{"id":688023,"date":"2026-01-02T16:05:11","date_gmt":"2026-01-02T16:05:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/688023\/"},"modified":"2026-01-02T16:05:11","modified_gmt":"2026-01-02T16:05:11","slug":"prachtband-jetzt-wird-albrecht-duerer-von-aller-patina-befreit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/688023\/","title":{"rendered":"Prachtband: Jetzt wird Albrecht D\u00fcrer von aller Patina befreit"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht D\u00fcrer wird heute als Nationalheiligtum verkl\u00e4rt. Ein neuer Bildband zeigt ihn nun als K\u00fcnstler der Gegenwart \u2013 vor 500 Jahren. D\u00fcrer erscheint als freier Mensch, der staunend die Welt beobachtete.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es spricht f\u00fcr ein K\u00fcnstlerbuch, wenn man den K\u00fcnstler danach anders sieht. Zu <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/albrecht-duerer\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/albrecht-duerer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Albrecht D\u00fcrer<\/a>, dem germanischen Nationalheiligtum, schien alles gesagt. Jeder Erwachsene kennt mindestens eine Handvoll Motive, die \u00c4lteren erinnern sich an den F\u00fcnfmarkschein \u2013 vorn eine sch\u00f6ne Venezianerin, hinten Eichenlaub. D\u00fcrer ist der deutsche Michelangelo. <\/p>\n<p>Also winkt man ihn innerlich gerne mal weiter, als Blockbuster aus dem 16. Jahrhundert. Es ist aber nicht seine Schuld, dass das 19. und 20. Jahrhundert D\u00fcrer idealisiert haben und der ber\u00fchmte \u201eFeldhase\u201c beinahe ein \u201eR\u00f6hrender Hirsch\u201c geworden ist. Andererseits: Postmoderne Titanen wie Joseph Beuys und Sigmar Polke haben D\u00fcrer mit subversiver Anerkennung zitiert. Eine D\u00fcrer-Ausstellung ist ein Kassenmagnet. Die Forschung ist immer noch sehr aktiv und findet Neues heraus \u2013 im Buch \u201eAlbrecht D\u00fcrer. S\u00e4mtliche Gem\u00e4lde\u201c etwa, dass D\u00fcrers erste Italienreise ihn wohl noch weiter f\u00fchrte als nach Venedig, nach Florenz und in die Toskana. <\/p>\n<p>D\u00fcrer kehrte 1505 nach Italien zur\u00fcck. F\u00fcr diese Reise musste er sich Geld leihen, aber es ging nicht zuletzt um ein Problem, das auch zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler von heute umtreibt: Urheberrechte. Wo heute K\u00fcnstliche Intelligenzen die Kreativit\u00e4t von K\u00fcnstlern ausbeuten, da verbreiteten italienische Nachahmer Kopien von D\u00fcrers Kupferstichen \u2013 eben jenes Medium, das D\u00fcrer mit zur Bl\u00fcte f\u00fchrte und das f\u00fcr seine europaweite Bekanntheit sorgte. Der N\u00fcrnberger wiederum arbeitete 1505 in Venedig freischaffend als K\u00fcnstler, ohne einer Zunft anzugeh\u00f6ren \u2013 als Strafe musste er einmal vier Gulden an eine der Berufsvereinigungen zahlen. <\/p>\n<p>Solche Details aus dem K\u00fcnstlerleben erf\u00e4hrt man aus den gelehrten, aber gut lesbaren Essays von D\u00fcrer-Forschern wie Karl Sch\u00fctz, lange Jahre Direktor der Gem\u00e4ldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.taschen.com\/de\/books\/art\/01110\/albrecht-duerer-saemtliche-gemaelde-ausgewaehlte-zeichnungen-und-druckgrafiken\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.taschen.com\/de\/books\/art\/01110\/albrecht-duerer-saemtliche-gemaelde-ausgewaehlte-zeichnungen-und-druckgrafiken\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eAlbrecht D\u00fcrer. S\u00e4mtliche Gem\u00e4lde\u201c<\/a> wurde vom Verleger Benedikt Taschen selbst konzipiert, wiegt fast acht Kilo und ist mit 30 mal 40 Zentimetern so gro\u00df, dass man den Band selbst als flachen Couchtisch benutzen k\u00f6nnte. Aber es ist eben kein Coffee-Table-Book, das nur als Accessoire herumliegt. Im Gegenteil, man wird von der Ausstattung, den Beitr\u00e4gen und der Pr\u00e4senz der teils in Originalgr\u00f6\u00dfe reproduzierten Werke f\u00f6rmlich hineingezogen in die Welt der Renaissance. <\/p>\n<p>Im Buch enthalten sind Abbildungen aller 71 Gem\u00e4lde, die Albrecht D\u00fcrer zu Lebzeiten geschaffen hat \u2013 und auch ein paar von jenen, die ihm nur zugerechnet werden (warum das statthaft ist oder nicht, wird jeweils kundig erl\u00e4utert). Dazu kommen 500 Zeichnungen, etwa die H\u00e4lfte des zeichnerischen Gesamtwerkes. Viele der Werke wurden neu fotografiert und treten einem nun leuchtend, klar und geradezu intim entgegen. <\/p>\n<p>Die Wiener D\u00fcrer-Experten Christof Metzger, Julia Zaunbauer und Karl Sch\u00fctz haben damit einen wissenschaftlich fundierten, aber sehr zug\u00e4nglichen Band vorgelegt, den man wie ein staunendes Kind