{"id":683410,"date":"2025-12-31T18:28:16","date_gmt":"2025-12-31T18:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/683410\/"},"modified":"2025-12-31T18:28:16","modified_gmt":"2025-12-31T18:28:16","slug":"immer-echte-sz-im-besten-sinne-zum-tod-von-franz-kotteder-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/683410\/","title":{"rendered":"Immer echte SZ im besten Sinne: Zum Tod von Franz Kotteder &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Am 29. Oktober 1982, einem Freitag, erschien im lokalen Teil der S\u00fcddeutschen Zeitung, der dem M\u00fcnchner S\u00fcden gewidmet war, ein Artikel \u00fcber eine B\u00fcrgerversammlung, die im Haderner \u201eWaldheim\u201c stattgefunden hatte. Im vollen Saal war es hoch hergegangen. Der Plan der Stadt, die Heiglhofstra\u00dfe an die Tischlerstra\u00dfe anzubinden, rief viel Kritik hervor. Ihre Stra\u00dfe sei \u201ebereits eine Rennstrecke\u201c, mehr Verkehr k\u00f6nne man nicht gebrauchen, trugen Anwohner vor. Auch der Vorschlag der SPD-Fraktion im Bezirksausschuss, die Durchfahrt mit Schranken zu regeln, stie\u00df auf wenig Begeisterung. \u201eTeilweise heftige Proteste\u201c vermeldete der Chronist, den die SZ geschickt hatte. Sein Name: Franz Kotteder.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Der Text, unter dem die Sonderaktion einer Kosmetikpraxis in Solln beworben wurde (\u201eManicure neun Mark\u201c), ist das erste publizistische Zeugnis, das sich von <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/autoren\/franz-kotteder-1.1408726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franz Kotteder im SZ-Archiv<\/a> finden l\u00e4sst. Wirklich sicher, dass es sein erster Beitrag f\u00fcr die SZ ist, sind sich die Experten allerdings nicht. In jenen Jahren wurde noch nicht alles digital gespeichert, was zeigt, wie weit das Wirken von Franz Kotteder zur\u00fcckreicht. 1982 gab es die SZ seit 37 Jahren. Inzwischen sind es 80 Jahre. Franz Kotteder oder fjk, wie sein K\u00fcrzel war, hat an mehr als der H\u00e4lfte der SZ-Geschichte mitgeschrieben.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Was ebenfalls gesichert ist: Geschrieben hat er auch vorher schon. In der Schule gab er eine \u201eArt Sch\u00fclerzeitung\u201c heraus, wie er es selbst einmal genannt hat: Ein Heft, das er mit seinem Banknachbarn erstellte und das den Namen \u201eDer kleine Brunnenvergifter\u201c trug. Ansonsten begeisterte ihn in der Schule weniges wirklich. Berufsziel seinerzeit: \u201eIrgendetwas zwischen Schriftsteller und Rockgitarrist\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Geld mit Schreiben verdiente er dann erstmal beim W\u00fcrmtal-Boten, einem Blatt, das dreimal in der Woche erschien und sich dem Geschehen in Pasing und der Umgebung widmete. Als der Bote pleiteging, zog Kotteder weiter: zum Werbe-Spiegel, zum Stadtanzeiger. Die Bezirksaussch\u00fcsse blieben zun\u00e4chst sein Revier. \u201eDiese kleinen, lokalen Politikgremien, die \u00fcber jede Kleinigkeit beraten durften, aber so gut wie nichts zu entscheiden hatten, waren eine gute Schule\u201c: So hat er es in den Neunziger Jahren selbst in einem Portr\u00e4t von sich im SZ-Betriebsratsmagazin formuliert.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Zu dieser Zeit war er \u2013 nach Abitur, Zivildienst, abgebrochenem Volkswirtschaftsstudium und Volontariat \u2013 schon nicht mehr nur Redakteur der M\u00fcnchner Kultur, sondern bereits zum verantwortlichen Redakteur f\u00fcr den Bereich aufgestiegen. 1998 wurde er zum leitenden Redakteur und hob das SZ-Extra mit aus der Taufe, die Beilage, die das Kulturgeschehen in der Stadt einmal in der Woche auf neuartige und unterhaltsame Art b\u00fcndelte.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Um Kultur auf andere Weise ging es dann auch in der n\u00e4chsten Station, die sich im Sommer 2010 anf\u00fcgte. Als \u201eLeitender Redakteur mit Reporter-Aufgaben im Ressort <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/M%C3%BCnchen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00fcnchen<\/a>, Region und Bayern\u201c k\u00fcmmerte er sich um die Kulinarik. Die Gastronomie-Berichterstattung in einer so vielf\u00e4ltigen Stadt wie M\u00fcnchen ist ein weites Feld.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Von Bier- und Brezen-Trends bis zur Sterne-Deutung und der gewissenhaften Organisation und Pflege der w\u00f6chentlichen Restaurantkritik (der wegen der Nicht-Erkennbarkeit der Testerinnen und Tester unter Pseudonymen verfassten <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/muenchen\/muenchen-essengehen-ausgehen-restaurant-kritik-sz-kostprobe-e256447\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eKostproben\u201c<\/a>) und der w\u00f6chentlichen Kolumne \u00fcber die Ver\u00e4nderungen in der Gastroszene, der \u201eLokalrunde\u201c: In dieser Rolle ging Franz Kotteder auf.