{"id":676786,"date":"2025-12-28T08:58:23","date_gmt":"2025-12-28T08:58:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/676786\/"},"modified":"2025-12-28T08:58:23","modified_gmt":"2025-12-28T08:58:23","slug":"sonntagskirche-%e2%84%96-155-gotteshaus-als-kulturstaette-mit-inklusionshotel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/676786\/","title":{"rendered":"Sonntagskirche \u2116 155: Gotteshaus als Kulturst\u00e4tte mit Inklusionshotel"},"content":{"rendered":"<p>Kirchenbauwerke geh\u00f6ren zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. Die Gottesh\u00e4user haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielf\u00e4ltige Bedeutung. Diesmal geht es um einen Sakralbau in Leipzig-Lindenau, der nun nach Restaurierung und Umgestaltung eine beispielhafte, zeitgem\u00e4\u00dfe Umnutzung hat. Die Philippuskirche ist eine evangelisch-lutherische Kirche in Leipzigs westlichem Stadtteil Lindenau. Sie ist seit 2002 \u2013 anders als \u00fcblich \u2013 eine Kirche ohne zugeh\u00f6rige Kirchgemeinde.<\/p>\n<p>Die Kirche \u2013 nach jahrelangem Leerstand umfassend restauriert \u2013 wird jetzt als Musik-, Kultur-, Glaubens- und Veranstaltungsst\u00e4tte genutzt. Ihre feierliche Wiederer\u00f6ffnung mit Altbischof Jochen Bohl und etwa 500 Besuchern war am 3. Mai 2019.<\/p>\n<p>Zuvor war sie seit 1910 eine evangelisch-lutherische Gemeindekirche. Das einstige Pfarrhaus direkt an der Kirche wird \u2013 komplett saniert und f\u00fcr die neue Nutzung umgebaut \u2013 seit Mai 2018 als Inklusionshotel betrieben.<\/p>\n<p>Das lange Zeit ungenutzte Kirchenensemble mit dem seit der Einweihung 1910 nahezu original verbliebenen Jugendstilsaal der Kirche hat die neue Eigent\u00fcmerin, die BBW-Leipzig-Gruppe, f\u00fcr die Neunutzung umfangreich umgebaut. Die Gesamtkosten betrugen knapp 4,5 Millionen Euro; auch die Kirche wurde umfassend saniert.<\/p>\n<p>Das Bauwerk war eines der ersten von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens zur Umnutzung freigegebenen Kirchengeb\u00e4ude; im Jahr 2002 hatte sich die fusionierte Kirchgemeinde f\u00fcr die Heilandskirche in Plagwitz als Gottesdienstort entschieden.<\/p>\n<p>Architektonische Besonderheit<\/p>\n<p>Die Philippuskirche wurde von 1907 bis 1910 im Jugendstil erbaut, sie ist eine von nur zwei Kirchen in Mitteldeutschland nach den Bau-Grunds\u00e4tzen des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wiesbadener_Programm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wiesbadener Programms<\/a> \u2013 die andere ist die Anstaltskirche der Diakonie in Halle an der Saale. Die Kirche und ihr markanter, 62,5 Meter hoher Turm mit reich verzierter neobarocker Haube pr\u00e4gen ma\u00dfgeblich das Ortsbild in Lindenau.<\/p>\n<p>J\u00fcngere Geschichte<\/p>\n<p>Im Jahr 2012 erwarb das Berufsbildungswerk Leipzig Geb\u00e4ude und Grund des auch Philippus-Ensemble genannten Areals, um einen Hotelbetrieb mit hohem Anteil an Besch\u00e4ftigten mit Behinderungen einzurichten. Grundlage daf\u00fcr war eine in Leipzig geborene Idee sowohl der Umnutzung des Pfarrhauses als auch der Weiternutzung der nicht entwidmeten Kirche \u2013 ein bis dahin zumindest in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens einzigartiges Vorhaben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-aussen1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-642265 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-aussen1.jpg\" alt=\"Blick vom Karl-Heine-Kanal auf Hotel und Kirchturm (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78505276) \" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>Blick