{"id":681266,"date":"2025-12-30T22:07:11","date_gmt":"2025-12-30T22:07:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/681266\/"},"modified":"2025-12-30T22:07:11","modified_gmt":"2025-12-30T22:07:11","slug":"koeln-mir-hilft-hier-keiner-zehn-jahre-koelner-silvesternacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/681266\/","title":{"rendered":"K\u00f6ln | Mir hilft hier keiner &#8211; Zehn Jahre K\u00f6lner Silvesternacht"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6ln (dpa) &#8211; Die k\u00f6rnigen Bilder gingen um die Welt: im Vordergrund junge, dunkelhaarige M\u00e4nner, vor ihnen Rauch und explodierende Feuerwerksk\u00f6rper, im Hintergrund die Portale, Fenster und Strebeb\u00f6gen des K\u00f6lner Doms. Der Platz zwischen Kathedrale und Hauptbahnhof war in der Silvesternacht 2015\/16 Schauplatz sexueller \u00dcbergriffen auf Frauen.\u00a0<\/p>\n<p>Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg hat f\u00fcr den nordrhein-westf\u00e4lischen Landtag mehr als 1.000 Anzeigen aus der K\u00f6lner Silvesternacht ausgewertet und ein Gutachten erstellt. Er ist sich sicher: \u00abEin solches Geschehen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben, auch nicht in einem anderen europ\u00e4ischen Staat.\u00bb Das erkl\u00e4re auch das \u00fcberragende internationale Interesse an dem Ereignis.<\/p>\n<p>Frauen empfanden Zustand v\u00f6lliger Hilflosigkeit<\/p>\n<p>Die Anzeigen erg\u00e4ben in der Zusammenschau ein verbl\u00fcffend einheitliches Bild, berichtet Egg der Deutschen Presse-Agentur. \u00abDie Frauen empfanden einen Zustand v\u00f6lliger Hilflosigkeit, weil die Polizei entweder gar nicht da war oder nicht eingriff. Sie gaben auch \u00fcbereinstimmend an, dass sie die T\u00e4ter gar nicht richtig beschreiben k\u00f6nnten, weil alles so schnell gegangen sei.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Beides zusammen habe den besonderen Schrecken der Situation ausgemacht:\u00a0die sexuelle Bel\u00e4stigung in Kombination mit dem Bewusstsein \u00abIch bin hier ganz allein auf mich gestellt, mir hilft hier keiner\u00bb.<\/p>\n<p>Den Ablauf des Geschehens rekonstruierte Egg so: Die Frauen trafen am Silvesterabend im K\u00f6lner Hauptbahnhof ein, um in der Stadt zu feiern. \u00abEine Frau berichtete zum Beispiel, dass sie mit zwei Freundinnen \u00fcber den Bahnhofsvorplatz gegangen sei.\u00bb Sie waren bereits im Hotel gewesen und hatten sich dort ausgehfertig gemacht.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abPl\u00f6tzlich, so schilderte es die Frau, wurden sie von hinten begrapscht, und als sie sich umdrehten, blickten sie in die grinsenden Gesichter mehrerer junger M\u00e4nner mit s\u00fcdl\u00e4ndischem Aussehen. Wer was gemacht hatte, konnten sie in dieser Situation gar nicht sagen.\u00bb Das sei auch der Grund daf\u00fcr gewesen, warum nur so wenige T\u00e4ter zur Rechenschaft gezogen worden seien.\u00a0<\/p>\n<p>Die \u00dcbergriffe waren spontan, nicht geplant\u00a0<\/p>\n<p>Nach Angaben der Staatsanwaltschaft K\u00f6ln gab es 1.210 Strafanzeigen, von denen sich 511 auf sexuelle \u00dcbergriffe bezogen. Angeklagt wurden letztlich 46 Personen, von denen 36 verurteilt wurden &#8211; nur zwei wegen sexueller N\u00f6tigung. Der Gro\u00dfteil der Beschuldigten kam aus Nordafrika, vor allem aus Algerien und Marokko &#8211; nicht aus Syrien, dem Land, aus dem in den Monaten zuvor Hunderttausende Kriegsfl\u00fcchtlinge in Deutschland Schutz gesucht hatten.\u00a0<\/p>\n<p>Nach Eggs Recherchen hatten sich die jungen M\u00e4nner \u00fcber die sozialen Netzwerke verabredet, um die Silvesternacht in K\u00f6ln zu verbringen. Da sie aber kein Geld hatten, um irgendwo feiern gehen zu k\u00f6nnen, blieben sie in der Umgebung des Hauptbahnhofs und in der N\u00e4he der Hohenzollernbr\u00fccke, von der aus man um Mitternacht einen guten Blick auf das Feuerwerk hat.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abEs ist keineswegs davon auszugehen, dass alle mit dem Plan angereist sind, Frauen zu bel\u00e4stigen\u00bb, betont Egg. \u00abEs war vielmehr so, dass einige das getan haben und die anderen dann merkten, dass nichts geschah. Und das hat diese dann dazu gebracht, ebenfalls Frauen zu begrapschen und Diebst\u00e4hle zu begehen. Es war eine Art soziale Ansteckung.\u00bb Dass die muslimischen T\u00e4ter bewusst gehandelt h\u00e4tten, um die Ohnmacht der westlichen Gesellschaft vorzuf\u00fchren, bezeichnet Egg als \u00abVerschw\u00f6rungserz\u00e4hlung\u00bb.