{"id":679662,"date":"2025-12-30T07:05:12","date_gmt":"2025-12-30T07:05:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/679662\/"},"modified":"2025-12-30T07:05:12","modified_gmt":"2025-12-30T07:05:12","slug":"eine-literaturzeitschrift-als-einladung-zur-entdeckung-eines-bindestrich-landes-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/679662\/","title":{"rendered":"Eine Literaturzeitschrift als Einladung zur Entdeckung eines Bindestrich-Landes \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Friedrich B\u00f6decker war P\u00e4dagoge. Ein ganz besonderer P\u00e4dagoge, denn ihm lag ganz besonders daran, dass die Kinder in der Schule das B\u00fccherlesen lernten und lieben lernten. Dem widmet sich bis heute der nach ihm benannte Friedrich-B\u00f6decker-Kreis. Von dem gibt es auch einen eigenen Ableger in Sachsen-Anhalt, der sich seit 1990 um die Lese- und Literaturf\u00f6rderung k\u00fcmmert. Dazu geh\u00f6rt auch die Herausgabe der viertelj\u00e4hrlich erscheinenden Literaturzeitschrift \u201eoda \u2013 Ort der Augen\u201c. Die schaut auch da und dort \u00fcber die Landesgrenzen hinaus.<\/p>\n<p>So wie in der vierten Ausgabe f\u00fcr 2025, die auch neue Gedichte des Leipziger Lyrikers Thomas B\u00f6hme enth\u00e4lt, <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/weniger-herbst-thomas-bohme-kindlicher-blick-welt-641328\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der in diesem Jahr seinen verbl\u00fcffenden 70. Geburtstag gefeiert hat<\/a>. Und der nat\u00fcrlich auch beispielhaft f\u00fcr eine ganze literarische Landschaft steht, die an alten Landesgrenzen sowieso nicht endet. Wer die S\u00e4chsische Dichterschule nur in Sachsen sucht, macht sie kleiner, als sie ist. Und verliert den Blick daf\u00fcr, dass die gesamte Region fruchtbare Dichterlandschaft ist.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/42b4bd2ee4a44257b9deac613b2a9c04.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Beispiele daf\u00fcr versammelt \u201eoda\u201c sowohl in Versen als auch in Prosa. Wobei gerade die Prosatexte diesmal dazu einladen, dieses so gern untersch\u00e4tzte Bindestrich-Land doch einmal genauer wahrzunehmen. Auch in seinen N\u00f6ten, die der T\u00fcbinger <a href=\"https:\/\/marcus-hammerschmitt.de\/styled\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marcus Hammerschmidt<\/a> in einem seiner Blog-Eintr\u00e4ge als Stadtschreiber in Magdeburg beschreibt.<\/p>\n<p>In Saarbr\u00fccken geboren, wei\u00df er, wie es sich in einem Land anf\u00fchlt, dessen gro\u00dfe Industrie-Geschichte Vergangenheit ist und wo sich die Einwohner nun damit arrangieren m\u00fcssen, dass man nicht mehr der Nabel der Welt ist. Er schreibt von \u201eVerlassenheit als Gemeinsamkeit. Oder die multiplen Ost-Verlassenheiten.\u201c<\/p>\n<p>Die ihn an seine saarl\u00e4ndischen Verlassenheitsgef\u00fchle erinnern. Und dabei helfen, die ganzen verlassenen Orte in Sachsen-Anhalt besser zu verstehen. Und trotzdem sch\u00f6n zu finden.<\/p>\n<p>Und auch die Menschen zu verstehen in ihrem \u201eGroll auf die anderen, ein immerw\u00e4hrender Verdacht, verraten worden zu sein\u201c. Nur wei\u00df Hammerschmidt, dass dahinter eben ein unbarmherziges System steht, das Verlierer und verlorene Landschaften geradezu systematisch produziert. Dazu muss man wohl Autor sein, um das zu sehen. Aber welcher Politiker liest schon B\u00fccher, um das zu verstehen?