{"id":694940,"date":"2026-01-05T12:01:23","date_gmt":"2026-01-05T12:01:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/694940\/"},"modified":"2026-01-05T12:01:23","modified_gmt":"2026-01-05T12:01:23","slug":"internetzensur-in-russland-vom-offenen-netz-zur-digitalen-abschottung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/694940\/","title":{"rendered":"Internetzensur in Russland: Vom offenen Netz zur digitalen Abschottung"},"content":{"rendered":"<p>\n        05. Januar 2026<\/p>\n<p>              Roland Bathon<\/p>\n<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/shutterstock_2499451257-97b23002473e4832.jpeg\"  width=\"4592\" height=\"2580\"  alt=\"Moskau, Russland - 6. August 2024: Hand, die ein Mobiltelefon mit YouTube-Zeichen und 404 Fehler h\u00e4lt Seite nicht auf dem Bildschirm auf russischem Hintergrund gefunden. Nahaufnahme\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"source akwa-caption__source\">(Bild:\u00a0LanKS \/ <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/moscow-russia-august-06-2024-hand-2499451257\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Shutterstock.com<\/a>)<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Messenger mit 97 Millionen Nutzern gedrosselt \u2013 doch der Widerstand kommt aus einer unerwarteten Richtung: Kinder protestieren vehement.<\/p>\n<p>Das Jahr 2025 brachte in Russlands Internet weitere Einschr\u00e4nkungen mit sich, darunter Ma\u00dfnahmen, die im Alltag vieler Nutzer unmittelbar sp\u00fcrbar wurden.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Solche betrafen kurz nach der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 zun\u00e4chst vorwiegend Plattformen, die in Russland im Alltag vieler Nutzer eine geringere Rolle spielten, wie Facebook, sowie unabh\u00e4ngige Medien- und Oppositionsangebote. Deutlich mehr \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit l\u00f6sten 2024 hingegen Einschr\u00e4nkungen und Drosselungen aus, die die Nutzung von YouTube in Russland erschwerten.<\/p>\n<p><strong>2025er Online-Einschr\u00e4nkungen treffen den Massenmarkt<\/strong><\/p>\n<p>2025 weiteten die Beh\u00f6rden die Einschr\u00e4nkungen jedoch auch auf Messenger-Dienste aus, die von vielen Menschen genutzt werden, wie WhatsApp (nach Sch\u00e4tzungen rund 97 Millionen Nutzer in Russland) oder Telegram (rund 90 bis 91 Millionen).<\/p>\n<p>Anrufe \u00fcber WhatsApp und Telegram wurden in Teilen des Landes zeitweise eingeschr\u00e4nkt; zudem berichteten Nutzer \u00fcber Verlangsamungen. Die Aufsichtsbeh\u00f6rde Roskomnadsor drohte WhatsApp am 28. November 2025 sogar mit einer vollst\u00e4ndigen Sperre.<\/p>\n<p>Parallel sank, so <a href=\"https:\/\/t.me\/zatelecom\/32073\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">berichtet der Telegram-Kanal<\/a> ZaTelekom, der sich auf eigene Messungen beruft, Ende Dezember die Verf\u00fcgbarkeit von WhatsApp in Russland auf unter zehn Prozent der Verbindungsversuche.<\/p>\n<p>Parallel werben staatliche Stellen f\u00fcr den Messenger Max, der per Regierungsanordnung seit dem 1. September 2025 auf Neuger\u00e4ten vorinstalliert werden soll und auf den Chats und Dienstleistungen im staatlichen und halbstaatlichen Bereich bis hin zur Kindergarten-Elterngruppe verlagert werden sollen.