{"id":686997,"date":"2026-01-02T06:17:11","date_gmt":"2026-01-02T06:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686997\/"},"modified":"2026-01-02T06:17:11","modified_gmt":"2026-01-02T06:17:11","slug":"duesseldorf-abschied-am-offenen-sarg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/686997\/","title":{"rendered":"D\u00fcsseldorf: Abschied am offenen Sarg"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Bestatter Claus Frankenheim ist seit Jahrzehnten im Gesch\u00e4ft. Viele Menschen hat der 64-J\u00e4hrige auf ihrem letzten Weg begleitet. Dabei hat ihn in den vergangenen Jahren ein Thema immer mehr besch\u00e4ftigt: der Verlust althergebrachter Trauerrituale und die damit einhergehende Distanz zum Tod und zu den Toten. Aussagen wie \u201eIch kann keine Toten sehen\u201c oder \u201eIch behalte ihn lieber so in Erinnerung, wie er im Leben war\u201c h\u00f6rt er h\u00e4ufig. Oft treffen diejenigen, die so oder so \u00e4hnlich denken, dann erst am Tag der Ein\u00e4scherung oder der Beisetzung auf den Sarg beziehungsweise die Urne mit den sterblichen \u00dcberresten des Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Frankenheim und seine Nachfolger im Institut an der M\u00fcnsterstra\u00dfe respektieren das, betrachten es aber durchaus mit Skepsis und versuchen, Br\u00fccken hin zu einer anderen Herangehensweise zu bauen. \u201eEs bleibt sonst eine Leerstelle, bei der vieles einfach nicht aufgearbeitet wird und am Ende auch der dringend ben\u00f6tigte Trost auf der Strecke bleibt\u201c, sagt der D\u00fcsseldorfer. Am Ende k\u00f6nne dann aus der eigentlich erwarteten Entlastung durch Verdr\u00e4ngen eine mit der Zeit anwachsende Belastung werden. Deshalb will der Bestatter Hinterbliebenen, die bereit sind, sich zu \u00f6ffnen, vermitteln, wie wertvoll ein bewusster Abschied am offenen Sarg mit Anschauung des Toten ist.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nicht immer treffen der 64-J\u00e4hrige und seine Nachfolger auf sofortige Zustimmung. \u201eAber alle, die sich darauf einlassen, sind im Nachhinein unheimlich dankbar f\u00fcr diese besonders gestaltete, letzte Begegnung\u201c, meint Frankenheim. Das Thema liegt ihm so sehr am Herzen, dass er bei katholisch getauften Verstorbenen versucht, f\u00fcr den Abschied am offenen Sarg einen Priester hinzuzuziehen. \u201eAussegnung\u201c nennt Frankenheim das, weil der Priester dann nicht nur betet, sondern meist auch Weihwasser mithilfe eines Aspergills auf den Leichnam und die Umstehenden versprengt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Anfangs, so der Bestatter, habe er ein schlechtes Gewissen gehabt, die \u00fcberlasteten Geistlichen, die nicht selten 60 bis 70 Stunden in der Woche arbeiteten, mit einer weiteren Aufgabe on-top zu behelligen. \u201eIn einigen F\u00e4llen habe ich tats\u00e4chlich erst einmal \u00dcberzeugungsarbeit leisten m\u00fcssen, denn schlie\u00dflich hat die Segnung eines Leichnams im Vorfeld der Beisetzung nichts mit dem in der katholischen Lehre fest verankerten Sakrament der Krankensalbung zu tun, das den Lebenden vorbehalten ist\u201c, sagt Frankenheim. Inzwischen kennt er eine Handvoll Priester, die gerne \u2013 auch auf kurzfristigen Zuruf \u2013 in das Institut kommen, um den Trauernden am offenen Sarg Mut und Zuversicht zu geben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Zu denen, die bereits einige Male vor Ort waren, geh\u00f6rt Stadtdechant Frank Heidkamp. \u201eDiese Art der Aussegnung ist tats\u00e4chlich eine Besonderheit, um die ich von anderen Bestattern noch nicht gebeten wurde. Mein Eindruck ist, dass meine Pr\u00e4senz am Sarg den Abschied nehmenden Menschen gutgetan hat\u201c, sagt er. Die Wiederentdeckung des Wertes von Trauerritualen ist dem Pfarrer von St. Lambertus ein Anliegen. So sei es bis ins 20. Jahrhundert hinein \u00fcblich gewesen, Verstorbene mindestens einen Tag lang in der \u201eguten Stube\u201c aufzubahren. Dann seien Verwandte und Nachbarn gekommen, um zu kondolieren oder gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Und in vielen Gegenden habe es Klagefrauen aus der Nachbarschaft gegeben, die den Toten laut beweint h\u00e4tten. \u201eDas waren wichtige Rituale, um zu verstehen, dass jemand sein irdisches Leben beendet hat und dabei ist, den Kreis der Familie zu verlassen\u201c, sagt Heidkamp.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der heutige Ablauf, bei dem die Schwerstkranken meist in eine Klinik kommen und dann pl\u00f6tzlich \u201eeinfach weg\u201c seien, vergr\u00f6\u00dfere die durch den Wegfall der Rituale gerissene L\u00fccke noch. Nachdenklich macht es ihn, wenn in Heimen oder Kliniken, Sterbende in Nebenr\u00e4ume gebracht oder provisorische Trennw\u00e4nde aufgebaut w\u00fcrden, nur damit Zimmergenossen oder Besucher nicht mit dem Sterben in Ber\u00fchrung kommen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Heidkamp findet es deshalb gut, wenn Menschen, die im Krankenhaus verstorben sind, f\u00fcr einen bewussten Abschied noch einmal nach Hause geholt werden oder wenn daheim Verstorbene erst am n\u00e4chsten Morgen von einem Institut abgeholt werden. \u201eIch habe einzelne F\u00e4lle erlebt, in denen sich ein Mann oder eine Frau noch ein paar Stunden neben den gerade verstorbenen Partner legen, um in Ruhe von ihm Abschied nehmen zu k\u00f6nnen\u201c, sagt der Seelsorger, der davon \u00fcberzeugt ist, dass solche letzten Momente der Seele guttun k\u00f6nnen. Leider sorgten nach wie vor Erz\u00e4hlungen, wonach eine Leiche Gifte in sich trage und auch ausd\u00fcnste, die negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Umstehenden haben k\u00f6nnten, f\u00fcr Verunsicherung. \u201eWissenschaftlich ist das l\u00e4ngst widerlegt, aber manche Sachen halten sich hartn\u00e4ckig\u201c, sagt Heidkamp.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Als Seelsorger hat er wahrgenommen, dass es gl\u00e4ubigen Menschen meist leichter falle, mit dem Sterben umzugehen. Denn f\u00fcr Christen sei der Tod nicht nur vernichtend und schrecklich, er markiere immer auch den \u00dcbergang in ein neues und frohes Leben und sei eng mit dem Glauben an die Auferstehung verkn\u00fcpft. \u201eWer dagegen in ein schwarzes Loch, in ein Nichts blickt, will von all dem m\u00f6glichst wenig wissen.\u201c Mit Blick auf die Zukunft des Abschiednehmens ist der Stadtdechant vorsichtig optimistisch: \u201eMein Eindruck ist, dass seit ein paar Jahren wieder mehr und bewusster \u00fcber den Tod gesprochen wird und zumindest einige den Wert von Ritualen neu sch\u00e4tzen lernen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bestatter Claus Frankenheim ist seit Jahrzehnten im Gesch\u00e4ft. 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