<\/p>\n<p>Alle Ausl\u00e4nder wurden \u00fcber einen Kamm geschert<\/p>\n<p>Die K\u00f6lner Polizei habe das Ausma\u00df der \u00dcbergriffe zun\u00e4chst nicht \u00f6ffentlich gemacht, wodurch alles erst mit Versp\u00e4tung bekannt geworden sei. Neben dem Leid der Frauen bedauert Egg am meisten die nach dem Ereignis einsetzende Hetze gegen Ausl\u00e4nder. \u00abDie Stimmung im Land, die vorher von der Willkommenskultur gepr\u00e4gt war, hat sich gedreht und pauschalisierend gegen Migranten gerichtet.\u00bb In einer der Anzeigen sei jedoch auch ein Fall geschildert worden, in dem ein T\u00e4ter einen anderen Migranten aufgefordert habe, sich zu beteiligen, der dies aber verweigert habe. \u00abF\u00fcr solche Differenzierungen war damals kein Platz, es wurden dann alle \u00fcber einen Kamm geschert\u00bb, kritisiert Egg.\u00a0<\/p>\n<p>Dass Migranten in der Silvesternacht nicht nur T\u00e4ter waren, zeigte auch der erste Prozess zu den \u00dcbergriffen. In diesem Strafverfahren wurde 2016 ein marokkanischer Asylbewerber zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe verurteilt. Der Angeklagte hatte einer Frau aus Baden-W\u00fcrttemberg das Handy aus der Hand gerissen, wobei die 20-J\u00e4hrige selbst nicht gesehen hatte, wer es getan hatte. Ein anderer Mann rief ihr aber zu: \u00abDas ist der Dieb!\u00bb Sie verfolgte den T\u00e4ter, und als ihm jemand ein Bein stellte, holte sie ihn ein und lie\u00df sich das Handy zur\u00fcckgeben.\u00a0<\/p>\n<p>Im Gerichtssaal stand die bestohlene Frau dem Hinweisgeber kurz gegen\u00fcber. Sie l\u00e4chelte ihn an und gab ihm die Hand. Und erfuhr, wer er war: ein afghanischer Fl\u00fcchtling.<\/p>\n<p>War die Silvesternacht wirklich das Ende der Willkommenskultur?<\/p>\n<p>Die K\u00f6lner Silvesternacht l\u00f6ste 2016 eine intensive Debatte \u00fcber die Fl\u00fcchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und \u00fcber das ersch\u00fctterte Vertrauen in den Rechtsstaat aus. Dabei ging es auch um die Rolle der Medien, etwa um die Frage, ob in Berichten \u00fcber Straftaten die Nationalit\u00e4t des T\u00e4ters genannt werden sollte.\u00a0<\/p>\n<p>Vielfach wurde das Thema sexuelle Gewalt mit Migranten verkn\u00fcpft &#8211; und manchmal schwang dabei mit: Wenn wir die fremden jungen M\u00e4nner wieder loswerden, dann halten wir uns damit auch dieses Problem vom Hals. Die weitaus meisten sexuellen \u00dcbergriffe finden jedoch durch Freunde und in der Familie statt. Die \u00abStadtbild\u00bb-Debatte von 2025 nach \u00c4u\u00dferungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte Ankl\u00e4nge an den damaligen Diskurs.\u00a0<\/p>\n<p>Immer wieder wurde die K\u00f6lner Silvesternacht als das Ende der deutschen Willkommenskultur beschrieben. Doch Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass sich ein so radikaler Umschwung nicht durch Zahlen belegen l\u00e4sst. \u00abDass 2015\/16 wirklich so eine Scheidelinie in der Migrationspolitik war &#8211; da bin ich skeptisch\u00bb, sagt der Soziologe Steffen Mau (\u00abTriggerpunkte\u00bb) im Gespr\u00e4ch mit der dpa. \u00abWenn man sich die Sonntagsfrage von 2020 bis 2022 anschaut: Da lag die AfD die meiste Zeit zwischen\u00a09 und 11 Prozent. Der wirkliche Zuwachs fand erst hinterher statt, als der lange Sommer der Migration und die K\u00f6lner Silvesternacht schon lange zur\u00fccklagen.\u00bb<\/p>\n<p>Ebenso sieht es der Historiker Frank Trentmann aus London, Autor der B\u00fccher \u00abAufbruch des Gewissens\u00bb und \u00abDie blockierte Republik\u00bb. Er erinnert daran: Noch 2018 erkl\u00e4rten in einer repr\u00e4sentativen Umfrage 53 Prozent der Befragten, wenn Zuwanderer sich in ihrem Land zu Hause f\u00fchlten, dann mache sie das gl\u00fccklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"K\u00f6ln (dpa) &#8211; Die k\u00f6rnigen Bilder gingen um die Welt: im Vordergrund junge, dunkelhaarige M\u00e4nner, vor ihnen Rauch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":681267,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[29,30,1724,9160,2280,1420,1584,1209,2281,158090],"class_list":{"0":"post-681266","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-gesellschaft","11":"tag-jahrestag","12":"tag-jahreswechsel","13":"tag-koeln","14":"tag-kriminalitaet","15":"tag-nordrhein-westfalen","16":"tag-silvester","17":"tag-zum-31-dezember"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115810798417662580","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/681266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=681266"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/681266\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/681267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=681266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=681266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=681266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}