{"id":688583,"date":"2026-01-02T21:15:11","date_gmt":"2026-01-02T21:15:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/688583\/"},"modified":"2026-01-02T21:15:11","modified_gmt":"2026-01-02T21:15:11","slug":"musterungspflicht-freiwillige-vor-ein-tag-beim-stuttgarter-karriere-center-der-bundeswehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/688583\/","title":{"rendered":"Musterungspflicht: Freiwillige vor! Ein Tag beim Stuttgarter Karriere-Center der Bundeswehr"},"content":{"rendered":"<p> <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.ein-u-boot-offizier-erzaehlt-auf-engstem-raum-in-den-tiefen-des-meeres-angst-hilft-da-nicht-weiter.da4243b4-08e4-470d-8f1f-326297a6f7cc.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Bundeswehr <\/a>ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Vorbei die Zeit der strengen Kurzhaarschnitte und des strikten milit\u00e4rischen Tons. Hauptmann Joachim S. (die Nachnamen der Bundeswehrangeh\u00f6rigen d\u00fcrfen nicht genannt werden), 37 Jahre alt und seit 16 Jahren bei der Truppe, ist ein lockerer Kumpeltyp. Zur gr\u00fcn-braunen Tarnuniform tr\u00e4gt er Ohrringe, einen wallenden Bart und gro\u00dffl\u00e4chige Tattoos an den Armen. \u201eHallo, ich bin der Joe. Wir sind hier alle per Du\u201c, begr\u00fc\u00dft er Nico B., der sich im Karrierecenter <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.deutsch-franzoesische-brigade-in-dieser-truppe-kaempfen-deutsche-und-franzosen-seite-an-seite.4b4c23ce-97fb-40f7-86e1-06fa1142a862.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Bundeswehr <\/a>in Stuttgart \u00fcber die Einsatzm\u00f6glichkeiten erkundigen will. Hauptmann Joe stellt sich kurz vor: \u201eIch habe im Grundwehrdienst angefangen und es hat mir so gut gefallen, dass ich geblieben bin. Ich war zu mehrmonatigen Eins\u00e4tzen in Afghanistan und Niger und bin seit April hier Karriereberater.\u201c Er wei\u00df also genau, von was er spricht, wenn er die jungen Interessenten ber\u00e4t.<\/p>\n<p>Bei Nico B. ist das relativ einfach. Der 22-J\u00e4hrige hat ziemlich klare Vorstellungen, was er will und interessiert sich f\u00fcr die Offizierslaufbahn als Soldat auf Zeit. \u201eIm Fr\u00fchjahr beende ich meine Ausbildung bei einer Versicherung. Dann m\u00f6chte ich gerne zu euch und studieren.\u201c Die Studienrichtung steht noch nicht so genau fest. \u201eVielleicht Wirtschaft oder auch Elektrotechnik.\u201c <\/p>\n<p>2300 Euro netto als Einstiegsgehalt <\/p>\n<p>Hauptmann Joe \u00f6ffnet eine Website und erl\u00e4utert dem Interessenten die M\u00f6glichkeiten. Als Bewerber mit Abitur steht Nico B. eine Karriere auf der F\u00fchrungsebene offen. Voraussetzung daf\u00fcr: Er muss sich f\u00fcr mindestens 13 Jahre bei der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Bundeswehr\" title=\"Bundeswehr\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bundeswehr<\/a> als Soldat verpflichten. Die Konditionen sind attraktiv: 2300 Euro netto erh\u00e4lt ein Soldat auf Zeit als Einstiegsgehalt \u2013 auch w\u00e4hrend des Studiums an einer der beiden Bundeswehrhochschulen in M\u00fcnchen und Hamburg. Hinzu kommt eine sehr g\u00fcnstige Unterkunft sowie Verpflegung durch die Truppe. <\/p>\n<p>Der Soldatendienst beginnt mit der dreimonatigen Grundausbildung, bei der die Rekruten die Grundlagen wie schie\u00dfen, marschieren und Erste Hilfe lernen. Danach folgt das Studium. Das ist anspruchsvoll: In vier Jahren m\u00fcssen Bachelor und Master absolviert werden. \u201eAber die Bedingungen sind daf\u00fcr optimal: Man lebt auf dem Campus und kann sich voll und ganz aufs Studium konzentrieren\u201c, sagt Cornelia F., die Pressesprecherin des Karrierecenters Stuttgart. Auch sie hat einst als Soldatin auf Zeit ihr Studium bei der Bundeswehr absolviert. Nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit blieb sie als zivile Mitarbeiterin bei der Truppe. <\/p>\n<p>An das Fachstudium schlie\u00dft sich f\u00fcr die jungen Offiziere eine weitere milit\u00e4rische Ausbildung an. Dann sind sie ger\u00fcstet und k\u00f6nnen F\u00fchrungsverantwortung \u00fcbernehmen. Auch Auslandseins\u00e4tze sind m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Nico B. hat noch eine Frage: \u201eIch habe auf dem rechten Auge eine Sehbehinderung und trage Kontaktlinsen. Ist das ein Hindernisgrund?