{"id":691033,"date":"2026-01-03T20:55:12","date_gmt":"2026-01-03T20:55:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/691033\/"},"modified":"2026-01-03T20:55:12","modified_gmt":"2026-01-03T20:55:12","slug":"russische-propaganda-in-der-geschichte-die-politik-des-nazi-vorwurfs-ist-keine-erfindung-putins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/691033\/","title":{"rendered":"Russische Propaganda in der Geschichte: Die Politik des Nazi-Vorwurfs ist keine Erfindung Putins"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\u201eWir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die Menschen zu sch\u00fctzen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Zu diesem Zweck werden wir versuchen, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu bringen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbev\u00f6lkerung, einschlie\u00dflich russischer B\u00fcrger, begangen haben.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Dies ist ein Auszug aus einer l\u00e4ngeren Rede, mit der Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin im Februar 2022 den russischen Gro\u00dfangriff auf die Ukraine zu rechtfertigen suchte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Auch Au\u00dfenminister Sergei Lawrow <a href=\"https:\/\/taz.de\/Russlands-Ziele-in-der-Ukraine\/!5853414\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beschw\u00f6rt regelm\u00e4\u00dfig dieses Nazi-Narrativ<\/a>: \u201eWir haben keinen Zweifel daran, dass sich die Ukraine endg\u00fcltig in einen totalit\u00e4ren Nazi-Staat verwandelt hat, in dem die Normen des humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrechts ungestraft missachtet werden\u201c, sagte er beispielsweise in einer Rede vor der UNO im Mai 2022.<\/p>\n<p>      Nazi-Vorwurf als sowjetisches Narrativ<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Dieser Nazi-Vorwurf gegen\u00fcber der Ukraine und ihrer Regierung ist allerdings gar keine Erfindung der heutigen russischen Propaganda. Es ist vielmehr ein Narrativ, das sich bis in die Sowjetzeit zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurden antisowjetische Aktivisten, die sich f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit ihrer L\u00e4nder einsetzten, zu den \u201efaschistischen\u201c Feinden der Sowjetunion gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine\/!t5008150\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/ukraine-1.jpeg\" loading=\"lazy\" height=\"241\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Krieg in der Ukraine<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der gro\u00df angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im M\u00e4rz 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">\n              <a href=\"https:\/\/taz.de\/Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine\/!t5008150\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"noopener\">\u279d Mehr zum Thema Krieg in der Ukraine<\/a>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Um genau diese Vorw\u00fcrfe und russische Propaganda ging es am 7. und 8. Oktober im westukrainischen Lwiw bei der Jahreskonferenz <a href=\"https:\/\/www.lmu.de\/mhz\/de\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"noopener\">des Mykola-Haievoi-Zentrums f\u00fcr moderne Geschichte<\/a> unter dem Titel \u201eDie Politik des Nazi-Vorwurfs: Die Sowjetunion und die antisowjetischen Nationalismen im Kalten Krieg\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Das Zentrum ist eine von der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU) und der Ukrainischen Katholischen Universit\u00e4t (UCU) in Lwiw getragene Forschungseinrichtung. Geleitet wird sie von den namhaften Osteuropa-Historikern Martin Schulze Wessel <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ukrainischer-Historiker-ueber-Selenskyj\/!6107766\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">und Yaroslav Hrytsak<\/a>. Namensgeber Mykola Haievoi war ein Doktorand, der eigentlich hier h\u00e4tte forschen sollen. Gleich zu Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig den Ukrainischen Streitkr\u00e4ften angeschlossen. Er starb im August 2024 im Alter von 28 Jahren w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe in der Region Kursk.