{"id":685625,"date":"2026-01-01T16:36:12","date_gmt":"2026-01-01T16:36:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/685625\/"},"modified":"2026-01-01T16:36:12","modified_gmt":"2026-01-01T16:36:12","slug":"fussball-spielen-um-kurz-die-angst-vor-der-abschiebung-zu-verdraengen-sport","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/685625\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfball spielen, um kurz die Angst vor der Abschiebung zu verdr\u00e4ngen &#8211; Sport"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1vw426e\">Stefan Lenz ist ein reflektierter, abw\u00e4gender Mensch. Marktschreierei ist seine Sache nicht. Man darf es also durchaus ernst nehmen, wenn ein Mann wie er die Vokabel \u201eWahnsinn\u201c benutzt, um zu beschreiben, wie er die Verleihung des Julius-Hirsch-Preises Ende November in Erinnerung hat. Platz drei des vom DFB ausgerufenen Anti-Diskriminierungspreises hatte der von ihm mitgegr\u00fcndete FC Mainaustra\u00dfe belegt \u2013 ein Fu\u00dfballverein aus Bewohnern der dezentralen Fl\u00fcchtlingsunterkunft Mainaustra\u00dfe in M\u00fcnchen-Aubing, der seit 2021 am regul\u00e4ren Ligabetrieb teilnimmt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Zu f\u00fcnft waren sie ins ferne Hamburg gereist und schon am Vorabend mit den anderen Preistr\u00e4gern ins Gespr\u00e4ch gekommen. Am Tag selbst, w\u00e4hrend einer aufwendigen Gala in der Altonaer \u201eFabrik\u201c, kam der Tross aus dem M\u00fcnchner Westen mit viel Prominenz ins Gespr\u00e4ch \u2013 von der Gr\u00fcnen-Politikerin Claudia Roth bis zu DFB-Pr\u00e4sident Bernd Neuendorf. Auch dass der FC Bayern in Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Benny Folkmann einen hochrangigen Funktion\u00e4r entsandt hatte, wurde wohlwollend registriert. Folkmann leitet die Initiative \u201eRot gegen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Rassismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rassismus<\/a>\u201c des FC Bayern.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch was am eindr\u00fccklichsten in Erinnerung geblieben ist, war die Atmosph\u00e4re unter den rund 350 G\u00e4sten \u2013 darunter viele ehemalige Preistr\u00e4ger und Aktivisten aus der Antirassismusarbeit im <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Fu%C3%9Fball\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fu\u00dfball<\/a>. Mit dem Lehrer Axel Weinbrecht, dessen Sch\u00fcler das Leben des von den Nazis ermordeten j\u00fcdischen Nationalspielers Julius Hirsch erforscht und daf\u00fcr den gleichnamigen Preis (Platz 1) erhalten hatten, will Lenz sich bald in einer M\u00fcnchner Lokalit\u00e4t treffen. Der Gast aus Baden m\u00f6chte mal deftig essen, \u201eund den Wunsch kann ich ihm erf\u00fcllen\u201c, sagt Lenz.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/35f16567-f9a9-4932-af66-377a0abbf779.jpg\"   alt=\"Stefan Lenz, Aktivist und Mitbegr\u00fcnder des FC Mainaustra\u00dfe.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Stefan Lenz, Aktivist und Mitbegr\u00fcnder des FC Mainaustra\u00dfe. (Foto: Christoph Ruf\/oh)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Bei Lenz und den aktiven Fu\u00dfballern des FC Mainaustra\u00dfe, die ihr Team \u201eFamilie\u201c nennen, stellte sich in diesem Kreis jedenfalls schnell ein Gef\u00fchl der Geborgenheit ein. Die j\u00fcdische Fu\u00dfballspielerin Rachel Rinast (FC St. Pauli Amateurinnen) artikulierte es so: \u201eIch f\u00fchle mich hier sehr sicher.\u201c Genauso erging es der Delegation aus dem M\u00fcnchner Westen. Der gesellschaftliche Rechtsruck ist nicht zu \u00fcbersehen \u2013 auch wenn er sich im multikulturellen M\u00fcnchner Amateurfu\u00dfball weit weniger bemerkbar zu machen scheint als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. \u201eIch habe nicht den Eindruck, dass rechte Spr\u00fcche zugenommen haben\u201c, sagt Lenz. Einmal sei ein Spieler des Teams von Trainer Boubacar Tangara aufgefordert worden, \u201edahin zur\u00fcckzugehen, wo er herkommt\u201c, berichtet Lenz \u2013 und zwar von einem t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Gegenspieler. Ein anderes Mal habe ein Schiedsrichter die Beleidigung \u201eBimbo\u201c angeblich nicht geh\u00f6rt. \u201eUnd das\u201c, so Lenz, \u201eobwohl ich es genau geh\u00f6rt habe \u2013 und zehnmal weiter weg stand.