{"id":692510,"date":"2026-01-04T12:06:26","date_gmt":"2026-01-04T12:06:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692510\/"},"modified":"2026-01-04T12:06:26","modified_gmt":"2026-01-04T12:06:26","slug":"neubauten-sind-fad-kein-wunder-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692510\/","title":{"rendered":"Neubauten sind fad? Kein Wunder! \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Normen, Paragrafen, Auflagen. Unter der \u00fcberbordenden Last an Vorschriften \u00e4chzt die werkt\u00e4tige Nation. Niemand bezweifelt, dass wir in allen Lebensbereichen \u00fcberreguliert sind. Doch wie wirkt sich die Gesetzes- und Normenflut konkret auf einzelne Branchen aus, zum Beispiel auf die Architektur? Wie beeinflussen die Zw\u00e4nge der \u00dcberregulierung nicht nur Planung und Ausf\u00fchrung, sondern auch die entstehenden \u201eProdukte\u201c? Wird die gebaute Welt, in der wir leben, dadurch verbessert? Die Antwort lautet klar: Nein, im Gegenteil.<\/p>\n<p>Architektur ist nicht gleichzusetzen mit \u201eBauen\u201c. Architektur ist die Kunst, immer wieder neue Spuren im Zeitengerinnsel zu finden und in Geb\u00e4ude umzusetzen, neue Materialien, Technologien, R\u00e4ume, Formen auszuloten und, wie es der Linzer Architekt Peter Riepl ausdr\u00fcckt, Antworten auf die Fragen zu finden: \u201eWie denken wir unsere Welt? Wie wollen wir als Gesellschaft weiterkommen?\u201c Das, sagt der Vorarlberger Architekt Johannes Kaufmann, werde jedoch heutzutage bedauerlicherweise kaum mehr verhandelt: \u201eWas fr\u00fcher freigeistig war, ist so b\u00fcrokratisch geworden, dass sich keiner mehr traut, irgendetwas Innovatives anzugehen.\u201c Warum? Die \u00adArchitektur steckt mit den teilweise ins Absurde erh\u00f6hten Vorschriften in Folge auch in der Zwangsjacke der Juristerei, und die schn\u00fcrt ihr den Atem bereits im fr\u00fchesten Stadium ihrer Entstehung ab.<\/p>\n<p>Beispiel Wettbewerbswesen: Marta Schreieck, Architektin mit B\u00fcro in Wien: \u201eWenn man sich auch nur irgendwie \u00fcber eine Ausschreibung hinwegsetzt und Ideen einbringt, die dar\u00fcber hinausgehen, wird der Bauherr sofort von anderen Teilnehmern geklagt.\u201c Oder sicherheitshalber gleich von der Jury aussortiert. Fazit: Nicht die besseren, innovativeren Konzepte machen das Rennen, sondern die braven auf der sicheren Seite. Peter Riepl: \u201eDie M\u00f6glichkeiten, die Architektur h\u00e4tte, k\u00f6nnen gar nicht mehr ausgesch\u00f6pft werden. Der Wunsch, sie weiterzuentwickeln, zu verbessern, zu optimieren, ist abhanden gekommen.\u201c <\/p>\n<p>Abgesehen davon finden kaum Wettbewerbe statt. In Vorarlberg, so Johannes Kaufmann, gab es im vergangenen Jahr gerade einmal einen einzigen. Und die Zugangsbeschr\u00e4nkungen gehen ins Groteske. \u201eDie Bedingungen sind abenteuerlich. Wir k\u00f6nnen an vielen Wettbewerben gar nicht mehr teilnehmen, weil Referenzen der letzten Jahre vorgewiesen werden m\u00fcssen, doch das kann man nat\u00fcrlich nicht, wenn man laufende Projekte \u00fcber l\u00e4ngere Zeit verfolgt\u201c, sagt Marta Schreieck.<\/p>\n<p>Wenn nicht einmal international anerkannte Architekten wie Henke &amp; Schreieck die Auflagen erf\u00fcllen, ersticken diese in der Branche \u201eSteckdosenz\u00e4hlen\u201c genannten Restriktionen vor allem die jungen, frischen Kr\u00e4fte der Architektur. Aber genau die waren es vor zwei, drei Jahrzehnten unter anderem, die einen au\u00dferordentlich erfrischenden Wind in die Szene gebracht und die \u00f6sterreichische \u00adArchitektur international einmal mehr bekannt gemacht haben. <\/p>\n<p>Beispiel Normen: Landl\u00e4ufig wird die <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/eu\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" sind=\"\" fad=\"\" kein=\"\" wunder=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU<\/a> f\u00fcr die \u00dcberb\u00fcrokratisierung verantwortlich gemacht, tats\u00e4chlich ist das heimische Auflagenkorsett gro\u00dfteils selbst gestrickt. Rund 8000 Normen gab es um die Jahrtausendwende, heute sind es weit \u00fcber 50.000 Auflagen. \u201eHinter jeder Norm steckt die Wirtschaft\u201c, sagt Marta Schreieck: \u201eDa geht es um sehr viel Geld, und das geh\u00f6rt abgeschafft.