vom Karl-Heine-Kanal auf Hotel und Kirchturm (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78505276)<\/p>\n<p>Diese Idee \u2013 im Fr\u00fchjahr 2010 einem Gremium mit dem damaligen Bischof Jochen Bohl an der Spitze unterbreitet und dort bef\u00fcrwortet \u2013 wurde im Fr\u00fchjahr 2019 eindrucksvolle Wirklichkeit: \u201eHeute ist Philippus ein Ort der Hoffnung. Jetzt ist ein Treffpunkt im Quartier entstanden, Integrationshotel, Arbeitsplatz f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung, die wiederbelebte Kirche offen, ein spiritueller Ort, an dem die Zukunft Gottes aufscheint.<\/p>\n<p>Lernen, sich den Blick nicht verstellen zu lassen von der Macht des Faktischen, nicht ihren Erwartungen und Vorurteilen zu folgen, sondern den Blick zu richten auf die Zukunft Gottes, der uns zur Hoffnung berufen hat. So kann dieser Ort, der den Namen des Philippus tr\u00e4gt, zu dem werden, was der Apostel f\u00fcr Nathanael war: ein Erm\u00f6glicher\u201c, so Altbischof Jochen Bohl zur Wiedereinweihung der Philippus-Kirche am 3. Mai 2019.<\/p>\n<p>Ziel war und ist, unter dem Dach von Philippus-Leipzig Beherbergung (Inklusionshotel), Bewirtung (Catering und Biergarten) und Botschaft (Begegnungsraum Kirche) langfristig wirtschaftlich zu vereinen.<\/p>\n<p>Das Architektenb\u00fcro Domke aus Markkleeberg meisterte dabei sowohl die Herausforderungen eines modernen Inklusionshotels im einstigen Pfarrhaus als auch die Beachtung denkmalpflegerischer Besonderheiten. Im einstigen Pfarrhaus nahm im Mai 2018 das Inklusionshotel den Betrieb auf, barrierefrei gestaltet mit 29 Zimmern auf Drei-Sterne-Niveau, Fr\u00fchst\u00fccksr\u00e4umen, K\u00fcche und Tagungsbereich.<\/p>\n<p>Finanzielle F\u00f6rderungen<\/p>\n<p>Leipzigs Oberb\u00fcrgermeister Burkhard Jung stellte im Oktober 2016 eine bedeutende finanzielle F\u00f6rderung seitens der Stadt Leipzig in Aussicht. Ziel sei die finanzielle F\u00f6rderung f\u00fcr die vom Berufsbildungswerk Leipzig geplante energetische und bauliche Sanierung des Kirchenbaus und der Nebenr\u00e4ume, die rund 1 Million Euro kosten und zwischen April 2017 und September 2018 realisiert werden solle.<\/p>\n<p>Die Finanzierung solle aus Mitteln des Europ\u00e4ischen Fonds f\u00fcr regionale Entwicklung (EFRE) erfolgen (80 Prozent der F\u00f6rdersumme) sowie des Bund-L\u00e4nder-Programms Stadtumbau Ost (10 Prozent) und der Stadt Leipzig (10 Prozent). Die Leipziger Volkszeitung berichtete am 10. April 2017, dass der Bund die Sanierungsarbeiten mit 200.000 Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm VI f\u00f6rdern werde. Daf\u00fcr hatte sich damals Leipzigs Bundestagsabgeordneter Thomas Feist (CDU) eingesetzt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Interieur3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-642266 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Interieur3.jpg\" alt=\"Blick von der Kanzel ins Kirchenschiff (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78686498)\" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>Blick von der Kanzel ins Kirchenschiff (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78686498)<\/p>\n<p>Im Mai 2018 informierte die Stadtverwaltung, dass Leipzig die weitere Umgestaltung der Philippuskirche mit 426.000 Euro f\u00f6rdern w\u00fcrde. Das Geld stammte aus Ausgleichsbetr\u00e4gen des Sanierungsgebiets Leipzig-Plagwitz und sollte bis Anfang 2019 f\u00fcr Arbeiten im Sanit\u00e4rbereich und in Nebenr\u00e4umen der Kirche verwendet werden. Die Gesamtkosten betrugen rund 508.000 Euro. Im ersten Bau-Abschnitt wurden im Vorjahr laut Stadt rund 1,1 Millionen Euro aus dem Europ\u00e4ischen Regionalfonds in den Umbau investiert.