<\/p>\n<p>Ein St\u00e4dtchen namens Ballenstedt<\/p>\n<p>Es hat tats\u00e4chlich mit Schule zu tun. Und der Tatsache, dass B\u00fccherlesen den Kindern eher verleidet als nahe gebracht wird. Von den Zerst\u00f6rungen durch die modernen digitalen Medien, die die Menschen zu H\u00e4ppchen-Lesern machen, ganz zu schweigen. Dabei braucht alles, was wichtig ist in der menschlichen Gesellschaft, den gro\u00dfen Atem und die F\u00e4higkeit, in gro\u00dfen Zusammenh\u00e4ngen zu denken.<\/p>\n<p>Genau das, was gute B\u00fccher einem nahebringen.<\/p>\n<p>Und Aufmerksamkeit zu entwickeln f\u00fcr Orte und ihre Geschichten. So wie es mehrere Beitr\u00e4ge im Heft mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ballenstedt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ballenstedt<\/a> tun, einem kleinen St\u00e4dtchen am Ostrand des Harzes, das berechtigterweise den Beinamen \u201eWiege Anhalts\u201c tr\u00e4gt und mit dem einst legend\u00e4ren Adelsgeschlecht der Askanier verbunden war. Schlosspark und Friedhof kommen ins Bild.<\/p>\n<p>Und Ammar Awaniy, der aus Syrien in dieses stille Land am Harz gekommen ist, entdeckt dabei Ballenstedt als Heimat eines zu seiner Zeit durchaus ber\u00fchmten Musikergeschlechts, dessen ber\u00fchmtester Vertreter \u2013 <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Christian_Agthe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carl Christian Agthe<\/a> \u2013 im 18. Jahrhundert weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus bekannt war.<\/p>\n<p>Literarische Spazierg\u00e4nge als Gelegenheit, Vergessenes zu entdecken. Vergessene Menschen, vergessene Orte. Oder Sehnsuchtsorte wie New York, das im fotografischen Werk von Mario Schneider eine ganz zentrale Rolle einnimmt. Gleich zwei Beitr\u00e4ge widmen sich Schneids Sehnsuchtsort. Vielleicht muss man wirklich erst \u00fcber den Gro\u00dfen Teich fliegen, um das Faszinierende einer Stadt in Bildern greifen zu k\u00f6nnen. Was vielleicht auch mit dem Stolz der New Yorker zu tun hat, die zwar arm sein k\u00f6nnen, aber ihr Gesicht nicht verloren haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ganz offensichtlich ein Besuch im deutschen Osten eine Begegnung mit lauter gebrochenen Biografien und Pers\u00f6nlichkeiten ist. Etwas ist da grunds\u00e4tzlich anders gelaufen. Und keiner kann es reparieren. Oder will es reparieren.<\/p>\n<p>Ein Unangepasster aus Dessau<\/p>\n<p>Wobei sich die Dichter ja bem\u00fchen. Einer wird in diesem Band besonders gew\u00fcrdigt: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Manfred_Jendryschik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Manfred Jendryschik<\/a>, geboren 1943 in Dessau. Einer von den Unangepassten auch in der DDR, der sich in der Biermann-Aff\u00e4re nicht einsch\u00fcchtern lie\u00df und der als Lektor beim Mitteldeutschen Verlag Entdecker und Betreuer dutzender literarischer Talente war. Selbst hat er \u00fcber 30 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. Und Andr\u00e9 Schinkel w\u00fcrdigt ihn in seiner unvergleichlichen Art. Es ist seine Gedenkrede, die er zur Trauerfeier von Manfred Jendryschik hielt, der am 18. Juni 2025 in Wahren starb.