{"id":692917,"date":"2026-01-04T15:58:16","date_gmt":"2026-01-04T15:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692917\/"},"modified":"2026-01-04T15:58:16","modified_gmt":"2026-01-04T15:58:16","slug":"musikalische-reise-durch-deutschland-so-klangen-rastatt-stuttgart-meiningen-eisenach-und-weimar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/692917\/","title":{"rendered":"Musikalische Reise durch Deutschland: So klangen Rastatt, Stuttgart, Meiningen, Eisenach und Weimar"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eines der entdeckungsfreudigsten Ensembles f\u00fcr historische Auff\u00fchrungspraxis: Das Freiburger Barockorchester spielt Kompositionen angeblicher Kleinmeister aus aller deutscher Herren L\u00e4nder \u2013 die musikalische Version einer \u201eGrand Tour\u201c.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Wenn man, sagen wir, um 1700 mit der Kutsche von, sagen wir, Freiburg nach Berlin fuhr, was eine halbe Weltreise war, kam man gef\u00fchlt alle 50 Kilometer durch die Residenzstadt irgendeines F\u00fcrsten, Herzogs oder Prinzen. Jeder hatte ein Schloss, und jeder hatte eine Kapelle. Jeder einen Kapellmeister. Musik diente nicht nur zur netten feudalen Abendunterhaltung, zur M\u00f6blierung von Festen. Musik war Nationbuilding. <\/p>\n<p>Wer aber war das eigentlich, der da in Rastatt, Darmstadt, Meiningen Sinfonien schrieb und Ouvert\u00fcren, Suiten und Concerti? Was lernt man aus ihrer Musik \u00fcber die musikalische Landkarte des Barock und wie sie zustande kam? Fragte sich das Freiburger Barockorchester. Das hat \u2013 als eines der entdeckungsfreudigsten, fabelhaftesten Ensemble f\u00fcr historische Auff\u00fchrungspraxis  \u2013 seit Jahrzehnten Konzertreihen in Stuttgart und Berlin und f\u00e4hrt deswegen regelm\u00e4\u00dfig durchs Land. F\u00fcr ihr neues Album sind sie virtuell an einem halben Dutzend der Bahnh\u00f6fe ausgestiegen, haben sich in den Archiven umgesehen und Musik vom Staub befreit, die ziemlich weit unten im Stapel der angeblichen Kleinmeisterwerke herumlag. Musik aus Rastatt, Stuttgart, Meiningen, Eisenach und Weimar.<\/p>\n<p>Vielleicht nehmen wir nur mal Johann Sigismund Kusser und Stuttgart. Da regiert 1674 Herzog Wilhelm Ludwig von W\u00fcrttemberg. Der halbw\u00fcchsige Johann Sigismund, mit seinen Eltern aus dem damals ungarischen Pressburg geflohen, erh\u00e4lt seinen ersten Unterricht in musikalischem Satz, Gesang und Orgel. Wilhelm Ludwig, ein Frankophiler vor dem Herrn, finanziert dem kleinen Kusser, der ein flammendes Talent gewesen sein muss, eine Bildungsreise nach Paris und Versailles. Wo er am Hof des Sonnenk\u00f6nigs wohl von Jean-Baptiste Lully unter die Fittiche genommen wird und perfekt Franz\u00f6sisch zu komponieren und Geige zu spielen lernt. <\/p>\n<p>Kusser kehrt zur\u00fcck, spielt in der Hofkapelle von Baden-Baden, unterweist die Geiger im Ansbacher Schloss. Dann geht er auf Grand Tour durch die deutsche Kleinstaaterei. Er wird zu einer Art Superspreader des franz\u00f6sischen Stils. Wird von Herzog Anton Ulrich angestellt, in Braunschweig ein Musiktheater zu gr\u00fcnden, das 1690 mit Kussers \u201eCleopatra\u201c er\u00f6ffnet wird, leitet kurz Hamburgs Oper am G\u00e4nsemarkt, ist in N\u00fcrnberg und Augsburg und wieder in Stuttgart. Flammend muss Johann Sigismund Kusser geblieben sein, er verl\u00e4sst beinahe jede seiner Stationen schnell und im Streit, geht nach London, stirbt schlie\u00dflich 1727 in Dublin.<\/p>\n<p>\u201eApollon enjou\u00e9\u201c ist eine Ouvert\u00fcre, die um 1700 erschien, aber wohl in Ansbach entstand. Die Windmaschine l\u00e4uft und bl\u00e4st einem die Energie in die Beine. Elf S\u00e4tze l\u00e4sst das von Gottfried von der Goltz angef\u00fchrte Freiburger Barockorchester farbenfroh wie beinahe schwerelos vorbeifedern und verwandelt selbst das traurigste Wohnzimmer in einen Kronsaal voller graziler T\u00e4nzer. Das h\u00e4tte franz\u00f6sischer auch Lully nicht hinbekommen. <\/p>\n<p>Franz\u00f6sisch ist \u00fcberhaupt der verbreitetste Akzent in allem, was die Freiburger selbst dann ganz gro\u00df machen, wenn es eher mittel ist. Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656\u20131746), Hofkapellmeister in Rastatt, ist einer der deutschen Franzosen, Johann Christoph Pez (1664\u20131716), Oberkapellmeister in Stuttgart, ein anderer. Je weiter die Reise Richtung Spree geht, desto mehr vermischen sich die Stile \u2013 franz\u00f6sische Tanz-, deutsche Kontrapunkt- und italienische Konzertkunst. Johann Ludwig Bach (1677\u20131731), der \u201eMeininger Bach\u201c, treibt die Verschmelzungsvirtuosit\u00e4t weit. Sein entfernter Vetter Johann Sebastian in Weimar und Georg Philipp Telemann, der wahrscheinlich musikalisch vielsprachigste aller Barockkomponisten in Eisenach, bringen sie zur Vollendung. <\/p>\n<p>Das Live-Album \u201eGrand Tour\u201c (Apart\u00e9) ist, was die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus693bdc8b840050c476910b1d\/klassik-2025-die-besten-opern-des-jahres-wann-und-wo-man-sie-noch-sehen-kann.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus693bdc8b840050c476910b1d\/klassik-2025-die-besten-opern-des-jahres-wann-und-wo-man-sie-noch-sehen-kann.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bildungsreise<\/a> f\u00fcr die gehobenen St\u00e4nde nach Italien oder Frankreich fr\u00fcher sein sollte, lebendig und lehrreich. Und macht einfach gute Laune. Wovon man gegenw\u00e4rtig ja gar nicht genug bekommen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist eines der entdeckungsfreudigsten Ensembles f\u00fcr historische Auff\u00fchrungspraxis: Das Freiburger Barockorchester spielt Kompositionen angeblicher Kleinmeister aus aller&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":692918,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[13097,1634,160115,3364,29,160117,30,160114,4894,1441,160116],"class_list":{"0":"post-692917","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-bach","9":"tag-baden-wuerttemberg","10":"tag-barock-ks","11":"tag-de","12":"tag-deutschland","13":"tag-georg-philipp","14":"tag-germany","15":"tag-johann-sebastian-1685-1750","16":"tag-orchester","17":"tag-stuttgart","18":"tag-telemann"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115837659025491961","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692917","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=692917"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692917\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/692918"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=692917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=692917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=692917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}