{"id":698846,"date":"2026-01-07T00:26:26","date_gmt":"2026-01-07T00:26:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698846\/"},"modified":"2026-01-07T00:26:26","modified_gmt":"2026-01-07T00:26:26","slug":"diesen-krieg-kann-kremlchef-putin-noch-lange-durchhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698846\/","title":{"rendered":"Diesen Krieg kann Kremlchef Putin noch lange durchhalten"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es gibt zwei sehr unterschiedliche, aber genau deshalb interessante Interpretationen f\u00fcr Russlands Haltung bei den derzeitigen Unterhandlungen um einen Waffenstillstand in der Ukraine. Die erste behauptet, Russland verhandle, weil es zwar nicht milit\u00e4risch, aber wirtschaftlich mit dem R\u00fccken an der Wand stehe. Und werde genau deshalb Europa mit einer neuen Welle <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.rusi.org\/explore-our-research\/publications\/commentary\/russia-losing-time-putins-2026-hybrid-escalation\">hybrider Eskalation<\/a> \u00fcberziehen. So die Einsch\u00e4tzung des Royal United Services Institute.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die andere behauptet, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/russland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Russland<\/a> verhandle so unnachgiebig und unflexibel, weil es diesen Krieg noch jahrelang durchhalten k\u00f6nne. Die Sanktionen seien verpufft, h\u00e4tten uns, also dem, was vom einstigen Westen noch \u00fcbrig ist, mehr geschadet als Russland und seien durch die Unterst\u00fctzung des Iran, Nordkoreas und Chinas mehr als ausgeglichen worden.<\/p>\n<p><strong>Am Abgrund oder auf dem Gipfel?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Gehen wir also der Sache nach: Wo steht Russland nach vier Jahren Krieg? Am Abgrund oder auf einem Feldherrenh\u00fcgel, von dem aus <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/wladimir-putin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wladimir Putin<\/a> l\u00e4chelnd und fr\u00f6hlich darauf warten kann, bis der nahe gelegene Fluss die Leichen seiner Gegner vorbeitreibt?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Antwort auf beide Fragen ist ein klares und deutliches Ja: Ja, die Sanktionen haben Russland massiv geschadet, weit mehr als denen, die sie verh\u00e4ngten, aber sie sind weit davon entfernt, Putin zum Aufgeben zu bewegen. Das liegt auch daran, dass Russland, als es den Krieg begann, ein r\u00fcckst\u00e4ndiges, armes Land war. Denn genau deshalb ist es jetzt auch so resistent, dass es den Krieg noch lange durchhalten kann. Aber der Reihe nach\u00a0\u2026<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Bereits kurz nach Russlands Invasion der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/ukraine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a> im Februar 2022 zogen sich westliche Investoren in einem nie gekannten Ausma\u00df aus dem russischen Markt zur\u00fcck. 2021 hatte die erste wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie gebracht, aber der Einmarsch in der Ukraine machte sie vollkommen zunichte. Nach einem Anstieg ausl\u00e4ndischer Direktinvestitionen von knapp zehn Milliarden USD im Jahr 2020 auf 40 Milliarden ein Jahr sp\u00e4ter folgte 2022 ein Einbruch um 15 bis 18 Milliarden. Von nun an ging es mit der russischen Wirtschaft bergab. Inzwischen ist Russland in diesem Bereich auf dem Niveau von 2001. Der Krieg warf das Land um eine Generation zur\u00fcck. Das