{"id":697731,"date":"2026-01-06T14:21:16","date_gmt":"2026-01-06T14:21:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/697731\/"},"modified":"2026-01-06T14:21:16","modified_gmt":"2026-01-06T14:21:16","slug":"hamburg-nach-block-ist-vor-white-tiger-die-justiz-steht-vor-einem-kraftakt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/697731\/","title":{"rendered":"Hamburg: Nach Block ist vor \u201eWhite Tiger\u201c \u2013 die Justiz steht vor einem Kraftakt"},"content":{"rendered":"<p>Der Strafprozess gegen Steakhaus-Erbin Christina Block zieht ungebrochen Massen an \u2013 und zwingt Hamburgs Justiz zu einem Ausnahmebetrieb. Parallel dr\u00e4ngen weitere Mammutverfahren wie \u201eWhite Tiger\u201c oder die Nord-Stream-Aff\u00e4re in die \u00fcbervollen S\u00e4le. Die Belastung ist enorm \u2013 personell, organisatorisch und sicherheitstechnisch.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Allgemein gilt im Gerichtsbetrieb eine ungeschriebene Regel: F\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sind h\u00e4ufig nur zwei Momente einer Strafverhandlung wirklich interessant \u2013 der erste Prozesstag, wenn die Anklage verlesen wird, und der letzte, wenn das Urteil f\u00e4llt. \u201eIn den allermeisten der F\u00e4lle ist das so\u201c, sagt Hamburgs Gerichtssprecherin Marayke Frantzen. Beim Verfahren gegen Steakhaus-Erbin Christina Block gilt diese Regel jedoch nicht.<\/p>\n<p>Der Prozess, in dem Block und sechs Mitangeklagte sich gegen den Vorwurf der Kindesentziehung verteidigen, zieht ungebrochen Aufmerksamkeit auf sich. Jeder Verhandlungstag wird zu einer Herausforderung: Dutzende Zuschauer und Medienvertreter dr\u00e4ngen ins hochgesicherte Strafjustizgeb\u00e4ude, um das Verfahren zu verfolgen.<\/p>\n<p>\u201eDer Prozess sprengt das Gewohnte\u201c, sagt Frantzen \u2013 und bringt den Betriebsablauf des Gerichts an seine Grenzen. Noch an keinem Verhandlungstag sei deutlich weniger Publikum erschienen. Das Verfahren bindet weit mehr Zeit, Personal, Raum und Ressourcen als \u00fcblich. Inzwischen wurde es um ein halbes Jahr verl\u00e4ngert und bis Ende Juni 2026 terminiert. Aber der Block-Prozess bleibt nicht das einzige Mammutverfahren, das die Justiz 2026 fordert.<\/p>\n<p>Nach einem m\u00f6glichen Urteil im Fall Block k\u00f6nnte bereits das n\u00e4chste Gro\u00dfverfahren starten: der Prozess gegen ihren Ex-Mann Stephan Hensel, ebenfalls wegen Kindesentziehung \u2013 voraussichtlich ebenfalls mit gro\u00dfem \u00f6ffentlichem Interesse. Schon im Januar beginnt zudem der Prozess gegen einen 21-J\u00e4hrigen, der unter dem Pseudonym \u201eWhite Tiger\u201c Kinder und Jugendliche im Internet misshandelt und in den Tod getrieben haben soll. Daf\u00fcr ist ein ganzes Jahr Verhandlungszeit angesetzt. Und schlie\u00dflich wartet ein aus Italien ausgelieferter Ukrainer in U-Haft auf seinen Prozess wegen der mutma\u00dflichen Sprengung der Nord-Stream-2-Pipeline \u2013 ein Fall von internationaler Tragweite.<\/p>\n<p>Wie kann die Hamburger Justiz diese Belastung bew\u00e4ltigen? \u201eDas ist ein Wahnsinnsaufwand auf allen Ebenen\u201c, sagt Frantzen. \u201eAber alle sind bereit, die enorme Anstrengung zu leisten, sodass wir das ohne Abstriche bei der Sicherheit stemmen werden.