{"id":698856,"date":"2026-01-07T00:34:11","date_gmt":"2026-01-07T00:34:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698856\/"},"modified":"2026-01-07T00:34:11","modified_gmt":"2026-01-07T00:34:11","slug":"von-worten-zu-taten-europa-muss-mehr-gegen-antisemitismus-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698856\/","title":{"rendered":"Von Worten zu Taten: Europa muss mehr gegen Antisemitismus unternehmen"},"content":{"rendered":"<p>Die EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen hat Antisemitismus zu einer Bedrohung f\u00fcr die Demokratie erkl\u00e4rt. Diese Worte sind wichtig. Aber Worte ohne Taten klingen hohl. Es m\u00fcssen konkrete Schutzma\u00dfnahmen ergriffen werden.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Vor einigen Tagen traf ich in Br\u00fcssel eine Mutter von zwei Kindern, die mir mit schmerzerf\u00fcllter Stimme erz\u00e4hlte, dass sie und ihr Mann eine schwere Entscheidung getroffen hatten: Die Familie w\u00fcrde au\u00dferhalb ihres Zuhauses nichts mehr tragen, was sie als Juden identifizieren k\u00f6nnte. K\u00fcnftig w\u00fcrde ihr 12-j\u00e4hriger Sohn eine Baseballkappe \u00fcber seiner Kippa tragen und ihre 10-j\u00e4hrige Tochter w\u00fcrde ihre Davidstern-Halskette unter ihrem Hemd verstecken. Als ihre Kinder sie nach dem Grund fragten, antwortete sie ihnen einfach: \u201eWir m\u00fcssen jetzt vorsichtig sein, sogar in unserer eigenen Nachbarschaft.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe \u00e4hnliche Geschichten in vielen europ\u00e4ischen j\u00fcdischen Gemeinden geh\u00f6rt. Sie und ihre Familie geh\u00f6ren zu den 76 Prozent der europ\u00e4ischen Juden, die ihre j\u00fcdische Identit\u00e4t in der \u00d6ffentlichkeit verbergen \u2013 eine erschreckende Realit\u00e4t, die von der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article252466164\/EU-Umfrage-Juden-in-Europa-haben-zunehmend-Angst.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article252466164\/EU-Umfrage-Juden-in-Europa-haben-zunehmend-Angst.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Agentur der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr Grundrechte (FRA) dokumentiert<\/a> wurde. Was diese Zahl noch erschreckender macht, ist die Tatsache, dass die Daten vor dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober erhoben wurden, der weltweit zu einem Anstieg des Antisemitismus gef\u00fchrt hat. Dies ist kein Relikt aus der dunklen Vergangenheit Europas. Dies geschieht gerade jetzt, in Hauptst\u00e4dten und St\u00e4dten auf einem Kontinent, dessen Staats- und Regierungschefs sich dem Mantra \u201eNie wieder\u201c verschrieben haben, wenn es um Antisemitismus in der Gesellschaft geht.<\/p>\n<p>Der Hass, der diese Angst sch\u00fcrt, ist global und gewaltt\u00e4tig. Vor einigen Wochen haben wir mit Entsetzen beobachtet, wie die j\u00fcdische Gemeinde in Sydney w\u00e4hrend der Chanukka-Feierlichkeiten am ber\u00fchmten Bondi Beach zum Ziel eines Mordanschlags wurde. Am selben Wochenende wurde eine Chanukka-Feier in Amsterdam durch Rauchbomben und antisemitische Parolen gewaltsam unterbrochen. Und in Kalifornien wurde das Haus einer j\u00fcdischen Familie, das au\u00dfen mit Chanukka-Dekorationen geschm\u00fcckt war, beschossen. Allein in den Vereinigten Staaten verzeichnete die Anti-Defamation League (ADL) im Jahr 2024 \u00fcber 9.300 antisemitische Vorf\u00e4lle \u2013 ein Anstieg von 300 % gegen\u00fcber den letzten f\u00fcnf Jahren \u2013, was unterstreicht, dass es sich um eine globale Krise handelt, die j\u00fcdische Gemeinden weltweit betrifft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Antisemitismus ein globales \u00dcbel ist, stellt das Versagen, ihn in Europa einzud\u00e4mmen, eine spezifische politische und soziale Krise dar. Die Zahlen sind sowohl alarmierend als auch vernichtend. In Deutschland wurden im <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/Politik__Inland_\/article256208186\/Juden-in-Deutschland-unter-Druck-Rias-meldet-8-600-Vorfaelle.