konnten Russlands Verb\u00fcndete China, der Iran und Nordkorea nicht wettmachen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die russische Nationalbank reagierte darauf mit einer drastischen Erh\u00f6hung des Leitzinses, was den Rubel vor dem freien Fall bewahrte und die Inflation eind\u00e4mmte. Zus\u00e4tzlich wurde die Umtauschbarkeit des Rubels weiter eingeschr\u00e4nkt, was internationale Vergleiche erschwert. Der Rubelkurs wird nicht mehr am Markt gebildet, sondern von der Nationalbank. Ziel ist nun nicht mehr, den Rubel stark und stabil zu halten, sondern den Wert des Rubels nach den Erfordernissen der Kriegswirtschaft auszurichten. Ein schwacher Rubel gleicht fallende \u00d6l- und Gaspreise aus, verteuert allerdings auch Eink\u00e4ufe moderner Technologien aus dem Westen (die meist \u00fcber Nachbarl\u00e4nder laufen, die die Sanktionen umgehen) und treibt die Inflation in die H\u00f6he.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">F\u00fcr Russlands Bev\u00f6lkerung hei\u00dft das: Westliche Technologie wird immer teurer und die hohen Leitzinsen erlauben nur noch Reichen Immobilienbesitz. Ein Beispiel: Die monatliche Belastung durch ein Hypothekendarlehen f\u00fcr eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Moskau betr\u00e4gt bei einer Laufzeit von knapp 25 Jahren zurzeit etwa 772.000 Rubel. Das ist das Siebenfache eines Durchschnittseinkommens. In London liegen die monatlichen Ausgaben f\u00fcr eine solche Wohnung unter der H\u00e4lfte eines Durchschnittseinkommens. In London sind daf\u00fcr Zinsen von bis zu f\u00fcnf Prozent j\u00e4hrlich f\u00e4llig, in <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/moskau\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Moskau<\/a> sind es 28,5 Prozent.<\/p>\n<p><img alt=\"Passanten spazieren am Poklonnaya-H\u00fcgel am Rande des Moskauer Stadtzentrums.\" loading=\"lazy\" width=\"6557\" height=\"4371\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/b5c0e5f8-d915-49f5-b59e-4acb3ce5cf9f.jpg\"\/><\/p>\n<p>Passanten spazieren am Poklonnaya-H\u00fcgel am Rande des Moskauer Stadtzentrums.Grigory Sysoev\/imago<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Sanktionen und die Kriegsfolgen haben Russland also nicht nur in puncto Lebensstandards um eine Generation zur\u00fcckgeworfen, sie haben das Land auch im internationalen Vergleich schrumpfen lassen. Vor der Invasion war es f\u00fcr 2,75 Prozent des gesamten Welthandels verantwortlich, jetzt sind es noch 2,2 Prozent. Das liegt auch daran, dass russischer Handel jetzt nicht mehr mit Europa und Nordamerika, sondern vor allem mit Asien stattfindet, dort russische Exporte aber (auch aufgrund der EU-Preisobergrenze f\u00fcr \u00d6l) zu niedrigeren Preisen verkauft werden als vor der Invasion. Das hat enorme Auswirkungen \u2013 auf Russlands Finanzen, auf seine Wirtschaftsbeziehungen zu China und auf seine F\u00e4higkeit, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.<\/p>\n<p><strong>Der Nationale Verm\u00f6gensfonds \u2013 weder national noch verm\u00f6gend<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wie viele L\u00e4nder mit hohen Ertr\u00e4gen aus Rohstoffexporten hat auch Russland einen Nationalen Verm\u00f6gens- oder Staatsfonds, in dem, je nach Land, alle Einnahmen oder ein Gro\u00dfteil davon gehamstert werden f\u00fcr Investitionen, die Einnahmen generieren sollen, wenn der Rohstoffboom einmal vorbei sein wird. 2004 wurde so erst der \u201eStabilisierungsfonds\u201c gegr\u00fcndet, mit dem