\u201c Ein Selbstl\u00e4ufer sei die Situation dennoch nicht; sie k\u00f6nnte die Justiz \u00fcber Jahre hinweg fordern. Entscheidend sei eine gut ausgestattete Justiz \u2013 personell wie materiell. <\/p>\n<p>Gro\u00dfverfahren parallel zu f\u00fchren, sei prinzipiell f\u00fcr eine Gro\u00dfstadt wie Hamburg nicht ungew\u00f6hnlich, erg\u00e4nzt Frantzen. Momentan laufen neben den Block-Verfahren zum Beispiel auch der Wilstorfer Hochhaussturz mit zehn Angeklagten und ein Drogenprozess mit elf Angeklagten. Auch die Gro\u00dfe Strafkammer 32 unter Vorsitz von Richterin Isabel Hildebrandt, die den Block-Prozess leitet, hat weitere Verfahren zu bew\u00e4ltigen. Das eigentliche Nadel\u00f6hr sind neben den Richterkapazit\u00e4ten vor allem die verf\u00fcgbaren R\u00e4ume. <\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht so, dass bei uns regelm\u00e4\u00dfig S\u00e4le leer stehen\u201c, betont Frantzen. Hamburg verf\u00fcge zwar \u00fcber viele Gerichtss\u00e4le, doch gebe es ebenso viele Strafkammern mit vollen Terminkalendern sowie zahlreiche Haftsachen, die innerhalb bestimmter Fristen er\u00f6ffnet werden m\u00fcssten. Besonders wertvoll sei Saal 237, in dem der Block-Prozess stattfindet. Mit zus\u00e4tzlicher Sicherheitsschleuse und Zugang zur Untersuchungshaft sei er ideal f\u00fcr Verfahren der Organisierten Kriminalit\u00e4t oder Staatsschutzverfahren.<\/p>\n<p>Seine Vorteile zeigten sich zuletzt beim Auftritt eines israelischen Entf\u00fchrers im Block-Prozess. Wegen seiner Geheimdienstvergangenheit gilt er als gef\u00e4hrdet; daher durchliefen alle Prozessbeobachter eine intensive Sicherheitskontrolle inklusive K\u00f6rperscanner \u2013 zus\u00e4tzlich zur allgemeinen Kontrolle am Haupteingang. \u201eS\u00e4le wie der 237 sind f\u00fcr uns eierlegende Wollmilchs\u00e4ue\u201c, sagt Frantzen. \u201eUnd solche S\u00e4le sind rar.\u201c<\/p>\n<p>Den Mann begleiteten Personensch\u00fctzer des Landeskriminalamts. Die Zusammenarbeit mit LKA und Polizei gestalte sich lageabh\u00e4ngig. Die Kompetenzen seien klar geregelt: Die Vorsitzende Richterin hat die Hoheit im Saal und im angrenzenden Flur; die Landgerichtspr\u00e4sidentin \u00fcbt das Hausrecht \u00fcber das Geb\u00e4ude aus, meist unterst\u00fctzt und vertreten durch den Verwaltungsgesch\u00e4ftsleiter. \u201eUnd dann gibt es noch mich als Sprecherin f\u00fcr alle Medienbelange\u201c, sagt Frantzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Block-Prozess f\u00fchrte sie ein strenges Akkreditierungsverfahren ein, um das Gedr\u00e4nge auf der Pressebank zu verhindern. Journalisten werden zudem fortlaufend \u00fcber den Stand des Verfahrens, komplexere Zusammenh\u00e4nge und bevorstehende Zeugen informiert. \u201eDiesmal haben wir nicht nur die \u00fcblichen Gerichtsreporter, sondern auch viele von Boulevardmedien, aus Sportressorts oder aus dem Ausland \u2013 Menschen, die unsere Abl\u00e4ufe nicht kennen k\u00f6nnen. Das meine ich ohne Vorwurf.\u201c<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Verhandlungssaals wurde eine \u201eMixed Zone\u201c eingerichtet \u2013 \u201eein bisschen wie beim Fu\u00dfball\u201c, so Frantzen. Nur dort d\u00fcrfen Interviews gef\u00fchrt werden. \u201eDas verhindert ein Hauen und Stechen. Sonst rennen alle los, sobald jemand aus dem Saal kommt, wollen Einzelinterviews und verstopfen den Gang. Gleichzeitig m\u00fcssen wir noch Dutzende andere Prozesse in unmittelbarer N\u00e4he geordnet f\u00fchren.