{"id":698898,"date":"2026-01-07T00:57:11","date_gmt":"2026-01-07T00:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698898\/"},"modified":"2026-01-07T00:57:11","modified_gmt":"2026-01-07T00:57:11","slug":"in-kooperation-mit-theater-stuttgart-die-bloede-grenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/698898\/","title":{"rendered":"In Kooperation mit Theater Stuttgart: Die bl\u00f6de Grenz&#8216;"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th setzt in seinem 1933 geschriebenen St\u00fcck &#8222;Hin und Her&#8220; die Situation der Staatenlosen sinnbildlich in Szene. Ein Mann, Havlicek, wird aus einem Land ausgewiesen, in dem er den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens verbracht hat. Er soll zur\u00fcck in sein Geburtsland, doch das will ihn nicht aufnehmen. Das St\u00fcck spielt auf einer Br\u00fccke, die auf eine Drehb\u00fchne montiert ist. Es ist der ernsten Thematik zum Trotz eine Posse, ein komisches, volkst\u00fcmliches B\u00fchnenst\u00fcck. Und so legt es Regisseur Florian Dehmel auch an.\u00a0<\/p>\n<p>&#8222;Ohne Grenzen, ohne Grenzen g\u00e4b es keinen Staat und keine Ordnung in der Welt&#8220;, singen die sieben Darsteller:innen schon vorab das Lied aus Horv\u00e1ths Schlussszene. &#8222;Wir tun von den Grenzen leben. Also muss es Grenzen geben.&#8220; Und : &#8222;So ziehen wir die Konsequenz: Es lebe hoch die sch\u00f6ne Grenz!&#8220; &#8222;Wir&#8220; sind in diesem Fall die beiden Grenzw\u00e4chter Thomas Szamek (Manuel Krstanovic) auf der einen und Konstantin (Philip S\u00fcs) auf der anderen Seite. &#8222;Grenzorgan&#8220; nennt Horv\u00e1th die beiden. Er trennt zwischen Person und Funktion. &#8222;Dieses Grenzorgan ist ein fescher Mann mit einer schneidigen Uniform&#8220;, beschreibt ein Ausrufer Konstantin vor seinem ersten Auftritt, &#8222;und er macht einen freundlichen Eindruck.&#8220; Immer wieder steht mal rechts, mal links am B\u00fchnenrand eine:r der Schauspieler:innen und k\u00fcndigt an, was passiert, w\u00e4hrend die Drehb\u00fchne mal in die eine, mal in die andere Richtung gedreht wird. Konstantin mag freundlich sein, aber: &#8222;Gesetz ist Gesetz.&#8220;<\/p>\n<p>Die kleinen Ungerechtigkeiten<\/p>\n<p>Der Gendarm Mrschitzka (Sebastian Huber) eskortiert Havlicek \u2013 mit traurigem, m\u00fcdem Gesichtsausdruck, h\u00e4ngendem Kopf und Schultern \u00fcberzeugend gespielt von Aki Tougiannidis \u2013 zur Grenze. Havlicek ist f\u00fcr ihn nur eine dienstliche Angelegenheit. Szamek, Mrschitzkas alter Bekannter, versteht: &#8222;Aha! Ein Ausgewiesener!\u201d Havlicek beklagt sich: &#8222;\u00dcbermorgen wird&#8217;s ein halbes Jahrhundert, dass ich hier leb&#8216; \u2013 drei\u00dfig Jahr habe ich Steuer gezahlt, ohne zu zucken, und jetzt, wo mich mein Ungl\u00fcck trifft, da schmei\u00dft man mich raus mit Bajonett auf!&#8220; Szamek f\u00e4llt dazu nichts Besseres ein als: &#8222;Das sind halt so die kleinen Ungerechtigkeiten des menschlichen Lebens.&#8220;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Grenze weist Konstantin den Ausgewiesenen zurecht: &#8222;Sie geh\u00f6ren doch nicht unserem Staatsverbande an.