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Wenn sich etwas tat in der M\u00fcnchner Spitzenk\u00fcche oder bei den Wiesn-Wirten, wenn ein bekannter K\u00fcchenchef ging, ein neuer kam oder sich jemand aus der Sternenk\u00fcche mit einem eigenen Restaurant selbst\u00e4ndig machte: Franz Kotteder schrieb es, bestens vernetzt, sehr oft als erster auf. So auch in einer seiner letzten Geschichten, erschienen im Mai 2025, die davon handelte, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/oktoberfest-2025-muenchen-paulaner-festzelt-wirtin-li.3253301\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dass Arabella Sch\u00f6rghuber als Wiesn-Wirtin die Paulaner-Festhalle abgibt<\/a>.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In die Rolle des Wiesn-Reporters war Franz Kotteder quasi schon hineingeboren worden. Er hatte das Licht der Welt einst zur Oktoberfestzeit erblickt und hat lange unweit der Festwiese gewohnt. Im Zeitalter der Videobesprechungen, welches in der SZ-Redaktion, so wie auch anderswo, mit der Corona-Pandemie begann, zierte stets auch ein aktuelles Bild der Theresienwiese\u00a0\u2013 mal mit, mal ohne Zelte \u2013\u00a0seinen Hintergrund, wenn er sich in der M\u00fcnchen-Konferenz oder in der gro\u00dfen SZ-Konferenz zu Wort meldete.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/a659c6e9-0c56-4cd8-8cc7-bb8667f65bb8.jpg\"   alt=\"Vom freien Mitarbeiter zum Leitenden Redakteur: Franz Kotteder hat an vielen Stellen der SZ auf viele Weise gewirkt.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Vom freien Mitarbeiter zum Leitenden Redakteur: Franz Kotteder hat an vielen Stellen der SZ auf viele Weise gewirkt. (Foto: Florian Peljak)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Was mit den Jahren ebenfalls wuchs: sein Engagement als Betriebsrat. Ein F\u00fcrsprecher f\u00fcr Arbeitnehmerbelange war er jedoch auch schon, bevor er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Gremiums bei der SZ aufstieg und zentrale Aufgaben bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi \u00fcbernahm, f\u00fcr die er zuletzt den Landesvorsitz der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Bayern innehatte. Bis zuletzt lie\u00df er sich von nichts davon abhalten, mit den Arbeitgebern bei den j\u00fcngsten Tarifverhandlungen f\u00fcr die Zeitungsredakteure um h\u00f6here Geh\u00e4lter zu ringen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Furchtlosigkeit gegen\u00fcber den vermeintlich M\u00e4chtigen, eine Unersch\u00fctterlichkeit der eigenen Standpunkte, eine mitunter schneidende Rhetorik: Konzilianz war nicht die herausstechende Eigenschaft, mit der er diese Rolle interpretierte. Aber es war eine kraftvolle Interpretation, die vieles bewegte und ihm jahrelang viele Stimmen bei den Betriebsratswahlen einbrachte, nicht zuletzt Stimmen aus der Redaktion.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">F\u00fcr etwas einstehen. Denjenigen beistehen, die es n\u00f6tig haben: Daf\u00fcr stand Franz Kotteder. Widerst\u00e4nde hat er dabei nie gescheut. Wenn ihm der Rummel um die vermeintlich Prominenten auf der Wiesn zu gro\u00df wurde oder das Mitgef\u00fchl f\u00fcr Besserverdienende, denen die Regierung die Elterngeldanspr\u00fcche entzog, dann konnte der Furor in ihm losbrechen, ohne R\u00fccksicht auf Befindlichkeiten anderer. Manche Konferenz wurde deshalb lebhaft. Und gerade deshalb entstanden immer wieder auch grandiose Texte.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Stets den Menschen zugewandt, im Kleinen das Gro\u00dfe erkennen und im Gro\u00dfen nie die Schw\u00e4chsten aus dem Blick verlieren, skeptisch, aber doch grundheiter und nie hoffnungslos: Mit dieser Herangehensweise ist Franz Kotteder immer echte SZ im besten Sinne gewesen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Als 2022 das Oktoberfest nach zwei Jahren Corona-Pause zum ersten Mal wieder stattfand,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/oktoberfest-2022-muenchen-besucher-laender-1.5662765\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hat er geschrieben<\/a>: \u201eIn Zeiten wie diesen, in denen vielen Menschen schlicht das Geld ausgeht und der Krieg in der Ukraine \u00c4ngste weckt, ist ihnen eben nicht nach Party zumute. Und sie wundern sich, warum andere umso ungehemmter feiern wollen. Da hilft zur Erkenntnis vielleicht das Modell der \u201aKrisenheterotopie\u2018 des franz\u00f6sischen Soziologen und Philosophen Michel Foucault weiter. Der sagt, in Zeiten der Krise schafften sich die Menschen gerne \u201atats\u00e4chlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Pl\u00e4tze innerhalb der Kultur gleichzeitig repr\u00e4sentiert, bestritten und gewendet sind\u2018. Passt irgendwie ganz gut zum Oktoberfest, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Seine Meinungsbeitr\u00e4ge dokumentierten, ebenso wie seine Glossen f\u00fcr den Bayern-Teil, dass er stets mehr als das Geschehen in M\u00fcnchen im Blick hatte. Er war einer der besten Politikversteher und -deuter im Freistaat. Dass das Medium Magazin ihn vor einiger Zeit zu einem der Top-Unterhaltungsjournalisten der Republik k\u00fcrte, dokumentierte, wie weit seine Stimme wirkte.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Diese Stimme ist nun verstummt. Franz Kotteder ist im Alter von 62 Jahren nach einer l\u00e4ngeren, schweren Krankheit gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 29. 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