\u201c Diese Frage kann Hauptmann Joe nicht beantworten. \u201eDas entscheidet allein der Truppenarzt.\u201c Aber es gebe bei der Bundeswehr viele M\u00f6glichkeiten der \u201eVerwendung\u201c, wie es im Fachjargon hei\u00dft. \u201eVielleicht kannst du nicht Pilot werden, aber in einer anderen Position arbeiten.\u201c <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber muss Nico B. seine Bewerbungsunterlagen schicken. Dann wird er nach K\u00f6ln eingeladen. Dort findet das dreit\u00e4gige Assessment f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte der Bundeswehr statt. Er wird nicht nur gr\u00fcndlich medizinisch durchgecheckt, sondern muss auch einen Sporttest, einen Wissens- und Intelligenztest sowie mehrere Gespr\u00e4che absolvieren. Ein Pendellauf mit elf Sprints \u00e0 zehn Metern muss in maximal 60 Sekunden bew\u00e4ltigt werden und jeder Bewerber muss einen Klimmhang mindestens f\u00fcnf Sekunden halten k\u00f6nnen. Hinzu kommt ein 3000-Meter-Lauf auf dem Ergometer, der in maximal sechseinhalb Minuten absolviert werden muss. Nur wer diese Werte schafft, wird in die Truppe aufgenommen. \u00dcberpr\u00fcft werden aber auch die psychische Verfassung der Bewerber, ihre Verfassungstreue und ihre Motivation. \u201eIch denke, in der heutigen Zeit ist es auch notwendig, dass ich die F\u00e4higkeiten bekomme, etwas zu tun, wenn etwas passiert\u201c, sagt Nico B. \u201eIch m\u00f6chte dann zur <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Verteidigung\" title=\"Verteidigung\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verteidigung<\/a> beitragen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p> Der Milit\u00e4rische Abschirmdienst \u00fcberpr\u00fcft Auslandskontakte der Bewerber  <\/p>\n<p>Aspiranten f\u00fcr eine Karriere bei der Bundeswehr m\u00fcssen mindestens 17 Jahre alt sein, den deutschen Pass haben, sollten m\u00f6glichst nicht vorbestraft sein und keine Schuldenberge mit sich herumschleppen. Wer Kontakte in bestimmte L\u00e4nder wie China oder Russland hat, sollte dies unbedingt angeben \u2013 der Milit\u00e4rische Abschirmdienst (MAD) \u00fcberpr\u00fcft diese in jedem Fall. Und selbstverst\u00e4ndlich ist eine positive Grundhaltung zur Verfassung der Bundesrepublik sowie zu den Werten der Demokratie eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Aufnahme.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr schaut sich die Bewerber genau an, sie nimmt nicht jeden. Aber sie bietet jedem, den sie f\u00fcr geeignet h\u00e4lt eine passgenaue Karriere. Es gibt die Laufbahn in der Mannschaft f\u00fcr Personen mit Hauptschulabschluss, die Feldwebellaufbahn f\u00fcr Realschulabsolventen oder Leute mit einer Ausbildung und die Offizierskarriere f\u00fcr Abiturienten. \u201eDie Bundeswehr ist autark. Deshalb brauchen wir fast alle Berufe\u201c, sagt Hauptmann Joe. Gefragt sind Handwerker und Sanit\u00e4ter genauso wie K\u00f6che oder IT- Experten. Wer noch keine Ausbildung mitbringt oder sich beruflich ver\u00e4ndern m\u00f6chte, kann bei der Bundeswehr ein Studium beginnen, eine Ausbildung oder Umschulung machen. Wer sich f\u00fcr welchen Einsatz und welche Ausbildung eignet, auch das wird im Assessment-Center gepr\u00fcft. \u201eWir unterbreiten dem Bewerber mehrere Vorschl\u00e4ge, und wenn er einem davon zustimmt, erfolgt eine Einstellung\u201c, erkl\u00e4rt Cornelia F.<\/p>\n<p>Das niedrigschwelligste Angebot f\u00fcr Interessenten ist der Freiwillige Wehrdienst. Bewerber verpflichten sich f\u00fcr sieben bis 23 Monate, absolvieren die Grundausbildung und k\u00f6nnen dann in einen Bereich der Truppe hineinschnuppern. So mancher entscheidet sich in dieser Zeit f\u00fcr eine l\u00e4ngerfristige Karriere bei der Truppe.