&#8220; Havlicek versteht nicht. &#8222;Aber die Herren Grenzorgane dr\u00fcben behaupten, dass ich hier her\u00fcber zust\u00e4ndig bin infolge meiner seinerzeitigen hiesigen Geburt.&#8220; Der Grenzposten belehrt ihn: &#8222;Das allein gen\u00fcgt noch nicht. Wir haben bereits vor zwanzig Jahren ein Gesetz erlassen, dass sich ein jeder Staatsb\u00fcrger, der dauernd im Ausland lebt, innerhalb von f\u00fcnf Jahren beim zust\u00e4ndigen Konsulat melden muss, widrigenfalls er seine Staatsb\u00fcrgerschaft verliert, und zwar automatisch.&#8220; Havlicek war das nicht klar. &#8222;Aber solche Gesetze sind doch unmenschlich&#8220;, ruft er aus. &#8222;Im allgemeinen Staatengetriebe wird gar oft ein pers\u00f6nliches Schicksal zerrieben&#8220;, weicht Konstantin aus.<\/p>\n<p>Szamek hat eine Tochter, Eva (Natalja Maas). Sie ist die Geliebte des Grenzw\u00e4chters Konstantin, was dem Vater gar nicht gef\u00e4llt. &#8222;Ich kenn die Leut&#8216; da dr\u00fcben seit sechsundf\u00fcnfzig Jahren&#8220;, erkl\u00e4rt er. &#8222;Die haben alle einen falschen Charakter, alle!&#8220; Sp\u00e4ter gibt er zu: \u201cMein Kind. Ich m\u00f6cht mit dir mal offen reden: Gegen deinen Konstantin hab ich nur das eine, dass er n\u00e4mlich kein Geld hat. Schau, du bist doch ein h\u00fcbsches Kind, ein frisches, und ich m\u00f6chte&#8216;, dass du gl\u00fccklich wirst.&#8220; Doch eigentlich denkt er nur an sich selbst: &#8222;Reich sollst du heiraten, sehr reich, damit auch dein armer alter Vater was von dir hat.&#8220; Eva l\u00e4sst sich nicht beeindrucken und besucht nachts ihren Konstantin. Havlicek kommt dazwischen und wird von Eva verteidigt: &#8222;Er ist halt arm. Immer hin und her \u2013 da muss ein Mensch verbl\u00f6den.&#8220; &#8222;Ich wasch meine H\u00e4nde in Unschuld&#8220;, gibt Konstantin zur\u00fcck. &#8222;Zu was haben wir die bl\u00f6de Grenz?&#8220; Eva, erstaunt: &#8222;Das sagst du? Als Grenzorgan?\u201d Konstantin: &#8222;Das sag ich privat.\u201d<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich finden alle die Grenze unsinnig<\/p>\n<p>Horv\u00e1th richtet den Blick nicht auf die gro\u00dfe Politik, sondern auf die kleinen Leute. In &#8222;Hin und Her&#8220; treffen sich die Ministerpr\u00e4sidenten von dies- und jenseits der Grenze heimlich, um ihre Grenzstreitigkeiten zu besprechen. Sie halten die Grenzen f\u00fcr eine Plage. &#8222;Aber wenn wir das nun laut sagen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden unsere gesamten \u00f6ffentlichen Meinungen laut aufzischen vor Wut.&#8220; Der Autor zeigt, dass die Missst\u00e4nde aus den allt\u00e4glichen Handlungen und Haltungen der Durchschnittsb\u00fcrger resultieren. &#8222;Wie in allen meinen St\u00fccken versuche ich m\u00f6glichst r\u00fccksichtslos gegen Dummheit und L\u00fcge zu sein&#8220;, hat Horv\u00e1th zu seinem bekanntesten St\u00fcck &#8222;Geschichten aus dem Wienerwald&#8220; gesagt. Nicht nur in &#8222;Hin und Her&#8220; spricht er Ungerechtigkeiten an. &#8222;Das seh&#8216; ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss&#8220;, sagt die Elisabeth in &#8222;Glaube Liebe Hoffnung&#8220;, &#8222;weil halt die Menschen keine Menschen sind \u2013 aber es k\u00f6nnt&#8216; doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Glaube Liebe Hoffnung&#8220; h\u00e4tte