{"id":676374,"date":"2025-12-28T04:26:22","date_gmt":"2025-12-28T04:26:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/676374\/"},"modified":"2025-12-28T04:26:22","modified_gmt":"2025-12-28T04:26:22","slug":"ein-roadmovie-ueber-die-unmoeglichkeit-einer-flucht-aus-dem-uhrwerk-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/676374\/","title":{"rendered":"Ein Roadmovie \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit einer Flucht aus dem Uhrwerk \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Patrick Zschocher ist nicht nur Verleger, er schreibt auch selbst. Nicht immer unter eigenem Namen. F\u00fcnf Romane sind es schon. Oder sechs. Das wei\u00df er selbst nicht mehr genau. Denn seit er seit 2010 seine zwei Verlage betreibt, hat er auch noch eifrig die Texte seiner Autorinnen und Autoren feingeschliffen, damit sie am Ende ein lesbares Buch ergaben.<\/p>\n<p>In einem Verlag, der sich ganz bewusst Einbuch-Verlag nennt, kann man sich ausprobieren, kann man auch einmal Texte ver\u00f6ffentlichen, die weitab vom belletristischen Mainstream liegen. Zum Beispiel ein Roadmovie, das in einer Zeit handelt, als man in Leipzig noch k\u00f6niglich wohnen konnte.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/9e81e2050a314d979bfa13b123d269e5.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Also irgendwann Ende der 1990er Jahre, als die Stadt \u00fcber 100.000 Einwohner verloren hatte, die dem Geld und der Arbeit in den Westen gefolgt waren. Und als in Ortsteilen wie Lindenau und Plagwitz die Wohnungen f\u00fcr ein Spottgeld noch zu mieten waren.<\/p>\n<p>Selbst Arbeitslose also f\u00fcr wenig Geld auf gro\u00dfem Fu\u00df leben konnten. So wie der Held dieser Geschichte, Lennard, der seine Tage damit verbringt, durch die neuen Einkaufspassagen zu streunen. Bei einer dieser Gelegenheiten lernt er Susan kennen, die junge Dame, die im opulent barocken Buchtitel als \u201emeine Freundin\u201c auftaucht.<\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte zwischen den Zeiten. Alles ist m\u00f6glich. Zugleich erleben Menschen wie Lennard, dass erst einmal gar nichts m\u00f6glich ist. Und Susan wei\u00df auch nicht wirklich, was sie eigentlich aus ihrem Leben machen soll. Studieren \u2013 aber was? Es ist ein Zustand, den auch die jungen Menschen von heute kennen. Nur dass die Wohnungen inzwischen rar und schweineteuer geworden sind. Und jede Entscheidung die falsche sein kann in einer Welt, in der selbst die scheinbar Erwachsenen nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen mit dieser Welt.<\/p>\n<p>Aber das ist dann Thema f\u00fcr andere Romane. Gern so durchgeknallt wie des Urbild aller durchgeknallten Roadmovies <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unterwegs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eOn the Road\u201c<\/a> von Jack Kerouac.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume vom Meer<\/p>\n<p>Nur dass Lennard auch kein Auto besitzt. Dass es ihn \u00fcberhaupt auf die Landstra\u00dfe verschl\u00e4gt, das hat im Grunde Paul zu verantworten, der Mann von Susans Schwester Regine. Er hat gerade seine gut gehende Agentur verkauft, wei\u00df aber auf einmal nichts mit seiner Zeit anzufangen. Irgendwie wegfahren, das w\u00e4re eine Idee.<\/p>\n<p>Aber wohin? Ganz bestimmt nicht an einen dieser \u00fcberlaufenen Urlauberorte an der Mittelmeerk\u00fcste. Da ist es am Ende Lennard, der das gro\u00dfe Meer ins Spiel bringt, den Atlantik, den auch er noch nie gesehen hat. Das ist ein Ziel. Und so quetschen sich alle vier in Pauls alten Kombi und brechen auf Richtung Westen.<\/p>\n<p>Am Ende haben sie selbst von den geb\u00fchrenpflichtigen Autobahnen die Nase voll, weichen auf eine kaum befahrene Landstra\u00dfe aus und landen mitten im Nirwana, wo der Motor des Autos mit gro\u00dfem Knall seinen Geist aufgibt. Eigentlich Stoff genug f\u00fcr eine Robinsonade. Denn hier kommt stundenlang niemand vorbei. Und als dann jemand kommt, ist es ein alter Mann mit einem Eselsgespann.<\/p>\n<p>Die vier sind ganz offensichtlich in einer Ecke Europas gelandet, in der man richtig verloren gehen kann. Solche Ecken gibt es zum Gl\u00fcck auch heute noch. Auch wenn man nicht unbedingt \u2013 wie diese vier \u2013 darauf rechnen kann, dass man von einem alten Mann gastlich aufgenommen wird.<\/p>\n<p>Das Meer bekommen am Ende nur zwei von ihnen zu sehen. Denn schnell stellt sich heraus \u2013 wie das immer so ist \u2013 dass sie alle ihre ungel\u00f6sten Probleme von daheim mitgeschleppt haben. Man kann zwar aus einer Stadt fl\u00fcchten, die einem auf den Keks geht. Aber man entkommt sich selbst und seinen unabgegoltenen Geschichten nicht. