{"id":689792,"date":"2026-01-03T09:09:16","date_gmt":"2026-01-03T09:09:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/689792\/"},"modified":"2026-01-03T09:09:16","modified_gmt":"2026-01-03T09:09:16","slug":"stolz-und-chronisch-unzufrieden-kurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/689792\/","title":{"rendered":"Stolz und chronisch unzufrieden | Kurier"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blick auf die Regale im Bereich &#8222;politisches Buch\u201c in franz\u00f6sischen Buchhandlungen kann deprimierend sein. Die Titel der Bestseller reichen von<strong> &#8222;Franz\u00f6sische Trag\u00f6die\u201c<\/strong> \u00fcber &#8222;Diese Pr\u00e4sidenten, die so viel Schaden f\u00fcr uns angerichtet haben\u201c bis &#8222;Frankreich \u2013 der Schock oder der Fall\u201c.<\/p>\n<p>Rien ne va plus, nichts geht mehr \u2013 das ist der Eindruck nicht nur beim Besuch des Stands mit den bestverkauften B\u00fcchern. Dieselbe negative Leier wird bei den vielen Diskussionsrunden im Fernsehen angestimmt. Dort geht es darum, in welchen Bereichen Frankreich abf\u00e4llt oder ganz versagt, von der <strong>Schulbildung<\/strong>, die immer schlechter werde, \u00fcber die mangelnde fl\u00e4chendeckende <strong>Krankenversorgung <\/strong>bis zum nachlassenden diplomatischen Gewicht des Landes in der Welt. S\u00e4mtliche <strong>Oppositionspolitiker <\/strong>machen sich die miese Stimmung zunutze, um die Regierung zu kritisieren und zu versprechen, dass mit ihnen alles besser w\u00fcrde.<\/p>\n<p>    Stolz, aber unzufrieden<\/p>\n<p>Frankreich ist die<strong> zweitgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft <\/strong>der EU, hat einen starken Sozialstaat und im Ausland gilt es als Nation der Lebenskunst, des<strong> &#8222;Savoir-vivre\u201c<\/strong>. Tats\u00e4chlich gaben 78 Prozent bei einer Umfrage im Herbst an, sie seien &#8222;stolz, Franzosen zu sein\u201c, die Zufriedenheit mit dem pers\u00f6nlichen Leben ist gro\u00df. Rituale am Nationalfeiertag haben Bedeutung, Fu\u00dfballspiele der Nationalmannschaft sowieso.<\/p>\n<p>Zugleich bringen Studien seit Jahren einen spektakul\u00e4ren Vertrauensverlust der Franz\u00f6sinnen und Franzosen in s\u00e4mtliche Institutionen zutage. Sie sind entt\u00e4uscht vom Staat, von dem sie viel erwarten. Die <strong>Steuer- und Abgabenlast<\/strong> ist mit rund 45 Prozent des Einkommens eine der h\u00f6chsten in Europa. Doch dass das Geld effizient verwendet wird, bezweifeln viele. K\u00fcrzlich schreckte eine Umfrage des Zentrums f\u00fcr politische Forschung Cevipof der Elitehochschule Sciences Po auf: 30 Prozent der Befragten gaben darin an, ihre gr\u00f6\u00dfte <strong>Sorge <\/strong>seien nicht die Kaufkraft oder mangelnde Sicherheit, sondern die Politiker. 2020 waren es noch sieben Prozent.<\/p>\n<p>Ein beunruhigendes Ergebnis, sagte Gu\u00e9na\u00eblle Gault, eine der Verantwortlichen f\u00fcr die Studie: &#8222;Es ist eine Grundaufgabe der Politik, f\u00fcr die L\u00f6sung gemeinsamer Probleme zust\u00e4ndig zu sein. Wenn die Politiker selbst das Hauptproblem werden, ersch\u00fcttert das die gesamte demokratische Funktionsweise.