im Januar 1933 im Deutschen Theater in Berlin Premiere feiern sollen, wurde jedoch auf Druck der Nationalsozialisten vom Spielplan genommen. Horv\u00e1th, 1901 als Sohn eines Diplomaten in Fiume geboren, verlie\u00df nach einem Konflikt mit der SA Deutschland. Fiume, heute Rijeka in Kroatien, geh\u00f6rte damals zum K\u00f6nigreich Ungarn und damit zu \u00d6sterreich-Ungarn, das allerdings im Ersten Weltkrieg zerfallen war. Horv\u00e1th musste deshalb seinen Pass in Ungarn verl\u00e4ngern. Dies ist der biografische Hintergrund des St\u00fccks.<\/p>\n<p>&#8222;Hin und Her&#8220; ist eine Kom\u00f6die, aber mit ernstem Hintergrund. Horv\u00e1th nutzte die popul\u00e4re Form, um seine Anliegen einem breiten Publikum nahezubringen, nicht nur einem klassischen Bildungsb\u00fcrgertum. Das Thema bleibt aktuell: Auch heute werden Menschen abgeschoben. Nur wie inszeniert man das St\u00fcck heute? Aktualisieren? An die Fragen der Gegenwart anpassen? Eine junge Regisseurin hat dies in Frankfurt 2015, auf dem H\u00f6hepunkt der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise, versucht \u2013 und das Happy End weggelassen. &#8222;Zu sehen ist eine Posse, in der es nichts zum Lachen gibt&#8220;, urteilte die Offenbach-Post.<\/p>\n<p>Mehr Spa\u00df als Inhalt<\/p>\n<p>Die Inszenierung der tri-b\u00fchne h\u00e4lt sich dagegen weitestgehend an das Original, bis hin zur Drehb\u00fchne, die schon Horv\u00e1th vorschreibt. Die Thematik mag weiterhin h\u00f6chst aktuell sein, doch l\u00e4sst sich das St\u00fcck nicht ohne Weiteres in die heutige Zeit \u00fcbertragen. Bewachten zu Horv\u00e1ths Zeiten obrigkeitsh\u00f6rige Staatsdiener die Grenz\u00fcberg\u00e4nge, so zieht heute die Agentur Frontex durchs Mittelmeer, um Gefl\u00fcchtete vom Betreten europ\u00e4ischen Bodens abzuhalten. Das passt nicht in ein so schlichtes wie anschauliches B\u00fchnenbild: eine Br\u00fccke \u00fcber einen Grenzfluss, zwei Grenzposten links und rechts.\u00a0<\/p>\n<p>Die tri-b\u00fchne versucht gar nicht erst, das St\u00fcck ins Heute zu \u00fcbertragen. Sie verl\u00e4sst sich darauf, dass Bez\u00fcge zur Gegenwart auch so erkennbar bleiben: etwa die fremdenfeindliche Haltung, die Szamek vertritt, oder die Angst der Ministerpr\u00e4sidenten vor der \u00f6ffentlichen Meinung. Stattdessen schildert das Programmheft auf zwei Seiten die Situation in Europa im Jahr 1934, als das St\u00fcck im Schauspielhaus Z\u00fcrich uraufgef\u00fchrt wurde. Nicht nur in Deutschland, auch in \u00d6sterreich, Ungarn und anderen L\u00e4ndern befand sich der Faschismus auf dem Vormarsch. &#8222;Es ist der Moment, in dem Europa sichtbar in eine autorit\u00e4re Konstellation kippt, w\u00e4hrend die demokratischen Kr\u00e4fte schw\u00e4cher werden&#8220;, hei\u00dft es da. &#8222;Die politischen Br\u00fcche, die wenige Jahre sp\u00e4ter zum Krieg f\u00fchren, sind bereits klar erkennbar.