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Im Juli 2025 wurde selbst die Suche nach als &#8222;extremistisch&#8220; eingestuften Inhalten im Netz \u2013 nicht nur deren Verbreitung \u2013 unter Strafe gestellt. Die Werbung f\u00fcr VPN-Dienste, mit denen sich Netzsperren umgehen lassen, <a href=\"https:\/\/www.euronews.com\/my-europe\/2025\/07\/22\/new-russian-law-criminalises-searching-for-content-deemed-extremist\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">wurde verboten<\/a>, fast <a href=\"https:\/\/www.interfax.ru\/digital\/1054290\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">260 von ihnen blockiert<\/a>.<\/p>\n<p>VPN-Dienste nutzen viele Menschen in Russland, um auf gesperrte Angebote zuzugreifen. Nach Sch\u00e4tzungen waren vor Kriegsbeginn 2021 noch etwa 200.000 Webseiten von der dortigen Aufsichtsbeh\u00f6rde f\u00fcr russische Nutzer gesperrt, Ende 2025 sind es 1,2 Millionen, also sechsmal so viele.<\/p>\n<p><strong>Kritiker warnen vor st\u00e4rkerer staatlicher Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Die Strategie wird von der exilrussischen Onlinezeitung Waschnye Istorii so <a href=\"https:\/\/istories.media\/opinions\/2025\/12\/01\/belie-spiski-temnogo-vremeni\/?tztc=1\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">interpretiert<\/a>:<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">&#8222;Ohne Zugang zu vertrauten Angeboten werden die Menschen auf zensierte, inl\u00e4ndische Alternativen ausweichen. Die Ideologie der tiefgreifenden Zensur, nach chinesischem Vorbild, setzt die Existenz von sozialen Netzwerken und Messenger-Apps voraus, die zwar attraktiv genug f\u00fcr die Nutzer sind, aber gleichzeitig von den Beh\u00f6rden kontrolliert werden. Politisch ungebundene Nutzer w\u00e4hlen den Komfort und wechseln zu neuen Produkten, wodurch die Protestierenden in einem unbequemen Ghetto zur\u00fcckbleiben.&#8220;<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">(Waschnye Istorii vom 01.12.2025)<\/p>\n<p>Wie gut diese Strategie aufgeht, haupts\u00e4chlich unter nicht regierungstreuen Russen, die weder aus ideologischen noch aus patriotischen Gr\u00fcnden russische Onlinel\u00f6sungen gegen\u00fcber den Marktf\u00fchrern bevorzugen? Interessiert hat dies das exilrussische Medium Meduza. Diese hat zum Thema mehrere tausend ihrer <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2025\/12\/23\/mobilnye-shatdauny-belye-spiski-ogranicheniya-votsapa-i-telegrama-messendzher-max-novye-blokirovki-vse-eto-sluchilos-s-runetom-v-2025-m\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Leser im Land befragt<\/a>.<\/p>\n<p>Die Teilsperren von WhatsApp und Telegram, die Verlangsamung von YouTube und VPN-Blockaden empfanden die Meduza-Leser als dr\u00e4ngendste Online-Probleme f\u00fcr sich selbst. Mithalten konnte nur noch die wiederholte, zeitweise Abschaltung des mobilen Internets; die Beh\u00f6rden begr\u00fcndeten dies mit Drohnenangriffen.<\/p>\n<p>Rund 90 Prozent der Befragten sind \u00fcberzeugt, dass die Beh\u00f6rden damit ein abgeschlossenes russisches Netz schaffen wollen \u2013 ein Szenario, das in der Debatte auch &#8222;Tschebunet&#8220; genannt wird \u2013 nach einem aus Sowjetzeiten bekannten Teiggericht.<\/p>\n<p><strong>Umfrage: Trotz VPN geht Nutzung einzelner Dienste zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Die Restriktionen f\u00fchren bisher nicht zu einer breiten Aufgabe der betroffenen Online-Dienste. Knapp 90 Prozent der befragten Leser nutzen aktuell VPN-Anbieter, wobei knapp zwei Drittel kostenpflichtige Apps bevorzugen, die auf Einschr\u00e4nkungen ihres Dienstes oft schneller reagieren. Die h\u00e4ufigste Anwendungsart f\u00fcr das VPN ist der Konsum von YouTube-Videos oder gesperrten Webseiten.