{"id":698630,"date":"2026-01-06T22:26:16","date_gmt":"2026-01-06T22:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698630\/"},"modified":"2026-01-06T22:26:16","modified_gmt":"2026-01-06T22:26:16","slug":"hunderte-musiklehrer-in-berlin-bangen-weiter-um-ihre-jobs-eine-riesen-ungerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698630\/","title":{"rendered":"Hunderte Musiklehrer in Berlin bangen weiter um ihre Jobs: \u201eEine riesen Ungerechtigkeit\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der Festsaal des Rathauses Charlottenburg ist bis auf den letzten Stuhl besetzt an diesem Montagvormittag. Die Podiumsdiskussion beginnt mit einer Frage ins Publikum: Wer arbeitet an den bezirklichen Musikschulen? Die meisten H\u00e4nde gehen hoch. Wer sitzt in der Verwaltung? Nur wenige. Und wer ist Honorarkraft? Wieder viele H\u00e4nde \u2013 deutlich mehr als bei den Festangestellten. Als die Frage aufkommt, wer weiterhin auf Honorarbasis bleiben wolle, stehen am Ende zwei H\u00e4nde allein im Raum. Der Rest sehnt sich nach Sicherheit und einer Festanstellung.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das Fachgespr\u00e4ch des Landesmusikrats Berlin steht im Schatten des Herrenberg-Urteils und der Debatte um Scheinselbstst\u00e4ndigkeit. Im Doppelhaushalt 2026\/27 wurden vier Millionen Euro eingestellt, um Festanstellungen an den Musikschulen zu erm\u00f6glichen. Erstmals seit langer Zeit wieder Geld f\u00fcr diesen Zweck. Doch im Saal ist schnell klar, dass es nicht f\u00fcr alle reicht.<\/p>\n<p><img alt=\"Infobox image\" loading=\"lazy\" width=\"195\" height=\"136\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;max-width:100%;height:auto\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/f0ee3507-b206-42f3-9214-acc88823ac64.jpg\"\/><\/p>\n<p>imago\/impress picture<\/p>\n<p>Was ist das Herrenberg-Urteil?<\/p>\n<p>Seit dem Herrenberg-Urteil vom 28. Juni 2022 hat sich die Debatte an Musikschulen versch\u00e4rft: Das Bundessozialgericht stellte in einem konkreten Fall fest, dass die \u00fcblichen Arbeitsbedingungen von Honorarlehrkr\u00e4ften h\u00e4ufig keine echte Selbstst\u00e4ndigkeit, sondern abh\u00e4ngige Besch\u00e4ftigung bedeuten \u2013 juristisch also Scheinselbstst\u00e4ndigkeit. Folge: Musikschulen m\u00fcssten solche Lehrkr\u00e4fte grunds\u00e4tzlich sozialversicherungspflichtig besch\u00e4ftigen. Ausl\u00f6ser war eine Pr\u00fcfung der Deutschen Rentenversicherung in Herrenberg, die das Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis als sozialversicherungspflichtig bewertete.<\/p>\n<p>Bekommen alle Musiklehrer perspektivisch eine Festanstellung?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Moderator Chris Bergh\u00e4user, Vorsitzender des Berliner Musikschulbeirates, erinnert daran, wie sehr der Unterricht \u00fcber Jahre auf Honorare gebaut wurde und wie m\u00fchsam der Ausbau fester Stellen bis heute bleibt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dennis Haustein (CDU), Sprecher f\u00fcr B\u00fcrgerschaftliches Engagement im Abgeordnetenhaus, sagt, die vier Millionen seien auch Ergebnis des Drucks aus der Szene: durch die Menschen, die im Saal sitzen. Jetzt m\u00fcsse das Geld schnell \u201eauf die Stra\u00dfe\u201c. Melanie K\u00fchnemann-Grunow (SPD), kulturpolitische Sprecherin, spricht von einem Stufenplan: Der Schritt sei wichtig, weil urspr\u00fcnglich keine Mittel vorgesehen gewesen seien. Ziel bleibe, dass alle, die eine Festanstellung wollen, perspektivisch eine bekommen.