{"id":686185,"date":"2026-01-01T22:00:15","date_gmt":"2026-01-01T22:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686185\/"},"modified":"2026-01-01T22:00:15","modified_gmt":"2026-01-01T22:00:15","slug":"ein-glasgefaess-das-durch-gewalt-zerbrochen-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686185\/","title":{"rendered":"\u00bbEin Glasgef\u00e4\u00df, das durch Gewalt zerbrochen wurde\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Die Zuntz geh\u00f6ren zu den zahllosen j\u00fcdischen Familien, die durch die Schoah auseinandergerissen wurden. Manche Familien wurden sogar komplett ausgel\u00f6scht. Doch der K\u00fcnstlerin Ruthe Zuntz gelingt im <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/organisationen\/juedisches-museum-frankfurt\/\" class=\"textlink textlink--organisation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00fcdischen Museum Frankfurt<\/a> eine sehr pers\u00f6nliche Ausstellung &#8211; die Schoah wird konkret greifbar an einigen wenigen, nicht an anonymen Opfern. \u00bbWhat a familiy! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus\u00ab, so der Ausstellungstitel, sp\u00fcrt der <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/schlagworte\/familiengeschichte\/\" class=\"textlink textlink--keyword\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Familiengeschichte<\/a> auf historischer, pers\u00f6nlicher und k\u00fcnstlerischer Ebene nach. <\/p>\n<p>Briefe an die Tochter<\/p>\n<p>Die Schau beginnt mit Karl Zuntz (1897 &#8211; 1944), Ruthes Gro\u00dfvater, der in Frankfurt die Rothschild-Stiftung f\u00fcr mittellose j\u00fcdische M\u00e4dchen leitete. Er starb 1944 in Auschwitz; einige seiner Kinder hatte er schon 1939 nach Pal\u00e4stina geschickt, darunter Simon, Ruthes Vater. Ruthe wurde 1971 in Haifa geboren und ging als 20-J\u00e4hrige der Liebe halber nach Berlin. Das war f\u00fcr Simon, der 1929 in Frankfurt geboren wurde und dort seine Kindheit bis zur Flucht verbracht hatte, der erste Anlass, seiner Tochter fortan flei\u00dfig Briefe zu schreiben. <\/p>\n<p>Zuerst \u00fcber seinen Alltag, dann \u00fcber die Lage in Israel, schlie\u00dflich kramte er Kindheitserinnerungen aus. \u00bbFunken der Erinnerung blitzen auf, wenn ich Dir schreibe, aber ohne chronologische Ordnung\u00ab, teilt er Ruthe mit. Die schw\u00e4rmt von den Briefen als \u00bbSchatz\u00ab, auf den sie nach Simons Tod 2021 mit ihrer Fotokamera antwortet und all die Orte aufsucht, die er beschrieben hat: die Wege zum Kindergarten, zur Schule oder zum Freund Markus.<\/p>\n<p>Dass er sich \u00fcberhaupt an diese Erinnerungen, \u00fcber die er vorher nie gesprochen hatte, wieder wagte, h\u00e4ngt mit einem seiner ersten Besuche der Tochter 1991 zusammen. Simon suchte an jedem Ort, wo er weilte, im Telefonbuch nach dem Namen Zuntz. Tats\u00e4chlich war in Berlin ein Peter Zuntz verzeichnet, der schon 1964 das KZ Auschwitz besucht hatte und dort im Museum einen Koffer sah, auf dem der Name Karl Zuntz stand. <\/p>\n<p>Der Koffer in Auschwitz<\/p>\n<p>Das lie\u00df ihm keine Ruhe, da er glaubte, der einzige \u00dcberlebende mit diesem ungew\u00f6hnlichen Namen zu sein. Peter floh als Kind mit der Mutter aus Nazi-Deutschland und kehrte 1958 wieder zur\u00fcck. Erst 1991 erfuhr er, dass ein Jehuda Zuntz in Israel 1988 den Stammbaum der Familie erforscht und in einem Buch dokumentiert hatte. Kurz danach trifft Peter dann Simon in Berlin und erz\u00e4hlt ihm von dem Koffer in Auschwitz &#8211; f\u00fcr Simon brach eine Welt zusammen, hatte er doch gehofft, dass sein Gro\u00dfvater \u00fcberlebt hatte. Das war die Initialz\u00fcndung, endlich \u00fcber die Vergangenheit zu sprechen.