{"id":678498,"date":"2025-12-29T19:48:12","date_gmt":"2025-12-29T19:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/678498\/"},"modified":"2025-12-29T19:48:12","modified_gmt":"2025-12-29T19:48:12","slug":"bulgarien-vor-euro-einfuehrung-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/678498\/","title":{"rendered":"Bulgarien vor Euro-Einf\u00fchrung \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Geduldig harren die auf den Stufen der Nationalbank in Sofia aufgereihten Menschen auf Bulgariens Zeitenwende \u2013 und das neue Geld. Er wolle sich das Startset mit den neuen Euro-M\u00fcnzen \u201ezur Erinnerung\u201c kaufen, sagt ein junger Mann mit Pudelm\u00fctze: \u201eF\u00fcr mich ist die Einf\u00fchrung des Euro positiv.\u201c Auf den Euro habe er \u201e20 Jahre lang gewartet\u201c, bekennt der wei\u00dfhaarige Rentner Aleksandar Lasarow. Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die \u00c4ngste der Euro-Skeptiker hat er nicht: \u201eDas ist nur die Folge der Propaganda Moskaus.\u201c<\/p>\n<p>Unwirsch bl\u00e4ttert der Parkw\u00e4chter in der Stra\u00dfe des 6. September durch sein B\u00fcndel mit den vertrauten Lewa-Scheinen. Jetzt, wo die \u201ekorrupte Regierung endlich gefallen\u201c sei, werde die Euro-Einf\u00fchrung hoffentlich \u201eum ein Jahr verschoben\u201c, wiederholt er knurrend eine Forderung der prorussischen Nationalisten der oppositionellen \u201eWiedergeburt\u201c-Partei: \u201eAm besten w\u00e4re, man w\u00fcrde ganz auf den Euro verzichten. Unser Lew ist gut genug.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Keine Wehmut vor dem Abschied vom vertrauten \u201eL\u00f6wen\u201c kommt hingegen im Finanzministerium bei Metodi Metodiew auf. Seit 2018 sei er mit der Euro-Einf\u00fchrung besch\u00e4ftigt, berichtet der gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Staatssekret\u00e4r mit dem dunklen Dreitagesbart. Nach Estland weise Bulgarien in der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/eu\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" zeitenwende:=\"\" bulgarien=\"\" vor=\"\" euro-einf=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU<\/a> die niedrigste Staatsverschuldung auf. Das Haushaltsdefizit liege seit Jahren fast immer unter der drei Prozent definierten Zulassungsgrenze zur Euro-Zone, versichert er. <\/p>\n<p>\u201eAlle Vorbereitungen laufen nach Plan\u201c, in 25 St\u00e4dten und \u00fcber 200 Landgemeinden habe sein Ministerium gemeinsam mit der Nationalbank in den letzten Monaten Informationsveranstaltungen durchgef\u00fchrt, so Metodiew. Dass sich seine Regierung Mitte Dezember ausgerechnet kurz vor dem Startschuss des Euro-Zeitalters zum Abtritt gezwungen sah und nur noch gesch\u00e4ftsf\u00fchrend im Amt ist, gef\u00e4hrdet ihm zufolge die W\u00e4hrungsumstellung keineswegs: \u201eEs gibt keinen Weg zur\u00fcck. Wir sind f\u00fcr die Euro-Einf\u00fchrung bereit.\u201c<\/p>\n<p>Ein Riesenrad kreist \u00fcber den Holzh\u00fcttend\u00e4chern vor dem Kulturpalast. Der Duft von Gl\u00fchwein und Bratenfett zieht \u00fcber den Weihnachtsmarkt. Alle Preise sind doppelt ausgezeichnet. 22 Lewa oder 11,15 Euro f\u00fcr einen Burger, 17 Lewa oder 8,60 Euro f\u00fcr eine Wurst, 6 Lewa oder 3,08 Euro f\u00fcr einen kleinen Pappbecher Gl\u00fchwein. Egal ob in Euro oder Lew \u2013 zumindest preislich scheint die Hauptstadt des \u00e4rmsten EU-Staats schon jetzt auf Eurozonen-Niveau. <\/p>\n<p>Von Hand hat die Betreiberin des \u201eGem\u00fcse und Fr\u00fcchte\u201c-Ladens bei der Metro-Station die doppelten Preise auf die Schilder ihrer Apfel- und Gurkenkisten gezeichnet. Sie sei \u201enicht gegen die EU\u201c, versichert sie. Doch der von ihr abgelehnte W\u00e4hrungswechsel sei f\u00fcr sie auch eine \u201eFrage der nationalen Identit\u00e4t\u201c: \u201eWir sollten unsere nationalen Symbole bewahren. Schaut doch, was in Frankreich oder Deutschland los ist. \u00dcberall ist Chaos. Und was haben wir da als \u00e4rmstes EU-Land in der Eurozone zu suchen?