<\/p>\n<p>Berlin ist eben nicht Dortmund<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Doch wer stellt ein und nach welchen Regeln? Staatssekret\u00e4rin Cerstin Richter-Kotowski (Kultur) verweist auf die Bezirke. Die Festanstellungen machten die Bezirke, nicht der Senat; man wolle gemeinsam vorgehen und nichts von oben diktieren. Parameter wie die Orientierung an Jahreswochenstunden seien relevant. Ende Januar sollen die Bezirke dazu beraten, anschlie\u00dfend m\u00fcssten die Musikschulen ausschreiben. Am Ende, so Richter-Kotowski, m\u00fcssten die Musikschulen regul\u00e4re Ausschreibungen machen. Berlin sei eben nicht Dortmund: Dort gibt es eine Musikschule, hier zw\u00f6lf \u2013 und damit zw\u00f6lf Verfahren, zw\u00f6lf Personalhaushalte, zw\u00f6lf unterschiedliche Ausgangslagen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Richter-Kotowski betont, Verfahren lie\u00dfen sich \u201eschlank\u201c gestalten, indem Erfahrung ausdr\u00fccklich in den Ausschreibungen ber\u00fccksichtigt werde; das k\u00f6nne z\u00fcgig gehen. Gleichzeitig sagt sie offen: Nicht alle Honorarkr\u00e4fte werden in Festanstellung kommen. Und falls die vier Millionen 2026 nicht vollst\u00e4ndig abflie\u00dfen, m\u00fcsse gekl\u00e4rt werden, ob Mittel ins Folgejahr \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img alt=\"Zum Gespr\u00e4ch im Rathaus Charlottenburg sind zahlreiche Menschen erschienen. \" loading=\"lazy\" width=\"5712\" height=\"3808\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/660a7fb7-d77d-4be6-950c-b78e408542e9.jpg\"\/><\/p>\n<p>Zum Gespr\u00e4ch im Rathaus Charlottenburg sind zahlreiche Menschen erschienen.Sinem Koyuncu<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst nur 200 Festanstellungen m\u00f6glich<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dann wird \u00fcber Zahlen gesprochen: Rund 1700 Honorarkr\u00e4fte deckten in Berlin etwa 77 Prozent des Musikschulangebots ab. F\u00fcr einen Umbau br\u00e4uchte es sch\u00e4tzungsweise 700 bis 800 Stellen, die in Festanstellungen \u00fcberf\u00fchrt werden m\u00fcssten. Mit den jetzigen Mitteln seien zun\u00e4chst rund 200 m\u00f6glich. Als im Saal \u201e100 Prozent Festanstellung\u201c gefordert wird, gibt es Applaus. Haustein formulierte dennoch ein politisches Ziel: Bis 2029 solle Berlin bei 80 Prozent Festanstellungen sein. K\u00fchnemann-Grunow sagt, erste Festanstellungen k\u00f6nnten im ersten Quartal beginnen; Haustein dr\u00e4ngt auf die n\u00e4chsten zwei bis drei Monate. Nicht erst im Sommer, wie viele bangende Musiklehrer im Publikum bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nach dem Podium werden die S\u00e4tze sch\u00e4rfer. Theda Weber-Lucks, fest angestellte Lehrerin an der Leo-Kestenberg-Musikschule in Tempelhof-Sch\u00f6neberg, nennt die vier Millionen im Gespr\u00e4ch mit der Berliner Zeitung \u201eeinen richtigen Schritt\u201c. Dennoch sei es nur \u201eeinen Bruchteil\u201c dessen, was gebraucht werde. \u201eDiese vier Millionen m\u00fcssen sofort ausgegeben werden\u201c, fordert sie, und parallel brauche es einen Plan: weitere Mittel, klare Perspektiven f\u00fcr die vielen Honorarkr\u00e4fte, die zun\u00e4chst leer ausgehen.<\/p>\n<p><img alt=\"Theda Weber-Lucks ist fest angestellte Musiklehrerin.\" loading=\"lazy\" width=\"5712\" height=\"3808\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/6e4fdb88-4d7e-4891-ae27-fcf1a0d3d75e.jpg\"\/><\/p>\n<p>Theda Weber-Lucks ist fest angestellte Musiklehrerin.Sinem Koyuncu<\/p>\n<p>\u201eOhne Musikschulen haben wir auch keine Hochkultur\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ihr fehlt \u201eeine Vision\u201c: Musikschulen seien soziale R\u00e4ume und ein seit Jahrzehnten funktionierendes Netzwerk, das gerade in einer vielf\u00e4ltigen Stadt Zusammenhalt schaffe. Statt alte Strukturen zu zerschlagen und neue Fonds zu erfinden, m\u00fcsse Berlin hier investieren und verl\u00e4sslicher werden, etwa durch ein Musikschulf\u00f6rdergesetz. \u201eOhne Musikschulen haben wir auch keine Hochkultur\u201c, sagt Weber-Lucks.