{"id":687148,"date":"2026-01-02T07:44:12","date_gmt":"2026-01-02T07:44:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/687148\/"},"modified":"2026-01-02T07:44:12","modified_gmt":"2026-01-02T07:44:12","slug":"neustart-wenn-wir-scheitern-probieren-wir-etwas-neues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/687148\/","title":{"rendered":"Neustart: \u201eWenn wir scheitern, probieren wir etwas Neues\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"0\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Chris Schneider hat gerne einen genauen Plan. Es passiert in seinem Leben selten, dass er den strukturierten Weg verl\u00e4sst zu Gunsten einer fixen Idee, die sich dann nach ein paarmal aufgeregt Aufwachen doch als Flop entpuppt. Einige Jahre hat diese Wesensart einen Keil zwischen den 37-J\u00e4hrigen und das Unternehmertum getrieben. Verl\u00e4ssliches Gehalt f\u00fcr seinen Job in der Werbebranche von dem er bis zu acht Mal im Jahr in den Urlaub fahren konnte, dazu quasi kein Risiko, da gibt man das sichere Angestelltenverh\u00e4ltnis nicht einfach so auf, wenn die Abenteuerlust einen einmal kitzelt.  Wie damals nach dem Studium, als Schneider mit seinem besten Freund Tim Stutzenstein nach Australien reiste und dort in Bars und Caf\u00e9s arbeitete. \u201eDa meldete sich zum ersten Mal der Wunsch, ein eigenes Caf\u00e9 aufzumachen\u201c, sagt Schneider. Ein Schubsen in die berufliche Freiheit, dem Schneider zun\u00e4chst widerstehen konnte. Erst gut zehn Jahre sp\u00e4ter ist er gesprungen.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"1\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Ein bisschen nachgeholfen hat der Gr\u00fcnderzuschuss der Agentur f\u00fcr Arbeit. Gef\u00f6rdert werden grunds\u00e4tzlich Empf\u00e4ngerinnen und Empf\u00e4nger von Arbeitslosengeld 1, die aus der Erwerbslosigkeit die Abfahrt in die hauptberufliche Selbst\u00e4ndigkeit nehmen. K\u00f6ln-Business hat im vergangenen Jahr rund 1500 Beratungsgespr\u00e4che gef\u00fchrt und 650 Gr\u00fcndungen begleitet, etwa jeder Zweite bezog nach Auskunft von K\u00f6ln-Business zum Zeitpunkt der Beratung Arbeitslosengeld, erhielt also eine Anschubfinanzierung: Das Arbeitslosengeld flie\u00dft weitere sechs Monate auf das Konto des neuen Selbst\u00e4ndigen, auch wenn dieser mit seiner T\u00e4tigkeit schon Einnahmen generiert. Wie Fahrradfahren lernen und der Vater h\u00e4lt rennend die Hand am Gep\u00e4cktr\u00e4ger. F\u00fcr die Stabilisierung.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"2\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Neben Chris Schneider rennt eine st\u00fctzende Hand noch bis Januar hinterher. Dann muss er selbst auf Kurs bleiben. Furcht ist in seinem Gesicht nicht zu erkennen. Eher Vorfreude und Neugier. Schneider sitzt an einem der silbern gl\u00e4nzenden Tische im Eckcaf\u00e9 in der N\u00e4he des Barbarossaplatzes. \u201eErste Liebe\u201c steht auf der Karte. Drau\u00dfen quietscht die Stra\u00dfenbahn vor\u00fcber, manchmal winkt ein Bekannter durch die gro\u00dfe Fensterfront. Sein fr\u00fcherer Job in der Werbebranche sei total ok gewesen. \u201eAber ich will eben nicht nur ok. Ich will happy sein\u201c, sagt Schneider. Heute gebe es keinen Morgen, an dem er aufstehe und sich nicht auf den Laden freue.