{"id":695335,"date":"2026-01-05T15:44:10","date_gmt":"2026-01-05T15:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/695335\/"},"modified":"2026-01-05T15:44:10","modified_gmt":"2026-01-05T15:44:10","slug":"wenn-wir-jetzt-handeln-koennen-wir-es-meistern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/695335\/","title":{"rendered":"\u00bbWenn wir jetzt handeln, k\u00f6nnen wir es meistern\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist aus der Sozialen Marktwirtschaft geworden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt:<\/strong> Wir haben in Deutschland ein hohes Ma\u00df an sozialer Sicherung, ein hohes Ma\u00df an wirtschaftlicher Sicherheit. In der Breite geht es uns gut. Aber nat\u00fcrlich besteht zugleich ein wesentlicher Reformbedarf, sei es bei den sozialen Sicherungssystemen, in der Bildungspolitik oder hinsichtlich grundlegender Verwaltungsreformen. Hier sind in den n\u00e4chsten Jahren zentrale Anstrengungen n\u00f6tig.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was macht eine gerechte Gesellschaft aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt:<\/strong> Wesentlich ist, dass Menschen die M\u00f6glichkeit bekommen, ein gutes Leben zu f\u00fchren. Lasst uns darauf schauen, ob jeder\/jede nach seinen\/ihren F\u00e4higkeiten die M\u00f6glichkeit hat, den eigenen Weg zu gehen. Eine gerechte Gesellschaft ist freiheitlich, demokratisch, aber auch wirtschaftlich erfolgreich. Wir trauen dem anderen zu, seine eigenen Interessen einzubringen. Das macht f\u00fcr mich eine gerechte Gesellschaft aus. Nicht, dass alle das gleiche haben, sondern dass alle die gleichen M\u00f6glichkeiten und Chancen haben, selbst ihren Weg bestimmen k\u00f6nnen. Wir untersch\u00e4tzen auch diesen Aspekt sehr oft. Weil wir uns an etwas gew\u00f6hnt haben, was nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. In Deutschland musste niemand mehr Krieg und Zwang erfahren \u2013 und ich w\u00fcnsche es keinem. Aber wir m\u00fcssen uns daf\u00fcr einsetzen, das zu erhalten. Das ist nicht easy.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4ndert der Krieg etwas?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt:<\/strong> Wir kommen wieder n\u00e4her an existenzielle Fragen heran. Gleichzeitig diskutieren wir lang und breit \u00fcber die Kosten des Deutschlandtickets. Aber es geht derzeit um viel mehr: In Europa wird ein Krieg gef\u00fchrt, wir m\u00fcssen verteidigungsbereit sein, den Krieg in der Ukraine priorisieren. Lange Zeit war scheinbar alles m\u00f6glich, jedes Sonderinteresse hat Unterst\u00fctzung bekommen. Wenn aber eine existenzielle Bedrohung wahrscheinlicher wird, sind andere Dinge angezeigt.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen wir f\u00fcr das Gemeinwohl aktiv tun? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt:<\/strong> Wir k\u00f6nnen daran arbeiten, dass die Chancen besser werden. Beispielsweise in der Bildungsgerechtigkeit sind wir nicht unbedingt vorbildlich; es wird sehr fr\u00fch nach Leistungen differenziert. Eine l\u00e4ngere Beschulung ist gerade f\u00fcr Kinder aus schwierigen sozio\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen vorteilhaft. Wir investieren viel zu wenig in schulische Sozialarbeit. Was hilft ein Whiteboard, wenn Kinder die Schule ohne Abschluss abbrechen? In der Sozialpolitik wird auch an manchen Stellen viel zu kurz gedacht. So wichtig es ist, ein materiell ausk\u00f6mmliches Leben zu haben, vielen B\u00fcrgergeldbeziehern ist nicht allein damit geholfen, dass sie 50 Euro mehr bekommen. Sie brauchen Unterst\u00fctzung, wir m\u00fcssen ihnen aktiv Hoffnung geben, wieder Teil des Arbeitsmarkts zu werden. Viele haben das Gef\u00fchl, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Als Gesellschaft hilft es uns nicht, Menschen materiell ruhigzustellen. Es ist beispielsweise auch Aufgabe guter Kommunalpolitik, alle Menschen an politischen Debatten teilhaben zu lassen, den Menschen wieder eine Wertigkeit zu geben. Die Ideologie des starken Mannes oder der starken Frau verf\u00e4ngt eben nicht, wenn wir die R\u00e4nder wieder in die Mitte der Gesellschaft zur\u00fcckholen.