{"id":681635,"date":"2025-12-31T01:32:11","date_gmt":"2025-12-31T01:32:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/681635\/"},"modified":"2025-12-31T01:32:11","modified_gmt":"2025-12-31T01:32:11","slug":"es-gibt-keinen-weg-zum-frieden-denn-frieden-ist-der-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/681635\/","title":{"rendered":"\u201eEs gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eNicht alle von uns k\u00f6nnen gro\u00dfe Dinge tun. Aber wir k\u00f6nnen kleine Dinge mit gro\u00dfer Liebe tun.\u201c Dieses Zitat von Mutter Teresa, das mir in der Weihnachtspredigt von Eva von Winterfeld in der Unterbarmer Hauptkirche begegnete, gab mir zu denken. Wir alle werden t\u00e4glich konfrontiert mit \u201egro\u00dfen Dingen\u201c \u2013 und dadurch mit unserer scheinbaren Unwirksamkeit. Dabei sind wohl ausnahmslos alle \u201egro\u00dfen Dinge\u201c in dieser Welt durch kleine Schritte entstanden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dadurch, dass jemand einfach angefangen hat, etwas bis dahin Unvorstellbares zu tun, beispielsweise Ende der 1970er Jahre in einem Berliner Hinterhof Solartechnik zu entwickeln. Das hat damals niemanden interessiert und schien auch keine Zukunft zu haben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Vergangenen Sommer wurde ich f\u00fcr die Er\u00f6ffnung einer Gedenkausstellung zum achtzigsten Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima in der Alten Glaserei um einen Redebeitrag gebeten. Diesen entwickelte ich damals aus den \u00bbkleinen Dingen\u00ab und den Erfahrungen in der lokalen Kulturarbeit, weshalb ich mir erlaube, ihn zum Jahresabschluss hier in dieser Kolumne zu ver\u00f6ffentlichen. Sein Titel lautet \u201eFrieden machen\u201c: Frieden ist ein gro\u00dfes Wort. Ein Gef\u00fchl der Geborgenheit m\u00f6chte sich ausbreiten bei seinem Klang, ein endg\u00fcltiges L\u00f6sen aller Spannungen \u2013 bis hin zur \u201eRuhe in Frieden\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eSi vis pacem, para bellum!\u201c \u2013 \u201eWenn du Frieden willst, r\u00fcste zum Krieg!\u201c, lautet ein Zitat von Publius Flavius Vegetius Renatus, einem Kriegstheoretiker des 4. Jahrhunderts. Aktuell scheint dies europaweit die Losung zu sein. Gigantische Sonderverm\u00f6gen und ein drastisch wachsender Anteil unseres Bruttoinlandsprodukts sollen uns f\u00fcr den Frieden r\u00fcsten. Der Frieden basiert hier auf einer Vorstellung der St\u00e4rke, des Ger\u00fcstetseins. Es ist ein Frieden in den Kategorien des Krieges, ein realistischer Frieden, m\u00f6glicherweise \u2026 \u201eIch mache meinen Frieden\u201c, hei\u00dft es in der deutschen Sprache, wenn wir uns mit etwas abfinden, durch etwas hindurch sind, wenn wir etwas annehmen. Hier schwingt schon mit, dass Frieden nicht immer ideal, nicht etwas Umfassendes sein muss oder kann \u2013 zumindest, solange wir leben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ich m\u00f6chte hier von scheinbar kleinen Dingen sprechen. Sp\u00e4testens, seit wir im Kollektiv den Kulturort Insel in Wuppertal leiten, sind mir diese scheinbar kleinen Dinge ans Herz gewachsen, sind sie mir vertraut in meiner allt\u00e4glichen Praxis. Alle in unserem Team kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, sind in unterschiedlichen Lebensphasen und haben unterschiedliche politische Einstellungen. Wir machen unsere gemeinsame Arbeit freiwillig und k\u00f6nnen jederzeit auseinandergehen. Dies auszuhalten, ja: produktiv werden zu lassen, ist f\u00fcr uns Alltag. Es ist wie ein Mikrokosmos. Gemeinsam tragen wir die Verantwortung f\u00fcr etwas Gr\u00f6\u00dferes.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die scheinbar kleinen Dinge begegnen mir in der \u00dcberzeugung, dass \u201eFrieden\u201c keine Utopie ist, sondern eine Entscheidung, die wir allt\u00e4glich treffen. Eine Entscheidung f\u00fcr den Frieden und gegen Unfrieden. Selbstverst\u00e4ndlich gelingt das nicht immer. Oder, um mit Mahatma Gandhi zu sprechen: \u201eEs gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ich halte eine T\u00fcr hinter mir auf und ernte ein L\u00e4cheln, ein \u201eDanke\u201c oder auch nichts. Ich versuche p\u00fcnktlich zu sein und Menschen nicht auf mich warten zu lassen. Ich sage \u201ebitte\u201c, ich sage \u201edanke\u201c. Ich sage \u201edas hast Du gut gemacht\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ich akzeptiere, dass mein Gegen\u00fcber eine andere Weltsicht, eine andere Wahrheit hat als ich, und interessiere mich daf\u00fcr. Finden wir etwa doch Gemeinsamkeiten?