{"id":68355,"date":"2025-04-28T15:30:18","date_gmt":"2025-04-28T15:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/68355\/"},"modified":"2025-04-28T15:30:18","modified_gmt":"2025-04-28T15:30:18","slug":"souveraene-entscheidungen-von-philipp-lepenies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/68355\/","title":{"rendered":"&#8222;Souver\u00e4ne Entscheidungen\u201c von Philipp Lepenies"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang dieses Buches steht das Erschrecken, vielleicht sogar ein Entsetzen. Es ist das Erschrecken \u00fcber die Erosion der Demokratie in Deutschland, in Europa, in der Welt. F\u00fcr Philipp Lepenies geht es dabei nicht nur um eine Verrohung der politischen Sitten oder eine Brutalisierung des Diskurses. Die Unzufriedenheit mit der Demokratie, konstatiert Lepenies, sei l\u00e4ngst in Ablehnung umgeschlagen, wenn nicht in offene Verachtung, und zwar in allen Schichten. Dieser Misere m\u00f6chte er eine andere Erz\u00e4hlung entgegensetzen. <\/p>\n<p>Sein Band &#8222;Souver\u00e4ne Entscheidungen&#8220; ist eine Erz\u00e4hlung des Willens zur Demokratie, denn er schreibt: \u201eMich interessiert, wie Demokratien entstanden sind. Mich interessiert das Werden der Demokratie, und zwar deswegen, weil ich glaube, dass im Wissen um das Werden auch Erkenntnisse gewonnen werden, die helfen, sich gegen das Vergehen der Demokratie zu stemmen. Im Abwehrkampf der bedrohten Demokratie kann man gar nicht genug Waffen zur Verteidigung bem\u00fchen.\u201c<\/p>\n<p>Lepenies wirft Schlaglichter auf die weltgeschichtlichen Momente, in denen Monarchien zu Republiken wurden und in denen das Recht Oberhand \u00fcber die Gewalt erlangte. Er blickt auf die Revolutionen in Frankreich und den USA, aber auch auf die oft versuchten und als gescheitert geltenden Revolutionen in Deutschland. Die Akteure, die er in den Mittelpunkt stellt, sollen exemplarisch stehen f\u00fcr die Ideen der Demokratie, aber mehr noch f\u00fcr die praktische Erfahrung.<\/p>\n<p>              Demokratien in England, den USA, Deutschland und Frankreich<\/p>\n<p>Wenn Lepenies auf das England des 17. Jahrhunderts blickt, betont er, dass ausgerechnet in einer Zeit des religi\u00f6sen B\u00fcrgerkrieges, voller Fanatismus und Intoleranz, die Vorstellung aufkam, dass der Mensch frei sei und Rechte besitze. Dabei folgt Lepenies weniger den gro\u00dfen Antagonisten Oliver Cromwell und K\u00f6nig Charles I. \u2013 Lepenies interessiert sich f\u00fcr die Levellers, jene Gruppe von radikalen Puritanern, die auf Flugbl\u00e4ttern und in Tavernen die Ideen von Mitbestimmung und Gleichheit verbreiteten. Es waren Handwerker und Gesellen, die in ihren Gemeinden das Debattieren, Aushandeln und Abstimmen erlernt und gepflegt hatten.<\/p>\n<p>Die Entstehung der amerikanischen Demokratie am Ende des 18. Jahrhunderts ist ein komplexes Kapitel: Die Gr\u00fcndungsv\u00e4ter bewiesen vision\u00e4re Kraft, aber auch Menschenverachtung und Profitdenken. Lepenies konzentriert sich auf zwei Punkte: das System der Repr\u00e4sentation, mit dem Leidenschaften und Partikularinteressen geb\u00e4ndigt werden sollten, und die Betonung von W\u00fcrde und Tugend.<\/p>\n<p>Dabei gibt sich Lepenies keinen Illusionen hin: Die gro\u00dfen Makel der amerikanischen Demokratie bleiben die Vernichtung der indigenen Bev\u00f6lkerung und die Sklaverei. Den Betroffenen gew\u00e4hrte die Verfassung weder Freiheit noch Rechte. Und doch bleibt f\u00fcr Lepenies der etwas aristokratische Anspruch der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter g\u00fcltig, dass Ehre, W\u00fcrde und Tugend f\u00fcr das Gelingen einer Demokratie unerl\u00e4sslich seien. Aber was tun, wenn die Niedertr\u00e4chtigen die Regierung kapern? Darauf wussten die Gr\u00fcnderv\u00e4ter keine Antwort.