<\/p>\n<p>Ende Juni 2018 \u00fcberbrachte das Ortskuratorium Leipzig der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) einen symbolischen F\u00f6rdervertrag \u00fcber 20.000 Euro dank zahlreicher zweckgebundener Spenden f\u00fcr die Restaurierung des Kronleuchters der Philippuskirche.<\/p>\n<p>Die Kirche ist zusammen mit Pfarrhaus und Gemeindesaal im Jahr 2012 von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in das Eigentum des Berufsbildungswerkes Leipzig \u00fcbergegangen. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. In den vergangenen zwei Jahren war das Pfarrhaus saniert und zum Hotel garni umgebaut worden \u2013 es ist Leipzigs erstes Integrationshotel. Die Kosten von rund 4,5 Millionen Euro wurden von der Aktion Mensch mitfinanziert.<\/p>\n<p>Veranstaltungen und Radio-Gottesdienst<\/p>\n<p>Seit 2014 wird das Gotteshaus auch wegen seiner beeindruckenden Akustik regelm\u00e4\u00dfig als Ort f\u00fcr Musik unterschiedlicher Stile genutzt. Mit der Benefizkonzert-Reihe Konzerte am Kanal konnten auch Spenden f\u00fcr die Restaurierung der originalen Jehmlich-Orgel gesammelt werden. Zus\u00e4tzlich zu christlichen Begegnungen l\u00e4dt die Philippuskirche zu Lesungen und Konzerten ein. Am 1. Juni 2020 sendete MDR Kultur als Direkt\u00fcbertragung den Gottesdienst aus der Philippuskirche Leipzig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Kirche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-642267 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Kirche.jpg\" alt=\"Philippuskirche Leipzig-Lindenau (Palauenc05, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=83640809) \" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>Philippuskirche Leipzig-Lindenau (Palauenc05, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=83640809)<br \/>\nGeschichte<\/p>\n<p>Die Gemeinde der sp\u00e4teren Philippuskirche entstand 1904 aus der Teilung der zur nahe gelegenen Nathanaelkirche geh\u00f6renden Kirchgemeinde Lindenau, die zuvor einen sehr starken Anstieg ihrer Mitglieder erlebt hatte. Die Namensgebung orientiert sich an der Begegnung des Apostels Philippus mit Nathanael (Joh. 1,46).<\/p>\n<p>Nach langwierigen Diskussionen um den Entwurf von Architekt Alfred M\u00fcller, in denen schlie\u00dflich der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt und der Theologe Julius Smend bef\u00fcrwortende Stellungnahmen abgaben, folgten am 2. September 1907 der erste Spatenstich und zwei Monate sp\u00e4ter die Grundsteinlegung. Doch die kirchlichen Beh\u00f6rden forderten, ein solcher Entwurf nach dem Wiesbadener Programm d\u00fcrfe sich nicht wiederholen.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfz\u00fcgige Pfarrhaus war ein Jahr sp\u00e4ter bezugsfertig, und das Richtfest f\u00fcr Kirche und Gemeindesaal wurde gefeiert. Am 16. Oktober 1910 weihte Thomaspfarrer Hermann Ferdinand von Criegern die Kirche ein.<\/p>\n<p>Ende der 1990er Jahre gab es f\u00fcr die Philippusgemeinde einschneidende Ver\u00e4nderungen: Aufgrund der innerkirchlichen Strukturreform vereinte sie sich 1999 mit der Heilandskirchgemeinde zur Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz, und die gesamte Kirchgemeinde ist seit 2002 in der Heilandskirche in Plagwitz zuhause.