\u201c Offene Anfeindungen seien auch gar nicht das Hauptproblem an der Mainaustra\u00dfe. Sondern der Alltag in den beengten Wohngruppen, nicht arbeiten zu d\u00fcrfen, die st\u00e4ndige Unsicherheit, ob man nicht bald abgeschoben werde. Und da w\u00e4re noch der t\u00e4gliche Kleinkrieg mit den Beh\u00f6rden, \u201edie zum Teil monate- und jahrelang warten, bis sie Wohngeld auszahlen\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Fu\u00dfball, und das war eines der Hauptmotive bei der Vereinsgr\u00fcndung, ist ein gutes Ventil, um aus dem Alltag herauszukommen, sich auszupowern, sich beweisen zu k\u00f6nnen. Und genau so haben es die Kicker ja auch erlebt. Zuerst als Team in der Freizeitliga namens Royal Bavarian League, wo sie es mit Gegnern wie Royal Promillos und Barfu\u00df Jerusalem zu tun hatten. Und deutlich unterfordert waren: \u201eDie haben gleich das erste Spiel 10:1 gewonnen\u201c, sagt Lenz, der zusammen mit ein paar Gleichgesinnten wie dem damaligen Sozialarbeiter aus der Mainaustra\u00dfe und Kirchenmitgliedern die ungleichen Duelle angeschaut hatte.<\/p>\n<blockquote class=\"css-8x2o0y\"><p>Unsere Spieler tanzen auch oft die N\u00e4chte durch. Aber am Sonntag sind sie halt fit, weil sie keinen Alkohol trinken.<\/p><\/blockquote>\n<p>Stefan Lenz, Gr\u00fcndungsmitglied des FC Mainaustra\u00dfe<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Schnell war der Plan geboren, ein Team f\u00fcr den regul\u00e4ren Ligabetrieb zu melden. Doch so einfach ist das nicht, wenn die Spieler aus Senegal, Somalia oder Mali stammen. Dass ein eingetragener Verein gegr\u00fcndet und eine Satzung geschrieben werden muss, versteht sich von selbst. \u201eAber der e.\u00a0V. muss mehr deutsche als ausl\u00e4ndische Gr\u00fcndungsmitglieder haben\u201c, berichtet Lenz, \u201esonst giltst du als Ausl\u00e4nderverein und stehst unter Beobachtung.\u201c Nachdem die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden \u00fcberwunden waren, gewann der FC Mainaustra\u00dfe gleich sein erstes Spiel im Pokal mit 4:2. Und im Ligabetrieb lief es so gut, dass der FC Mainaustra\u00dfe heute bereits in der A-Klasse spielt \u2013 zuletzt stieg das Team zweimal nacheinander auf. Jetzt sind die Spiele deutlich umk\u00e4mpfter, auch wenn manche Siege nach wie vor auf den \u201eunterschiedlichen Fitnesszustand\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren seien. \u201eWenn du sonntags spielst, war am Vorabend nat\u00fcrlich der ein oder andere Gegenspieler auf dem Volksfest. Unsere Spieler tanzen auch oft die N\u00e4chte durch. Aber sie sind halt fit, weil sie keinen Alkohol trinken.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In ein paar Tagen werden sie beim FC Mainaustra\u00dfe schon mal anfangen, sich um die hart umk\u00e4mpften Trainingspl\u00e4tze in Aubing zu bewerben. Anfang Februar ist dann Trainingsstart, ehe es in der zweiten M\u00e4rzwoche wieder um Punkte geht. Ein ganz normales Team der A-Klasse M\u00fcnchen 3 ist der FC Mainaustra\u00dfe dennoch nicht. \u00dcber die Feiertage waren so gut wie alle Spieler nicht in M\u00fcnchen. Freunde und Familie m\u00fcssen die jungen M\u00e4nner, von denen viele als Landschaftsg\u00e4rtner arbeiten, jetzt besuchen \u2013 im Sommer haben sie keinen Urlaub. Und f\u00fcr einige im Team geht es in den kommenden Wochen um weit mehr als um Punkte in einem Fu\u00dfballspiel. \u201eUnser Torwart ist aus Senegal, einem angeblich sicheren Herkunftsland\u201c, sagt Lenz. \u201eEr wei\u00df, dass er jederzeit von heute auf morgen abgeschoben werden kann.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stefan Lenz ist ein reflektierter, abw\u00e4gender Mensch. Marktschreierei ist seine Sache nicht. 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