{"id":691932,"date":"2026-01-04T06:14:10","date_gmt":"2026-01-04T06:14:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/691932\/"},"modified":"2026-01-04T06:14:10","modified_gmt":"2026-01-04T06:14:10","slug":"ein-versuch-zu-erzaehlen-wie-kunst-zum-bild-auf-der-leinwand-wird-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/691932\/","title":{"rendered":"Ein Versuch zu erz\u00e4hlen, wie Kunst zum Bild auf der Leinwand wird \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein ziemlich vertracktes Buch, das die Leipziger Autorin Lea Rohrmoser hier vorgelegt hat. Eigentlich hat sie Germanistik und Anglistik studiert und \u00fcber H\u00f6lderlin promoviert. Aber mit diesem Buch versucht sie, sich in das Innenleben einer K\u00fcnstlerin einzuf\u00fchlen. Wie ticken K\u00fcnstler\/-innen, wenn sie ihre Bilder erschaffen?<\/p>\n<p>Das zumindest ist ein in der deutschen Literatur gern benutztes Motiv. Am K\u00fcnstler kann man die Einsamkeit des Schaffenden schildern. Und seine N\u00f6te, wenn es mal nicht so l\u00e4uft, die Ideen ausbleiben oder die Arbeit einfach stockt. Ein K\u00fcnstlerleben ist nicht so einfach.<\/p>\n<p>Erst recht, wenn man dann auch noch einen viel \u00e4lteren Topos der deutschen Literatur aufgreift: der K\u00fcnstler als im Rausch Schaffender. Quasi durch seine Kreativit\u00e4t mit einer anderen Welt verbunden, hin- und her gerissen. Genie und Scheiternder.<\/p>\n<p>Und irgendwie geht es auch Dorothee Born so, der jungen Frau, die Lea Rohrmoser in diesem Buch auftreten, tr\u00e4umen, schaffen und leiden l\u00e4sst. Gesteigert durch die br\u00fctenden Hitzetage eines j\u00fcngeren Sommers. Hitzetage, die die junge Frau zus\u00e4tzlich in Qualen versetzen, die nicht nur k\u00f6rperliche sind.<\/p>\n<p>Sodass man in das Buch hineinkommt, als w\u00e4re man sofort in bedr\u00fcckenden Tr\u00e4umen gelandet. Besonders zwei scheinen Dorothea sehrzu bedr\u00fccken. Das eine ist ein Traum von Lilith, der sagenhaften ersten Fau von Adam, die es in den langweiligen Dimensionen des Paradieses nicht aush\u00e4lt. Die mit dem vor sich hind\u00f6senden Adam erst recht nichts anfangen kann, den die R\u00e4tsel der Welt nicht zu interessieren scheinen.<\/p>\n<p>Aber Lilith will alles wissen, ist aber in Dorotheas Traum auch gleichzeitig eine Urgestalt, die ihre Mitwelt nicht rational, sondern durch Gef\u00fchle zu begreifen versucht und dabei selbst in (alb-)traumhafte Situationen ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Situationen, die sich sp\u00e4ter in der Geschichte Dorotheas spiegeln, die ihrerseits auf die an ihrer Hilflosigkeit leidende Lilith schaut. Der Traum spiegelt sich im Traum. W\u00e4hrend Dorothea ganz offensichtlich mit ihrer Arbeit an den j\u00fcngsten Bildern nicht vorankommt.<\/p>\n<p>Wenn sich Fantasie und Wirklichkeit vermengen<\/p>\n<p>Oder doch? Auch das bleibt in der Schwebe, denn gleichzeitig sind ihre Bilder in der neuesten Austellung zu sehen, die der Galerist Alexander verantwortet.<\/p>\n<p>Der aber selbst wieder Probleme hat, Traum und Realit\u00e4t auseinanderzuhalten. Vielleicht selbst getrieben von der Erwartung, immer wieder neue, Aufsehen erregende Ausstellungen gestalten zu m\u00fcssen. Sodass am Ende das Privatleben darunter leidet und ein Ausflug mit den Kindern zum Horrortrip wird, weil ihm beim Baden am Fluss die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen zu leibhaftig erlebten Tr\u00e4umen werden.<\/p>\n<p>Oder Tag-Tr\u00e4umen. Ihm geht es ja wie Dorothea: Fantasie und Wirklichkeit vermengen sich. Die Gestalten aus den Bildern geraten in die Wirklichkeit \u2013 so wie Jesus und Menas, die Dorothea zu ihrem n\u00e4chsten Bild animieren. An dem sie bis zur Ersch\u00f6pfung arbeitet. Oder schon ersch\u00f6pft ist, bevor sie richtig ins Arbeiten kommt.<\/p>\n<p>Ob das Realit\u00e4t ist oder nur Einbildung, das l\u00e4sst sich nicht greifen. Denn auch bei Lea Rohrmoser wird Schaffen zum Rausch, ist die Malerin nicht souver\u00e4n, sondern getrieben von Erwartungen, Gef\u00fchlen, \u00c4ngsten. Und nat\u00fcrlich den Figuren, die ihre Phantasie besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>So wie Lilith, der Engel Raphael. Oder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Briefleserin_am_offenen_Fenster\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Briefleserin von Jan Vermeer van Delft<\/a>, die man in der Gem\u00e4ldegalerie Alte Meister in Dresden besichtigen kann \u2013 seit 2021 wieder mit dem freigelegten Cupido im Hintergrund, der die Aussage des Bildes drastisch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die N\u00f6te des Galeristen<\/p>\n<p>Aber was macht eigentlich das Schaffen von Dorothea so albtraumhaft? Warum kann sie nicht in Ruhe arbeiten? Warum treiben sie ihre Figuren derart in Not, so dass sie im Grunde die ganze Zeit in einem Zustand des Scheiterns zu leben scheint? Erst recht noch zugespitzt durch ihre Kindheitserfahrung, dass sie eigentlich nur gut zeichnen kann. F\u00fcr andere Berufswege also gar nicht geeignet?