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/Politik__Inland_\/article256208186\/Juden-in-Deutschland-unter-Druck-Rias-meldet-8-600-Vorfaelle.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jahr 2024 8.627 antisemitische Vorf\u00e4lle<\/a> registriert \u2013 die h\u00f6chste jemals in diesem Land dokumentierte Jahreszahl, was einem Anstieg von 80 Prozent gegen\u00fcber 2023 entspricht. In ganz Europa haben antisemitische Angriffe ein beispielloses Ausma\u00df erreicht. Laut dem <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/neuer-bericht-globaler-antisemitismus\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/neuer-bericht-globaler-antisemitismus&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Bericht der J7 Task Force der ADL<\/a> nahmen antisemitische Vorf\u00e4lle von 2021 bis 2023 in Deutschland um 72 Prozent, im Vereinigten K\u00f6nigreich um 90 Prozent und in Frankreich um 185 Prozent zu.<\/p>\n<p>Nach dem 7. September<\/p>\n<p>Nach dem terroristischen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/mediathek\/reportage\/video68e51ebb727cb23c507937fe\/reportage-israel-nach-dem-7-oktober-reise-durch-ein-zerrissenes-land.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/mediathek\/reportage\/video68e51ebb727cb23c507937fe\/reportage-israel-nach-dem-7-oktober-reise-durch-ein-zerrissenes-land.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 <\/a>meldeten einige j\u00fcdische Gemeindeorganisationen einen Anstieg antisemitischer Vorf\u00e4lle um mehr als 400 Prozent. Schon vor diesem schrecklichen Tag hatten 96 Prozent der europ\u00e4ischen Juden Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht. Man muss sich das vor Augen f\u00fchren: Unabh\u00e4ngig davon, wo sie in Europa leben, berichtet fast jeder einzelne Jude, dass er in der einen oder anderen Form mit Antisemitismus konfrontiert ist.<\/p>\n<p>Anerkennenswert ist, dass sich viele europ\u00e4ische Staats- und Regierungschefs zu Wort gemeldet haben. Im Oktober 2024 verurteilte die Pr\u00e4sidentin der Europ\u00e4ischen Kommission, Ursula von der Leyen, \u201eeinen alarmierenden Anstieg des Antisemitismus\u201c in Europa <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/detail\/en\/SPEECH_24_5123\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/detail\/en\/SPEECH_24_5123&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">und erkl\u00e4rte<\/a>: \u201eAntisemitismus ist eine Bedrohung f\u00fcr unsere Demokratie. Er ist ein Krebsgeschw\u00fcr, das die Grundlagen unserer Europ\u00e4ischen Union infrage stellt.\u201c Im September sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass Antisemitismus seit den Anschl\u00e4gen vom 7. Oktober \u201efast Tag f\u00fcr Tag lauter, offener, unversch\u00e4mter, gewaltsamer\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/75-jahre-zentralrat-der-juden-2384862\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/75-jahre-zentralrat-der-juden-2384862&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">geworden sei<\/a>. <\/p>\n<p>Diese Worte sind wichtig. Aber Worte ohne Taten klingen hohl. Die Europ\u00e4ische Union hat wichtige Schritte unternommen. Im Jahr 2021 hat die EU ihre erste Strategie zur Bek\u00e4mpfung von Antisemitismus und zur F\u00f6rderung des j\u00fcdischen Lebens vorgestellt, einen umfassenden Plan, der bis 2030 l\u00e4uft. Dreiundzwanzig Mitgliedstaaten haben nationale Strategien gegen Antisemitismus entwickelt, und 20 haben