aufbl\u00e4ttert. Die Zeit vergeht, das Handy liegt vergessen abseits. Ein Kunstbuch muss nicht so riesig sein, um zu wirken, aber die Qualit\u00e4t der Reproduktionen und ihre Gr\u00f6\u00dfe machen doch einen Unterschied: Man kann sich in das vielschichtige Werk dieses vor fast 500 Jahren gestorbenen Mannes vertiefen. <\/p>\n<p>Der gleichwohl etwas sperrige Band mit seinen 800 Seiten l\u00e4sst sich nicht nebenbei rezipieren, er fordert die ganze Aufmerksamkeit, will aber deshalb nicht gleich als Event zelebriert werden wie manche noch gewaltigere Produkte des Verlags. Es ist eine Reise durch das 16. Jahrhundert. Man sieht dem grimmigen Kurf\u00fcrsten Albrecht von Sachsen ins Auge, wundert sich \u00fcber die enorme, intime Pr\u00e4senz, die D\u00fcrers Elternbildnisse entfalten. Man staunt \u00fcber mimetisch wiedergegebene tote Enten, Walrosse und einen Elsterfl\u00fcgel und fragt sich, wer wohl die vielen Unbekannten sind, die D\u00fcrer ebenso konterfeit hat, nicht selten aus Lust und Laune oder gegen ein kleines Entgelt. <\/p>\n<p>Nichts ist bekannt \u00fcber die Identit\u00e4t eines 18-j\u00e4hrigen jungen Mannes, dessen vertr\u00e4umt-verstocktes Teenagergesicht D\u00fcrer mit Kohle und Deckwei\u00df festhielt. Jetzt schmollt der junge Mann f\u00fcr alle Zeiten auf dem Blatt von 1503 und spricht selbst durch D\u00fcrers Zeile: \u201eAlso bin ich gstalt in achtzehn Jor alt\u201c. F\u00fcr D\u00fcrer stand das Portr\u00e4t ganz weit oben, gleich nach den Kirchenbildern, doch aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit sind gezeichnete Portr\u00e4ts D\u00fcrers nicht so oft im Original zu sehen wie die Gem\u00e4lde. Das gilt auch f\u00fcr Aquarelle: Der ber\u00fchmte \u201eFeldhase\u201c war in den vergangenen 150 Jahren ganze neunmal zu sehen. Erst im 500. Todesjahr D\u00fcrers wird es wieder so weit sein. <\/p>\n<p>Man ist also auf B\u00fccher angewiesen, will man D\u00fcrer heute sehen. Die Zeichnung diente dem K\u00fcnstler oft dazu, die sichtbare Welt so festzuhalten, wie sie ihm begegnete. Es ist manchmal fast unheimlich, wie modern D\u00fcrers als Vorlagen gesammelte Ansichten von B\u00e4umen oder einer Weidenm\u00fchle in N\u00fcrnberg komponiert sind. Wie registrierend ein um 1496 mit der Feder gezeichneter Steinbruch vom K\u00fcnstler festgehalten wird, der an sich nichts Spektakul\u00e4res hat und aus dem minuti\u00f6s lebendige Pflanzen wachsen. <\/p>\n<p>Gerade das Unspektakul\u00e4re macht Eindruck. Die \u201eWasserm\u00fchle im Gebirge\u201c von 1496 k\u00f6nnte auf den ersten Blick auch aus dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert stammen, so objektiv wird hier eine vorgefundene Situation dokumentiert. Denn der Raum ist, anders als in einem Landschaftsbild der Zeit, nicht in die Tiefe gestaffelt und auf Effekt hin gearbeitet. Das dichte Gef\u00fcge von Steinen, Mauerwerk, Ger\u00f6ll und M\u00fchlrad hat etwas von einem Relief, die Farben sind erdig und ged\u00e4mpft. Diese Wirklichkeitsauffassung kommt der mechanischen Fotografie nah, die es aber erst 400 Jahre sp\u00e4ter geben wird. Und dank derer man sich Albrecht D\u00fcrer, wenn man ihn aufgrund des Formats schon nicht in die Tasche stecken und mitnehmen kann, dann doch wenigstens zum Mitbewohner machen kann.<\/p>\n<p>Albrecht D\u00fcrer. S\u00e4mtliche Gem\u00e4lde. Ausgew\u00e4hlte Zeichnungen und Druckgrafiken. Taschen Verlag, 798 S., 175 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Albrecht D\u00fcrer wird heute als Nationalheiligtum verkl\u00e4rt. Ein neuer Bildband zeigt ihn nun als K\u00fcnstler der Gegenwart \u2013&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":688024,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[39320,1793,16076,29,39319,214,30,1794,2705,159247,215],"class_list":{"0":"post-688023","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-albrecht-maler","9":"tag-art-and-design","10":"tag-bildende-kunst","11":"tag-deutschland","12":"tag-duerer","13":"tag-entertainment","14":"tag-germany","15":"tag-kunst-und-design","16":"tag-malerei","17":"tag-renaissance-ks","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115826361765583311","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/688023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=688023"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/688023\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/688024"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=688023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=688023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=688023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}