{"id":693021,"date":"2026-01-04T16:54:15","date_gmt":"2026-01-04T16:54:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/693021\/"},"modified":"2026-01-04T16:54:15","modified_gmt":"2026-01-04T16:54:15","slug":"blockbildung-auf-dem-balkan-wenn-wirtschaftsfrust-zu-militaerbuendnissen-fuehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/693021\/","title":{"rendered":"Blockbildung auf dem Balkan: Wenn Wirtschaftsfrust zu Milit\u00e4rb\u00fcndnissen f\u00fchrt"},"content":{"rendered":"<p>\n        04. Januar 2026<\/p>\n<p>              Luca Sch\u00e4fer<\/p>\n<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/shutterstock_2162212861-72165188f5d7ac65.jpeg\"  width=\"6000\" height=\"3371\"  alt=\"Montage der Flaggen von sechs Balkan-L\u00e4ndern.\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"source akwa-caption__source\">(Bild:\u00a0DexonDee \/ <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/flags-balkan-six-folded-silk-together-2162212861\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Shutterstock.com<\/a>)<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Neue Milit\u00e4rb\u00fcndnisse spalten die Region \u2013 doch dahinter stecken wirtschaftliche Gr\u00fcnde, die Br\u00fcssel untersch\u00e4tzt hat.<\/p>\n<p>Die Balkan-Region wird erneut zum Spielball: \u00d6konomische Abh\u00e4ngigkeiten und milit\u00e4rische Loyalit\u00e4ten verbinden sich mit historischen Pfadabh\u00e4ngigkeiten auf neue Weise. W\u00e4hrend Kroatien in Berlin <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Europas-teure-Panzer-Traeume-Im-Drohnenkrieg-zerschlagen-10336725.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leopard-Panzer<\/a> <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2025\/12\/12\/kroatien-kauft-deutsche-leopard-panzer\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">zukaufte<\/a>, schlossen sich Ungarn und Serbien im Angesicht einer kroatisch-albanisch-kosovarischen Ann\u00e4herung <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/neue-milit%C3%A4rallianzen-auf-dem-westbalkan\/a-72171602\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">milit\u00e4risch enger zusammen<\/a>.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Jene Milit\u00e4rallianzen sind letztlich Ausdruck tieferliegender \u00f6konomischer Disparit\u00e4ten. Ist die EU-Integration gescheitert?<\/p>\n<p><strong>Zwei Seiten einer Medaille<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Br\u00fcsseler B\u00fcrokratie die Sanktionen gegen das Kosovo <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/eu-lift-sanctions-kosovo-release-financial-aid-von-der-leyen-says-2025-12-18\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">aufhebt<\/a>, blockiert Budapest zeitgleich EU-Absichtserkl\u00e4rungen, die eine Erweiterung des Staatenb\u00fcndnisses <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/politik_ausland_nt\/article69416aba11416590a630d01e\/wegen-ukraine-ungarn-blockiert-erklaerung-zu-eu-erweiterung.html\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">deklarieren sollten<\/a>. Diese einzelne Episode belegt eindr\u00fccklich, dass von der oft beschworenen Einigkeit keine Rede sein kann.<\/p>\n<p>Zwar ist die Europ\u00e4ische Union mit rund 83 Milliarden Euro Umsatz im Warenhandel (2024) der <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/topics\/western-balkans\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">gr\u00f6\u00dfte Faktor im Westbalkan<\/a>, doch besitzt die Region traditionell enge Verbindungen zu Russland, zur T\u00fcrkei sowie sp\u00e4testens seit der <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/10.18449\/2023A41\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">BRI-Offerte<\/a> auch zur <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/China-Auf-dem-Weg-zur-technologischen-Grossmacht-9545339.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volksrepublik China<\/a>.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr, die die Europ\u00e4ische Union mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Armutsmigration in die EU und einseitig-positiven wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeiten \u00f6ffnete, wird genutzt. Im &#8222;<a href=\"https:\/\/www.oiip.ac.at\/cms\/media\/kurzanalyse-russland-am-westbalkan.pdf\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">europ\u00e4ischen Vorhof<\/a>&#8220; betreibt Russland eine Politik, die, erg\u00e4nzt um <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Eisenbahn-als-Waffe-Wie-China-und-Indien-die-Geopolitik-umspuren-10640607.