einem m\u00f6glichen Preisverfall auf den Weltm\u00e4rkten begegnet werden sollte. Schon vier Jahre sp\u00e4ter wurde er aufgespalten in einen Fonds, der im Ausland investierte, und einen \u201eNationalen Verm\u00f6gensfonds\u201c, der im Inland Investitionen t\u00e4tigen sollte. Der erste war bereits 2017 leer. Er war f\u00fcr die Finanzierung von Haushaltsdefiziten und den Ausgleich der niedrigen \u00d6lpreise draufgegangen. Der zweite Fonds, urspr\u00fcnglich ausgestattet mit umgerechnet 32 Milliarden USD, ist gerade dabei, leerzulaufen, weil die <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/countryeconomy.com\/deficit\/russia\">Haushaltsdefizite<\/a> weiter steigen und die <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/tradingeconomics.com\/commodity\/crude-oil\">\u00d6lpreise<\/a> fallen. Ein gro\u00dfer Teil des Fonds sind jetzt nicht-liquide Verm\u00f6gensteile, die nicht schnell in Rubel konvertiert und ausgegeben werden k\u00f6nnen. Der Cash-Anteil, der vor dem Krieg vor allem aus US-Dollar und Euro bestand, lautet jetzt vor allem auf chinesischen Renminbi.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Jede Regierung, die mehr ausgeben will, als sie einnimmt, und keinen Zugang zu internationalen Finanzm\u00e4rkten mehr hat, kann Geld drucken. So auch Russland. Dessen Finanzminister verkauft st\u00e4ndig Staatsanleihen, die dann von den Banken gekauft werden. Finanziert wird damit der schnell und heftig expandierende milit\u00e4rische Sektor \u2013 Betriebe, die direkt f\u00fcr den Krieg Waffen, Panzer, Ausr\u00fcstung produzieren und in den letzten Jahren mit immer h\u00f6heren L\u00f6hnen daf\u00fcr gesorgt haben, dass Arbeitskr\u00e4fte aus dem zivilen Sektor in den milit\u00e4rischen abwanderten. Damit belasten die Kosten des Krieges die laufenden Haushalte weniger und werden in die Zukunft verlagert.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das machen die \u201eKoalition der Willigen\u201c mit ihren schuldenfinanzierten \u201eSonderverm\u00f6gen\u201c, auf Pump finanzierter Aufr\u00fcstung und jetzt die EU mit ihrem schuldenfinanzierten Ukraine-Hilfspaket auch nicht anders. Mit zwei entscheidenden Unterschieden: Die \u201eKoalition\u201c kann auf den internationalen Finanzm\u00e4rkten Kredite aufnehmen, wodurch ihr Krieg von der ganzen Welt (darunter auch von US-Investment- und Rentenfonds) finanziert und das Risiko sehr breit verteilt wird. Zweitens: Im Vergleich zu den Zinsen, die russische Betriebe f\u00fcr Kredite entrichten m\u00fcssen, ist die westliche Zinslast sehr niedrig. Und drittens: Wenn die \u201eKoalition\u201c irgendwann zahlungsunf\u00e4hig wird, ist das ein Problem f\u00fcr die ganze Welt. Russland geht in den Staatsbankrott, wenn seine R\u00fcstungsblase platzt; dann gibt es Massenentlassungen in der Verwaltung, Banken brechen zusammen und die B\u00fcrger fliehen vor der Hyperinflation in Sachwerte \u2013 wie in der Weimarer Republik. F\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/china\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">China<\/a> ist das kein gr\u00f6\u00dferes Problem, die russische Abh\u00e4ngigkeit von China ist ungleich gr\u00f6\u00dfer als umgekehrt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Bis dahin gibt es in Russland allerdings Unterbesch\u00e4ftigung. Milit\u00e4r und R\u00fcstungsproduktion haben so stark expandiert, dass die Arbeitslosigkeit bei zwei Prozent liegt. Zugleich saugt der milit\u00e4rische Sektor aber alles, was nur geht, an