&#8220;<\/p>\n<p>Nun hat Horv\u00e1th die ernste Thematik aber in eine klassische Verwechslungskom\u00f6die verpackt mit allen Ingredienzien des Genres: Die Tochter will heiraten, der Vater ist dagegen; Szamek und Mrschitzka besaufen sich, schlafen ein und sind kaum mehr in der Lage, die Grenze zu bewachen. Eine Kranke und ihre Krankenschwester sind in Wirklichkeit Rauschgiftschmuggler, der Ministerpr\u00e4sident h\u00e4lt Havlicek f\u00fcr seinen Amtskollegen, w\u00e4hrend Szamek den Ministerpr\u00e4sidenten mit einem der Schmuggler verwechselt. Das gibt Anlass f\u00fcr allerlei spa\u00dfige Pointen, wenn etwa der Ministerpr\u00e4sident Konstantin bittet, unbedingt sein Inkognito zu wahren, und der laut ausruft &#8222;K\u00f6nnen sich auf mich verlassen, Herr Ministerpr\u00e4sident!&#8220;<\/p>\n<p>Das siebenk\u00f6pfige Ensemble spielt mit Verve und Begeisterung. Nur rutscht dabei der Ernst des Themas ein wenig in den Hintergrund. Am Ende haben die Zuschauer:innen viel gelacht und fangen allenfalls auf dem Heimweg an, \u00fcber die angesprochenen Probleme nachzudenken. Das war wohl auch Horv\u00e1ths Absicht: kein politisches Theater, das die M\u00e4chtigen anklagt, sondern den einfachen Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Was freilich schon 1934, als die angesprochenen Probleme noch viel pr\u00e4senter waren, nicht ganz funktioniert hat: Das St\u00fcck wurde nur zweimal aufgef\u00fchrt und fand wenig Beachtung.<\/p>\n<p>&#8222;Hin und Her&#8220; so zu spielen, dass die Wucht der beginnenden Nazi-Zeit sp\u00fcrbar bleibt, und zugleich die Horv\u00e1thsche Leichtigkeit zu bewahren: Das ist eine Gratwanderung, die der tri-b\u00fchne nicht ganz gelingt. Im St\u00fcck l\u00f6sen sich alle Probleme am Ende ganz einfach: Zwei Paare werden verheiratet, alle Geldsorgen gel\u00f6st, und Havlicek darf in sein Geburtsland einreisen. Horv\u00e1th selbst hat das so erkl\u00e4rt: Das St\u00fcck &#8222;soll zeigen, wie leicht sich durch eine menschliche Geste unmenschliche Gesetze au\u00dfer Kraft setzen lassen&#8220;. Gemeint ist: Wenn alle \u2013 vom Ministerpr\u00e4sidenten bis zum einfachen Grenzposten \u2013 das Einzelschicksal, verk\u00f6rpert durch Havlicek, mit ein wenig mehr Empathie statt Regeltreue angehen w\u00fcrden, w\u00e4re alles ganz einfach. Diese utopische Pointe geht im Klamauk der Inszenierung allerdings ein wenig verloren.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck &#8222;Hin und Her&#8220; steht am heutigen Mittwoch, 7. Januar, und morgigen Donnerstag, 8. Januar wieder auf dem Programm. Beginn jeweils 19 Uhr. \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th setzt in seinem 1933 geschriebenen St\u00fcck &#8222;Hin und Her&#8220; die Situation der Staatenlosen sinnbildlich in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":698899,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,161456,161455,1441,161454],"class_list":{"0":"post-698898","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-horvath","13":"tag-oedoen","14":"tag-stuttgart","15":"tag-theater-tri-buehne"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115851103010609217","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=698898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698898\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/698899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=698898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=698898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=698898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}