{"id":686811,"date":"2026-01-02T04:22:10","date_gmt":"2026-01-02T04:22:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686811\/"},"modified":"2026-01-02T04:22:10","modified_gmt":"2026-01-02T04:22:10","slug":"wie-sich-ein-onlinemagazin-gegen-die-medienkrise-in-den-usa-stemmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686811\/","title":{"rendered":"Wie sich ein Onlinemagazin gegen die Medienkrise in den USA stemmt"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li>Viele Lokalmedien in den USA sind von Schlie\u00dfungen und finanziellen Einbu\u00dfen betroffen. Laut Medill School schlossen seit 2005 \u00fcber 3000 Lokalzeitungen. Die Medienkrise betrifft auch gro\u00dfe St\u00e4dte wie El Paso.<\/li>\n<li>Das gemeinn\u00fctzige Onlineportal &#8222;El Paso Matters&#8220;, gegr\u00fcndet 2020 von Bob Moore, bietet unabh\u00e4ngigen Lokaljournalismus f\u00fcr die Grenzregion El Paso und setzt sich gegen die Informationskrise ein.<\/li>\n<li>&#8222;El Paso Matters&#8220; finanziert sich \u00fcber Spenden und Stiftungen, bleibt kostenlos f\u00fcr Nutzer und hat sich von einem Nischenmedium zu einem wichtigen Informationsanbieter mit breiter Themenvielfalt entwickelt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>            Mehr anzeigen<br \/>\n            Weniger anzeigen<\/p>\n<p>Es sind nicht alle Mitarbeiter von &#8222;El Paso Matters&#8220; dabei an diesem Montagmorgen, der ersten von drei Redaktionskonferenzen pro Woche. Brandy, zust\u00e4ndig f\u00fcr Social Media, hat frei. Und Diego, der Klimaexperte, ist mit seiner schwangeren Frau auf dem Weg ins Krankenhaus \u2013 das erste Kind ist unterwegs.<\/p>\n<p>Aber Cindy ist da, die Herausgeberin. Elida, die Chefreporterin, Danny, der Milit\u00e4rfachmann, und Priscilla, die Expertin f\u00fcr Gesundheitsthemen. Und Bob Moore nat\u00fcrlich, der die virtuelle Konferenz von &#8222;El Paso Matters&#8220; leitet \u2013 ein lokales US-Onlinemagazin, das seit 2020 die Grenzstadt zu Mexiko und die entlegene Region am Rio Grande in Texas mit t\u00e4glichen Lokalnachrichten versorgt.<\/p>\n<p>Gut recherchierte Informationen<\/p>\n<p>Bob ist der Gr\u00fcnder und Chefredakteur von &#8222;El Paso Matters&#8220;, was man vielleicht am besten mit &#8222;El Paso z\u00e4hlt&#8220; \u00fcbersetzen kann. Bob ist 65 Jahre alt, ein Vollblutjournalist, der sechs Jahre lang Chefredakteur der &#8222;El Paso Times&#8220; war. Bis er den Niedergang des Blattes vorausahnte und k\u00fcndigte. Die Zeitung gibt es zwar noch \u2013 aber die Redaktion ist heute personell so ausged\u00fcnnt, dass sie sich keinen fundierten Lokaljournalismus mehr leisten kann, sagt Bob. Deshalb habe er nach einem neuen Weg gesucht, um El Paso mit unabh\u00e4ngigen und gut recherchierten Informationen zu versorgen.<\/p>\n<p>&#8222;El Paso Matters&#8220; ist eine Antwort auf die tiefe Medien- und Informationskrise in den <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/usa-q30\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">USA<\/a>. Laut der Medill School of Journalism von der Northwestern University haben allein 2025 136 Zeitungen dichtgemacht. Seit 2005 schlossen mehr als 3000 von ihnen \u2013 etwa 40 Prozent aller amerikanischen Lokalzeitungen.