Sonderbeauftragte oder Koordinatoren zur Bek\u00e4mpfung dieses Hasses ernannt. Die EU hat Millionenbetr\u00e4ge f\u00fcr die Sicherung j\u00fcdischer St\u00e4tten bereitgestellt und in Zusammenarbeit mit der Unesco P\u00e4dagogen in zehn europ\u00e4ischen L\u00e4ndern darin geschult, antisemitische Vorurteile in Schulen zu erkennen und zu verhindern. J\u00fcdische Organisationen haben diese nationalen Strategien als wichtige Verpflichtungen begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Kluft zwischen Versprechen und Umsetzung schmerzlich gro\u00df. Den meisten europ\u00e4ischen Regierungen fehlen nach wie vor umfassende Antidiskriminierungsdaten, um festzustellen, wo die Politik versagt. Einige der nationalen Strategien verf\u00fcgen \u00fcber kein spezielles Budget zur Finanzierung von Ma\u00dfnahmen und Programmen gegen Antisemitismus. Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Justiz scheinen antisemitische Handlungen zu tolerieren, die in irgendeiner Weise mit Israel zu tun haben, w\u00e4hrend Hassverbrechen gegen andere Minderheiten niemals toleriert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Handlungsl\u00fccke muss geschlossen werden. Die europ\u00e4ischen Regierungen m\u00fcssen \u00fcber verbale Verurteilungen hinausgehen und konkrete Schutzma\u00dfnahmen ergreifen. Wie die Agentur der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr Grundrechte warnte, ist Antisemitismus \u201eein tief in der europ\u00e4ischen Gesellschaft verwurzelter Rassismus\u201c, der sowohl f\u00fcr die j\u00fcdischen Gemeinschaften als auch f\u00fcr die grundlegenden Ziele der Europ\u00e4ischen Union eine existenzielle Bedrohung darstellt. Dennoch h\u00e4lt nur ein Drittel der europ\u00e4ischen Gesamtbev\u00f6lkerung Antisemitismus f\u00fcr ein gro\u00dfes Problem.<\/p>\n<p class=\"c-inline-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<ul class=\"c-inline-teaser-list__content\">\n<li class=\"c-inline-teaser-list__element\">\n<p>Weltplus Artikel\u201eAufstand der Anst\u00e4ndigen\u201c<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das muss sich \u00e4ndern. Europa braucht eine konsequente Verfolgung von Hassverbrechen, evidenzbasierte Aufkl\u00e4rungsprogramme, eine umfassende Datenerhebung und angemessene Ressourcen f\u00fcr die Sicherheit. Vor allem m\u00fcssen sich die europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs einer unangenehmen Wahrheit stellen: Das Fortbestehen des Antisemitismus birgt die Gefahr seiner Normalisierung. Wie die Agentur der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr Grundrechte feststellte: \u201eUnsere Gesellschaften haben die fast st\u00e4ndige Pr\u00e4senz von Sicherheitskr\u00e4ften in Synagogen und j\u00fcdischen Schulen normalisiert \u2013 wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass sich diese Normalisierung auch auf den Antisemitismus im Allgemeinen ausweitet.\u201c<\/p>\n<p>J\u00fcdische Familien verdienen es, sich nicht verstecken zu m\u00fcssen. Die 1,5 Millionen Juden in Europa verdienen die Sicherheit und W\u00fcrde, die jede Demokratie ihren B\u00fcrgern verspricht. Die Frage ist nun, ob die europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs ihren Worten Taten folgen lassen oder ob wir erneut ein Versagen an moralischem Mut erleben, das die Geschichte hart beurteilen wird.<\/p>\n<p>Andrew Srulevitch ist der Director of European Affairs bei der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL), Die 1913 gegr\u00fcndete Organisation tritt gegen Antisemitismus und Diskriminierung ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen hat Antisemitismus zu einer Bedrohung f\u00fcr die Demokratie erkl\u00e4rt. 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