<\/p>\n<p>Dennoch sinkt die Nutzung von YouTube in der Breite. W\u00e4hrend Anfang 2024 noch 80 Prozent regelm\u00e4\u00dfig den Videodienst nutzten, ging sowohl die \u00f6rtliche Nutzerzahl seitdem um knapp 20 Prozent zur\u00fcck als auch die Zahl der t\u00e4glichen Konsumenten <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2025\/08\/06\/god-nazad-v-strane-nachali-zamedlyat-yutyub-vlasti-uzhe-davno-vedut-borbu-s-servisom-no-tak-i-ne-reshilis-na-polnuyu-blokirovku\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">um etwa die H\u00e4lfte<\/a>.<\/p>\n<p>In diesem Bereich eher schwach aufgestellte russische Konkurrenten profitierten davon kaum, der Trend unter den Zuschauern ging eher wieder zur\u00fcck zur Nutzung klassischer Medien. Wie stark YouTube in Russland weiter zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden kann, h\u00e4ngt auch davon ab, wie wirksam VPN-Angebote weiterhin erreichbar bleiben. Aktuell schaut man mit den entstandenen M\u00fchen nur noch, was einem wirklich wichtig ist, also seltener und ausgew\u00e4hlter.<\/p>\n<p>Bei der Nutzung von Videotelefonaten zeigt die Meduza-Umfrage ebenfalls einen Effekt. Nur jeder zehnte Meduza-Leser in Russland nutzt VPN zur Fortsetzung von Videoanrufen \u00fcber die gesperrten Dienste. Viele weichen tats\u00e4chlich auf russische Alternativen aus. Alternativen bieten unter anderem Dienste des VK-Konzerns an.<\/p>\n<p>Den von staatlichen Stellen gef\u00f6rderten Messenger Max betrachten die meisten Meduza-Leser weiter mit gro\u00dfem Misstrauen. Nur etwa zwei Prozent nutzen die App, mit deren verordneter Anwendung sie sich nicht wohlf\u00fchlen. Viele Befragte \u00e4u\u00dfern Sorge vor einer strengen \u00dcberwachung der App oder sogar des gesamten Handys \u00fcber die Anwendung. Daran \u00e4nderte auch eine intensive Werbekampagne wenig.<\/p>\n<p>Selbst in offiziellen Statistiken erreicht Max keine mit Telegram oder WhatsApp vergleichbaren Marktanteile und nicht einmal halb so viele Installationen \u2013 trotz staatlicher Unterst\u00fctzung und Vorgaben zur Verbreitung der App. Gegen\u00fcber der Onlinezeitung Verstka <a href=\"https:\/\/verstka.media\/kak-rossiyan-ne-smogli-peresadit-na-naczionalnyi-messendzher\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">bezeichnete eine Quelle<\/a> aus der innenpolitischen Abteilung des Kreml die massive Max-Kampagne als Fehlschlag.<\/p>\n<p><strong>Kinderprotest und Klage gegen Aufsichtsbeh\u00f6rde<\/strong><\/p>\n<p>Trotz eines politischen Klimas, das Menschenrechtsorganisationen seit Kriegsbeginn als zunehmend repressiv beschreiben, blieben Proteste angesichts der neuen, massiven Einschr\u00e4nkungen nicht aus. Sie erfolgten aber an \u00fcberraschender Stelle und mit nicht weniger unerwarteten Methoden.<\/p>\n<p>So wurde in Russland die s\u00fcdkoreanische Spieleplattform Roblox ebenfalls gesperrt, woraufhin beim Kreml zahlreiche <a href=\"https:\/\/www.themoscowtimes.com\/2025\/12\/09\/children-flood-putin-with-complaints-about-roblox-ban-kremlin-says-a91379\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Beschwerden russischer Kinder<\/a> eingingen.