\u201c J\u00f6rg M\u00fcller, Wissenschaftlicher am Cr\u00e9doc, ein Forschungszentrum f\u00fcr die Untersuchung und Beobachtung der Lebensbedingungen, verweist auf einen &#8222;immer radikaleren Wunsch nach Wandel\u201c bei den Menschen in Frankreich, den eine langfristige Studie unter Beweis stellt. W\u00e4hrend die Zahl jener, die sich eher f\u00fcr progressive Reformen aussprechen, kontinuierlich sinkt, sprechen sich immer mehr f\u00fcr eine <strong>&#8222;radikale Systemver\u00e4nderung\u201c <\/strong>aus \u2013 ihr Anteil stieg von 25 Prozent im Jahr 1979 auf aktuell 47 Prozent.<\/p>\n<p>&#8222;Das <strong>Misstrauen <\/strong>gegen\u00fcber den politischen Parteien, der Regierung, dem Staat und seinen politischen Institutionen war in Frankreich schon immer st\u00e4rker als in anderen europ\u00e4ischen Demokratien&#8220;, betont M\u00fcller. Aber es erreiche neue Rekorde.<\/p>\n<p>Bemerkenswert sei zudem, dass das Misstrauen auch die Mitmenschen betreffe: &#8222;73 Prozent sind der Meinung, dass man gegen\u00fcber normalen Mitb\u00fcrgern nicht vorsichtig genug sein kann.&#8220; Gro\u00df ist auch die Skepsis gegen\u00fcber den sozialen Netzwerken (91 Prozent), politischen Parteien (82 Prozent), Medien (68 Prozent) und privaten Konzernen (50 Prozent). Lediglich die Armee ist noch gut angesehen mit Zustimmungswerten von knapp 80 Prozent.<\/p>\n<p>    Bev\u00f6lkerung will Einfluss<\/p>\n<p>Bleibt die Frage: Woher kommt die negative <strong>Stimmung<\/strong>, die sich unter Pr\u00e4sident<strong> Emmanuel Macron<\/strong>, der seit 2017 an der Macht ist, verst\u00e4rkt hat? Macron ist &#8222;ein ganz normaler Pr\u00e4sident der F\u00fcnften Republik, also seit 1958, der so handelt, wie es Pr\u00e4sidenten der F\u00fcnften immer getan haben: autorit\u00e4r und mit Dekreten&#8220;, sagt J\u00f6rg M\u00fcller. Das Problem: Die franz\u00f6sische Gesellschaft im Jahr 2025 fordere eine st\u00e4rkere Einflussnahme und mehr Beteiligung ein.<\/p>\n<p>Die Verfassung der <strong>F\u00fcnften Republik<\/strong>, deren erster Pr\u00e4sident der General <strong>Charles de Gaulle <\/strong>war, sei &#8222;heute nicht mehr ad\u00e4quat\u201c. Das hei\u00dfe nicht, dass Macron keine Verantwortung f\u00fcr die Situation habe. Er traf Fehlentscheidungen wie die Aufl\u00f6sung der Nationalversammlung im Sommer 2024 mit spontan angesetzten Neuwahlen. Aber das Problem liegt demnach tiefer im System und wird von den diversen Krisen versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Doch es gilt zu bezweifeln, dass die n\u00e4chste <strong>Pr\u00e4sidentschaftswahl 2027<\/strong> Grundlegendes \u00e4ndert. Werke mit Untergangsszenarios d\u00fcrften weiter gefragt bleiben.<\/p>\n<p><strong>Die Autorin<\/strong> hegt eine gro\u00dfe Liebe f\u00fcr Frankreich, seine Bev\u00f6lkerung und dessen Macken. Sie berichtet seit Jahren f\u00fcr den KURIER \u00fcber die &#8222;Grande Nation\u201c.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Blick auf die Regale im Bereich &#8222;politisches Buch\u201c in franz\u00f6sischen Buchhandlungen kann deprimierend sein. 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