<\/p>\n<p>      Deutsch-ukrainische Forschungspartnerschaft<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Das Haievoi-Zentrum, das sich der Erforschung von Massengewalt im 20. Jahrhundert widmet, wird vom Bundesministerium f\u00fcr Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gef\u00f6rdert. Um die deutsch-ukrainische Forschungspartnerschaft zu st\u00e4rken, hatte man dort bereits vor der russischen Vollinvasion im Februar 2022 vier deutsch-ukrainische \u201eExzellenzkerne\u201c ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Damit sollen Spitzenforschungsgruppen etabliert und der langfristige wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland und der Ukraine gef\u00f6rdert werden. Das Haievoi-Zentrum ist dabei die einzige geisteswissenschaftliche Einrichtung. Die anderen drei sind im naturwissenschaftlichen Bereich verortet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Mit dem Krieg wurde einiges schwieriger, wie Direktor Schulze Wessel am Rande der Konferenz erkl\u00e4rt. Eigentlich war auch geplant, dass ukrainische Wis\u00adsen\u00adschaft\u00adle\u00adr*in\u00adnen in M\u00fcnchen die deutsche Forschungslandschaft kennenlernen. Auch die diesj\u00e4hrige Konferenz h\u00e4tte in Deutschland stattfinden sollen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/1322-Tage-Krieg-in-der-Ukraine\/!6117712\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Doch ukrainische M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter d\u00fcrfen aktuell ihr Land nicht verlassen<\/a>. Und auch andersherum ist das Reisen problematisch. Zwar toben die K\u00e4mpfe vor allem im Osten des Landes, aber auch andere ukrainische St\u00e4dte werden regelm\u00e4\u00dfig attackiert. Zwei Tage vor Konferenzbeginn ist Lwiw wieder einmal Ziel russischer Drohnen und Raketen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Die Konferenz auf dem modernen UCU-Campus am Rande des Stryjski-Parks, einer der \u00e4ltesten und sch\u00f6nsten Parkanlagen Lwiws, wurde gl\u00fccklicherweise nicht von russischen Angriffen gest\u00f6rt. Sicherheitshalber fand sie aber trotzdem in einem auch als Luftschutzraum dienenden Saal im Untergeschoss der Uni statt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Mehr als zwanzig Wis\u00adsen\u00adschaft\u00adle\u00adr*in\u00adnen aus der Ukraine und Deutschland, aus Polen, Litauen, Ungarn und Norwegen, den USA, Kanada und Australien, einige von ihnen online zugeschaltet, sprechen zum Konferenzthema<\/p>\n<p>      Erschreckende Parallelen zu heute<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">Die Vortr\u00e4ge sind sowohl erschreckend wie erhellend. Erschreckend sind vor allem die vielen historischen Beispiele, die zeigen, wie alt diese Moskau-Propaganda in Bezug auf die Ukraine schon ist. Erhellend ist, mit welcher Kontinuit\u00e4t sie bis heute in immer neuen Spielarten ein Land und seine Menschen weltweit zu verunglimpfen sucht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">In seiner Er\u00f6ffnungsrede erkl\u00e4rt Kai Struve (LMU), schon am 24. Februar 2022 habe Putin mit einem klaren Verweis auf die Geschichte von Nazis in der ukrainischen Regierung gesprochen. Dass er auch den Euromaidan in Kyjiw 2013\/14 als \u201efaschistischen Putsch\u201c bezeichnete, bediente latent vorhandene Ideen in Westeuropa von den \u201efaschistischen Ukrainern\u201c. Das bezieht sich vor allem auf die antisowjetischen ukrainischen Kr\u00e4fte, die w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs teilweise mit dem faschistischen Deutschland kollaborierten und an Verbrechen beteiligt waren. Bis heute h\u00e4lt sich darum auch in Deutschland das Bild von den \u201eukrainischen Faschisten\u201c.