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Infrastruktur-Kreditangebote<\/a> aus China, eine Alternative darstellt. So <a href=\"https:\/\/www.reservistenverband.de\/magazin-die-reserve\/zwischen-eu-und-russland-auf-wessen-seite-steht-serbien\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">verblieben Belgrad<\/a> und die prorussische bosnische Republik Srpska nach 2022 aufseiten Moskaus.<\/p>\n<p><strong>Teile und herrsche<\/strong><\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Dabei sind die Lebensverh\u00e4ltnisse zwischen dem serbischen Ni\u0161 und der kroatischen Hauptstadt Zagreb kaum vergleichbar. Br\u00fcssel hat die unterschiedliche Behandlung Kroatiens mit entsprechenden Auswirkungen in das ethnische Gemisch der umk\u00e4mpften Region eingebracht.<\/p>\n<p>Nach der langwierigen <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/158164\/kroatiens-weg-in-die-eu\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Aufnahme Kroatiens<\/a> in die EU im Jahr 2013 \u2013 die eine dauerhafte Westbindung eines ehemaligen Teils Jugoslawiens bedeutete \u2013 bot die Union ihre \u00f6konomischen Skaleneffekte f\u00fcr die kroatische Wirtschaft an.<\/p>\n<p>Zwar sollte Kroatien auch heute nicht als Land, in dem Milch und Honig flie\u00dfen, missverstanden werden \u2013 immerhin schrumpfte die <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Kommt-der-demografische-Winter-9853767.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bev\u00f6lkerung des Landes<\/a> seit 2011 <a href=\"https:\/\/kurier.at\/mehr-platz\/kroatien-verschwindet-so-wenig-einwohner-hatte-das-land-seit-1948-nicht\/401873996#:~:text=Mehr%20Platz-,%22Kroatien%20verschwindet%22:%20So%20wenig%20Einwohner%20hatte,das%20Land%20seit%201948%20nicht&amp;text=Kroatiens%20Bev%C3%B6lkerung%20schrumpfte%20seit%202011,das%20Land%20fast%20400.000%20Menschen.\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">um bedenkliche zehn Prozent<\/a>, doch kletterte das BIP pro Kopf von 61 Prozent auf \u00fcber 77 Prozent des EU-Durchschnitts.<\/p>\n<p>F\u00fcr die positive Wahrnehmung der EU-Mitgliedschaft war ein deutlicher R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit von zwischenzeitlich 17 auf unter vier Prozent <a href=\"https:\/\/economy-finance.ec.europa.eu\/economic-surveillance-eu-member-states\/country-pages\/croatia\/economic-forecast-croatia_en\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">sicherlich f\u00f6rderlich<\/a>. Dieser wurde jedoch durch EU-Exporte, F\u00f6rdergelder und eine vertiefte Integration in das Schengen-Euro-System erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend demgegen\u00fcber in Bosnien <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/384118\/umfrage\/arbeitslosenquote-in-bosnien-und-herzegowina\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">jeder zehnte Jugendliche keine Arbeit findet<\/a>, lag das durchschnittliche serbische Nettoeinkommen bei <a href=\"https:\/\/www.bmz.de\/de\/laender\/serbien\/soziale-situation-16318\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">rund 920 Euro<\/a> (Kroatien: 1470 Euro).<\/p>\n<p><strong>Sonderfall Ungarn<\/strong><\/p>\n<p>Diese Konstellation mag erkl\u00e4ren, warum sich Serbien Moskau ann\u00e4hert: Br\u00fcssel bietet schlichtweg kaum Attraktivit\u00e4t an. F\u00fcr Ungarn tr\u00e4gt jenes Konzept nicht. Schlie\u00dflich ist Budapest bereits seit 2003 Mitglied der EU und profitiert von umverteilten Subventionen. Dennoch ist eine strategisch-autonome Ausrichtung der ungarischen Eliten erkennbar.<\/p>\n<p>Dies speist sich aus einem Dreiklang: Neben den engen und nach wie vor bestehenden ungarischen <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/hungary-russia-energy-orban-putin-ukraine-70306716b21715d890c63a9db65ac3d8\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Energieverbindungen gen Moskau<\/a> spielen die ideologische Haltung der regierenden Partei, die sich durch Nationalismus, Sozialkonservativismus und Staatskontrolle auszeichnet und stark von liberalen EU-Werten abweicht, sowie die Strukturprobleme der ungarischen Wirtschaft selbst eine Rolle.<\/p>\n<p>Letzteres erscheint erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig: Im ungarischen Diskurs ist die dominante, deutsche Stellung im Profitsystem der Union \u2013 im Unterschied zum deutschen Diskurs \u2013 omnipr\u00e4sent. <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-94009-5_3\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Niedrige heimische Wertsch\u00f6pfungsquoten<\/a>, gepaart mit eingefrorenen EU-Mitteln (aufgrund <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/unsere-projekte\/sustainable-governance-indicators-sgi\/ungarn-unter-viktor-orban\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">von Rechtsstreitigkeiten um Rechtsstaatlichkeit<\/a>) und Konkurrenznachteilen gegen\u00fcber der deutschen Exportwirtschaft ohne die Chance auf einen Zollschutz lassen die Kritik der ungarischen Polit-Elite \u00f6konomisch fundiert erscheinen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Kroatien, welches mit seinem aktuellen Platz zufriedener zu sein scheint, wollen die ungarischen Eliten mehr.