<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der N\u00e4he unseres Hauses treffe ich beim Spazierengehen seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig auf einen \u00e4lteren, t\u00fcrkisch anmutenden Mann. Er wirkt wie in Trauer, schaut immer zu Boden, die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt. Als ich ihm letztes Jahr im Herbst begegne, mein Vater war gerade gestorben, richtet er sich pl\u00f6tzlich auf, sieht mir in die Augen und sagt \u201eGuten Tag\u201c. Als h\u00e4tten wir Trauernden uns erkannt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In ihrem Buch \u201eStreiten\u201c unterscheidet die Philosophin Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler zwischen Gegnern und Feinden. Unsere Gegner, in einer diskursiven Auseinandersetzung oder im Sport, k\u00f6nnen wir besiegen oder \u00fcberzeugen wollen, doch am Ende bleiben sie, was sie sind: Menschen unter Menschen. Unsere Feinde hingegen m\u00f6chten wir vernichten, sie sind etwas grunds\u00e4tzlich Anderes, es gilt: sie oder wir.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Auch Tiere, um sie einsperren und t\u00f6ten zu k\u00f6nnen, erkl\u00e4ren wir \u2013 Tiere unter Tieren \u2013 zu etwas ganz Anderem. \u201eSolange er den Kreis seines Mitgef\u00fchls nicht auf alle Lebewesen ausdehnt\u201c, so der Arzt, Theologe, Musiker und Philosoph Albert Schweitzer, \u201ewird der Mensch selbst keinen Frieden finden\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Frieden f\u00e4ngt damit an, was wir essen. Die Sprache macht unsere Mitmenschen zu Feinden. Feindbilder zu malen ist eine der vorz\u00fcglichsten Aufgaben von Propaganda. Das kann sehr \u00fcberzeugend, beinahe erl\u00f6send sein: \u201eMit denen, die dieses oder jenes wollen oder tun, ist kein Friede m\u00f6glich\u201c, hei\u00dft es dann, \u201ewir m\u00fcssen sie ausl\u00f6schen. Nur dann kann es Frieden geben \u2026\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Im Jahr 1995 und nochmal einige Jahre sp\u00e4ter war ich in S\u00fcdafrika unterwegs und durfte Zeuge eines einmaligen Prozesses sein. Mein Jungsein und meine Naivit\u00e4t sch\u00fctzten mich damals vor der Gewalt, der ich mich potenziell aussetzte, indem ich Bus und Zug fuhr, was dort bis dahin kaum Wei\u00dfe taten, indem ich nachts zu Fu\u00df durch Kapstadt lief, wie ich es von Zuhause kannte, indem ich mich von einem der Bewohner durch eine Township fahren und zu einem abendlichen Treffen mitnehmen lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ich wusste nicht viel von der damals ganz jungen Vergangenheit der Apartheid und ihren Schrecken. Im Fernsehen liefen die Prozesse der sogenannten Wahrheitskommission. Vertreterinnen und Vertreter des vormaligen Apartheid-Regimes, die f\u00fcr Inhaftierungen verantwortlich gewesen waren oder Menschen gefoltert hatten, konnten straffrei davonkommen, wenn sie mit ihren Opfern oder deren Angeh\u00f6rigen \u00fcber ihre Taten ins Gespr\u00e4ch kamen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Live und landesweit im Fernsehen. Menschen rangen mit ihren Wahrheiten, weinten, schrien oder lagen sich in den Armen. Es wurde verziehen. Es war ein unglaublicher Vorgang. Ihm vorausgegangen waren die Reden Nelson Mandelas \u2013 nach 27 Jahren aus politischer Haft entlassen \u2013, die scharf waren, aber immer im Sinne der Gegnerschaft, nicht der Feindschaft. Es sollte damals eine Zukunft geben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Individuell gewendet macht das Bild des Ger\u00fcstetseins f\u00fcr den Frieden vielleicht etwas Sinn: Um Frieden zu machen, m\u00fcssen wir frei sein, m\u00fcssen wir uns einigerma\u00dfen souver\u00e4n f\u00fchlen, m\u00fcssen wir im Alltag l\u00e4cheln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Achten wir also auf uns. Versuchen wir, unseren Frieden zu machen. Jeden Tag. In ganz kleinen Etappen, die den Weg des Friedens bilden. \u201ePeace is not something you wish for\u201c, sagte einmal John Lennon, \u201eIt\u2018s something you make, something you do, something you are, and something you give away.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eNicht alle von uns k\u00f6nnen gro\u00dfe Dinge tun. 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