<\/p>\n<p><strong>Wie h\u00e4ngen Gemeinwohl, gesellschaftlicher Zusammenhang und wirtschaftliche Produktivit\u00e4t zusammen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt: <\/strong>In einer j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten, empirischen Studie f\u00fcr das Roman-Herzog-Institut haben wir auf der Grundlage von Daten aus 171 L\u00e4ndern gezeigt, dass alles miteinander zusammenh\u00e4ngt. Eine gerechte Gesellschaft braucht Investitionen in die physische Infrastruktur, also Schienen, Stra\u00dfen, Geb\u00e4ude, aber auch in die soziale Infrastruktur. Es muss unser Ziel sein, soziale Orte zu schaffen, an denen Zusammenleben gelingt. Die Politik sollte Kompromisse nicht als faule Deals verkaufen, sondern als klassisches demokratisches Mittel, um verschiedene Interessen in einer Gesellschaft zu vereinen. Es hilft nur das gemeinsame Gespr\u00e4ch. Das ist m\u00fchsam. Aber wir sollten ein Leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht aufgeben.<\/p>\n<p><strong>Wo kann jeder von uns ansetzen, um \u00fcber Gemeinwohl zu sprechen und Populismus entgegenzuwirken?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt: <\/strong>Wir sollten positive Narrative erz\u00e4hlen, uns bewusst machen, dass ein Modell, wie wir es haben, sehr erfolgreich ist. Gerade die west- und nordeurop\u00e4ischen L\u00e4nder haben beides: hohe wirtschaftliche Stabilit\u00e4t und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist etwas Gro\u00dfartiges, nur vergessen wir es ganz oft. Wir sollten das nicht schlechtreden oder nur \u00fcberlegen, wo k\u00f6nnte es noch besser sein. Wir sind nicht die Schweiz oder Luxemburg. Aber wer vergleicht seine eigene Lage mit der der Menschen im S\u00fcdsudan? Es gibt Probleme, die wir angehen m\u00fcssen. Aber meist bewegen wir uns auf einem gro\u00dfartigen Niveau. Wir sollten unsere Denkweise \u00e4ndern, nicht immer schwarzsehen und die Katastrophe an die Wand malen, sondern uns sagen: \u201eWenn wir jetzt handeln, k\u00f6nnen wir es meistern.\u201c Viele kleine Fortschritte werden uns helfen, nicht radikale L\u00f6sungen.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt das Ehrenamt f\u00fcr das Gemeinwohl?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt: <\/strong>Das Ehrenamt ist wichtig. Aber wir sollten es nicht heroisieren. Ehrenamtliches Engagement ist im Grunde das normale Miteinander-Umgehen in einer an Gemeinwohl orientierten Gesellschaft. Es t\u00e4te uns in Deutschland gut, wenn b\u00fcrgerliche Beteiligung eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen w\u00fcrde.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie schauen Sie auf 2026?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Goldschmidt:<\/strong> Vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage durchaus besorgt, aber dennoch optimistisch. Es liegt an uns, dass das Miteinander gelingt. Ich wei\u00df, dass es schwierig ist, Botschaften zu vermitteln, die nicht polarisieren. Wir sind so gepolt, dass wir nur noch steile Thesen gut finden. Wir sollten wieder lernen, auch die andere Seite als gleichberechtigt zu sehen, Kompromisse wieder ernst zu nehmen.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was ist aus der Sozialen Marktwirtschaft geworden? 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