{"id":692569,"date":"2026-01-04T12:43:11","date_gmt":"2026-01-04T12:43:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692569\/"},"modified":"2026-01-04T12:43:11","modified_gmt":"2026-01-04T12:43:11","slug":"ukraine-zwei-jahre-corona-vier-jahre-krieg-die-kinder-werden-verrueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692569\/","title":{"rendered":"Ukraine \u201eZwei Jahre Corona, vier Jahre Krieg \u2013 die Kinder werden verr\u00fcckt\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"teaser__text text-align-left\">\nErster Bartflaum und Baseballkappe \u2013 dem Aussehen nach ist Bogdan Lewtschikow ein typischer Jugendlicher. Doch sein Leben ist vom Krieg gepr\u00e4gt, wie das einer ganzen Generation junger Ukrainer.\n<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Sein Vater Stanislaw, ein Berufssoldat, wurde nur wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine 2022 bei der Verteidigung Charkiws get\u00f6tet. Bogdans Heimatstadt Balaklija ist zerst\u00f6rt, er kennt dort keinen einzigen Gleichaltrigen mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Von M\u00e4rz bis September 2022 hielten die russischen Truppen das in der Region Charkiw gelegene Balaklija besetzt, inzwischen ist die Front 70 Kilometer entfernt. \u201eMeine Mutter und ich sind ein paar Tage nach der Befreiung der Stadt zur\u00fcckgekommen\u201c, erz\u00e4hlt Bogdan. \u201eEs gab keine Kinder mehr, keine ge\u00f6ffneten Gesch\u00e4fte, einfach nichts mehr.\u201c Von den einst 26.000 Einwohnern sind nur wenige zur\u00fcckgekehrt, und die meisten sind alt.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Fr\u00fcher traf sich die Jugend der Stadt im Skatepark und am Flussufer, doch beide Treffpunkte wurden von den Russen vermint. Inzwischen wurden die Minen ger\u00e4umt, \u201eaber Ger\u00fcchten zufolge ist es immer noch nicht sicher\u201c, sagt Bogdan. Sein ganzes Leben ist nicht mehr sicher und nichts ist mehr, wie es vor dem Krieg war. Schule findet nur noch online statt, und st\u00e4ndig gibt es Luftalarm.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Eigentlich sollten sich Bogdan und seine Mutter Iryna dann im Keller in Sicherheit bringen. Doch bei seiner Mutter wurde k\u00fcrzlich Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, sie ist zu schwach, um die neun Treppen hinunterzugehen. Deshalb haben die beiden eine Matratze in den engen Flur ihrer Wohnung gelegt, den einzigen fensterlosen und damit halbwegs sicheren Raum.<\/p>\n<blockquote class=\"blockquote__text\"><p>Der Krieg hat enorme Auswirkungen auf die emotionale Verfassung junger Menschen, wir alle leben unter Stress<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"blockquote__author\">Maryna Dudnyk,\u00a0Psychologin<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">\u201eWir haben uns daran gew\u00f6hnt, allein zurechtzukommen. Wir sind ein eingeschworenes Team\u201c, sagt Bogdan und l\u00e4chelt. \u201eNicht nur Bogdan, alle Kinder haben sich so schnell angepasst\u201c, sagt Iryna und macht sich gro\u00dfe Sorgen, was der Krieg aus dieser Generation macht.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Fast eine Million Sch\u00fcler in der Ukraine haben ausschlie\u00dflich oder \u00fcberwiegend Online-Unterricht. Es begann Anfang 2020 mit der Corona-Pandemie, dann kam der Krieg \u2013 seit fast sechs Jahren findet der Alltag junger Ukrainer weitgehend vor dem Computer statt. Es ist wie ein nicht endender Lockdown. Diese Isolation ist besonders in der an Russland angrenzenden Region Charkiw zu sp\u00fcren, die t\u00e4glich Ziel von Angriffen ist. Mehr als 840 Bildungseinrichtungen wurden hier laut offiziellen