<\/p>\n<p><strong>EU-Erweiterung auf US-Gebiet<\/strong><\/p>\n<p>In den medialen Debatten stehen in der Regel nur die diskutierten EU-Mitgliedschaften der Ukraine und Moldaus im Fokus, da sie aufgrund des Kriegs in der Ukraine geografisch zentral erscheinen.<\/p>\n<p>Doch auch die leise gef\u00fchrten Verhandlungen um eine Erweiterung um Kosovo und Albanien sind beachtenswert. Das Kosovo ist ein von den USA unterst\u00fctztes Miniaturland, dessen Existenz auf Nato-Partnerprogrammen basiert.<\/p>\n<p>Auch Albanien ist ein EU-Beitrittskandidat, jedoch bereits Nato-Mitglied. Die Eliten des Landes verfolgen in ihrer Mehrzahl eine dem Westen und der EU zugewandte Au\u00dfenpolitik, die stark an eine EU-Nato-Integration gebunden ist, da diese aus ihrer Sicht wirtschaftliche Stabilit\u00e4t, sicherheitspolitischen Schutz und eine klare Absage an russisch-chinesische Offerten garantiert.<\/p>\n<p>Insbesondere Washington wird in den kommenden f\u00fcnf Jahren planm\u00e4\u00dfig seine milit\u00e4rische Pr\u00e4senz im Kosovo und in Albanien <a href=\"https:\/\/www.balkanweb.com\/en\/shba-planifikon-forcimin-e-infrastruktures-ushtarake-ne-shqiperi-dhe-kosove\/#gsc.tab=0\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">ausbauen<\/a> und den Aufbau einer eigenen kosovarischen Armee forcieren.<\/p>\n<p>Beide Ma\u00dfnahmen zementieren langfristig \u2013 notfalls unter Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt \u2013 die Bindung an den Westen, die in beiden Staaten aufgrund der herrschenden Armut kaum \u00f6konomisch untermauert wurde.<\/p>\n<p><strong>Russische Gretchenfrage<\/strong><\/p>\n<p>Hinter den strategischen \u00dcberlegungen des Westens steht das entscheidende Ziel der Eind\u00e4mmung russischer milit\u00e4rischer und \u00f6konomischer Einfl\u00fcsse. Ob und wie sich dies durch das amerikanische Friedensangebot in der Ukraine zuungunsten der EU verschieben mag, muss die Zeit zeigen.<\/p>\n<p>Aktuell entstehen \u00f6konomische Frontstellungen, die sich zu milit\u00e4rischen Blockkonfrontationen ausbauen: Ungarn, Serbien und Russland einerseits sowie Kroatien, Albanien, der Kosovo und Deutschland sowie die USA andererseits. W\u00e4hrend die eine Achse gegen Russland gerichtete Sanktionen ablehnt und weiterhin an wirtschaftlichen (Energie-)Beziehungen festhalten m\u00f6chte, strebt die andere Seite ein Decoupling an.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Br\u00fcssel eine vertiefte EU-Integration anstrebt, ohne dabei attraktive wirtschaftliche Angebote vorlegen zu k\u00f6nnen, erhalten Budapest und Belgrad sich politische, kulturelle, diplomatische und wirtschaftliche Kan\u00e4le nach Moskau.<\/p>\n<p>Als Konfliktpotenzial dienen neben dem Kosovo haupts\u00e4chlich die Zuspitzungen um die Republik Srpska, die vorangetriebenen milit\u00e4rischen Abkommen (wie die &#8222;Joint Declaration on Defense Cooperation&#8220; zwischen Albanien, Kroatien und dem Kosovo) sowie ethnische Spannungen.<\/p>\n<p><strong>Quo vadis, EU?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Serbien und vor allem Ungarn (die Haltung der Slowakei ist fraglich) ihre geopolitisch eigenst\u00e4ndigen Wege fortsetzen, k\u00f6nnte dies zu einer st\u00e4rkeren wirtschaftlichen Fragmentierung im Osten Europas f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dies w\u00fcrde Integrationsimpulse abschw\u00e4chen und vermehrt politische Spannungen sowie Zentrifugalkr\u00e4fte (vergleichbar mit dem Brexit) heraufbeschw\u00f6ren. Insgesamt ist eine wirtschaftliche Angleichung als Kernidee eines friedlichen Zusammenlebens in Europa \u2013 mit Ausnahme von Kroatien \u2013 an strukturellen Hindernissen und divergierenden Interessen gescheitert.<\/p>\n<p>Eine Symbiose aus \u00f6konomischer Attraktivit\u00e4t und sicherheitspolitischem Angebot in einem gemeinsamen europ\u00e4ischen Haus muss angesichts von Herausforderungen wie ungleicher Export\u00fcbersch\u00fcsse, mangelnder Ausgleichshilfen, wirtschaftlicher Schwierigkeiten, ausbleibender Finanzhilfen, Strukturschw\u00e4chen und stockender Reformdialoge in Kombination mit einer schwerf\u00e4lligen B\u00fcrokratie eine Chim\u00e4re bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"04. 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