<\/p>\n<p>      Unterschiedliche Feindbilder als \u201eflexibles Propagandawerk\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"19\">Doch neben den Nazi-Vorw\u00fcrfen tauchen in der sowjetischen Propaganda auch verschiedene Feindbilder auf, die sich nicht auf reale Bedrohungen beziehen, sondern immer \u201eflexibles Propagandawerk\u201c und \u201eprimitive Massenideologie\u201c sind, wie Mykhailo Mitsel (Joint Distribution Committee Archives, New York) in seinem Vortrag \u201eKampagnen der ideologischen Maschinerie der Sowjetukraine gegen den \u201aweltweiten Zionismus\u2018\u201c ausf\u00fchrt. Er sieht hier eine gro\u00dfe \u00dcbereinstimmung <a href=\"https:\/\/taz.de\/Lawrow-vergleicht-Selenski-mit-Hitler\/!5844652\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zwischen der antizionistischen Hetzpropaganda der Sowjetzeit und der aktuellen russischen Anti-Ukraine-Propaganda<\/a>. Beides sei Hasspropaganda gegen Feinde, die es so in Wirklichkeit gar nicht gibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"20\">Um die Verbreitung von antiukrainischer Propaganda geht es auch in der Pr\u00e4sentation von Liliana Hentosh (UCU) zur sowjetischen Verleumdungskampagne gegen Andrej Scheptyzkyj. Der Metropolit der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche hatte im Zweiten Weltkrieg Krieg unter anderem Juden versteckt und sich deutlich gegen den Holocaust positioniert. Er hatte aber auch auch die deutschen Streitkr\u00e4fte als Befreier von der sowjetischen Herrschaft unterst\u00fctzt. Kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Lwiw 1944 starb Scheptyzkyj.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"21\">Schon bald begann eine gezielte Kampagne gegen die Kirche und besonders gegen Scheptyzkyj. Priester wurden ermordet, Gl\u00e4ubige verfolgt. Schlie\u00dflich wurde die Griechisch-Katholische Kirche mit der orthodoxen zwangsvereinigt. Eine ganze Reihe von Pamphleten und B\u00fcchern wurden geschrieben, um Scheptyzkyj gezielt zu diffamieren. Erst 1989 wurde die Griechisch-Katholische Kirche offiziell wieder zugelassen und damit wandelte sich in der Ukraine der 1990er Jahren das Bild ihres fr\u00fcheren Metropoliten. Historiker und Theologen befassten sich wissenschaftlich mit ihm. Und 2015 wurde Scheptyzkyjs 150. Geburtstag schlie\u00dflich in der ganzen Ukraine gefeiert, man errichtete Statuen und benannte Stra\u00dfen nach ihm.<\/p>\n<p>      Sowjetische Diffamierungskampagnen im Ausland<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"23\">Die sowjetischen Diffamierungen von Ukrainern als Nationalisten machten auch an den Landesgrenzen nicht halt. Das stellt Oleksandr Avramchuk von der Universit\u00e4t Warschau in seinem Vortrag \u00fcber die \u201eSowjetische Kampagne zur Diskreditierung des Harvard Ukrainian Research Institute\u201c dar. Das Institut wurde 1973 am US-amerikanischen Harvard-Institut von dem exil-ukrainischen Historiker Omeljan Pritsak gegr\u00fcndet. Erforscht wurden dort Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Ukraine, womit es gelang, die Ukrainistik in der amerikanischen Wissenschaft zu verankern. Gezielt versuchten der sowjetische Geheimdienst und die CIA, das Institut und seine Mitarbeiter zu bespitzeln und zu verleumden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"24\">Und <a href=\"https:\/\/www.rmc-cmr.ca\/en\/political-science\/dr-lubomyr-luciuk-professor\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"noopener\">Lubomyr Luciuk (Royal Military College of Canada)<\/a> berichtete in seinem Vortrag \u201eDesinformation aus der Sowjetzeit und mutma\u00dfliche Nazi-Kriegsverbrecher in Nordamerika\u201c von einer gezielten Diffamierungskampagne des KGB mit der Behauptung, tausende ukrainischer SS-M\u00e4nner der Galizischen Division seien nach dem Krieg nach Nordamerika geflohen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"25\">Wie sich sp\u00e4ter herausstellte, gab es etwa 800 F\u00e4lle, der Verdacht gegen die meisten M\u00e4nner erwies sich jedoch als gegenstandslos.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-30\" pos=\"26\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Wie-Putin-die-Russen-indoktriniert\/!6137248\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Russische Propaganda in allen Spielarten gibt es bis heute<\/a>. Dazu reicht ein Blick in die Nachrichten. Wer sich mit ihrer Geschichte besch\u00e4ftigt hat, erkennt sie in der Gegenwart. Und l\u00e4sst sich nicht von ihr t\u00e4uschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eWir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. 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