{"id":684274,"date":"2026-01-01T02:58:10","date_gmt":"2026-01-01T02:58:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/684274\/"},"modified":"2026-01-01T02:58:10","modified_gmt":"2026-01-01T02:58:10","slug":"kunst-wie-man-die-schoenen-durchschaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/684274\/","title":{"rendered":"Kunst: Wie man die Sch\u00f6nen durchschaut"},"content":{"rendered":"<p>Bis heute sehen wir die Belle \u00c9poque durch die gro\u00dfartigen Portr\u00e4ts von John Singer Sargent. Der Maler war Chronist einer Welt, die sich im Glanz ihrer selbst beobachtete \u2013 und darauf zu warten schien, entlarvt zu werden.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Und wieder kann man ihm nicht in die Seele sehen. Dem letzten der wirklich gro\u00dfen Gesellschaftsmaler der Kunstgeschichte, der mehr als 200 Jahre sp\u00e4ter ganz gegenw\u00e4rtig an Anthonis van Dyck erinnert: <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article145596011\/Der-schoene-Schein-der-oberen-Zehntausend.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article145596011\/Der-schoene-Schein-der-oberen-Zehntausend.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Singer Sargent<\/a> (1856\u20131924). Denn in einem seiner nur drei Selbstbildnisse schaut er ausgerechnet als jugendlicher Durchstarter seltsam nicht fassbar dem Betrachter entgegen. <\/p>\n<p>Das Gesicht bleibt diffus hinter einem bewusst verbergenden Vollbart. Der Blick \u2013 die eine Pupille verschwimmt fast mit dem Hintergrund, die andere ist nur ein brauner Knopf \u2013 ist irgendwohin gerichtet, vermeidet jede Stimmungsausdeutung und Attit\u00fcde-Befindlichkeit, bleibt g\u00e4nzlich vage. Als ob er, der die Objekte seines K\u00fcnstlertums f\u00fcr gew\u00f6hnlich so pr\u00e4zise mit dem Pinsel einkreiste und ihre Pers\u00f6nlichkeit malend offenlegte, selbst im Dunkel des Vermutens bleiben wollte, sich selbst nicht f\u00fcr abbildenswert hielt.<\/p>\n<p>Dieses penibel verbergende Portr\u00e4t des 30-J\u00e4hrigen steht sprechend am Beginn eines Bilderparcours, der doch sehr besonders ist. Im <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.musee-orsay.fr\/en\/whats-on\/exhibitions\/sargent-dazzling-paris\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.musee-orsay.fr\/en\/whats-on\/exhibitions\/sargent-dazzling-paris&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Mus\u00e9e d\u2019Orsay ist unter dem sch\u00f6nen Titel \u201e\u00c9blouir Paris\u201c<\/a> (Paris blenden) in Frankreich die erste monografische Ausstellung eines K\u00fcnstlers zu sehen, der an der Seine gelernt hat, der hier seine ersten Erfolge im Pariser Salon feierte. <\/p>\n<p>Singer Sargent wurde aber auch Gegenstand eines saftigen Society-Skandals, hervorgerufen durch sein heute ber\u00fchmtestes, im New Yorker Metropolitan Museum geh\u00fctete Gem\u00e4lde von der \u201eMadame X\u201c. Bevor er sp\u00e4ter nach London und in die Staaten weiterwanderte, um sich endg\u00fcltig bis zum Ersten Weltkrieg als Chronist der sch\u00f6nen und reichen Welt am Ende einer \u00c4ra zu etablieren.