<\/p>\n<p>Weil Donald Trump den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern NPR und PBS \u00fcber eine Milliarde Dollar an Subventionen gestrichen hat, sind jetzt auch gesch\u00e4tzte 1500 lokale Partnersender akut bedroht, vor allem auf dem Land. Ganze Regionen drohen zu Informationsw\u00fcsten zu werden, wenn es dort keinerlei unabh\u00e4ngige Informationen mehr gibt.<\/p>\n<p>El Paso ist ein Beispiel daf\u00fcr, dass es auch Gro\u00dfst\u00e4dte treffen kann. Die Stadt mit ihren etwa 700.000 Einwohnern liegt im Windschatten der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung \u2013 die texanischen Zentren Austin und Dallas sind \u00fcber 1000 Kilometer entfernt. Dabei ist El Paso mit seiner mexikanischen Zwillingsstadt Ciudad Juarez auf der anderen Seite der Grenze ein wichtiges Handelszentrum \u2013 und Brennpunkt der Einwanderung. El Paso ist eine der \u00e4rmsten Gro\u00dfst\u00e4dte der Vereinigten Staaten, von viel Milit\u00e4r und prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen gepr\u00e4gt. &#8222;El Paso ist ein Warnsignal f\u00fcr das ganze Land&#8220;, meint Bob.<\/p>\n<p>Medienwissenschaftler warnen schon lange vor dem Niedergang des Lokaljournalismus in den USA. Die Medienkrise sei in Wahrheit eine Krise der Demokratie, sagt etwa Thomas Patterson von der Harvard Kennedy School. Er sieht Lokaljournalismus als &#8222;Sauerstoff der Demokratie&#8220;, weil ohne ihn die \u00f6ffentliche Debatte ersticke und Institutionen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen w\u00fcrden. Studien fanden heraus, dass Korruption in Gemeinden ohne Zeitungen oder Lokalsender zunimmt und die Wahlbeteiligung abnimmt. Grenzregionen treffe es dabei besonders hart, fand die Brookings Institution heraus. In dem entstandenen Informationsvakuum fallen polarisierende, oft auch extremistische Parolen auf besonders fruchtbaren Boden.<\/p>\n<p>&#8222;Willkommen sind wir bis heute nicht&#8220;<\/p>\n<p>Dem m\u00f6chte &#8222;El Paso Matters&#8220; vorbeugen. &#8222;Dabei hat niemand auf uns gewartet&#8220;, sagt Bob. Besonders am Anfang seien sie auf gro\u00dfe Widerst\u00e4nde bei offiziellen Stellen gesto\u00dfen. Man habe sich erst einen Namen machen m\u00fcssen. &#8222;Willkommen sind wir aber bis heute nicht&#8220;, sagt Elida, die Chefreporterin. &#8222;Manchmal m\u00fcssen wir Beh\u00f6rdenleiter ziemlich energisch auf ihre Informationspflichten hinweisen.&#8220; Oft versuchten sie, die Reporter mit offiziellen Pressemitteilungen abzuspeisen, deren Wahrheitsgehalt kritischen Nachfragen oft nicht standhalte.<\/p>\n<p>Bob sieht besonders die wachsende Macht der sozialen Medien kritisch. Dort habe sich eine Kultur des H\u00f6rensagens breitgemacht, gegen die man oft anschreiben m\u00fcsse. &#8222;Unsere Recherchen haben h\u00e4ufig nichts mit den platten Narrativen in den sozialen Medien zu tun&#8220;, sagt Bob. &#8222;Unser Publikum muss sich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass die Informationen bei uns Hand und Fu\u00df haben \u2013 das ist unsere W\u00e4hrung.