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.fcd15f8f-d41e-4739-a687-12042f7b4228.original1024.media.jpeg\"\/>     Oberstleutnant Thilo K. (rechts) mit den Freiwilligen Anna Kr\u00e4chter und Lo\u00efc St\u00fcrmer    Foto: Gerlinde Wicke-Naber    <\/p>\n<p>1290 Leute haben Joachim S. und seine drei Kollegen im vergangenen Jahr in Stuttgart beraten. Das Interesse an der Arbeit in der Bundeswehr steigt. F\u00fcr 2024 verzeichnet die Bundeswehr 13 Prozent mehr Erstberatungen bundesweit im Vergleich zum Vorjahr und 23 Prozent mehr Einstellungen bei den Zeitsoldaten. Auch bei den Freiwilligen im Wehrdienst stieg die Zahl der Einstellungen um fast ein Viertel. Aktuell leisten 184\u2009330 Soldaten Dienst, davon 12\u2009286 im Freiwilligen Wehrdienst.<\/p>\n<p> Wie ver\u00e4ndert der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Krieg\" title=\"Krieg\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krieg<\/a> in der Ukraine die Einstellung zur Bundeswehr? <\/p>\n<p>Der Krieg in der Ukraine und die Debatten \u00fcber die Verteidigungsf\u00e4higkeit Deutschlands wecken das Interesse vieler Menschen an der Bundeswehr. Auch Hauptmann Joe bemerkt das seit geraumer Zeit: \u201eWenn ich im Zug in Uniform unterwegs bin, werde ich \u00f6fters angesprochen. Es gibt positiven Zuspruch und viele Fragen.\u201c<\/p>\n<p>Auch im Karrierecenter der Bundeswehr Stuttgart gibt es ein Assessment-Center. Hier werden die Bewerber f\u00fcr die Mannschafts- und Feldwebellaufbahn sowie f\u00fcr den Freiwilligen Wehrdienst gecheckt. Verantwortlich ist daf\u00fcr der Oberstleutnant Thilo K., 56 Jahre alt und im 37. Dienstjahr. Er verzeichnet immer mehr Bewerber. Etwa 15 bis 20 Prozent der Interessenten seien Frauen, ihr Anteil an der Truppe liegt derzeit bei 13 Prozent. \u201eWir haben auch immer wieder junge Leute mit Migrationshintergrund aus Syrien, der T\u00fcrkei oder anderswo.\u201c<\/p>\n<p>Das Assessment ist straff durchorganisiert. Am Ende des Tags steht fest, welcher Bewerber \u00fcbernommen wird. Dieser erh\u00e4lt auch sofort seine \u201eEinplanung\u201c. Er geht also mit einer festen Stelle nach Hause.<\/p>\n<p>Anna Kr\u00e4chter und Lo\u00efc St\u00fcrmer sind zwei der gl\u00fccklichen Gewinner des Assessments an diesem Tag. Beide haben sich f\u00fcr den Freiwilligen Wehrdienst beworben. Stolz pr\u00e4sentiert Lo\u00efc sein Einplanungspapier f\u00fcr den 1. April 2026. \u201eIch darf zum Gebirgsj\u00e4gerbataillon nach Bischofswiesen in Bayern. Mein Wunschziel\u201c, sagt der 19-J\u00e4hrige strahlend. Lo\u00efc St\u00fcrmer hat \u00f6sterreichische Verwandtschaft. \u201eDie waren alle bei den Gebirgsj\u00e4gern. Deshalb will auch dahin.\u201c Die Berge, das Klettern und Skifahren locken ihn. Aber auch: \u201eIch will meinem Land, das meine Eltern und Gro\u00dfeltern aufgebaut haben, etwas zur\u00fcckgeben.\u201c F\u00fcr 15 Monate hat sich Lo\u00efc verpflichtet. Und danach? \u201eIch schaue mir die Truppe an. Wenn es mir gef\u00e4llt, dann werde ich Soldat und beginne vielleicht ein Studium bei der Bundeswehr\u201c, so seine Vorstellungen.<\/p>\n<p> Auch die digitale Infrastruktur muss gesch\u00fctzt werden <\/p>\n<p>Auch Anna Kr\u00e4chter will zun\u00e4chst in die Bundeswehr hineinschnuppern. Im Sommer beendet die 23-J\u00e4hrige ihr Studium der Volkswirtschaft in Mannheim. F\u00fcr den Herbst ist dann der Einstieg in die Bundeswehr geplant, f\u00fcr zun\u00e4chst zw\u00f6lf Monate. \u201eIch will in den Cyber-Informationsraum\u201c, sagt sie. Der Cyber-Informationsraum ist die neben der Marine, der Luftwaffe und dem Heer die vierte Teilstreitkraft der Bundeswehr und f\u00fcr die Verteidigung der digitalen Infrastruktur zust\u00e4ndig. Ihre Eltern seien \u00fcber ihren Wunsch zur Bundeswehr zu gehen, nicht so gl\u00fccklich, sagt Anna Kr\u00e4chter. \u201eAber weil ich es will, unterst\u00fctzen sie mich.\u201c <\/p>\n<p>Oberstleutnant Thilo K. freut sich \u00fcber solch engagierte Freiwillige. \u00dcbrigens k\u00f6nnen sich nicht nur junge Leute f\u00fcr den Freiwilligendienst bewerben. \u201eDer \u00c4lteste, den ich beraten habe, war 56 Jahre alt\u201c, sagt Joachim S. \u201eUnd der \u00e4lteste Freiwillige bundesweit, von dem ich wei\u00df, war sogar schon 62.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Bundeswehr ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. 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