{"id":677718,"date":"2025-12-29T12:34:12","date_gmt":"2025-12-29T12:34:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/677718\/"},"modified":"2025-12-29T12:34:12","modified_gmt":"2025-12-29T12:34:12","slug":"silvester-ich-glaube-ich-sterbe-jetzt-als-eine-kugelbombe-unter-einem-kleinen-jungen-explodierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/677718\/","title":{"rendered":"Silvester: \u201eIch glaube, ich sterbe jetzt\u201c \u2013 als eine Kugelbombe unter einem kleinen Jungen explodierte"},"content":{"rendered":"<p>In der Silvesternacht 2024\/25 explodiert eine Kugelbombe zwischen den Beinen eines 7-J\u00e4hrigen. Er \u00fcberlebt nur knapp. Nach 40 Operationen spricht seine gro\u00dfe Schwester zum ersten Mal \u00f6ffentlich \u00fcber das, was ihrem Bruder passiert ist \u2013 und wie es ihm heute geht.<\/p>\n<p data-external=\"Article.FirstParagraph\">\u201eIch glaube, ich sterbe jetzt.\u201c Das waren die letzten Worte des 7-j\u00e4hrigen Jungen, nachdem eine Kugelbombe vor ihm explodiert war. Dann verlor er das Bewusstsein. So erz\u00e4hlt es seine Schwester Cansu Karki fast ein Jahr nach dem tragischen Vorfall, der sich in der vergangenen Silvesternacht in Berlin ereignete. Dass er \u00fcberlebt hat, grenzt an ein Wunder, sagen die \u00c4rzte.<\/p>\n<p>In der Silvesternacht 2024\/25 hatte es in Berlin mehrere schwerwiegende Vorf\u00e4lle mit Kugelbomben gegeben. In einem Wohnhaus zersprangen die Fenster, mehrere Menschen wurden verletzt. Deutschlandweit starben f\u00fcnf M\u00e4nner bei B\u00f6ller-Unf\u00e4llen, einer davon durch eine Kugelbombe.<\/p>\n<p>\u201eKugelbomben sind keine normalen Feuerwerksk\u00f6rper. Das sind Sprengk\u00f6rper, die t\u00f6ten und Leben bedrohen k\u00f6nnen\u201c, sagt Karki, die selbst \u00c4rztin an der Charit\u00e9 ist, der Deutschen Presse-Agentur. Ihr Bruder musste mehr als 40 Mal operiert werden. \u201eWir haben irgendwann aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen.\u201c Die Familie hat lange gebraucht, um \u00f6ffentlich \u00fcber die Ereignisse sprechen zu wollen und zu k\u00f6nnen. \u00dcber die dramatischen Stunden im Krankenhaus, das Bangen um sein \u00dcberleben, Monate auf der Intensivstation und die Wut.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Schwester war bei dem Unfall nicht dabei. Kurz nach Mitternacht erhielt sie einen Anruf. \u201eKomm bitte sofort in die Rettungsstelle. Deinem Bruder geht es nicht gut.\u201c Sie sei sofort losgefahren. Was genau passiert war, erfuhr sie erst einige Tage sp\u00e4ter, als ihre Mutter ihre Worte wiederfand. <\/p>\n<p>Ihr kleiner Bruder hatte Silvester zusammen mit den Eltern, dem \u00e4lteren Bruder (22) und dessen Frau verbracht. Insgesamt sind es vier Geschwister, der kleine Bruder ist das Nesth\u00e4kchen. Wie jedes Jahr sei die Familie um Mitternacht vor die T\u00fcr gegangen, um sich das Feuerwerk anzuschauen. Der Emstaler Platz liegt in Tegel, einem n\u00f6rdlichen Stadtteil von Berlin, und ist an zwei Seiten von Wohnh\u00e4usern und Gesch\u00e4ften umgeben.<\/p>\n<p>Die Kugelbombe explodierte zwischen seinen Beinen<\/p>\n<p>\u201eEs habe einen lauten Knall gegeben, danach sei pl\u00f6tzlich alles stockdunkel gewesen, man habe \u00fcberhaupt nichts mehr sehen k\u00f6nnen\u201c, gibt Karki die Schilderungen ihrer Mutter wieder. \u201eMeine Mutter hat sofort nach meinem Bruder geschrien und nur gesehen, wie er zu Boden st\u00fcrzte.\u201c Kurz darauf habe es einen zweiten Knall gegeben. Die Kugelbombe explodierte zwischen den Beinen des Jungen, so erz\u00e4hlt es die Schwester heute.<\/p>\n<p>Kugelbomben sind Feuerwerksk\u00f6rper mit extremer Sprengkraft. Nur staatlich gepr\u00fcfte Pyrotechniker mit Erlaubnis d\u00fcrfen sie abbrennen. Bei fachgerechter Nutzung werden die Bomben mit speziellen Rohren mittels einer Treibladung aus Schwarzpulver in den Himmel geschossen. Doch immer wieder kommt es vor, dass Privatpersonen die Bomben illegal explodieren lassen.<\/p>\n<p>Der kleine Junge aus Berlin w\u00e4re durch die Wucht der Explosion fast gestorben. \u201eEr hatte so viel Blut verloren, dass er vor Ort fast verblutet w\u00e4re\u201c, sagt Martina H\u00fcging, Kinderchirurgin an der Universit\u00e4tsmedizin Charit\u00e9 und mitbehandelnde \u00c4rztin. Bekannte versuchten sofort, den damals 7-J\u00e4hrigen wiederzubeleben. Schnell wurde er in die Notaufnahme der Charit\u00e9 am Campus Virchow-Klinikum gebracht. Dass diese nicht zu weit weg lag, rettete ihm vermutlich das Leben, sagt H\u00fcging. In einer l\u00e4ndlichen Region h\u00e4tte es anders ausgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Verletzungen wie aus Kriegsgebieten<\/p>\n<p>\u201eEr hatte schwerste Verletzungen, die man sonst eigentlich nur von Berufsunf\u00e4llen kennt, zum Beispiel bei schweren Gasexplosionen oder aus Kriegsgebieten.