Krediten und Arbeitskr\u00e4ften aus dem zivilen Sektor ab. Und das hat langsam, aber sicher Folgen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">So gab es bisher zahlreiche Subventionsprogramme f\u00fcr Hypothekenkredite, mit denen die etwas betuchteren B\u00fcrger (mit Eigenkapitalanteil) die horrenden Immobilienpreise austricksen konnten. Diese Subventionen wurden inzwischen eingestellt oder auf steuerfinanzierte Programme umgestellt, womit nun alle Steuerzahler (auch die im zivilen Sektor) Wohneigentum f\u00fcr diejenigen, die sich das leisten k\u00f6nnen, subventionieren. Und das sind vor allem die Besch\u00e4ftigten des milit\u00e4rischen Sektors. Der Krieg hat ein kompliziertes Netz von Quersubventionen und Finanzausgleichen zwischen dem Zentrum, den Regionen, den sozialen Schichten und Sektoren geschaffen, das in manchen Analysen bereits unter dem Namen \u201eTodes\u00f6konomie\u201c (auf Englisch: \u201edeathonomics\u201c) vorkommt.<\/p>\n<p>Russland im Krieg: <strong>Sterben f\u00fcr ein Verm\u00f6gen<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ein Staat, der seinen B\u00fcrgern keine Wahl l\u00e4sst, muss selbst dann mit Widerstand rechnen, wenn er jede vom Staat unabh\u00e4ngige gesellschaftliche Aktivit\u00e4t unterdr\u00fcckt und die Gesellschaft durch Repression atomisiert hat. Im Moment haben Russen noch die Wahl: Sie k\u00f6nnen sich freiwillig f\u00fcr die \u201eMilit\u00e4rische Spezialoperation\u201c melden oder sie k\u00f6nnen im milit\u00e4rischen oder zivilen Sektor arbeiten. Im ersten Fall werden sie (bzw. ihre Verwandten) schnell wohlhabend, gehen aber das Risiko ein, in k\u00fcrzester Zeit in einem Sarg oder verst\u00fcmmelt zur\u00fcckzukommen. Im milit\u00e4rischen Sektor verdienen sie weniger, aber deutlich mehr als im zivilen Sektor. Egal, was sie w\u00e4hlen, sie haben auf jeden Fall mehr zu verlieren, als wenn sie sich bewaffnen und versuchen, im Untergrund zu \u00fcberleben. Eine gro\u00df angelegte Zwangsrekrutierung w\u00fcrde diesen Unterschied nivellieren. Junge M\u00e4nner h\u00e4tten dann die Wahl, in den Untergrund oder an die Front zu gehen. S\u00f6hne aus gutem Haus w\u00fcrden dann Bestechungsgelder zahlen, um nicht eingezogen zu werden, die aber nicht in die Staatskasse, sondern in die Taschen der Beamten fl\u00f6ssen.<\/p>\n<p><img alt=\"Eine Kriegsausstellung auf dem Roten Platz in Moskau\" loading=\"lazy\" width=\"5315\" height=\"3543\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/1617c5d5-85eb-4abe-be1e-51ae508d3ca3.jpg\"\/><\/p>\n<p>Eine Kriegsausstellung auf dem Roten Platz in MoskauSefa Karacan\/imago<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zur Vermeidung dieser Dilemmata gibt es ein System von Anreizen, mit dem m\u00f6glichst viele Freiwillige f\u00fcr die Armee geworben werden sollen, ohne dass junge M\u00e4nner zwangsrekrutiert werden m\u00fcssen. Da ist zun\u00e4chst eine Einmalzahlung des Zentralstaats von anf\u00e4nglich 200.000 Rubel, die zuletzt im August 2024 auf 400.000 Rubel angehoben wurde. Diese wird inzwischen aber von den Regionen aufgestockt, und zwar drastisch \u2013 um \u00fcber drei Millionen Rubel! Hinzu kommen der Sold (bis zu 5,2 Millionen im ersten Jahr an der Front f\u00fcr Moskauer) und das Sterbegeld; beide sind aber f\u00fcr die Entscheidung, zur Armee zu gehen, wenig relevant.