\u201c<\/p>\n<p>Das vertraute Mantra vom \u00e4rmsten Staat der EU wollten viele seiner Landsleute nicht mehr missen, sp\u00f6ttelt im B\u00fcro des \u201eZentrums f\u00fcr liberale Strategien\u201c (CLS) deren Programmdirektor Georgi Ganew. Tats\u00e4chlich habe sich das bulgarische Bruttoinlandsprodukt von 28 Prozent des EU-Mittels vor dem Beitritt 2007 inzwischen auf 66 Prozent vergr\u00f6\u00dfert und n\u00e4here sich dem von Griechenland an. Der verbesserte Lebensstandard schlage sich auch auf die Migrationsstatistiken nieder: \u201eMittlerweile kehren j\u00e4hrlich 80 000 mehr Leute aus dem Ausland nach Bulgarien zur\u00fcck als abwandern.\u201c<\/p>\n<p>Die Zustimmung zur Euro-Einf\u00fchrung sei in den St\u00e4dten gr\u00f6\u00dfer als in der Provinz und bei \u00c4lteren niedriger als bei J\u00fcngeren, so der \u00d6konom. Das gr\u00f6\u00dfte Problem von Bulgariens Wirtschaft sei der Arbeitskr\u00e4ftemangel. Dieser habe nicht nur die L\u00f6hne und die Preise kr\u00e4ftig steigen lassen, sondern auch den Besch\u00e4ftigungsgrad erheblich erh\u00f6ht. Noch st\u00e4rker als die Inflation seien indes die lange sehr niedrigen Renten gestiegen: \u201eDennoch machen sich die Alten vor der Euro-Einf\u00fchrung am meisten Sorgen.\u201c<\/p>\n<p>Sie sei gegen die Euro-Einf\u00fchrung, denn die Preise seien schon \u201ejetzt sehr hoch\u201c, klagt vor dem Gem\u00fcseladen die Rentnerin, die sich als Frau Josipowa vorstellt. Sie wisse, dass einige Euro-Staaten \u201esehr hohe Schulden haben\u201c: \u201eWerden die Zinsen nun auch bei uns steigen und die Kredite teurer werden? Oder wird uns dasselbe Schicksal drohen wie den Griechen? Ich f\u00fcrchte, dass es Bulgarien mit dem Euro nicht gut ergehen wird.\u201c<\/p>\n<p>Entspannte Jazzweisen perlen aus den Lautsprechern im \u201eKanaal\u201c, einer hippen Bierkneipe unweit des Zaimow-Parks. Der Lew-Kurs sei schon seit 1997 erst an den DM- und dann an den Euro-Kurs gekoppelt, sagt der IT-Manager Plamen. Wirtschaftlich werde die Euro-Einf\u00fchrung daher \u201ekeine gr\u00f6\u00dferen Folgen haben\u201c, sagt er achselzuckend: \u201eAber der Euro ist die beste Versicherung, dass Bulgarien nicht wieder in die russische Einflusssph\u00e4re ger\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Nur ein junger Partei-Assistent h\u00e4lt im leer gefegten Hauptquartier der russophilen \u201eWiedergeburt\u201c am Slawejkow-Platz die Stellung. Nein, zur Frage, warum seine Partei gegen den Euro sei, k\u00f6nne er sich nicht \u00e4u\u00dfern, so die Auskunft des verlegenen Mannes: \u201eDa muss ich erst unsere F\u00fchrung fragen.\u201c<\/p>\n<p>Hektische Gesch\u00e4ftigkeit ist hingegen in den hohen Korridoren des Parlaments angesagt. Die Erwartung von nahenden Neuwahlen elektrisiert die noch amtierenden Volksvertreter: Sollte der Urnengang wie erwartet im M\u00e4rz steigen, w\u00e4ren es die achte Parlamentswahl innerhalb von f\u00fcnf Jahren.<\/p>\n<p>Nein, die von ihm jahrelang vorbereitete Einf\u00fchrung des Euro sei durch den Regierungsabtritt keineswegs gef\u00e4hrdet, versichert der pro-europ\u00e4ische Oppositionschef und fr\u00fchere Finanzminister Assen Wassilew (<a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/pp\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" zeitenwende:=\"\" bulgarien=\"\" vor=\"\" euro-einf=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PP<\/a>-DB). Auch den Zeitpunkt der von ihm unterst\u00fctzten Proteste gegen die Korruption h\u00e4lt der eloquente <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/harvard\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" zeitenwende:=\"\" bulgarien=\"\" vor=\"\" euro-einf=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Harvard<\/a>-Absolvent trotz der W\u00e4hrungsumstellung keineswegs f\u00fcr problematisch: \u201eDie Proteste haben mit dem Euro nichts zu tun. Die Leute wollen einfach, dass Bulgarien anders regiert wird.\u201c<\/p>\n<p>Aus seinem Missfallen \u00fcber den Regierungswechsel macht der sehnige Politologe Stojko Stojtschew keinen Hehl. Zu Jahresbeginn seien die Leute der ewigen Neuwahlen noch m\u00fcde gewesen und h\u00e4tten eine \u201estabile Regierung gew\u00fcnscht, egal welche\u201c, schnaubt der fr\u00fchere Hobby-Boxer, w\u00e4hrend er f\u00fcr das Interview in seinem B\u00fcro in der Philosophischen Fakult\u00e4t ein Sakko \u00fcber seine t\u00e4towierten Arme zieht: \u201eJetzt ist es genau andersherum.