr\u00fcche, Korruption, Traumata und Wahnvorstellungen ihren eigenen Staat nicht zerst\u00f6ren. Der pal\u00e4stinensische Widerstand k\u00e4mpft ums \u00dcberleben und f\u00fcr seine Rechte. Aber er k\u00e4mpft einen ungleichen Kampf zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Menschenrechtsaktivisten und kleine bewaffnete Guerilla-Gruppen auf eine Seite, und Israels System der Unterdr\u00fcckung mit internationaler Komplizenschaft auf der Andere. <\/p>\n<p>Wir sollten jedoch auch unsere Rolle als Deutschland nicht vergessen. Deutschland ist mitschuldig an den Verbrechen Israels. Deutschland erm\u00f6glicht V\u00f6lkermord, und das ist schockierend und traurig. Aber wir sollten nicht den Fehler machen zu sagen, dass Deutschland derjenige ist, der diesen V\u00f6lkermord begeht. Die Verantwortung liegt bei den israelischen Beamten, Soldaten und Siedlern. Ebenso wenig k\u00f6nnen wir Pal\u00e4stina befreien oder den V\u00f6lkermord von hier aus stoppen. Wir k\u00f6nnen Solidarit\u00e4t zeigen, was sehr wichtig ist, und den Pal\u00e4stinensern die Mittel geben, die sie brauchen, um sich selbst zu befreien.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Der Vortag von Shir Hever wurde sinngem\u00e4\u00df zusammengefasst von Gertrud Rettenmeier.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kommunalinfo-mannheim.de\/2025\/12\/26\/israel-eine-gesellschaft-zwischen-wahnvorstellung-und-erwachen-daraus\/?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\"\/>Beitrag drucken<\/a>          <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Shir Hevers grunds\u00e4tzliche und kritische Betrachtung auf den gesellschaftlichen Zustand Israels Mit 70 Leuten vollbesetzter Raum. 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