<\/p>\n<blockquote class=\"dm-blockquote__quote-text\" data-v-3a231a3f=\"\"><p>Ich will eben nicht nur ok. Ich will happy sein<\/p><\/blockquote>\n<p>Chris Schneider, Mitgr\u00fcnder des Caf\u00e9s \u201eErste Liebe\u201c<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"4\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Die Freude trage ihn \u00fcber Monate ohne freie Tage, ohne Urlaub. Selbst planen, selbst entscheiden, einen gro\u00dfen Teil der Faszination Selbst\u00e4ndigkeit macht nat\u00fcrlich die Freiheit aus. Aber in Schneiders Fall gesellt sich noch die besondere Atmosph\u00e4re dieses Orts hinzu: \u201eIch sehe hier im Caf\u00e9 jeden Tag Menschen, die gerne kommen, die mit anderen lachen, sich unterhalten, eine gute Zeit haben, eine Pause von dieser Welt machen. Das ist im B\u00fcro ja oft nicht ganz so ausgepr\u00e4gt\u201c, sagt Schneider. Manchmal k\u00e4men auch Freunde. Ein besonders guter fast t\u00e4glich mit seinem kleinen Sohn. \u201eDer ist noch keine zwei und kann schon Kokosmilch bestellen. Ich genie\u00dfe es, dass ich ihn so oft sehe, das war fr\u00fcher nicht m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"2400\" height=\"3600\" alt=\"Nicole B\u00fctow war arbeitslos und hat den Schritt in die Selbst\u00e4ndigkeit gewagt. Sie hat ein Lerninstitut gegr\u00fcndet und ber\u00e4t Familien in schwierigen Situationen. Sie steht in einem Raum mit Kinder-Deko und lacht in die Kamera.\" loading=\"lazy\" onerror=\"this.setAttribute('data-error', 1)\" class=\"current-image dm-figure__image dm-figure__image--undefined undefined\" data-nuxt-pic=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/cf67ea01-62fd-42e2-a962-4700a87b3dd6.jpeg\"  \/><\/p>\n<p class=\"dm-figure__subline\" data-v-b90b7bba=\"\">Nicole B\u00fctow hat ein Lerninstitut gegr\u00fcndet und ber\u00e4t Familien in schwierigen Situationen.<\/p>\n<p class=\"dm-figure__copyright\" data-v-b90b7bba=\"\">Copyright: Uwe Weiser<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"6\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Nicole B\u00fctow f\u00e4hrt schon seit einem guten halben Jahr allein. Sie hat sich mit einem Lerninstitut und einer Coaching- und Beratungsfirma im Herbst 2024 selbst\u00e4ndig gemacht. Sie spricht von \u201eHerzensprojekten\u201c. Sie hilft derzeit 15 Kindern mit Lernblockaden oder Lernschwierigkeiten \u2013 oft beim Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium \u2013, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen bei der Aneignung von Wissen. In vielen Schulen und auch in vielen Familien sei die Zeit, um Lernstrategien einzu\u00fcben, einfach zu knapp. Die P\u00e4dagogin hat 17 Jahre in der Psychiatrie und in einem Mutter-Kind-Haus gearbeitet. Am Ende sei die Belastung zu gro\u00df geworden, den Fokus auf die Begleitung von Kindern wollte B\u00fctow aber nicht verlieren. \u201eMein Freiheitsgef\u00fchl war stark ausgepr\u00e4gt. Ich wollte selbst nach Fachkompetenz und meinem Gewissen entscheiden. Als Angestellte kann man das naturgem\u00e4\u00df nicht immer\u201c, sagt die 41 Jahre alte Erziehungswissenschaftlerin.<\/p>\n<blockquote class=\"dm-blockquote__quote-text\" data-v-3a231a3f=\"\"><p>Ich kann Termine legen, wie ich will. Ich kann in Ruhe in den Tag starten. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicole B\u00fctow, Gr\u00fcnderin des Lerninstituts \u201eSmartis\u201c<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"8\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Sie sitzt in den R\u00e4umlichkeiten einer Kindertagesst\u00e4tte in einer ruhigen Wohnstra\u00dfe von Braunsfeld. Hier stand ein gro\u00dfer Raum leer, den sie mit mobilen W\u00e4nden in gem\u00fctliche Lerneinheiten f\u00fcr das Angebot \u201eSmartis\u201c einteilen konnte. Gek\u00fcndigt hat sie ihren Job auf Anraten einer \u00c4rztin, die ein beginnendes Burnout auf B\u00fctow zurasen sah. \u201eIch habe die Rei\u00dfleine gezogen.