<\/p>\n<p>Die Franz\u00f6sische Revolution erhob einen weltumfassenden Anspruch. Sie formulierte nicht die Rechte der Franzosen, sondern universelle Menschenrechte. Lepenies f\u00fchrt durch die Zeit der Revolutionswirren nicht mit den charismatischen Figuren Danton, Desmoulins oder Robespierre, sondern mit dem spr\u00f6den Abb\u00e9 Siey\u00e8s, der gro\u00dfen Abscheu vor den Privilegien des Adels aufbrachte, bevor er selbst den Verlockungen von Ruhm und Reichtum verfiel. Ihm zu verdanken sind jedoch die unsterblichen Worte, mit denen er das B\u00fcrgertum zum Tr\u00e4ger der franz\u00f6sischen Nation machte: \u201eErstens: Was ist der dritte Stand? Alles. Zweitens: Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts. Drittens: Was verlangt er? Etwas zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Durch die Geschichte der deutschen Revolten f\u00fchrt Lepenies in Siebenmeilenstiefeln. Er folgt dabei verschiedenen Protagonisten, die aufrecht, aber oft vergeblich f\u00fcr die Demokratie stritten: dem Weltumsegler und enthusiastischen Jakobiner Georg Forster in der Mainzer Republik, dem zuverl\u00e4ssigen Notar Friedrich Jucho in der Frankfurter Nationalversammlung und dem ehrenhaften Staatsrechtler Hugo Preu\u00df in Weimar, der f\u00fcr die Demokratie mehr Elan und genossenschaftlichen Geist forderte.<\/p>\n<p>              Versprechen auf ein besseres Leben<\/p>\n<p>Philipp Lepenies erz\u00e4hlt eigenwillig, aber zuverl\u00e4ssig von den K\u00e4mpfen gegen die anma\u00dfende Obrigkeit &#8211; f\u00fcr Recht und Freiheit. Mitunter ger\u00e4t ihm dies in Diktion und Literaturauswahl etwas altmodisch, und nicht immer bleibt sein roter Faden erkennbar. Aber in seinem Fazit ist das Buch dann wieder stark.<\/p>\n<p>Die Demokratie sei ein Versprechen auf ein besseres Leben. Demokratisches Handeln m\u00fcsse erfahrbar sein und sich den Idealen ann\u00e4hern: der sozialen Gerechtigkeit, der Chancengleichheit, der Verbesserung der Lebensbedingungen. Demokratie sei aber auch mit einer erzieherischen Aufgabe verbunden. Sie m\u00fcsse gelehrt und ge\u00fcbt werden, mahnt Lepenies. \u201eNicht nur das Diskutieren und Auseinandersetzen mit anderen Positionen ist dabei wichtig, sondern das Entscheiden, das gemeinsame Beschlie\u00dfen, Abstimmen, die Kompromissl\u00f6sung, aber auch die Akzeptanz des \u00dcberstimmtwerdens.\u201c<\/p>\n<p>              R\u00fcckbesinnung aufs Gemeinwesen<\/p>\n<p>Das mangelnde Vertrauen in die Demokratie, das macht Philipp Lepenies deutlich, sei durchaus auch die Folge einer Politik, die den Menschen nicht mehr das Gef\u00fchl gibt, dass sich ihr Leben bessert. Aber der Unmut habe seine Ursache auch im Gesellschaftlichen, in der Vereinzelung und in abnehmender Affektkontrolle. Als Gegenmittel empfiehlt der Autor, sich auf das Gemeinwesen zu besinnen &#8211; auf das Miteinander im Chor, im Sportverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr.<\/p>\n<p>Die Entscheidung zur Demokratie, die liegt beim Souver\u00e4n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Anfang dieses Buches steht das Erschrecken, vielleicht sogar ein Entsetzen. 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