{"id":699457,"date":"2026-01-07T06:41:10","date_gmt":"2026-01-07T06:41:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699457\/"},"modified":"2026-01-07T06:41:10","modified_gmt":"2026-01-07T06:41:10","slug":"i-feel-love-so-wild-und-frei-dachte-muenchens-disco-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699457\/","title":{"rendered":"&#8222;I feel love&#8220;: So wild und frei dachte M\u00fcnchens Disco-Generation"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ja, auch &#8218;I Feel Love&#8216; ist dabei. Was man ja nicht vergessen darf: Dieses &#8218;I Feel Love&#8216; ist irgendwie der Ursprung von Techno und von diesem ganzen Zeug, das war wirklich ein gro\u00dfer Wave, jeder kennt den Song und er funktioniert immer noch. Das ist ein sehr, sehr kristallines St\u00fcck&#8220;, so der M\u00fcnchner Choreograph Micha Purucker \u00fcber Donna Sommers Disco-Hit vom Mai 1977: &#8222;Sie singt wunderbar. Nat\u00fcrlich haben wir das in unserem Tanzabend.&#8220;<\/p>\n<p>Wie viele Menschen seiner Generation hat Micha Purucker Heimweh, Heimweh nach der Disco-\u00c4ra in M\u00fcnchen, also den 1970er Jahren. Damals, so der 67-j\u00e4hrige Choreograph, war die bayerische Landeshauptstadt noch von Zuversicht gepr\u00e4gt, von Aufbruchsstimmung und Optimismus: &#8222;Dieses Klima, das damals in der Stadt geherrscht hat, Mitte der 70er Jahre und in den fr\u00fchen 80er Jahren, das war schon eine gro\u00dfe Offenheit, und es betraf nicht nur die Musik, wo M\u00fcnchen vorne dran war und f\u00fcr einen Moment in der Stadtgeschichte in der Musik so wichtig war wie New York oder San Francisco.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;M\u00fcnchen war damals nicht die Malocherstadt&#8220;<\/p>\n<p>Auch geistesgeschichtlich sei M\u00fcnchen damals &#8222;einfach zugewandt und positiv&#8220; gewesen: &#8222;In dieser Stadt wurde ausprobiert, was anders war als im Rest der Republik.&#8220; Genug Grund, dieser damaligen Stimmung zwischen Ausgelassenheit und kritischen Fragen an die Gesellschaft mit einem Tanzabend nachzusp\u00fcren. Micha Purucker will seine Zuschauer in eine &#8222;habermas disco&#8220; einladen, benannt also nach dem bekanntesten deutschen Philosophen J\u00fcrgen Habermas. <\/p>\n<p>Der Denker glaubt an einen herrschaftsfreien Diskurs, also daran, dass die Gesellschaft vorankommt, wenn sich alle ihre Mitglieder m\u00f6glichst demokratisch, frei und gleichberechtigt austauschen. Eine Idee, die ziemlich aus der Mode gekommen zu sein scheint, nicht nur in M\u00fcnchen, so Micha Purucker: &#8222;Es war damals nicht die Malocherstadt, sondern man hat es sich gut gehen lassen und man hat irgendwie die BRD durchgel\u00fcftet. Das hat mit Olympia 1972 angefangen und hatte dann noch l\u00e4ngere Wellen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Leute m\u00fcssen sich schlau machen&#8220;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas legte seine wegweisenden Gedanken vor, als M\u00fcnchen mit der Disco-Musik von Giorgio Moroder weltweit buchst\u00e4blich tonangebend war. Donna Summer begeisterte die Clubs. Ihre Songs sind immer noch mitrei\u00dfend. Aber gilt das auch f\u00fcr die Philosophie von J\u00fcrgen Habermas? Micha Purucker ist skeptisch: &#8222;Was nat\u00fcrlich auch eine Kritik an Habermas war oder ist: dass man sich diesen herrschaftsfreien Diskurs halt auch erst mal leisten k\u00f6nnen muss. Also, dass er von einer Grundvoraussetzung ausgeht, die einfach nicht f\u00fcr alle Leute gegeben ist. Dazu geh\u00f6rt entsprechender Zugang zu Bildung, Informationsm\u00f6glichkeiten. Die Leute m\u00fcssen sich schlau machen, bevor sie diskutieren, was denn \u00fcberhaupt der Sachverhalt ist.&#8220;<\/p>\n<p>Im Kulturzentrum &#8222;Schwere Reiter&#8220; in M\u00fcnchen wird Micha Purucker jeweils 80 Zuschauer zur &#8222;habermas disco&#8220; einladen, wo die Zuversicht der 1970er Jahre, aber auch die sp\u00e4tere Entt\u00e4uschung t\u00e4nzerisch dargestellt werden soll. So bleiben von den Portr\u00e4ts gro\u00dfer Denker am Ende nur noch Spiegel, in denen sich eitle Menschen von heute selbst bewundern k\u00f6nnen. Hat der Narzissmus etwa den Glauben an die Demokratie abgel\u00f6st?<\/p>\n<p>&#8222;Da g\u00e4hnt mich was an&#8220;<\/p>\n<p>Micha Purucker: &#8222;Ich kann nur feststellen, wie es mir im Moment geht. Und es ist nicht Sehnsucht nach irgendetwas, was war, sondern Ratlosigkeit \u00fcber die Situation, in der wir heute sind. Da g\u00e4hnt mich was an, wo ich nicht wei\u00df, vor, zur\u00fcck oder sonst was. Wenn ich sentimental w\u00e4re, m\u00f6chte ich ja wenigstens zur\u00fcck. Es geht irgendwie allen, die ein bisschen \u00e4lter sind, so, dass sie ratlos sind im Moment.&#8220;<\/p>\n<p>Die Disco-Generation ist in die Jahre gekommen und vielleicht schon deshalb pessimistischer geworden. Dass j\u00fcngere Menschen mit dem Denken des inzwischen 96-j\u00e4hrigen J\u00fcrgen Habermas wenig anfangen k\u00f6nnen, muss auch nicht unbedingt ein Grund f\u00fcr Bitterkeit sein. Aber an Optimismus mangelt es in der heutigen Welt wohl tats\u00e4chlich ganz entschieden. Mit Tanz und ohne erst recht.<\/p>\n<p>&#8222;habermas disco&#8220;, in der Schweren Reiter in M\u00fcnchen, 9., 10. und 11. Januar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Ja, auch &#8218;I Feel Love&#8216; ist dabei. 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