{"id":692089,"date":"2026-01-04T07:51:11","date_gmt":"2026-01-04T07:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692089\/"},"modified":"2026-01-04T07:51:11","modified_gmt":"2026-01-04T07:51:11","slug":"internetkriminalitaet-white-tiger-wegen-mordes-vor-gericht-wenn-klassische-polizeiarbeit-nicht-mehr-reicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692089\/","title":{"rendered":"Internetkriminalit\u00e4t: \u201eWhite Tiger\u201c wegen Mordes vor Gericht \u2013 wenn klassische Polizeiarbeit nicht mehr reicht"},"content":{"rendered":"<p>Der Fall \u201eWhite Tiger\u201c hat die Hamburger Ermittler vor besondere Herausforderungen gestellt und Grenzen aufgezeigt. LKA-Chef Jan Hieber erkl\u00e4rt, was sich im Umgang mit h\u00e4ufig schwierig zu ermittelnden Internetdelikten \u00e4ndern muss.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Vor dem Landgericht Hamburg beginnt am kommenden Freitag der Prozess gegen einen heute 21-J\u00e4hrigen, der unter dem Pseudonym \u201eWhite Tiger\u201c schwerste Straftaten im Internet begangen haben soll. Die Hauptverhandlung findet vor einer Jugendkammer statt und ist nicht \u00f6ffentlich; Termine sind bis Ende 2026 angesetzt. Die Anklage b\u00fcndelt Vorw\u00fcrfe von au\u00dfergew\u00f6hnlichem Gewicht: 204 Taten, darunter ein vollendeter und f\u00fcnf versuchte Morde in mittelbarer T\u00e4terschaft, Sexualdelikte sowie Straftaten gegen die k\u00f6rperliche Unversehrtheit.<\/p>\n<p>Die Taten sollen zwischen 2021 und 2023 begangen worden sein, mehr als 30 Kinder und Jugendliche gelten als Opfer. Neben der Schuldfrage r\u00fcckt die Vorgeschichte in den Fokus. Nach \u00fcbereinstimmender Berichterstattung wurde \u201eWhite Tiger\u201c bereits 2021 in Hamburg bekannt. Auf Grundlage eines Hinweises aus den USA kam es zu Ermittlungen, der damals minderj\u00e4hrige Verd\u00e4chtige wurde vernommen. Das Verfahren wegen des Verdachts auf Besitz jugendpornografischer Aufnahmen wurde sp\u00e4ter wegen Geringf\u00fcgigkeit eingestellt. <\/p>\n<p>Heute gehen Ermittler davon aus, dass der Angeklagte bereits zu diesem Zeitpunkt Straftaten begangen hatte. Festgenommen wurde er jedoch erst im Juni 2025 \u2013 rund drei Jahre und sieben Monate sp\u00e4ter. Diese zeitliche L\u00fccke l\u00f6st Fragen aus: Wurden fr\u00fche Hinweise richtig eingeordnet, und wurden die M\u00f6glichkeiten staatlichen Handelns konsequent genutzt?<\/p>\n<p>F\u00fcr Jan Hieber, den Leiter des Hamburger Landeskriminalamts, ist diese Debatte nicht neu. In einem Gespr\u00e4ch mit WELT AM SONNTAG ordnet er den Fall in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang ein. Immer wieder gebe es sehr unterschiedliche Ereignisse \u2013 er nennt unter anderem Brokstedt, Delb\u00f6ge, den Messerangriff am Hamburger Hauptbahnhof sowie F\u00e4lle in Magdeburg, Regensburg, Solingen und Mannheim -, bei denen im Nachhinein rekonstruiert werde, was Beh\u00f6rden bereits wussten. Daraus entstehe regelm\u00e4\u00dfig die Frage: Warum hat der Staat nicht fr\u00fcher gehandelt?<\/p>\n<p>Gemeinsam sei diesen F\u00e4llen, so Hieber, ein strukturelles Dilemma. Hinweise und Auff\u00e4lligkeiten seien vorhanden, l\u00e4gen aber oft unterhalb klarer strafrechtlicher Schwellen. Klassische Polizeilogik, die auf abgeschlossene Taten und formale Zust\u00e4ndigkeiten ausgerichtet sei, sto\u00dfe hier an Grenzen. Gerade der Fall White Tiger hat zudem gezeigt, dass bei einer routinem\u00e4\u00dfigen Abarbeitung schnell solche Hinweise \u00fcbersehen werden k\u00f6nnen, die die Ermittler nicht \u201eauf dem Schirm\u201c haben. Denn 2021 konnte in der Polizei kaum jemand etwas mit auf verbrecherische Netzwerke hindeutende K\u00fcrzel wie \u201e764\u201c oder \u201eCVLT\u201c anfangen, die heute die Alarmglocken schrillen lassen.<\/p>\n<p>Hieber beschreibt einen Wandel kriminalpolizeilicher Arbeit, der zwar seit Jahren im Gang sei, aber noch lange nicht abgeschlossen. \u201eGanz traditionell ist Kriminalpolizei so eingestellt, dass sie sagt: Wir kl\u00e4ren Straftaten auf\u201c, sagt er. Dieses Selbstverst\u00e4ndnis reiche heute nicht mehr aus. Gefahrenabwehr, Gefahrenvorsorge und Verh\u00fctung von Straftaten seien l\u00e4ngst Teil des kriminalpolizeilichen Auftrags und gewinnen immer mehr an Bedeutung.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend beschreibt er die fr\u00fchere Logik als begrenzt: Welche Straftat liegt vor \u2013 und was kann der Staat daraufhin tun? \u201eKann ich ihn einsperren oder kann ich ihn nicht einsperren? Das war sehr, sehr mager.\u201c Heute m\u00fcsse st\u00e4rker gefragt werden, welche Gefahr von einer Person ausgehe und wie die minimiert werden kann \u2013 auch dann, wenn strafrechtlich noch keine harten Eingriffe m\u00f6glich seien.