Angaben zerst\u00f6rt oder besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>\nEs mangelt an Psychologen\n<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Deshalb hat die Region begonnen, unterirdische Schulen zu bauen, in denen die Kinder in Schichten Unterricht haben. Zehn sollen es bis Jahresende sein. Jewangelina Tuturiko besucht seit September eine solche Schule, die mehrere Meter unter der Stra\u00dfe liegt und kein Tageslicht hat. Die 14-J\u00e4hrige ist dennoch begeistert: \u201eIch finde es wirklich toll, weil ich wieder direkt mit meinen Mitsch\u00fclern reden kann.\u201c Jewangelinas Schule erf\u00fcllt die Standards eines Atombunkers, eine schwere gepanzerte T\u00fcr riegelt sie nach au\u00dfen ab. \u201eWir sind wahrscheinlich einer der sichersten Schutzr\u00e4ume in der ganzen Ukraine\u201c, sagt Schulleiterin Natalia Teplowa stolz.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Schulsport im Freien ist wegen der russischen Angriffe verboten, aber Schwimmen ist erlaubt. Der riesige Schwimmbadkomplex in Charkiw aus der Sowjet-Zeit ist nach schweren Bombentreffern 2022 seit dem vergangenen Jahr wieder ge\u00f6ffnet. \u201eWasser und Schwimmen k\u00f6nnen alles heilen\u201c, ist Schwimmlehrerin Ajuna Morosowa \u00fcberzeugt. Das ist auch n\u00f6tig: \u201eZuerst zwei Jahre Corona-Pandemie, dann vier Jahre Krieg \u2013 die Kinder werden verr\u00fcckt\u201c, sagt Morosowa.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Viele junge Ukrainer br\u00e4uchten therapeutische Unterst\u00fctzung, doch es gibt bei weitem nicht gen\u00fcgend Psychologen. Die Regierung hat landesweit 326 \u201eResilienzzentren\u201c f\u00fcr Kinder und Eltern er\u00f6ffnet, weitere 300 sollen im n\u00e4chsten Jahr folgen. Die Psychologin Maryna Dudnyk hat gerade drei Stunden lang in einem Spielworkshop nahe Charkiw mit rund 50 Kindern im Alter zwischen sechs und elf Jahren gearbeitet. Sie will ihnen helfen, ihre Gef\u00fchle auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>\nTicks, Ohnmachtsanf\u00e4lle und Migr\u00e4ne\n<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">\u201eDer Krieg hat enorme Auswirkungen auf die emotionale Verfassung junger Menschen, wir alle leben unter Stress\u201c, sagt Dudnyk, w\u00e4hrend ihr Team die vorgeschriebenen kugelsicheren Westen wegpackt. Bei den Kindern gebe es \u201eviel Angst und Unsicherheit, Jugendliche leiden unter Selbstverletzung und Suizidgedanken\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">Kostjantyn Kosik leidet unter Ticks, Ohnmachtsanf\u00e4llen und Migr\u00e4ne. \u201eIch bin st\u00e4ndig nerv\u00f6s, gereizt. Das liegt am Krieg\u201c, sagt der ganz in Schwarz gekleidete 18-J\u00e4hrige, der an der Universit\u00e4t Irpin Internationales Recht studiert. Kostjantyn stammt aus der Region Donezk, in der bereits seit 2014 gek\u00e4mpft wird. In seiner belagerten Heimatstadt Awdijiwka musste er sich monatelang im Keller verstecken, w\u00e4hrend oben die Raketen explodierten.<\/p>\n<p style=\"text-align:left\" class=\"text\">\u201eIch kenne den Krieg, seit ich sechs war. F\u00fcr einen kleinen Jungen war das zun\u00e4chst sehr spannend \u2013 die Panzer, die Soldaten. Als ich alt genug war, um zu verstehen, was los ist, war es viel weniger lustig\u201c, erinnert er sich. \u201eIn gewisser Weise hat mich das abgeh\u00e4rtet. Aber ich h\u00e4tte mir eine normale Kindheit gew\u00fcnscht \u2013 mit Freunden und Freude.\u201c (AFP)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Erster Bartflaum und Baseballkappe \u2013 dem Aussehen nach ist Bogdan Lewtschikow ein typischer Jugendlicher. 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