<\/p>\n<p>Dass die Zuntz eine urdeutsche Familie sind, wird im zweiten Raum an 18 Pers\u00f6nlichkeiten deutlich. Am Beginn steht Pesach, der um 1478 bis 1488 mit Frau und Kind vor <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/schlagworte\/antisemitismus\/\" class=\"textlink textlink--keyword\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">judenfeindlichen<\/a> Ausschreitungen aus Zons fl\u00fcchtete, heute ein Stadtteil von Dormagen zwischen K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf. Ihr Ziel war Frankfurt, das f\u00fcr drei Jahrhunderte zur Heimat der rasch wachsenden Familie wurde. Sp\u00e4ter gingen die Nachkommen nach Gro\u00dfbritannien, Israel, in die USA und nach Asien. <\/p>\n<p>Als Pesach im 15. Jahrhundert fl\u00fcchtete, war es allerdings noch Usus, den Wohnort auch als Nachnamen zu w\u00e4hlen &#8211; aus Zons wurde Zuns oder Zunz, sp\u00e4ter Zuntz. Ber\u00fchmte Personen sind darunter, etwa Leopold (1794 &#8211; 1886), dessen \u00dcbersetzung der hebr\u00e4ischen Bibel bis heute als Standard gilt. Oder Rachel (1787 &#8211; 1874), die 1837 in Bonn eine Kaffeer\u00f6sterei gr\u00fcndete. <\/p>\n<p>Kaffeer\u00f6sterei ging an Dahlmayr<\/p>\n<p>Die Firma war sehr erfolgreich und hatte Filialen in Berlin, K\u00f6ln, Hamburg und Dresden. Unter den Nazis wurde sie \u00bbarisiert\u00ab, ab 1951 nach und nach an Dallmayr verkauft &#8211; der Name Zuntz verschwand vom Markt. <\/p>\n<p>Rosel wiederum war 1916 die erste promovierte Frankfurter \u00c4rztin, Julia war die zweite Ehefrau des K\u00fcnstlers <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/personen\/lyonel-feininger\/\" class=\"textlink textlink--person\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lyonel Feininger<\/a>. All diese historischen und pers\u00f6nlichen Geschichten f\u00fchrt Ruthe Zuntz sehr einf\u00fchlsam in einer Multimedia-Installation zusammen. <\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst Simons Briefe im Wind flattern, spielt das Meeresrauschen von Haifa ein, l\u00e4sst Teile der Briefe vorlesen und antwortet dann auf Simons Erinnerungen an die Kindheit mit heutigen Frankfurt-Fotos. So entsteht auf ber\u00fchrende Weise ein Gesamtbild der wechselhaften <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/schlagworte\/familiengeschichte\/\" class=\"textlink textlink--keyword\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Familiengeschichte<\/a>. Aber, so fragt sich der Besucher, was ist, wenn bald alle Zeitzeugen tot sind? Wer h\u00e4lt dann die Erinnerung an die Schoah wach?<\/p>\n<p>b\u00bbWhat a familiy! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus\u00ab; bis 15. Februar; <br \/>ge\u00f6ffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 20 Uhr. Internet: <a href=\"https:\/\/www.juedischesmuseum.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" title=\"https:\/\/www.juedischesmuseum.de\">https:\/\/www.juedischesmuseum.de<\/a><\/p>\n<p>CHRISTIAN HUTHER<\/p>\n<p>Hintergrund<\/p>\n<p>Die Kaffeer\u00f6sterei der <br \/>j\u00fcdischen Familie Zuntz <br \/>dehnte sich von Bonn ab 1840 rasant aus, mit <br \/>Filialen in Berlin, Hamburg, <br \/>K\u00f6ln und Dresden. <\/p>\n<p>Foto: <a href=\"https:\/\/www.main-echo.de\/personen\/herbert-fischer\/\" class=\"textlink textlink--person\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Herbert Fischer<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Zuntz geh\u00f6ren zu den zahllosen j\u00fcdischen Familien, die durch die Schoah auseinandergerissen wurden. 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