<\/p>\n<p>Da war sein letztes Buch, <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/deckweiss-fur-alle-manfred-jendryschiks-miniaturen-seltsame-ddr-kulturwelt-630658\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDeckwei\u00df f\u00fcr alle\u201c,<\/a> schon in der Druckerei, aber noch nicht erschienen. Ein typisches Jendryschik-Buch in der kleinen, frreundlich-ironischen Prosa, mit der er zeitlebens die Umst\u00e4nde und Kopfst\u00e4nde der Gegenwart aufs Korn nahm. Vielleicht ist es auch gerade dieser Humor, der so typisch ist f\u00fcr Sachsen-Anhalt, wenn einer Abstand gewinnt zu den Kalamit\u00e4ten der Zeit und den gerade M\u00e4chtigen und das N\u00e4rrische sieht in den Selbstinszenierungen der Leute, die sich in hohe \u00c4mter gehangelt haben. Oh Eitelkeit der Eitelkeiten.<\/p>\n<p>Warten auf die Flaschenpost<\/p>\n<p>Wir w\u00e4hlen immer wieder die falschen Leute. Die Lauten und Selbstgerechten. Nicht die Bescheidenen und Flei\u00dfigen. Lassen uns von falschen Gesten verf\u00fchren. Dabei ist gerade die Literatur Sachsen-Anhalts reich an Skeptikern und trockenen Humoristen, die sich \u2013 wie Jendryschik \u2013 jeder Romantisierung verweigern. Andr\u00e9 Schinkel erw\u00e4hnt es.<\/p>\n<p>Denn das ist Verwandtschaft \u00fcber Landesgrenzen hinweg. So ticken sie fast alle in der S\u00e4chsischen Dichterschule, die noch allemal lebt. In den Sch\u00fclern der gro\u00dfen Alten, die sich ihren unverstellten Blick auf eine rissige Gegenwart nicht nehmen lassen.<\/p>\n<p>So gesehen l\u00e4dt auch dieses \u201eoda\u201c-Heft ein, Sachsen-Anhalt einmal anders wahrzunehmen. Durch die manchmal ironische, manchmal gr\u00fcndlich ent-t\u00e4uschte Sicht der Dichter auf ihr Land und seine Leute. Auch wenn man \u2013 wie Lutz Rathenow \u2013 auch nur Gast und Durchreisender ist.<\/p>\n<p>Aber seine Geschichte \u00fcber \u201eDie Flaschenpost\u201c erz\u00e4hlt im Grunde etwas Wesentliches \u00fcber die in ihren Tr\u00e4umen lebenden Menschen im Osten: Einmal nur eine Flaschenpost finden, eine Nachricht \u00fcber die Meere hinweg, die einem den richtigen Fingerzeig gibt f\u00fcr das eigene Leben. Und Jahre am Meer damit zubringen, auf die eine Flasche mit der richtigen Botschaft zu warten.<\/p>\n<p>Oder vielleicht doch \u2013 wie Thomas B\u00f6hme \u2013 nach Italien reisen und die Augen offen halten, was man alles sieht, wenn man nur aufmerksam genug ist. So aufmerksam, wie man daheim im grummelnden Norden meistens nicht ist. Vielleicht, weil einem alles zu nah ist. Und man den Blick f\u00fcr die Wirklichkeit erst richtig sch\u00e4rft, wenn man auf Reisen geht.<\/p>\n<p>Und im Fremden das Vertraute wiederfindet. Aber wer macht das schon, wenn die ganze wild gewordene Gegenwart die sofortige Befriedigung aller W\u00fcnsche proklamiert? Und reihenweise Entt\u00e4uschte und Frustrierte produziert, die auch keine B\u00fccher lesen. Weil das anstrengend ist. So wie das Leben, wenn man es ernst nimmt. In Ballenstedt, Magdeburg oder Dessau.<\/p>\n<p>Aber wer tut das schon, wenn man sich tief in Frust und Entt\u00e4uschung vergraben kann?<\/p>\n<p><strong>Friedrich-B\u00f6decker-Kreis in Sachsen-Anhalt e.V. (Hrsg) \u201eoda. Ort der Augen, 4\/2025\u201c<\/strong>, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2025, 4,90 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Friedrich B\u00f6decker war P\u00e4dagoge. 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