<\/p>\n<p>Es ist ein m\u00f6glicher Moment, der die N\u00f6te von K\u00fcnstler\/-innen zu greifen versucht. Denn sie k\u00f6nnen zwar Dinge tun, um die sie von anderen Leuten beneidet werden \u2013 ihrer Kreativit\u00e4t einfach freien Lauf lassen. Aber sp\u00e4testens wenn Alexander ihre Ausstellungen organisiert, wird der Zwang zum Erfolg deutlich, der jedes Kunstschaffen begleitet.<\/p>\n<p>Wenn die Bilder nicht so stark und eindrucksvoll werden, dass sie das Galeriepublikum in ihren Bann ziehen und letztlich verkauft werden, steht die K\u00fcnstlerin vor dem Nichts. Und ein verkauftes Bild reicht nicht. Es braucht immer neue starke Ideen und ihre Umsetzung.<\/p>\n<p>Und der Galerist leidet mit. Die Vernissage wird f\u00fcr ihn ein einziger Alkoholexzess. Denn niemand wei\u00df, ob der Funke \u00fcberspringt. Nicht einmal in der Er\u00f6ffnungsrede f\u00fcr die Ausstellung wird das greifbar. Zumindest Alexander und seinem eher dilettierenden Redner Schwanich nicht.<\/p>\n<p>Was soll man \u00fcber Kunst erz\u00e4hlen, die sich nicht wirklich greifen l\u00e4sst? Ein Problem, das ja bekanntlich Legionen von Kunstkritikern und Kunstwissenschaftlern haben.<\/p>\n<p>Die Einsamkeit der Malerin<\/p>\n<p>Dass Dorotheas \u00c4ngste geradezu existenziell werden, wird in jenem Abschnitt deutlich, in dem die Malerin tagelang mit dem Tod ringt und die Tr\u00e4ume wie Fantasiegebilde wirken, die die Leidende beim \u00dcberschreiten der Schwelle begleiten. W\u00e4hrend eine zarte Gestalt namens Julie sie pflegt und die Leidende doch eines Tages wieder aus dem Bett kriecht.<\/p>\n<p>Auch das nur ein Traum? Oder das tats\u00e4chliche Leiden an den eigenen Tr\u00e4umen, die gestaltet werden wollen? Die so \u00fcberm\u00e4chtig sind, dass die K\u00fcnstlerin unter ihnen auch k\u00f6rperlich leidet.<\/p>\n<p>Womit Lea Rohrmoser ja eine unserer Vorstellungen \u00fcber das Kunstschaffen versucht, in Prosa zu gestalten. Wie kommen K\u00fcnstlerinnen zu ihren Bildern? Was passiert da eigentlich im Schaffensprozess? Denn nat\u00fcrlich k\u00f6nnen die meisten von uns mit Kreativit\u00e4t nicht umgehen. Wohl wissend, dass es um mehr als Technik geht.<\/p>\n<p>Aber was passiert da wirklich im Kopf der K\u00fcnstlerin? Und was dr\u00e4ngt sie dazu, nicht aufzugeben? Auch nicht an Tagen, an denen einen die Hitze fertig macht, einen aber die Gestalten st\u00e4ndig zu beobachten scheinen, die man ins Bild bannen will. Die das eigene Ich (Ego) in Frage stellen, die Malende und Tr\u00e4umende zutiefst ersch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Es ist zumindest eine m\u00f6gliche Sicht auf den Zustand, in dem Kunst entsteht. Und auf die Einsamkeit der Malerin, die ihr Atelier in dem alten Fabrikgeb\u00e4ude mit den gro\u00dfen Fenstern f\u00fcr ihr eigentliches Zuhause h\u00e4lt. So dass es auch ein Versuch \u00fcber die Frage ist, ob sich Realit\u00e4t und Kunst tats\u00e4chlich so vermischen d\u00fcrfen, dass die Malerin regelrecht in den eigenen Bilderwelten steckt, sich nicht losl\u00f6sen kann. Mit ihren Figuren k\u00e4mpft, als w\u00e4ren sie Teil der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Kunst ist immer Grenz\u00fcberschreitung. Aber wie beschreibt man diesen Prozess, wenn man nicht selbst jeden Tag vor der Staffelei steht und nicht nur dem Kunstmarkt (und den unberechenbaren Erwartungen der K\u00e4ufer) gerecht werden muss, sondern auch den stillen Forderungen der Gestalten, die man in Farbe zu bannen versucht?<\/p>\n<p>Und die ganz offensichtlich einen Eigensinn haben, der gestaltet werden will. Und der nicht immer zu greifen ist. Wem kann man da \u00fcberhaupt gerecht werden? Oder ist das Scheitern einfach schon absehbar?<\/p>\n<p>Eine offene Frage. Auch f\u00fcr all jene, die versuchen, die K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen dort zu fassen zu bekommen, wo ihre Kunst in der Regel in Einsamkeit entsteht.<\/p>\n<p><strong>Lea Rohrmoser \u201eEgo oder Die Sonne lacht\u201c<\/strong>, Einbuch Buch- und Literatirverlag, Leipzig 2025, 15,40 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein ziemlich vertracktes Buch, das die Leipziger Autorin Lea Rohrmoser hier vorgelegt hat. 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