\u201c Seine Beine wurden durch die Explosion regelrecht zerfetzt. Muskeln und Knochen lagen frei und wurden zum Teil zertr\u00fcmmert, dazu kamen Verbrennungen und offene Wunden auch an den H\u00e4nden. <\/p>\n<p>\u201eIn den ersten Tagen war das eigentlich von Tag zu Tag die Frage, ob er \u00fcberleben wird\u201c, so H\u00fcging. \u201eDas war eine hochdramatische Situation.\u201c Sie habe noch nie derart schwere Verletzungen durch Feuerwerksk\u00f6rper gesehen. Einige Tage nach Silvester kam es infolge der Verletzungen au\u00dferdem zu einer schweren Hirnblutung, sodass in einer Notoperation ein Teil der Sch\u00e4deldecke des Jungen vor\u00fcbergehend entfernt werden musste.<\/p>\n<p>\u00dcber einen Monat lang lag er im k\u00fcnstlichen Koma, wurde beatmet und bekam daf\u00fcr einen Luftr\u00f6hrenschnitt. Auch ein k\u00fcnstlicher Darmausgang musste aufgrund der gro\u00dffl\u00e4chigen Wunden angelegt werden. Das Ziel sei zun\u00e4chst das Sichern seines \u00dcberlebens gewesen und zugleich habe man versucht, seine Beine zu retten, sagt H\u00fcging. Beides ist dem interdisziplin\u00e4ren \u00c4rzteteam der Charit\u00e9 gelungen.<\/p>\n<p>Ende Januar erwachte der Junge langsam aus dem k\u00fcnstlichen Koma. Mitte Februar sagte er seinen ersten vollst\u00e4ndigen Satz: \u201eIch habe Hunger auf Burger.\u201c Sp\u00e4ter kamen die Fragen. Warum sehen meine Beine so aus? Warum hat es mich getroffen? <\/p>\n<p>\u201eEr hat die ganze Zeit gefragt, was passiert ist\u201c, erz\u00e4hlt seine Schwester. \u201eEr ist f\u00fcr sein Alter ein sehr reifes Kind und begreift Sachen sehr schnell.\u201c Nach und nach erz\u00e4hlt seine Familie ihm, was vorgefallen war. An den Knall k\u00f6nne er sich noch erinnern, danach an nichts mehr. <\/p>\n<p>Tatverd\u00e4chtiger war damals 17<\/p>\n<p>Ein damals 17-J\u00e4hriger steht im Verdacht, kurz nach Mitternacht inmitten einer Menschenmenge \u201eden pyrotechnischen Gegenstand in einem Abschussrohr aus Glasfaserkunststoff gez\u00fcndet zu haben\u201c, wie es seinerzeit von Polizei und Staatsanwaltschaft hie\u00df. Im Januar gab es bei dem Tatverd\u00e4chtigen eine Untersuchung. Die Ermittlungen dauern an. Der Familie dauert das alles zu lange. Sie habe das Gef\u00fchl, der Fall werde nicht mit ausreichend Priorit\u00e4t behandelt, sagt Karki.<\/p>\n<p>Ihr Bruder ist inzwischen 8 und hat sich ins Leben zur\u00fcckgek\u00e4mpft. Nach vier Monaten konnte er im April aus dem Krankenhaus entlassen werden und kam in die Reha. Inzwischen geht er wieder in die Schule. \u201eIhm geht es zum Gl\u00fcck gut\u201c, sagt Karki. \u201eEr ist sehr fr\u00f6hlich, er ist aktiv, lacht viel und hat immer viel Redebedarf.\u201c Er k\u00f6nne wieder laufen und brauche keinen Rollstuhl mehr. Was bleibt sind die Narben an den Beinen. Er sei \u00e4ngstlicher als fr\u00fcher. \u201eNachts kann er nicht alleine schlafen.\u201c Er gehe regelm\u00e4\u00dfig in die Traumaambulanz der Charit\u00e9.<\/p>\n<p>Nachuntersuchungen und Kontrollen werde er sein Leben lang machen m\u00fcssen, sagt H\u00fcging. Vor allem die gro\u00dfen Narben an den Beinen m\u00fcssten gut gepflegt und vielleicht auch noch einmal operiert werden, aber: \u201eEr wird ein selbstbestimmtes, eigenst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Die Verletzungen ihres Bruders sieht Karki nicht als Schicksal, sondern als Versagen der Politik. Deren Aufgabe sei es, f\u00fcr die Sicherheit der Bev\u00f6lkerung zu sorgen. Es brauche ein h\u00f6heres Bewusstsein und mehr Aufkl\u00e4rungsarbeit \u00fcber die Gefahr von Kugelbomben, fordert sie.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte einfach nicht, dass ein weiteres Kind oder eine weitere Familie das durchmachen muss, was mein Bruder und wir als Familie erlebt haben.\u201c Dieses Jahr verbringt die Familie Silvester im Ausland.<\/p>\n<p>dpa\/rc<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In der Silvesternacht 2024\/25 explodiert eine Kugelbombe zwischen den Beinen eines 7-J\u00e4hrigen. 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