{"id":684239,"date":"2026-01-01T02:39:17","date_gmt":"2026-01-01T02:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/684239\/"},"modified":"2026-01-01T02:39:17","modified_gmt":"2026-01-01T02:39:17","slug":"nazi-vergangenheit-karl-haeupl-institut-in-duesseldorf-umbenannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/684239\/","title":{"rendered":"Nazi-Vergangenheit: Karl-H\u00e4upl-Institut in D\u00fcsseldorf umbenannt"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> Am 29. Oktober 2025 kam es an der Humboldt-Universit\u00e4t <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/berlin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berlin<\/a> zu einer ebenso ungew\u00f6hnlichen wie reinigenden Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahme. An diesem Tag fand eine Gedenkfeier der deutschen Zahn\u00e4rzteschaft statt. Dabei sprachen auch der Beauftragte der Bundesregierung gegen <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/antisemitismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antisemitismus<\/a>, Felix Klein, und der Pr\u00e4sident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Die Zahn\u00e4rzte hatten ein ernstes Anliegen: Sie r\u00e4umten ihre historische Verantwortung f\u00fcr die Verfehlungen und Verbrechen ein, die ihre Berufskollegen im \u201eDritten Reich\u201c begangen hatten.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Vorausgegangen war ein mehrj\u00e4hriges Forschungsprojekt, bei dem Wissenschaftler der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/rwth-aachen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RWTH Aachen<\/a> um Professor Dominik Gro\u00df untersuchten, welche Zahn\u00e4rzte in der NS-Zeit zu T\u00e4tern geworden sind und in welchem Umfang sich Zahn\u00e4rzte dem NS-Regime und der NS-Partei andienten. Im Zuge dieser Untersuchungen sind bereits mehrere Preise, Stra\u00dfen und Einrichtungen umbenannt worden, nachdem f\u00fcr die jeweiligen Namensgeber eine NS-Belastung nachweislich geworden war. Der j\u00fcngste und vielleicht schillerndste Fall ist der des D\u00fcsseldorfers \u201eKarl-H\u00e4upl-Instituts\u201c \u2013 eines weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus bekannten Fortbildungsinstituts der Zahn\u00e4rztekammer Nordrhein. Es soll ab dem 1. Januar 2026 den Namen \u201eAlfred-Kantorowicz-Institut\u201c tragen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wie kam es zu dieser Umbenennung? Zun\u00e4chst handelte es sich um eine \u201eRoutineaufgabe\u201c: Im Zuge jenes Forschungsprojekts fasste Gro\u00df\u2019 Team den Entschluss, s\u00e4mtliche 551 zahn\u00e4rztlichen Hochschullehrer, die das \u201eDritte Reich\u201c als Erwachsene erlebt hatten, auf ihre N\u00e4he zum Nationalsozialismus zu \u00fcberpr\u00fcfen. Einer dieser Professoren war Karl H\u00e4upl (1893-1960), der damals zun\u00e4chst als Professor und Vorstand der Klinik f\u00fcr Zahn- und Kieferkrankheiten an der Deutschen Universit\u00e4t in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/prag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prag<\/a> und seit 1943 als Professor und Direktor des Berliner Zahn\u00e4rztlichen Instituts gewirkt hatte. Gro\u00df sagte unserer Redaktion: \u201eH\u00e4upl wurde nach dem Krieg offenbar problemlos entnazifiziert und Anfang der 1950er-Jahre zum Direktor der Westdeutschen Kieferklinik der Medizinischen Akademie D\u00fcsseldorf berufen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Doch was als Standardrecherche begann, entwickelte sich rasch zu einem sehr speziellen Fall, wie Gro\u00df berichtet: \u201eEs zeigte sich, dass H\u00e4upl bereits w\u00e4hrend seiner Zeit an der Deutschen Universit\u00e4t Prag in die zunehmend nationalsozialistisch orientierte ,Sudetendeutsche Partei\u2019 eingetreten war. Von 1939 bis Kriegsende war er dann Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP).\u201c Dokumente belegen, sagt Gro\u00df, \u201edass H\u00e4upl in jenen Jahren in mehreren Schriftst\u00fccken seine Treue zum NS-Staat betonte\u201c. Mehr noch: \u201eEr verwies beflissen darauf, dass er die an seiner Klinik besch\u00e4ftigten Juden in kurzer Zeit durch ,Arier\u2018 ersetzt habe, und bekannte sich ,gottgl\u00e4ubig\u2019 \u2013 ein NS-Begriff, der von Personen gebraucht wurde, die sich aufgrund der NS-Ideologie von der Kirche abgewandt hatten.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dass H\u00e4upl 1943 \u2013 entgegen der Empfehlung professoraler Gutachter \u2013 an das Berliner Zahn\u00e4rztliche Institut berufen wurde, verdankte er keinem Geringeren als \u201eReichsmarschall\u201c Hermann G\u00f6ring, der sich pers\u00f6nlich f\u00fcr H\u00e4upl einsetzte und verf\u00fcgte, dass diese Berufung \u201eohne Debatte\u201c durchzuf\u00fchren sei. 1944 wurde H\u00e4upl zudem in den \u201eBeirat des Bevollm\u00e4chtigten f\u00fcr das Gesundheitswesen Karl Brandt\u201c aufgenommen \u2013 eine Auszeichnung, f\u00fcr die nur regimetreue Personen infrage kamen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es gehe aber noch weiter, so Gro\u00df: \u201eNach 1945 sagte H\u00e4upl im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens in seinem Heimatort <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/innsbruck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Innsbruck<\/a> in allen ma\u00dfgeblichen Punkten die Unwahrheit. So behauptete er, lediglich Parteianw\u00e4rter gewesen zu sein (,Parteibuch habe ich nie eines erhalten\u2019) \u2013 und auch dies nur von 1940 bis 1943. Auch habe er stets eine kritische Distanz zum NS-Staat eingenommen.\u201c Aufgrund dieser Falschaussagen wurde er in Innsbruck aus der \u201eListe der Nationalsozialisten\u201c gestrichen. So konnte er seine Karriere in D\u00fcsseldorf weiter ausbauen. Dass er posthum zum Namensgeber des \u201eKarl-H\u00e4upl-Instituts\u201c auserkoren wurde, schien fast eine logische Konsequenz.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wie ist die Umbenennung des Instituts zu bewerten? Gro\u00df \u00e4u\u00dfert sich zur\u00fcckhaltend: \u201eAls Medizinhistoriker ist es meine Aufgabe, Fakten zu sammeln, die als Entscheidungsgrundlage dienen k\u00f6nnen. Die Schlussfolgerungen obliegen dann den berufspolitisch Verantwortlichen \u2013 in diesem Fall dem Pr\u00e4sidenten der Zahn\u00e4rztekammer Nordrhein Ralf Hausweiler und seinen Vorstandskollegen. Ich habe aber gro\u00dfen Respekt vor dieser Umbenennung und halte sie f\u00fcr sehr gut nachvollziehbar.\u201c Auch die neue Bezeichnung als Alfred-Kantorowicz-Institut h\u00e4lt Gro\u00df f\u00fcr eine gute Wahl: \u201eDer Bonner Professor Kantorowicz war ein international bekannter j\u00fcdischer Hochschullehrer. Er ist ein \u00fcberaus w\u00fcrdiger Namensgeber.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 29. Oktober 2025 kam es an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin zu einer ebenso ungew\u00f6hnlichen wie reinigenden Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahme. 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