&#8220;<\/p>\n<p>Bob f\u00fchrt die Konferenz ruhig, aber bestimmt. Die Reporter informieren die Kollegen des insgesamt 13-k\u00f6pfigen Teams \u00fcber die Fortschritte bei ihren Recherchen. Cindy will sich ein Bild von den Haftbedingungen in Fort Bliss machen, dem Gef\u00e4ngnis der Einwanderungsbeh\u00f6rde ICE. Sie sollen katastrophal sein, berichtete eine B\u00fcrgerrechtsorganisation. Bob hat die Geschichte eines Immigranten aus Guatemala recherchiert, der offenbar trotz richterlichen Einspruchs nach Afrika abgeschoben werden soll. &#8222;Ich habe die Story fast rund&#8220;, sagt Bob \u2013 er bekomme noch Einblick in Gerichtsakten.<\/p>\n<p>Und Priscilla hat herausgefunden, dass eine Organisation von Abtreibungsgegnern offenbar vors\u00e4tzlich mit halbseidenen Informationen zur gesundheitlichen Gef\u00e4hrdung operiert. Die Abtreibungsgesetze in Texas geh\u00f6ren zu den rigidesten in den USA. Priscilla hat von einer Abtreibungsklinik im benachbarten Bundesstaat New Mexico erfahren, dass die H\u00e4lfte der texanischen Patientinnen mittlerweile aus El Paso kommt.<\/p>\n<p>Bei der &#8222;Blattkritik&#8220; hat Angela den \u00dcberblick. &#8222;Die erste Story zu Fort Bliss lief super&#8220;, berichtet sie. Auch die Abfragen bei Tiktok und Instagram gingen nach oben. &#8222;Gut&#8220;, sagt Bob und wirkt zufrieden. Diese Zahlen sind f\u00fcr ihn ein Indiz daf\u00fcr, dass immer mehr j\u00fcngere User auf die Seite gehen. Sie sind Bob wichtig.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt \u2013 er k\u00f6nne nicht meckern. &#8222;El Paso Matters&#8220; wird 163.000-mal pro Monat angeklickt. 65 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Aus dem lokalen Randmedium ist ein Leitmedium geworden. Das zeigt sich auch an der breiteren Themenpalette. Anfangs ging es nur um lokale Politik. Jetzt auch um das kulturelle Leben in El Paso und das lokale Sportangebot.<\/p>\n<p>&#8222;El Paso Matters&#8220; ist sicherlich auch zur Erfolgsstory geworden, weil sich die Informationen nicht hinter einer Bezahlschranke verbergen. &#8222;Wir sind kostenlos geblieben, weil wir auch die sozial Schw\u00e4cheren erreichen wollen&#8220;, sagt Bob. Viele k\u00f6nnten sich ein Abonnement gar nicht mehr leisten.<\/p>\n<p>Onlinemagazin wird aus Spenden finanziert<\/p>\n<p>&#8222;El Paso Matters&#8220; finanziert sich ausschlie\u00dflich \u00fcber Spenden. Stiftungen wie die Ford- oder MacArthur-Foundation gaben in den letzten f\u00fcnf Jahren 3,5 Millionen Dollar. Private Spender \u00fcberwiesen Betr\u00e4ge zwischen f\u00fcnf und 50.000 Dollar. Das Modell macht Schule unter den vielen gemeinn\u00fctzigen Non-Profit-Initiativen, die es mittlerweile in der wachsenden Szene der amerikanischen Lokalmedien gibt.<\/p>\n<p>Damit ist &#8222;El Paso Matters&#8220; ein Beispiel f\u00fcr eine neue, erfolgversprechende Form des Lokaljournalismus. Chefreporterin Elida bringt es so auf den Punkt: &#8222;Wir machen hier einen verdammt wichtigen Job, finde ich.&#8220;<\/p>\n<p>Diego ist \u00fcbrigens nur Stunden sp\u00e4ter Vater geworden. Cisco hei\u00dft der Kleine.<\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc83x0h5sdg2a5zsuq1i7\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/politik\/ausland\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Viele Lokalmedien in den USA sind von Schlie\u00dfungen und finanziellen Einbu\u00dfen betroffen. 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