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Adriana Balboa erz\u00e4hlt, was passiert, wenn Stabilit\u00e4t fehlt. Sie war \u00fcber 30 Jahre lang Honorarkraft und wurde im Sommer 2024 \u201evon einem auf den anderen Tag\u201c gek\u00fcndigt. Berlin habe jahrzehntelang \u201eein Auge zugedr\u00fcckt\u201c, sagt sie, obwohl das Besch\u00e4ftigungsbild vieler Lehrkr\u00e4fte dem entspreche, was Gerichte und Rentenversicherung als abh\u00e4ngige Arbeit bewerten. Es hei\u00dfe, der Wille sei da, aber nicht genug Geld \u2013 Balboa widerspricht: Geld sei da, nur w\u00fcrden andere Priorit\u00e4ten gesetzt. \u00dcber allem stehe die Angst vor Januar 2027: Was passiert, wenn man bis dahin keine Festanstellung bekommt? Arbeitslosigkeit sei f\u00fcr viele kein theoretisches Risiko.<\/p>\n<p><img alt=\"Udine Barge (l.) und Adriana Balboa (r.) finden klare Worte im Gespr\u00e4ch mit der Berliner Zeitung.\" loading=\"lazy\" width=\"5712\" height=\"3808\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/c56888ee-1240-44f5-bb9f-05fd0732cf58.jpg\"\/><\/p>\n<p>Udine Barge (l.) und Adriana Balboa (r.) finden klare Worte im Gespr\u00e4ch mit der Berliner Zeitung.Sinem Koyuncu<\/p>\n<p>Vollzeit gearbeitet und Zwillinge alleinerziehend gro\u00dfgezogen<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Was diese Angst konkret bedeutet, beschreibt Udine Barge, Honorarkraft seit 35 Jahren und ebenfalls an der Leo-Kestenberg-Musikschule: eine \u201eVerzichtserkl\u00e4rung\u201c, wie sie es nennt. Barge erkl\u00e4rt, was aus ihrer Sicht dahintersteckt: \u201eWir verzichten darauf, angestellt zu werden, wir verzichten darauf, dass wir sozial abgesichert arbeiten m\u00f6chten.\u201c Man unterschreibe damit, \u201edass wir als Honorarkraft sofort k\u00fcndbar sind\u201c, dass Krankmelderechte eingeschr\u00e4nkt seien und kein Arbeitslosengeld entstehe. Warum unterschreiben? \u201eMan muss unterschreiben, weil man sonst nicht mehr arbeiten darf\u201c, sagt Barge.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Barge erz\u00e4hlt von einer Biografie, die viele Honorarkr\u00e4fte teilen: Sie habe Vollzeit gearbeitet, Zwillinge alleinerziehend gro\u00dfgezogen, und sie habe bei der Rentenversicherung einen Antrag gestellt, dem stattgegeben worden sei \u2013 sie habe eine Bescheinigung, \u201edass ich seit 34 Jahren scheinselbstst\u00e4ndig bin\u201c. Genau deshalb sei die Unterschrift f\u00fcr sie ein No-Go. Sie habe sie nur eingeschr\u00e4nkt geleistet: \u201eblo\u00df auf ein Jahr in die Zukunft und nicht r\u00fcckwirkend\u201c.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Und dann kommt ein Satz von Barge, der im Podium nicht weiter von den Rednern beachtet wurde, aber in den K\u00f6pfen wom\u00f6glich aller Anwesenden schwebte: \u201eMit einer Vollzeitbesch\u00e4ftigung habe ich jetzt eine Rente von 850 Euro.\u201c Sie m\u00fcsse weiterarbeiten, auch nach Renteneintritt. Als Rentnerin werde sie weiter unterrichten. \u201eEine riesen Ungerechtigkeit\u201c, sagt Barge. \u201eUnd deshalb bin ich auch erz\u00fcrnt, wie die Politiker dar\u00fcber reden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Festsaal des Rathauses Charlottenburg ist bis auf den letzten Stuhl besetzt an diesem Montagvormittag. 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