{"id":68112,"date":"2025-04-28T13:25:09","date_gmt":"2025-04-28T13:25:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/68112\/"},"modified":"2025-04-28T13:25:09","modified_gmt":"2025-04-28T13:25:09","slug":"jungle-world-dubioser-einschuechterungsversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/68112\/","title":{"rendered":"jungle.world &#8211; Dubioser Einsch\u00fcchterungsversuch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paris.<\/strong> Die Zeichen stehen auf Sturm. Am Sonntag nahm das algerische Regierungskabinett einen Gesetzentwurf zur milit\u00e4rischen Mobilmachung an. Dies gab ein \u00fcber die amtliche Nachrichtenagentur APS verbreitetes Pressekommuniqu\u00e9 bekannt.<\/p>\n<p>Ein Krieg d\u00fcrfte zwar nicht unmittelbar bevorstehen, in den vergangenen Wochen hat sich jedoch ein Konflikt mit dem s\u00fcdlichen Nachbarn zugespitzt. In der Nacht vom 31.\u2009M\u00e4rz zum 1.\u2009April schoss die algerische Luftwaffe eine Mali geh\u00f6rende Drohne aus t\u00fcrkischer Produktion ab, die nach Angaben der Regierung in Algier in ihren Luftraum eingedrungen war. Mali versichert hingegen, der Abschuss sei s\u00fcdlich der gemeinsamen Grenze in der zu Nordmali z\u00e4hlenden, von Tuareg gepr\u00e4gten Stadt Tin Zaouatine erfolgt.<\/p>\n<p>Algerien und Mali schlossen ihren Luftraum f\u00fcr den jeweiligen Nachbarn, was in der Region t\u00e4tige Fluggesellschaften wie die teilstaatliche Turkish Airlines dazu zwingt, sich zu entscheiden, welches der beiden L\u00e4nder sie anfliegen. Vom 13. bis 17.\u2009April tagten unter anderem die Generalst\u00e4be der Luftwaffen Algeriens und Malis gemeinsam in der malischen Hauptstadt Bamako.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die fr\u00fchere spanische Kolonie Westsahara ist seit 1975 von Marokko okkupiert, Algerien unterst\u00fctzt die gegen Marokko k\u00e4mpfende Frente Polisario. Mit einer unmittelbaren milit\u00e4rischen Eskalation zwischen Marokko und Algerien ist jedoch nicht zu rechnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Zu den Konfliktquellen z\u00e4hlen die Autonomie- oder Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen von Teilen der Tuareg-Bev\u00f6lkerung im Norden Malis. 2015 war in Algier ein Autonomieabkommen f\u00fcr den Norden Malis paraphiert worden, doch die malische Milit\u00e4rregierung k\u00fcndigte die Vereinbarung Anfang 2024 auf. Algerien beschwert sich aber auch \u00fcber die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Pr\u00e4senz des russischen Afrikakorps in Mali, des staatlichen Nachfolgers der S\u00f6ldnergruppe Wagner.<\/p>\n<p>Angespannt sind bereits seit 2020\/2021 auch die Beziehungen Algeriens zum Nachbarn Marokko sowie zur fr\u00fcheren Kolonialmacht Frankreich. Die franz\u00f6sische Regierung unter Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron \u00fcbernahm am 30. Juli vergangenen Jahres\u00a0\u2013 anl\u00e4sslich des 25. Jubil\u00e4ums der Thronbesteigung des Monarchen Mohammed VI.\u00a0\u2013 offiziell die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/45\/frankreich-marokko-westsahara-korrigierte-karte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">marokkanische Position zur Besetzung der Westsahara<\/a> wie zuvor die USA unter Donald Trump 2020.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchere spanische Kolonie ist seit 1975 von Marokko okkupiert, Algerien unterst\u00fctzt die gegen Marokko k\u00e4mpfende Frente Polisario. Mit einer unmittelbaren milit\u00e4rischen Eskalation zwischen Marokko und Algerien ist jedoch nicht zu rechnen. Die bilateralen Beziehungen zwischen den Regierungen Frankreichs und Algeriens aber sind so angespannt wie seit dem Ende des Algerien-Kriegs 1962 nicht mehr.