<\/p>\n<p>Paradox, dass dieser hier gefeierte Ausstellung so lange gedauert hat, ist doch der enorm wieder wertgesch\u00e4tzte Singer-Sargent in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem viel gezeigten Publikumsliebling der gro\u00dfen Museen, besonders in der anglophonen Welt avanciert. Allein in London zeigte man 2024 in der Tate Gallery <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article252175774\/Kunst-John-Singer-Sargent-Kleider-machen-Leute-vor-allem-in-Oel-auf-Leinwand.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article252175774\/Kunst-John-Singer-Sargent-Kleider-machen-Leute-vor-allem-in-Oel-auf-Leinwand.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eSinger Sargent und die Mode\u201c<\/a> und im Kenwood House seine Bilder amerikanischer Erbinnen, die mit ihrem jungen Geld das Blut des alten britischen Adels wieder kaufkr\u00e4ftig sprudeln lie\u00dfen. <\/p>\n<p>In Boston versuchte man 2020 sogar, mittels eines im Depot wiedergefundenen Zeichnungenkonvoluts, endlich dingfest zu machen, dass dieser Maler der sch\u00f6nen, in ihrem Reichtum freigiebig zur Schau gestellten, unnahbaren Frauen doch schwul gewesen sei. Den Beweis blieb man \u2013 trotz eines vielfach mit feinem Strich sinnlich umkreisten farbigen Modells und glaubhafter Indizien \u00fcber diese afroamerikanische Muse namens Thomas McKeller \u2013 neuerlich schuldig.<\/p>\n<p>Brillanz des K\u00f6nnens: John Singer Sargent<\/p>\n<p>Aber das ist vielleicht gut so. Denn auch wenn sich jetzt in Paris sehr klarsichtig der Nebel \u00fcber seinen Anf\u00e4ngen ab 1873 bei dem Modemaler Charles Auguste \u00c9mile Durand (genannt Carolus-Duran) wie an der \u00c9cole des Beaux-Arts und seinem franz\u00f6sischen Fr\u00fchwerk lichtet: Singer Sargent, in Florenz geborener Sohn eines wohlhabend durch die Welt nomadisierenden Paars, blieb zeitlebens ein Unbehauster, der sich ungern in die Karten seiner privaten Verh\u00e4ltnisse blicken lie\u00df. <\/p>\n<p>Man wei\u00df viel \u00fcber die Subjekte seiner 900 \u00d6lgem\u00e4lde, 2000 Aquarelle sowie unz\u00e4hliger Skizzen und Kohlezeichnungen, aber wenig \u00fcber ihn. Im Mus\u00e9e d\u2019Orsay erweist sich bereits der junge John Singer Sargent als ungemein vielseitiger Menschen- wie Tieremaler, als Landschaftsschilderer zwischen Idylle und katastrophischem Meeressturm, als Liebhaber des Exotisch-Orientalischen (in seinem wei\u00dfgrauen minimalistischen Meisterst\u00fcck aus Marokko, \u201eSmoke of Ambergris\u201c). <\/p>\n<p>Im Leben wie in der Kunst suchte er die N\u00e4he zu Monet und Manet, ohne je zu imitieren. Bis es mit den gro\u00dfen Portr\u00e4tauftr\u00e4gen zu flutschen begann, malte er akademische Modelle nackt, kopierte Franz Hals und Tizian, \u00fcbte sich an seinen meist m\u00e4nnlichen Freunden, in Zeichnungen, Skizzen, mehr oder wenig fl\u00fcchtig scheinenden, oft aber raffiniert kalkulierten \u00d6lbildern. Immer perfekt ist die Brillanz seines K\u00f6nnens.