\u201c Zudem m\u00fcsse man dem Auskunftsanspruch gerecht werden: \u201eDas ist ein \u00f6ffentliches Verfahren, und wir wollen allen den gleichen Zugang erm\u00f6glichen.\u201c Die Akkreditierungen seien ein enormer Aufwand gewesen. Daf\u00fcr habe sie sich bei Gerichten in Berlin und Frankfurt informiert. \u201eAber wir haben dadurch sehr viel mehr Ruhe in den Ablauf gebracht.\u201c<\/p>\n<p>Trotz aller Mehrbelastung sieht Frantzen auch Positives: \u201eIch merke, wie viel Erkl\u00e4rungsbedarf es zu Grunds\u00e4tzlichem gibt. Ich dachte erst, dieser Bereich interessiere die Menschen eher nicht. Aber das stimmt nicht. Auch das Interesse an Justiz und ihren Abl\u00e4ufen ist riesig. Wenn wir also als Nebeneffekt die Fahne f\u00fcr die Justiz hochhalten und damit letztlich auch den Rechtsstaat st\u00e4rken k\u00f6nnen, freut mich das.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings tragen nicht nur die Gerichte, sondern auch die Hamburger Staatsanwaltschaften, einen erheblichen Teil der Arbeitsbelastung herausfordernder Verfahren, wie Staatsanwaltssprecherin Mia Sperling-Karstens betont. Das f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sichtbare Prozessgeschehen bilde dabei nur einen Ausschnitt ab. Sowohl der sogenannte Block-Komplex als auch das White-Tiger-Verfahren besch\u00e4ftigten Staatsanwaltschaft und Polizei bereits seit mehreren Jahren \u2013 lange bevor die ersten Prozesstage begannen.<\/p>\n<p>Gerade das White-Tiger-Verfahren habe die Ermittler vor gro\u00dfe Herausforderungen gestellt. Es ging um enorme Datenmengen, die gesichert und ausgewertet werden mussten, aber auch um Bild- und Videomaterial, das selbst erfahrene Ermittler aus diesem Deliktsbereich stark belastet habe. Hinzu kamen hochkomplexe rechtliche Fragen. Beim Verdacht des Mordes durch zwei hintereinandergeschaltete mittelbare T\u00e4terschaften musste etwa nachgewiesen werden, dass der Angeklagte sowohl das Handeln der als \u201eWerkzeug\u201c eingesetzten Gesch\u00e4digten als auch das des sp\u00e4ter Verstorbenen beherrschte. Daf\u00fcr war eine akribische Analyse tausender Chats und Screen-Records notwendig.<\/p>\n<p>Leaks k\u00f6nnten Ermittlungen gef\u00e4hrden<\/p>\n<p>Auch die Ermittlungen im Block-Komplex seien in mehrfacher Hinsicht anspruchsvoll gewesen, sagt Sperling-Karstens. Allein im Kernverfahren habe es rund 20 Beschuldigte gegeben, hinzu kam ein erheblicher Auslandsbezug, der umfangreiche Rechtshilfeersuchen erforderlich machte. Zudem sind bei der Staatsanwaltschaft weiterhin zahlreiche Verfahren und Strafanzeigen anh\u00e4ngig, die mit der mutma\u00dflichen Entf\u00fchrung der in D\u00e4nemark lebenden Kinder in der Silvesternacht 2023\/24, der Vorgeschichte oder dem Sorgerechtsstreit im Zusammenhang stehen.<\/p>\n<p>Besonders sei dabei das anhaltend hohe \u00f6ffentliche und mediale Interesse. Es zwinge die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden zu st\u00e4ndiger Abw\u00e4gung zwischen Transparenz und dem Schutz laufender Ermittlungen. So habe sich die Staatsanwaltschaft bewusst nicht zum Inhalt einer Beschuldigtenvernehmung ge\u00e4u\u00dfert, weil diese noch laufende und nicht \u00f6ffentliche Verfahren betraf. Gleichwohl liegen einigen Medien die Vernehmungen vor. \u201eDass Akteninhalte aus laufenden Verfahren nach au\u00dfen gelangen, noch bevor eine Abschlussentscheidung getroffen oder ein Gericht geurteilt hat, ist aus unserer Sicht hochproblematisch\u201c, sagt Sperling-Karstens.