<\/p>\n<p>Nach der Sanierung von Turm und Dach in den 1990er Jahren wurde die Sanierung der Au\u00dfenfassade im Jahr 2004 abgeschlossen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Interieur4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-642268 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Philippus-Interieur4.jpg\" alt=\"Blick zu Altar, Kanzel, S\u00e4nger-Empore und Orgel kurz vor der Wiederer\u00f6ffnung am 3. Mai 2019 (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78686499) \" width=\"2250\" height=\"1497\"  \/><\/a>Blick zu Altar, Kanzel, S\u00e4nger-Empore und Orgel kurz vor der Wiederer\u00f6ffnung am 3. Mai 2019 (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=78686499)<\/p>\n<p>Jahrelange Planungen f\u00fchrten ab August 2016 zum Umbau des Pfarrhauses. Am 3. Mai 2017, dem Gedenktag des Philippus, wurde Richtfest gefeiert. Das Projekt kostete fast 4,5 Millionen Euro, der Gro\u00dfteil der Summe kam vom Berufsbildungswerk Leipzig. Nach erfolgreichem Abschluss der Sanierungs- und Umbauma\u00dfnahmen er\u00f6ffnete das Integrationshotel am 3. Mai 2018.<\/p>\n<p>Als letzter Bauabschnitt blieben die Innensanierung und Restaurierung der Kirche. Von 2017 bis 2019 wurden mit F\u00f6rdermitteln aus verschiedenen Quellen das Bauwerk abgedichtet sowie Heizung, Elektrik und Sanit\u00e4ranlagen erneuert. Der Kirchenraum des Gotteshauses sollte seinen sichtbaren historischen Charme behalten.<\/p>\n<p>Auch w\u00e4hrend der Bauma\u00dfnahmen wurden Andachten und Konzerte durchgef\u00fchrt. Am 3. Mai 2019 erfolgte die Wiedereinweihung der Kirche mit dem Festgottesdienst mit Altbischof Jochen Bohl, in dessen Amtszeit neun Jahre zuvor die Weichen f\u00fcr das Wiedererwachen von Philippus gestellt worden waren.<\/p>\n<p>Architektur<\/p>\n<p>Die Kirche ist gepr\u00e4gt vom im Jahr 1891 entwickelten Wiesbadener Programm. Dessen wesentliche Punkte sind die Einheit der feiernden Gemeinde, die Gleichwertigkeit von Kanzel und Altar sowie die Umrahmung des Abendmahlsgeschehens von Gemeinderaum auf der einen und Orgel- und S\u00e4nger-Empore auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Ziel war die Begegnung von Gemeinde und Geistlichkeit auf Augenh\u00f6he. Als Prototyp dieser Idee gilt die zwischen 1892 und 1894 gebaute Ringkirche in Wiesbaden, deren gestalterisches Prinzip in den folgenden Jahrzehnten in ganz Deutschland Nachahmungen fand.<\/p>\n<p>Der Entwurf der Philippuskirche wich in zahlreichen Punkten von den Regelungen des bis dahin angewandten Eisenacher Regulativs ab. So ist die Kirche nicht nach Osten gerichtet, sondern der Altar blickt in Richtung S\u00fcdosten. Auch fehlt dem Geb\u00e4ude-Ensemble die Orientierung an den Himmelsrichtungen, und Pfarrhaus, Gemeindesaal und Kirche sind direkt miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Innengestaltung<\/p>\n<p>Im Innenraum zeigen sich die Ideale des Wiesbadener Programms: Der Raum ist auf den Altar ausgerichtet, der von den konzentrischen Stuhlb\u00f6gen und dem Ensemble der S\u00e4nger- und Orgelempore umschlossen ist. Im Obergeschoss umringen die Emporen den Raum zu drei Vierteln und b\u00fcndeln die Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Altar.<\/p>\n<p>Die Besucher betreten den Raum auf Augenh\u00f6he mit dem Altar. Der Boden f\u00e4llt in dessen Richtung leicht ab, sodass auch aus den hinteren Reihen ein guter Blick zu Altar und Predigtpult m\u00f6glich ist. Der Innenraum ist reich mit dezenten Ornamenten geschm\u00fcckt, die vor allem in Details an Leuchten und Beschl\u00e4gen zur Geltung kommen.