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden Schwestern noch so einiges aus der gemeinsamen Vergangenheit abzuarbeiten haben.<\/p>\n<p>Im Uhrwerk<\/p>\n<p>Da kommt die Einsamkeit gerade recht, in der sich die Vier einrichten m\u00fcssen. Recht einfach, ohne flie\u00dfendes Wasser und Strom. Nahebei ist ein W\u00e4ldchen mit einem Fluss, in dem Lennard Fische fangen kann. Aber auch Lennard kommt nicht wirklich aus seiner Haut. Manchmal ist er kurz entschlossen und zieht einfach los, wo Paul und Regine noch ihre Bedenken w\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Aber im Grunde wei\u00df er selbst nicht, was er will. Und reflektiert dar\u00fcber genauso ausgiebig wie \u00fcber das Verhalten der anderen Drei. Denn eigentlich f\u00fchlt er sich so ganz zufrieden \u2013 seine Liebste ist ja da. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln ist gesichert. Man k\u00f6nnte also eigentlich so richtig die Seele baumeln lassen. W\u00e4re da nicht die Unruhe, die gerade Paul und Regine immer wieder sp\u00fcren lassen.<\/p>\n<p>Denn wie das so ist mit Fl\u00fcchtlingen aus der mitteldeutschen Zivilisation: Eigentlich halten sie es nicht aus, wenn sie irgendwo stranden, ohne zu wissen, wann sie da wieder wegkommen. Im Grunde sind wir alle so programmiert, dass wir geborene Pauschaltouristen sind \u2013 mit klar geregelten Ankunfts- und Abfahrtzeiten, Flughafenzubringern und der am Horizont schon wieder winkenden Arbeit.<\/p>\n<p>Nicht einmal im Urlaub kommen wir raus aus dieser M\u00fchle. Und nat\u00fcrlich endet dieses Roadmovie so, wie es enden muss. Denn w\u00e4hrend Lennard das V\u00f6llig-aus-der-Welt-gefallen-Sein genie\u00dft, warten die Anderen eigentlich nur auf den Tag, an dem sie aus ihrem Gestrandetsein wieder erl\u00f6st werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Lennard mal wieder irgendwie im Dazwischen h\u00e4ngt, weil er mit allen Fasern sp\u00fcrt, dass es eine \u201egro\u00dfe, einzigartige und wundersame Welt\u201c ist, die er nun wieder verlassen muss. Ein kurzes Gl\u00fcck, das man tats\u00e4chlich nur erf\u00e4hrt, wenn man ungeplant irgendwo im Drau\u00dfen landet und sich tats\u00e4chlich einrichtet, weil man nicht wei\u00df, wann man zur\u00fcckmuss in die genormte Welt.<\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck der Hamster im Laufrad<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird das so manch braven Leser frustrieren, weil es eine Geschichte ist, die gegen unser einge\u00fcbtes Funktionieren anerz\u00e4hlt. Und gegen eine politische Gegenwart, in der auch Arbeitslose zu funktionieren haben und von grimmigen Politikern regelrecht getrieben werden, sich wie Hamster im Laufrad zu bewegen. Und so ist das, was Patrick Zschocher erz\u00e4hlt, eben auch die Geschichte einer Niederlage, wie wir sie alle tagt\u00e4glich erleben \u2013 oder eben sp\u00e4testes im Urlaub, wenn wir merken, dass uns das eingebaute Metronom niemals ruhen l\u00e4sst. Und wir in Gedanken l\u00e4ngst schon wieder zur\u00fcck im Uhrwerk sind, wenn wir scheinbar noch v\u00f6llig gelassen am Strand liegen.<\/p>\n<p>Man sp\u00fcrt, wie schwer es gerade Lennard f\u00e4llt, den Gedanken auch nur zuzulassen, dass die Zeit im Drau\u00dfen abgelaufen ist. Und auch er nicht die Kraft hat, einfach loszulassen und nicht zur\u00fcckzukehren. Es ist eine Geschichte nur scheinbar aus einer vergangenen Zeit. Auch wenn die Zeit der \u201ebilligen sozialistischen Wohnungen\u201c inzwischen auch in Plagwitz vorbei ist. Und Lennard vielleicht nur das Gl\u00fcck hatte, dass er diese Susan behalten hat, die ihm zumindest in der Unabh\u00e4ngigkeit des Denkens verwandt ist.<\/p>\n<p>Und das will schon etwas hei\u00dfen in einer Welt, in der einem lauter verkniffene Gesichter jeden Tag einbl\u00e4uen, dass man zu spuren und zu funktionieren hat. Sonst gibt es n\u00e4mlich nichts. Nicht einmal das Gef\u00fchl, dass man ein Recht hat, in dieser Welt ein bisschen gl\u00fccklich zu sein.<\/p>\n<p><strong>Patrick Zschocher \u201eMeine gro\u00dfe billige sozialistische Wohnung, meine tolle neue Freundin, ich, ein alter Kombi und die zwei anderen aus Plagwitz\u201c<\/strong>, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2025, 21 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Patrick Zschocher ist nicht nur Verleger, er schreibt auch selbst. Nicht immer unter eigenem Namen. 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