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Erstens wei\u00df niemand, wie lange ihm Sold ausgezahlt werden wird, und zweitens kann sich der Staat recht geschickt vor der Auszahlung des Sterbegelds dr\u00fccken, indem er Soldaten f\u00fcr vermisst erkl\u00e4rt, sie dann ewig sucht oder sie zu Deserteuren erkl\u00e4rt, womit die Auszahlung hinf\u00e4llig wird. Niemand wei\u00df also, ob er etwas davon haben wird. Von der aufgestockten Einmalzahlung haben viele etwas, vor allem die Hinterbliebenen. Wer sich in den \u00e4rmeren Teilrepubliken freiwillig meldet, kann auf einen Schlag das Los seiner Familie dramatisch verbessern. Da Familie, sozialer Zusammenhalt und gesellschaftliche Normen in der russischen Provinz sehr wichtig sind, lastet auf den jungen M\u00e4nnern dort ein doppelter Druck, sich \u201efreiwillig\u201c zu melden: vonseiten des Staates und vonseiten der Familie.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dieser Mechanismus stellt bisher nicht nur sicher, dass niemand im Untergrund Partisanengruppen bildet (wie im Zweiten Weltkrieg), sondern auch, dass an der Front vor allem sozial schwache, schlecht ausgebildete Jungs aus der tiefen Provinz verheizt werden, deren Familien sich gegen Korruption und Beh\u00f6rdenwillk\u00fcr ohnehin nicht wehren k\u00f6nnen, w\u00e4hrend das aufstrebende B\u00fcrgertum aus St. Petersburg und Moskau verschont wird und so weiterhin zu viel zu verlieren hat, um seine Verbindungen und Ressourcen f\u00fcr oppositionelle Umtriebe zu nutzen. Es gibt auch nach vier Kriegsjahren keine Hinweise darauf, dass junge Leute abtauchen und Partisaneneinheiten oder bewaffnete R\u00e4uberbanden bilden. Im Gegenteil: Trotz einiger recht drastischer Berichte \u00fcber psychisch kranke und aus den Gef\u00e4ngnissen rekrutierte Heimkehrer, die dann Angst und Schrecken in ihrem Umfeld verbreiten, gehen sowohl die Kriminalit\u00e4tsrate als auch die Gewaltkriminalit\u00e4t in Russland zur\u00fcck. Was Russland tut, um Kanonenfutter einzusammeln, mag man f\u00fcr unmoralisch, brutal und menschenverachtend halten. Bisher ist es aber erfolgreich.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das alles l\u00e4uft so seit dem Beginn der \u201eSpezialoperation\u201c. Neu ist, wie sehr die regionalen Zuzahlungen durch die Decke gehen. Der f\u00f6derale Grundstock hat sich seither verdoppelt, in Belgorod stieg die regionale Zuzahlung zeitweise auf bis zu drei Millionen Rubel, in der Oblast Samar sogar auf vier. Das Pikante dabei: Die Regionen k\u00f6nnen das \u00fcber eine Art Finanzausgleich mit dem Zentralstaat verrechnen. Letztendlich zahlen daf\u00fcr also auch die Steuerzahler sowie diejenigen, die Staatsobligationen kaufen und Russland sein \u00d6l abnehmen. Allein aus diesen Zahlen k\u00f6nnte man schlie\u00dfen, dass Russland die Freiwilligen ausgehen. Warum sonst w\u00fcrde es die Ausgaben f\u00fcr Einmalzahlungen derma\u00dfen in die H\u00f6he treiben? So ist es aber gar nicht.<\/p>\n<p><strong>Russland geht das Geld aus, nicht das Kanonenfutter<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Russland geht das Geld aus. Schon jetzt geht ganz offiziell fast ein Drittel des f\u00f6deralen Haushaltes in Milit\u00e4rausgaben. Die zahlreichen, teilweise f\u00fcr geheim erkl\u00e4rten Schattenhaushalte und Sonderfonds, die auch milit\u00e4rischen Zwecken dienen, sind da nicht mitgerechnet. Geld zu drucken st\u00f6\u00dft dann an eine Grenze, wenn der Mangel an zivilen Besch\u00e4ftigten die Wirtschaft stagnieren l\u00e4sst und Innovationen hemmt. An diesem Punkt ist Russland. Aber an Soldaten fehlt es Putin nicht. Zurzeit sind etwa 1,8 Millionen M\u00e4nner