<\/p>\n<p>An der Mittelkuppel der Saaldecke h\u00e4ngt der 2018 denkmalschutzgerecht restaurierte originale Kronleuchter, ein f\u00fcr diesen Kirchensaal geschaffenes Unikat. Der 2,67 Meter hohe und 2,60 Meter breite Leuchter mit einem Gewicht von fast 500 Kilogramm besteht aus Messing mit Glaseins\u00e4tzen. Der obere Teil des Leuchters ist als durchbrochene Halbkugel gestaltet, von der Gl\u00fchbirnen-Kr\u00e4nze herabh\u00e4ngen. Seine untere Spitze ist als Laterne mit geschliffenen Gl\u00e4sern geformt.<\/p>\n<p>Im Juli 2018 wurde der Leuchter demontiert, die an Stahlketten h\u00e4ngende Konstruktion zu Boden gelassen, auseinandergebaut und in die Werkstatt der Firma Weidauer Metallrestaurierung nach Meerane gebracht, wo die Messingteile saniert, die Elektrik modernisiert und die Aufh\u00e4ngung tragf\u00e4hig f\u00fcr die kommenden 100 Jahre gemacht wurden. Im Dezember 2018 kehrte der Kronleuchter an seinen Platz zur\u00fcck. Die Restaurierung wurde m\u00f6glich mit F\u00f6rderung des Denkmalschutzes, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und mit Spenden.<\/p>\n<p>Die Kirche hat seit der Wiederer\u00f6ffnung am 3. Mai 2019 insgesamt 692 Sitzpl\u00e4tze (436 im Erdgeschoss plus 256 auf den drei Emporen). Das original erhaltene Gest\u00fchl von 1910 aus Eichenholz besteht aus gro\u00dfz\u00fcgig bemessenen Einzel-Klappsesseln, die leicht halbkreis\u00e4hnlich angeordnet sind.<\/p>\n<p>Jehmlich-Orgel<\/p>\n<p>Mit der Orgelweihe als Abschluss der Orgel-Restaurierung und als Auftakt ihrer Wiedernutzung wurde am 1. Mai 2021 das letzte gro\u00dfe Projekt der Philippus-Restaurierung und -Erneuerung abgeschlossen: Im coronabedingt sp\u00e4rlich besetzten Kirchenraum spielte Universit\u00e4tsorganist Daniel Beilschmidt erstmals \u00f6ffentlich die musikhistorisch originalgetreu sanierte Jehmlich-Orgel aus dem Jahr 1910.<\/p>\n<p>Die Orgel-Restaurierung kostete mehr als 220.000 Euro, davon waren rund 55.000 Euro Spenden sowie Eigenmittel der BBW-Leipzig-Gruppe. Den Gro\u00dfteil der Kosten steuerte das Landesamt f\u00fcr Denkmalpflege bei.<\/p>\n<p>Am 16. Oktober 1910 fand das Konzert zur Orgeleinweihung statt. Am Spieltisch sa\u00df Paul Friedrich Ernst Gerhardt (1867\u20131946), Organist und Musikdirektor von Zwickau, nach dessen Vorgaben die Orgel geschaffen wurde und der als Sachverst\u00e4ndiger den Bau der Orgel mitbetreut sowie das Instrument abgenommen hatte. Orgel und Kirche bilden eine der Romantik verpflichtete architektonische Einheit.<\/p>\n<p>Erbaut wurde die Orgel von Jehmlich Orgelbau Dresden. Das Instrument mit Jugendstil-Fassade geh\u00f6rte zum Zeitpunkt der Einweihung mit 63 Registern, drei Manualen und Pedal zu einem der klangst\u00e4rksten und vielseitigsten Instrumenten der Region. Neu war damals die M\u00f6glichkeit, bis zu 30 frei w\u00e4hlbare Registrierungen zu speichern und auf Knopfdruck abzurufen.<\/p>\n<p>Zuletzt war das Instrument zwar technisch spielbar, doch nicht mehr zur musikalischen Nutzung geeignet. W\u00e4hrend der Prospekt sich in einem guten Zustand befand, erforderte das Innenwerk eine grundlegende Restaurierung und Reinigung. Der Gro\u00dfteil der Ledermembranen war von Verspr\u00f6dung betroffen und bedurfte einer Erneuerung. Aufgrund kleinerer Sch\u00e4den an der Traktur waren einige Pfeifen nicht mehr spielbar.<\/p>\n<p>Am Heiligen Abend 2013 erklang einmalig die Orgel nach einer Reinigung des Spieltischs und lie\u00df die reichen Klangm\u00f6glichkeiten erahnen, die eine umfassende Restaurierung versprach. Gesch\u00e4tzt wurde, dass 90 Prozent der Register original erhalten waren. Nach Aussagen von Fachleuten war die Orgel in generell gutem Zustand und von hohem Denkmalwert.