<\/p>\n<p>Algerischer Ausweisungsbeschluss<\/p>\n<p>Am Montag voriger Woche wies Algerien zw\u00f6lf franz\u00f6sische Konsularbeamte aus, die 48 Stunden Zeit erhielten, um das Land zu verlassen. Frankreich reagierte daraufhin am Dienstagabend mit einer identischen Gegenma\u00dfnahme, es rief aber auch den franz\u00f6sischen Botschafter in Algier, St\u00e9phane Romatet, zu Beratungen nach Paris zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Unmittelbarer Anlass f\u00fcr den algerischen Ausweisungsbeschluss war die Festnahme von drei algerischen Staatsb\u00fcrgern in Frankreich, unter ihnen ein Bediensteter des algerischen Konsulats in der Pariser Trabantenstadt Cr\u00e9teil, die am vorvergangenen Wochenende durch die franz\u00f6sischen Medien ging. Dem Trio wird vorgeworfen, eine Rolle bei der Entf\u00fchrung des berbersprachigen algerischen Bloggers, Oppositionellen und seit 2023 in Frankreich anerkannten politischen Fl\u00fcchtlings Amir Boukhors am 29.\u2009April vorigen Jahres gespielt zu haben.<\/p>\n<p>Unter dem Pseudonym \u00bbAmir DZ\u00ab kritisiert er das algerische Regime in sozialen Medien scharf, auf Tiktok hat er mehr als eine Million Follower. In Algerien wurde er in Abwesenheit wegen Betrugs sowie Bedrohung und Verleumdung verurteilt, zudem beantragten die algerischen Beh\u00f6rden der franz\u00f6sischen Tageszeitung Lib\u00e9ration zufolge sieben Mal seine Ausweisung aus Frankreich, allein im Jahr 2021 zwei Mal wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung; die franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden wiesen die Antr\u00e4ge stets ab.<\/p>\n<p>Handschrift von Dilettanten<\/p>\n<p>Die algerische Seite gibt offiziell vor allem dem franz\u00f6sischen Innenminister, Bruno Retailleau, die Schuld an der diplomatischen Krise: Dieser sei auf Eskalation aus. Algerien wirft zudem franz\u00f6sischen Regierungskreisen vor, mit der Festnahme die diplomatische Immunit\u00e4t des Konsulatsbesch\u00e4ftigten verletzt zu haben. Diese erstreckt sich allerdings nicht auf schwere Straftaten wie Entf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Nicht ganz ausgeschlossen ist es, dass eine der notorisch miteinander rivalisierenden Seilschaften in der algerischen Politik einen Versuch unternommen hat, Oppositionelle in Frankreich mit illegalen oder brutalen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Die Aff\u00e4re \u00bbAmir DZ\u00ab tr\u00e4gt allerdings eher die Handschrift von Dilettanten.<\/p>\n<p>So wurde der Blogger an jenem Apriltag vor einem Jahr seinen Schilderungen zufolge in ein Auto gezerrt. Zun\u00e4chst wurde ihm eine Fahrt nach Amsterdam angek\u00fcndigt, bevor die Fahrt schlie\u00dflich in einem Waldst\u00fcck im D\u00e9partement Seine-et-Marne, noch im \u00f6stlichen Teil der Metropolregion Paris, endete. Ihm sei eine Unterredung mit einem \u00bbalgerischen Verantwortlichen\u00ab angek\u00fcndigt worden, der ihn dringend sehen wolle\u00a0\u2013 dazu kam es nicht. Nach insgesamt 27 Stunden Freiheitsberaubung wurde Boukhors dann ohne weitere Erkl\u00e4rungen oder konkrete Forderungen bei Nacht in einem Waldst\u00fcck freigelassen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Es scheint nicht komplett ausgeschlossen, dass eine Fraktion der algerischen Staatsclique aus politischen Motiven eine Wiederann\u00e4herung von Frankreich und Algerien zu hintertreiben bestrebt war.\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Ganze wirkte insgesamt eher planlos. Vielleicht handelte es sich bei der Entf\u00fchrung um einen Einsch\u00fcchterungsversuch, vielleicht sollte Boukhors umgebracht werden\u00a0\u2013 das zu kl\u00e4ren, ist Gegenstand der Ermittlungen.<\/p>\n<p>Es scheint nicht komplett ausgeschlossen, dass eine Fraktion der algerischen Staatsclique aus politischen Motiven eine Wiederann\u00e4herung von Frankreich und Algerien zu hintertreiben bestrebt war. Algerische Quellen versuchen hingegen zu suggerieren, dass die Hinterm\u00e4nner aus franz\u00f6sischen Geheimdienst- oder Polizeikreisen stammten. Die zw\u00f6lf aus Algier ausgewiesenen Botschaftsbesch\u00e4ftigten waren dem franz\u00f6sischen Innenministerium unterstellt. Bei ihnen handelt es sich um sechs Polizisten, vier Gendarmen und zwei Angeh\u00f6rige des Inlandsnachrichten- und Spionageabwehrdiensts DGSI. Bei der Botschaft waren sie vor allem f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Migration und der Dokumentenf\u00e4lschung sowie Terrorismusabwehr zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Paris. Die Zeichen stehen auf Sturm. 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