<\/p>\n<p>Allein die Leiterin der &#8222;Liga f\u00fcr Internetsicherheit&#8220;, Jekaterina Mizulina, <a href=\"https:\/\/t.me\/ekaterina_mizulina\/17481\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">berichtete auf ihrem Telegram-Kanal<\/a> von 63.000 Briefen von Sch\u00fclern, Studenten und Eltern an sie.<\/p>\n<p>Offiziell wurde der Zugang von russischen Kindern zu Roblox eingeschr\u00e4nkt, weil sie dort &#8222;sexueller Bel\u00e4stigung ausgesetzt&#8220; seien, &#8222;zu intimen Fotos verleitet und zu verdorbenen Handlungen und Gewalt gezwungen&#8220; w\u00fcrden, hei\u00dft es in der in den Niederlanden herausgegebenen Moscow Times.<\/p>\n<p>Auch die Messengerblockade von Telegram und WhatsApp erntet offenen Widerspruch. 42 Russen haben ihretwegen <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2025\/12\/25\/my-tut-v-rossii-zhivye-i-hotim-chtoby-nashi-prava-soblyudalis\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">bei einem Moskauer Gericht eine Verwaltungsklage<\/a> gegen die Aufsichtsbeh\u00f6rde und das zust\u00e4ndige Ministerium eingereicht. Ihr Klagevertreter <a href=\"https:\/\/bereg.io\/feature\/2025\/12\/25\/42-rossiyanina-ob-edinilis-i-podali-isk-k-roskomnadzoru-oni-nadeyutsya-dobitsya-otmeny-zapreta-na-zvonki-v-messendzherah\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Konstantin Larionov erkl\u00e4rte<\/a> gegen\u00fcber dem Onlinemedium Bereg, es sei besser, auf dem Rechtsweg dagegen zu k\u00e4mpfen. Larionov begr\u00fcndete die Klage haupts\u00e4chlich mit den praktischen Folgen im Alltag und mit Grundrechten:<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">&#8222;Die Menschen wenden sich an uns: Sie sind es leid, dass sie ihre Verwandten oder jemanden aus dem Ausland nicht anrufen k\u00f6nnen. Das ist eine Verletzung unserer verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rechte.&#8220;<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">&#8222;Meine Eltern nutzen WhatsApp. Das ganze Land nutzt es. Menschen im Alter meiner Eltern \u2013 \u00fcber 50, 60 Jahre \u2013 nutzen das, woran sie gew\u00f6hnt sind. Sie sind daran gew\u00f6hnt, dass sie jederzeit ihren Sohn oder Enkel dort anrufen k\u00f6nnen, und pl\u00f6tzlich ist das nicht mehr m\u00f6glich. In allt\u00e4glichen Dingen sind solche Einschr\u00e4nkungen nat\u00fcrlich sehr unangenehm. Vor allem f\u00fcr Menschen der \u00e4lteren Generation.&#8220;<\/p>\n<p>Larionov h\u00e4lt es f\u00fcr sinnvoller, gegen die Ma\u00dfnahmen auf juristischem Weg zu protestieren \u2013 also gewisserma\u00dfen &#8222;auf dem Papier&#8220; \u2013, statt sich an \u00f6ffentlichen Aktionen zu beteiligen und dadurch Festnahmen oder Geldstrafen zu riskieren. Das Gesetz, so Larionov, stehe aufseiten der Kl\u00e4ger; man werde die Angelegenheit &#8222;in einem absolut rechtlichen Rahmen&#8220; kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Geholfen hat das Larionov und seinen Mitstreitern wenig: Das zust\u00e4ndige Moskauer Gericht stellte das Verfahren am 29. Dezember 2025 ein, wie der Pressedienst der Hauptstadt-Justiz <a href=\"https:\/\/t.me\/moscowcourts\/8053\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">mitteilte<\/a>.<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es, Larionov habe nicht nachgewiesen, dass er berechtigt sei, die Klage zum Schutz der Rechte der Betreiber von Telegram und WhatsApp einzureichen \u2013 eine inhaltliche Pr\u00fcfung der umstrittenen Einschr\u00e4nkungen erfolgte damit nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"05. 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