\u201c <\/p>\n<p>Eine hohe Zahl von durch Tiktok-Kampagnen mobilisierten Demonstranten bedeute keine h\u00f6here Wahlbeteiligung. Ohne klare Mehrheit k\u00f6nnte der Wahl im Fr\u00fchjahr schon die n\u00e4chste im Herbst folgen, unkt Stojtschew: \u201eMan kann die Leute nicht dazu zwingen, immer wieder aufs Neue zu w\u00e4hlen. Irgendwann haben sie von der Demokratie genug \u2013 und rufen nach dem starken Mann.\u201c<\/p>\n<p>Hell gl\u00e4nzen in der D\u00e4mmerung die weihnachtlich geschm\u00fcckten Schaufenster der internationalen Modehausketten: Zumindest in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone am Vitoscha-Boulevard unterscheidet sich Sofia kaum von anderen EU-Metropolen. <\/p>\n<p>Trotz der vielen Regierungswechsel weise Bulgarien in den letzten Jahren auff\u00e4llig gute Wachstumsraten auf, berichtet \u00d6konom Ganew. \u201eDie korrupten Netzwerke im Dunstkreis der Regierungsparteien, die bei manipulierten Ausschreibungen staatliche Ressourcen abziehen, k\u00f6nnen sich in Zeiten der versch\u00e4rften politischen Konkurrenz nicht mehr so leicht bilden\u201c, erkl\u00e4rt er das scheinbare Paradox einer stabilen Wirtschaft trotz endloser Politturbulenzen. <\/p>\n<p>Seine Landsleute h\u00e4tten von \u201eoffen korrupten Figuren\u201c wie DPS-Chef Deljan Peewski \u201eeinfach genug\u201c, sagt der grauhaarige Demonstrationsveteran Rumen: \u201eJeder wei\u00df, dass der Mann sich Stimmen und die Macht kauft und die Justiz kontrolliert. Er macht nicht einmal ein Geheimnis daraus.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Den starken Zulauf bei der jetzigen Protestwelle erkl\u00e4rt \u00d6konom Ganew auch mit dem \u201eWegfall des Ventils der Emigration\u201c: \u201eFr\u00fcher wanderten die Unzufriedenen irgendwann aus. Die Angeh\u00f6rigen der Generation Z wollen nicht mehr weg. Sie wollen bleiben \u2013 und die Lage hier \u00e4ndern.\u201c\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Im \u201eKanaal\u201c bestellt sich IT-Manager Plamen ein letztes Bier. Von seiner Firma habe er bereits mehrere Angebote erhalten, ins Ausland zu wechseln, erz\u00e4hlt der Jungfamilienvater: \u201eAber ich habe alle abgelehnt.\u201c <\/p>\n<p>Klar k\u00f6nnte er in London oder Dubai mehr verdienen und h\u00e4tte bessere Karrierechancen. Doch in Sofia habe er in seinem Job auch ein \u201ewestliches Gehalt\u201c, liege der Einheitssteuersatz bei zehn Prozent, die Lebenshaltungskosten seien geringer: \u201eHier wohne ich in meiner eigenen Wohnung, haben wir ein Ferienh\u00e4uschen in den Bergen und ist die griechische K\u00fcste nur wenige Fahrstunden entfernt: Die Lebensqualit\u00e4t ist hier einfach besser.\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Geduldig harren die auf den Stufen der Nationalbank in Sofia aufgereihten Menschen auf Bulgariens Zeitenwende \u2013 und das&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":678499,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,28206,548,4788,663,158,3934,3935,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-678498","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-bulgarien","11":"tag-eu","12":"tag-euro","13":"tag-europa","14":"tag-europaeische-union","15":"tag-europe","16":"tag-european-union","17":"tag-headlines","18":"tag-nachrichten","19":"tag-news","20":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115804589519266209","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678498","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=678498"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678498\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/678499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=678498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=678498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=678498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}