\u201c \u00adJohannes Kaufmann: \u201eWenn die Innung der Elektriker eine Richtlinie zum Thema Blitzschutz herausbringt, dann, weil sie einen Haufen Dr\u00e4hte verkaufen will. Fr\u00fcher hat man bei einem Dach drei Dr\u00e4hte hinaufstehen lassen, das kennen wir ja alle, hat die an die Dachrinne angeh\u00e4ngt, und die Sache war erledigt \u2013 und es ist nie etwas passiert.\u201c <\/p>\n<p>Peter Riepl: \u201eWir hatten bei einem Projekt einen Schweizer Statiker, der hat die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammengeschlagen, was hierzulande alles notwendig ist.\u201c Zwischenpodeste bei Treppen, Trittschallschutz, wo niemals Trittschall auftauchen w\u00fcrde, Gel\u00e4nder auf nicht begehbaren Flachd\u00e4chern, 50 unterschiedliche Vorschriften, wie breit T\u00fcren zu sein haben, ber\u00fcchtigte \u00d6NORMEN, die alles vorschreiben, bis hin zur Anzahl der D\u00fcbel pro Quadratmeter W\u00e4rmed\u00e4mmsystem. Johannes Kaufmann: \u201eKlar stehen Lobbys dahinter. Aber wir alle haben uns eben zu einer Gesellschaft von Sicherheitsfanatikern entwickelt, alles muss hundertprozentig sicher sein, wir m\u00fcssten stattdessen endlich wieder ein vern\u00fcnftiges Niveau ansteuern.\u201c Denn, Peter Riepl: \u201eSonst ist das alles nicht mehr leistbar, vor allem nicht die architektonische Qualit\u00e4t. Die Projekte verlieren an Attraktivit\u00e4t, die \u00adArchitektur verliert an Bedeutung.\u201c<\/p>\n<p>Viele Normen dienen der Sicherheit, Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit, keine Frage, doch bis zum Exzess ausgereizt treibt das System die Baukosten in ungesunde H\u00f6hen. Dazu kommen b\u00fcrokratische H\u00fcrden wie ewig dauernde Genehmigungsverfahren, explodierende Materialkosten, hohe Zinsen samt neuer strenger Kreditvergaberichtlinien, regulatorische Unsicherheit dank fragw\u00fcrdiger Ma\u00dfnahmen wie Mietpreisbremse und dergleichen mehr. Das Resultat l\u00e4sst sich vor allem im Wohnbau deutlich ablesen. <\/p>\n<p>Seit 2022 befindet sich \u00d6sterreich in einer Wohnbaukrise, der Neubau ist trotz steigender Bev\u00f6lkerung und Nachfrage dramatisch eingebrochen, seit 2019 haben sich die Baugenehmigungen halbiert, die Wohnungsnot schnalzt die Mieten in die H\u00f6he. Wie hingegen private Investoren in bestimmten Sektoren die Gesamtbaukosten dr\u00fccken und h\u00fchnerstallartige Nicht-Architekturen in Bares umm\u00fcnzen, zeigen beispielsweise die allerorten entstehenden Studentenwohnheime vor. Heime haben andere Vorgaben als Wohnbauten, das Resultat sind Kammern, erschlossen von dunklen G\u00e4ngen, und Mieten, die bestenfalls bei 600\u2009Euro f\u00fcr 18\u2009Quadratmeter beginnen. \u201eDas sind reine Gelddruckmaschinen\u201c, konstatiert Schreieck.<\/p>\n<p>Unter Architektur versteht man nicht nur die Kunst, lebenswerte H\u00e4user zu bauen, es geht l\u00e4ngst auch um Klimaschutz, Recycling, Nachhaltigkeit, Haustechnik und zig andere Themen, die unter einen Hut zu bringen sind. Die l\u00e4ngste Zeit haben die heimischen Architekturschaffenden diese komplizierte und faszinierende Aufgabe ausgezeichnet bewerkstelligt. Johannes Kaufmann: \u201eIn Vorarlberg ist das Thema Architektur in den vergangenen Jahrzehnten wirklich zu einem Gesellschaftsthema geworden. Wir haben uns unsere Stellung erarbeitet. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das auf diesem Level halten k\u00f6nnen.\u201c <\/p>\n<p>Deshalb wurde im L\u00e4ndle eine Gruppe gegr\u00fcndet, die sich im kommenden Jahr gemeinsam mit der Bauwirtschaft, Ausschreibern, Gutachtern, Juristen der \u00fcberbordenden Normenflut widmen, sie hinterfragen wird. Peter Riepl: \u201eIn Vorarlberg gibt es diese Tradition der Praktiker. Das ist aber von Salzburg ostw\u00e4rts ganz anders.\u201c Wer die kleinste Auflage nicht erf\u00fcllt, bekommt keine Baugenehmigung. Fazit: Das System erdrosselt sich selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Normen, Paragrafen, Auflagen. Unter der \u00fcberbordenden Last an Vorschriften \u00e4chzt die werkt\u00e4tige Nation. 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