<\/p>\n<p>Er zeigt aber auch in drei Bildern ganz unterschiedliche Ann\u00e4herungsweisen an die Mitglieder der Familie  Pailleron \u2013 den gelassen blickenden Malerfreund; das auf die sprechenden H\u00e4nde vor schwarzem Kleiderstoff fokussierte Komplettbild von dessen Frau; die ungemein individuell und ernsthaft gezeigten beiden Kinder. Hier ist stringent zu erforschen, wie sehr sich dieser gar nicht glatte, routinierte Maler um jeweils eigenwillige Zugangsformen f\u00fcr die ihm gegen\u00fcberstehenden Individuen m\u00fchte. <\/p>\n<p>Was ihm dann ganz besonders in seinem Meisterst\u00fcck \u201eMadame X\u201c gelungen ist. Die gerne wei\u00dfgeschminkt zu ihren hennarot gef\u00e4rbten Haare in den Belle-\u00c9poque-Salons paradierende Gesellschaftsdame Virginie Am\u00e9lie Avegno Gautreau malte er k\u00fchl-erotisch, verlockend offenherzig \u2013 trotz der gro\u00dfen Abendrobe. Durch den heruntergefallenen Tr\u00e4ger, den er \u2013 das Bild w\u00fchlte die Bourgeoisie im Salon von 1884 ungemein auf \u2013 sp\u00e4ter wieder korrekt einf\u00fcgen musste. <\/p>\n<p>Passenderweise h\u00e4ngt im Umfeld dieses mit vielen Skizzen und Rissen hier lustvoll ausf\u00fchrlichst dokumentierten Werkes dessen m\u00e4nnliches Pendant: der viel sp\u00e4ter von Julian Barnes zum Roman verwandelte \u201eDoktor Pozzi\u201c im unerwartet intimen roten Hausmantel. Dieser Gyn\u00e4kologe und Sch\u00fcrzenj\u00e4ger findet sich als Bronzeb\u00fcste \u00fcbrigens auch in der als geschickte Themenerweiterung genau nebenan im Orsay gezeigten Ausstellung \u00fcben den \u00e4hnlich Society-affinen Bildhauer Paul Troubetzkoy (1866\u20131938).<\/p>\n<p>Dann folgen die gro\u00dfen, ber\u00fchmten Singer-Sargent-Portr\u00e4ts, die seinen Ruhm begr\u00fcndeten. Und die ihn \u2013 anders als etwa seinen glatten, pralinenschachtelbunten Konkurrenten Giovanni Boldini (1842\u20131931) \u2013 autark und stark gegen\u00fcber der eigentlich seinen Beruf verdr\u00e4ngenden Fotografie aufbl\u00fchen lassen. Denn John Singer Sargent bildete eben nicht nur ab, er zeigte selbst im sorgf\u00e4ltigsten Arrangement immer die Imperfektion, das Menschliche seiner Modelle. Er drang tiefer und vielschichtiger in die Pers\u00f6nlichkeiten ein, als sie es eigentlich zugelassen hatten; deswegen sprechen diese Bilder immer noch so beredt zu uns. Egal, ob sie italienische W\u00e4scherinnen verewigen oder amerikanische Bankiersgattinnen. <\/p>\n<p>Interessanterweise steht am Ende dieser hinrei\u00dfenden Folge aus 90 \u2013 \u00fcberraschungsvollen wie oft gesehenen \u2013 Werken das steife, leblose, bisher noch nie \u00f6ffentlich gezeigte Portr\u00e4t der Princesse Edmond de Polignac von 1898. Geboren als Winaretta Singer, erbte sie das notorische N\u00e4hmaschinenverm\u00f6gen und wurde als zweimal mit Schwulen verheiratete lesbische Salonni\u00e8re in Paris zur F\u00f6rderin Strawinskys, Ravels, Saties und Kurt Weills. <\/p>\n<p>Nur mit John Singer Sargent, da hat es einfach nicht \u201eklick\u201c gemacht. Hingegen schon mit \u201eLa Carmencita\u201c, der Variet\u00e9t\u00e4nzerin mit dem glei\u00dfend gelben Flamenco-Kost\u00fcm als allerletztem, furiosem Bildbeispiel singersargentscher Altmeistermanier.<\/p>\n<p>\u201eJohn Singer Sargent \u2013 \u00c9blouir Paris\u201c, bis 11. Januar 2026, Mus\u00e9e d\u2019Orsay, Paris (Katalog 45 Euro)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bis heute sehen wir die Belle \u00c9poque durch die gro\u00dfartigen Portr\u00e4ts von John Singer Sargent. 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