<\/p>\n<p>Die Orgel-Restaurierung war dem Orgelrestaurator Stefan Pilz anvertraut \u2013 der am 19. November 2018 bei einem Verkehrsunfall t\u00f6dlich verungl\u00fcckte. Ab Anfang 2020 war die Orgelbaufirma Frank Peiter aus Lengefeld im Erzgebirge mit der Restaurierung beauftragt. Ziel war die Wiederherstellung des Zustandes von 1910, inklusive der damals vacant gebliebenen Register. Die Fertigstellung erfolgte zum Mai 2021.<\/p>\n<p>Die Jehmlich-Orgel hat 53 klingende Register, die auf pneumatisch traktierter Kegellade stehen.<\/p>\n<p>Gel\u00e4ut und Turm-Uhr<\/p>\n<p>Das Gel\u00e4ut besteht aus vier Glocken aus Gussstahl, gegossen im Jahr 1909 vom Bochumer Verein. 1909 fand die Glockenweihe statt \u2013 das Gel\u00e4ut war das erste aus Gussstahl in Leipzig und ist heute Leipzigs einziges erhaltenes Gussstahl-Glockengel\u00e4ut aus der Zeit der Jahrhundertwende und damit das \u00e4lteste dieser Art in Leipzig.<\/p>\n<p>Je ein Zifferblatt zeigt in alle vier Himmelsrichtungen die aktuelle Zeit, die das mechanische, im Original erhaltene und funktionst\u00fcchtige Uhrwerk \u00fcbermittelt. Die Turm-Uhr verf\u00fcgt \u00fcber eine Innenbeleuchtung.<\/p>\n<p>Der Macher im Hintergrund<\/p>\n<p>Wie oft bei au\u00dfergew\u00f6hnlichen Projekten dieser Art galt es, in den Jahren vor und w\u00e4hrend der Umgestaltung immer wieder unvorhersehbare Herausforderungen verschiedenster Art zu meistern.<\/p>\n<p>Dass dies \u00fcberaus erfolgreich gelang, ist Verdienst von Wolfgang Menz: Nach seiner jahrelangen T\u00e4tigkeit als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Berufsbildungswerks f\u00fcr H\u00f6r- und Sprachgesch\u00e4digte in Leipzig (heute: BBW-Leipzig-Gruppe) wurde er als Projektleiter zum Spiritus rector des Philippus-Vorhabens. Mit sanfter Beharrlichkeit und ausdauernder, geduldiger Hartn\u00e4ckigkeit f\u00fchrte er es zum Erfolg \u2013 zum Schluss zus\u00e4tzlich gekr\u00f6nt mit der umfassenden Restaurierung der historischen Orgel.<\/p>\n<p>Heute: ein Gotteshaus zum tageweise Mieten<\/p>\n<p>Die ersten, ausverkauften Konzerte zur Wiederer\u00f6ffnung Anfang Mai 2019 spielten Martin Kohlstedt mit dem Gewandhauschor sowie der Liedermacher Gerhard Sch\u00f6ne mit dem Gewandhaus-Kinderchor.<\/p>\n<p>Der Kirchensaal kann auch als Veranstaltungsort gemietet werden. Er besticht mit seiner gro\u00dfr\u00e4umigen, festlich-warmen Holz-Gestaltung, dem freien Blick von allen Sitzen und seiner herausragenden Akustik. Im angrenzenden Integrationshotel sind Tagungen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Philippuskirche in Leipzig-Lindenau ist eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Baustil-Perle, architektonischer Solit\u00e4r und Kulturst\u00e4tte der besonderen Art, einzigartig weit \u00fcber Leipzig hinaus. Wer noch nicht da war, sollte dies bei Gelegenheit \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Koordinaten:<\/strong> 51\u00b0\u00a019\u2032\u00a055,5\u2033\u00a0N,\u00a012\u00b0\u00a019\u2032\u00a045,7\u2033\u00a0O<\/p>\n<p><strong>Die Philippuskirche auf Wikipedia:<\/strong> https:\/\/<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philippuskirche_(Leipzig)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">de.wikipedia.org\/wiki\/Philippuskirche_(Leipzig)<\/a><\/p>\n<p><strong> Homepage der Philippuskirche:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.philippus-leipzig.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.philippus-leipzig.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kirchenbauwerke geh\u00f6ren zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. 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