<\/p>\n<p>Umgang mit sogenannten \u201eGefahren\u00fcberh\u00e4ngen\u201c<\/p>\n<p>Zentral ist f\u00fcr Hieber der Umgang mit sogenannten \u201eGefahren\u00fcberh\u00e4ngen\u201c. Gemeint sind Konstellationen, in denen Hinweise, Muster oder Verhaltensauff\u00e4lligkeiten auf ein erhebliches Risiko hindeuten, dieses Risiko aber nicht mit dem formalen Abschluss eines Strafverfahrens verschwindet. \u201eEs kann nicht ausreichen zu sagen: Die Akte ist vom Tisch\u201c, betont Hieber. Gerade bei der \u00dcbergabe an die Staatsanwaltschaft m\u00fcsse pr\u00e4sent bleiben, ob \u201etats\u00e4chlich ein Gefahren\u00fcberhang drin\u201c sei, der weitere Aufmerksamkeit und schnelle Entscheidungen erfordere. <\/p>\n<p>Hinzu komme ein strukturelles Problem: Polizeiarbeit sei historisch stark in spezialisierten Zust\u00e4ndigkeiten organisiert \u2013 Staatsschutz, Beziehungsgewalt, Top-T\u00e4ter, Sexualstraft\u00e4ter. \u201eWenn man so will, sind das alles Silos, nebeneinander\u201c, sagt Hieber. Gef\u00e4hrliche Personen k\u00f6nnten gerade dann entgleiten, wenn niemand den Gesamtblick habe. Um diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen, habe das LKA Strukturen ausgebaut, die Informationen b\u00fcndeln und Risiken systematisch bewerten sollen.<\/p>\n<p>Das bedeute nicht nur organisatorische Ver\u00e4nderungen, sondern eine \u201eKulturver\u00e4nderung\u201c. Ermittler seien darauf konditioniert, \u201eihren Fall\u201c bis zur Anklage zu bringen. Ein Vorgang bewusst zur\u00fcckzustellen, um sich einem m\u00f6glicherweise gef\u00e4hrlicheren Sachverhalt zu widmen, sei \u201enicht einfach\u201c, aber notwendig. Zugleich sei klar: Mehr Gefahrenmanagement bedeute zwangsl\u00e4ufig Umpriorisierung. Wenn Gefahren f\u00fcr Leib und Leben auf der einen Seite st\u00fcnden und Massen- oder Kleinkriminalit\u00e4t auf der anderen, sei sein Ma\u00dfstab eindeutig: \u201edass Menschen nicht zu Schaden kommen\u201c.<\/p>\n<p>Grundlegender Perspektivwechsel<\/p>\n<p>Der Umgang mit Gefahrensachverhalten bedeutet f\u00fcr Hieber einen grundlegenden Perspektivwechsel. Nicht mehr allein die begangene Tat steht im Zentrum, sondern die Bewertung von Risiken. Ganzheitliche Fallbetrachtung ist daf\u00fcr der neue Begriff. Hinweise, Auff\u00e4lligkeiten und Gefahren\u00fcberh\u00e4nge m\u00fcssten systematisch geb\u00fcndelt, fortgeschrieben und \u00fcber Zust\u00e4ndigkeitsgrenzen hinweg betrachtet werden. Verantwortung ende nicht mit dem Abschluss eines Ermittlungsverfahrens. Das erfordere neue Strukturen, enge Zusammenarbeit mit Justiz und Gesundheitswesen und eine klare Priorit\u00e4tensetzung zugunsten des Schutzes von Leib und Leben.<\/p>\n<p>Garantien gebe es dennoch nicht. \u201eWir werden nicht jeden Fall verhindern k\u00f6nnen\u201c, sagt Hieber. Absolute Sicherheit sei eine Illusion. Entscheidend sei, bekannte Risiken nicht aus formalen Gr\u00fcnden aus dem Blick zu verlieren und Mechanismen zu st\u00e4rken, die Informationen zusammenf\u00fchren. In Hamburg wird ein solcher Ansatz auch beh\u00f6rden\u00fcbergreifend verfolgt, etwa im \u201eHamburger Netzwerk f\u00fcr personenbezogenes Risikomanagement\u201c.<\/p>\n<p>Der Prozess gegen \u201eWhite Tiger\u201c wird vor Gericht entschieden. Die Fragen, die der Fall aufwirft, reichen jedoch dar\u00fcber hinaus: Es geht um Zust\u00e4ndigkeiten, Priorit\u00e4ten \u2013 und darum, wie Polizeiarbeit unter digitalen Bedingungen Gefahren fr\u00fcher erkennt, ohne sich in der klassischen Logik von Tat, Verfahren und Abschluss zu ersch\u00f6pfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Fall \u201eWhite Tiger\u201c hat die Hamburger Ermittler vor besondere Herausforderungen gestellt und Grenzen aufgezeigt. LKA-Chef Jan Hieber&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":692090,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[29,6149,30,692,66487,52264,56038,34898],"class_list":{"0":"post-692089","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-deutschland","9":"tag-fengler-denis","10":"tag-germany","11":"tag-hamburg","12":"tag-internetkriminalitaet","13":"tag-kriminalitaet-ks","14":"tag-mord-ks","15":"tag-parkraum-inbox"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115835743971621776","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692089","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=692089"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692089\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/692090"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=692089"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=692089"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=692089"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}