\u201c Aus diesem Grund fiel auch die Sperre beim Arbeitslosengeld weg. Was vor allem deshalb gut war, weil sie auf diese Weise sofort Beratung von der Arbeitsagentur erhielt. \u201eIch habe zwei drei Wochen nachgedacht, dann habe ich gefragt: Ich will eigentlich in die Selbst\u00e4ndigkeit. W\u00e4re das eine Idee?\u201c Nat\u00fcrlich galt es, erstmal einige Fragen zu beantworten: Ist das Gesch\u00e4ftsmodell tragf\u00e4hig? Wie sieht das Entwicklungspotenzial aus? Wie hoch sind die Kosten? Das Wort Businessplan krachte in B\u00fctows Leben und damit auch Excel-Tabellen und kaufm\u00e4nnisches Rechnen. \u201eEin Konzept zu schreiben fiel mir leicht, aber die Sache mit dem Finanzplan war jetzt nicht mein Steckenpferd\u201c, gibt B\u00fctow lachend zu. Aber sie hat sich mit guter Beratung durchgebissen. Was sie jetzt erntet: \u201eFlexibilit\u00e4t und Selbstverantwortung. Ich kann Termine legen, wie ich will. Ich kann in Ruhe in den Tag starten. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.\u201c<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"9\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">B\u00fctow geht in ihrer neuen Rolle auf. Sie zeigt Lernspiele, packt Lernkarten aus, sie laminiert Bilder von Schwimmb\u00e4dern und Kinoleinw\u00e4nden, um das Vokabeltraining f\u00fcr ihre jungen Kunden zum Memory-Spiel umzugestalten und damit die Motivation zu steigern. Auch um Lernumgebung geht es. \u201eEs gibt Familien, da streitet man sich um den Lernort. Aber manchmal muss das Kind die Hausaufgaben nicht am Tisch machen. Manchmal geht es unter dem Tisch sogar besser.\u201c Sie strahlt aus blauen Augen. \u201eSei mutig\u201c steht \u00fcber dem Bild eines gemalten L\u00f6wen, der an der Wand h\u00e4ngt. \u201eTr\u00e4ume gro\u00df!\u201c \u00fcber einem kleinen Elefanten. Es gibt Momente, an denen B\u00fctow sich mit den anfeuernden Tieren selbst motiviert. Denn nat\u00fcrlich gibt es da auch die schattige Seite der Selbst\u00e4ndigkeit. Tage, an denen es zieht. R\u00fccklagen, die schmelzen, weil die Krankenversicherung, die Rentenversicherung, die Arbeitslosenversicherung, die Berufshaftpflicht und so weiter abbuchen, egal ob B\u00fctow zahlende Kunden hat oder nicht. \u201eNat\u00fcrlich mache ich mir manchmal auch Sorgen. Nennen Sie es dumm oder mutig, aber ein halbes Jahr nach mir hat sich auch noch mein Mann selbst\u00e4ndig gemacht.\u201c<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"11\" should-collapse-on-mobile=\"true\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Auch Chris Schneider kennt die Tage des Zweifels. Allein der Umbau des Ladens habe viel Geld verschlungen, obwohl die Gesch\u00e4ftspartner selbst anpackten und vier Container Schutt aus der ehemaligen Frikadellenbraterei herausschafften. Den Kredit daf\u00fcr m\u00fcssen er und Stutzenstein in den kommenden zehn Jahren abbezahlen. Urlaub k\u00f6nne man sich derzeit nicht leisten. Weder zeitlich noch finanziell. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nne das gesamte Projekt auch scheitern. Aber wenn die Frage auftaucht \u201eWas ist denn dann?\u201c stolpert die Antwort darauf gleich hinterher: \u201eDann probieren wir etwas Neues. Vielleicht klappt es beim zweiten Mal. Oder halt beim dritten Mal.\u201c Wie auch immer es kommen mag: Schneider wird sich in jedem Fall erstmal einen Flat white mit Hafermilch machen und guter Laune an sein Mantra f\u00fcr die Selbst\u00e4ndigkeit denken: Man muss wissen, worauf man sich einl\u00e4sst \u2013 und dann wird es noch h\u00e4rter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Chris Schneider hat gerne einen genauen Plan. 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