unter Waffen. In den Altersgruppen zwischen 20 und 40 Jahren, die bevorzugt rekrutiert werden, stehen Putin noch mehr als zehnmal so viele M\u00e4nner zur Verf\u00fcgung. Die h\u00f6chsten russischen Verluste berechnet in der Regel die ukrainische Regierung. Sie geht zurzeit von etwa 1,2 Millionen get\u00f6teten beziehungsweise bis zur Kampfunf\u00e4higkeit verwundeten russischen Soldaten aus. Sch\u00e4tzungen der BBC, des \u201eInstitute for the Study of War\u201c in den USA und des britischen Geheimdienstes liegen meist darunter. Aber selbst wenn man die H\u00f6chstzahl von 1,2 Millionen Verlusten in vier Jahren zugrunde legt, werden daraus 300.000 pro Jahr, denen fast 20 Millionen potenzieller neuer Rekruten zwischen 20 und 40 Jahren gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Fazit: Sanktionen (und ukrainische Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur) haben Russland wirtschaftlich und finanziell um eine Generation zur\u00fcckgeworfen, hohe Inflation (aber keine Hyperinflation wie in den 1990er-Jahren) und massive Repressionen zur\u00fcckgebracht und Russland auf dem Weltmarkt stark isoliert, mit dramatischen Auswirkungen auf den Lebensstandard der Russen. Der Krieg sorgt jetzt f\u00fcr immer gr\u00f6\u00dfere Ungleichheit: Die Reichen werden noch reicher, die Wohlhabenden k\u00f6nnen auf Abstand zum Krieg gehen, den die Armen und die \u00c4rmsten der Armen austragen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Das ist aber nicht nur f\u00fcr den Kreml kein Grund, den Krieg zu beenden. Dass das Land sich zur\u00fcckentwickelt und die Bev\u00f6lkerung leidet, war f\u00fcr politische F\u00fchrer und Feldherren noch nie ein Grund, Frieden zu schlie\u00dfen. Nicht f\u00fcr Krieg f\u00fchrende Regierungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg, nicht w\u00e4hrend des Jugoslawienkrieges, nicht im Sudan, nicht im Kongo und auch nicht im Krieg des Iran gegen den Irak. Frieden kommt, wenn eine Seite kapitulieren muss oder ihre eigene Regierung st\u00fcrzt. Seit dem Tod Jewgeni Prigoschins sind an den Kremlmauern aber keine Risse mehr aufgetaucht. Und selbst wenn Putin die Soldaten ausgingen \u2013 von Hitlers Volkssturm bis in den Kongo und Sudan zeigt die Geschichte: Bevor ein Herrscher deshalb aufgibt, sucht er eher sein Heil darin, Kinder an die Front zu schicken. Das Geld daf\u00fcr kann Putin noch eine Weile drucken, Russlands riesige Landbev\u00f6lkerung kann die dann drohende Hyperinflation mithilfe von Tauschhandel austricksen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt zwei sehr unterschiedliche, aber genau deshalb interessante Interpretationen f\u00fcr Russlands Haltung bei den derzeitigen Unterhandlungen um&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":698847,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-698846","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-russia","14":"tag-russian-federation","15":"tag-russische-foederation","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115850981322069772","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698846","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=698846"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698846\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/698847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=698846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=698846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=698846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}