<\/p>\n<p>Solche Leaks k\u00f6nnten Ermittlungen gef\u00e4hrden und Pers\u00f6nlichkeitsrechte erheblich beeintr\u00e4chtigen. Wenn es daf\u00fcr konkrete Anhaltspunkte gebe, werde die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen wegen des Durchstechens sensibler Informationen aufnehmen. \u201eAuch das bindet zus\u00e4tzliche Kapazit\u00e4ten und erh\u00f6ht die Arbeitslast im Zusammenhang mit ohnehin herausfordernden Verfahren weiter\u201c, sagt die Sprecherin.<\/p>\n<p>\u201eZahl offener Verfahren steigt stetig\u201c<\/p>\n<p>Auch der Hamburgische Richterverein warnt seit L\u00e4ngerem vor strukturellen \u00dcberlastungen der Justiz. Sein Vizechef, Oberstaatsanwalt Sebastian Koltze, verweist auf eine insgesamt angespannte Personallage, die sich l\u00e4ngst nicht mehr nur auf Richterstellen beschr\u00e4nke. Besonders im Servicebereich fehle es an Personal, was sich unmittelbar in der t\u00e4glichen Arbeit niederschlage. \u201eDas f\u00fchrt unter anderem dazu, dass die Zahl offener Verfahren stetig steigt\u201c, sagt Koltze.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzliche Herausforderungen erwartet die Justiz mit der Einf\u00fchrung der elektronischen Akte im Strafbereich zum 1. Januar 2026. Diese Umstellung sei ohne Zweifel notwendig und richtig, werde den Arbeitsalltag jedoch zun\u00e4chst weiter belasten. \u201eDie eAkte bringt neue Anforderungen mit sich, die in einer ohnehin angespannten Situation bew\u00e4ltigt werden m\u00fcssen\u201c, sagt Koltze. <\/p>\n<p>Kritik \u00fcbt der Richterverein zudem an der Haltung des Dienstherrn. Seit Jahren fehle es aus Sicht der Richterschaft an Wertsch\u00e4tzung. Insbesondere die ausbleibende amtsangemessene Besoldung sorge f\u00fcr Frust. Das Land zwinge seine Bediensteten faktisch in Widerspruchs- und Klageverfahren, statt eigenst\u00e4ndig L\u00f6sungen zu schaffen. \u201eAnders als andere Bundesl\u00e4nder zeigt Hamburg bislang keinerlei positive Reaktion auf den j\u00fcngsten wegweisenden Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur Besoldung\u201c, sagt Koltze. Auch das belaste Motivation und Leistungsf\u00e4higkeit der Justiz zus\u00e4tzlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Strafprozess gegen Steakhaus-Erbin Christina Block zieht ungebrochen Massen an \u2013 und zwingt Hamburgs Justiz zu einem Ausnahmebetrieb.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":689999,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[39334,7038,77899,1160,29,10792,6149,30,692,86700,122783,101848],"class_list":{"0":"post-697731","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-block","9":"tag-block-house","10":"tag-christina-tochter","11":"tag-daenemark","12":"tag-deutschland","13":"tag-eugen","14":"tag-fengler-denis","15":"tag-germany","16":"tag-hamburg","17":"tag-justiz-ks","18":"tag-staatsanwaelte","19":"tag-staatsanwaltschaft-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115848602240452891","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=697731"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697731\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/689999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=697731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=697731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=697731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}