{"id":699637,"date":"2026-01-07T08:29:16","date_gmt":"2026-01-07T08:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699637\/"},"modified":"2026-01-07T08:29:16","modified_gmt":"2026-01-07T08:29:16","slug":"venezuela-hat-mehr-erdoel-als-saudi-arabien-und-ist-seit-mehr-als-acht-jahren-pleite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699637\/","title":{"rendered":"Venezuela hat mehr Erd\u00f6l als Saudi-Arabien \u2013 und ist seit mehr als acht Jahren pleite"},"content":{"rendered":"<p><a data-rtr-index=\"10\" title=\"Venezuela\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/venezuela\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Venezuela<\/a> lebt in einem Widerspruch. Das Land ist zahlungsunf\u00e4hig, internationale Anleihen werden seit dem Jahr 2017 nicht mehr bedient. Die Bev\u00f6lkerung ist verarmt. In der Hauptstadt Caracas wird im Durchschnitt alle drei Stunden ein Mensch umgebracht \u2013 was der Stadt einst den unr\u00fchmlichen Titel \u201eT\u00f6dlichste Stadt der Welt\u201c einbrachte. Rund acht Millionen Venezolaner sind aus ihrem Land gefl\u00fcchtet, rund 30 Millionen sind noch da. Damit ist knapp ein Viertel der Bev\u00f6lkerung gefl\u00fcchtet. Dabei k\u00f6nnte das Land im Geld schwimmen, denn es sitzt auf einem gigantischen Rohstoffschatz. Laut der internationalen Energieagentur IEA lagern in den B\u00f6den mehr als 300 Milliarden Barrel (zu 159 Liter) Erd\u00f6l. Zum Vergleich: In Saudi-Arabien, der Nummer zwei, sind es 265 Milliarden Barrel. Doch bei der F\u00f6rderung dreht sich das Bild: Saudi-Arabien f\u00f6rdert am Tag \u2013 abh\u00e4ngig von OPEC+-Beschl\u00fcssen, F\u00f6rderk\u00fcrzungen und Kapazit\u00e4tsschwankungen \u2013 zwischen neun und 14 Millionen Barrel am Tag. In Venezuela sind es dagegen lediglich rund eine Millionen Barrel am Tag.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein Grund daf\u00fcr ist das <a data-rtr-index=\"38\" title=\"Erd\u00f6l\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/erdoel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erd\u00f6l<\/a> selbst. Denn Erd\u00f6l ist nicht gleich Erd\u00f6l. Es ist ein uralter fossiler Rohstoff, der zum Teil aus organischem Material entstand, das schon vor der Zeit der Dinosaurier abgelagert wurde. Die organische Grundmasse des Erd\u00f6ls besteht aus Plankton und anderen Kleinstlebewesen, die sich in sauerstoffarmen Zonen auf dem Boden von Meeren und Seen sammelten. Mangels Sauerstoff kann es nicht verwesen. So entsteht Faulschlamm, der sich mit Sand und Ton mischt. \u00dcber die Jahrmillionen sammeln sich immer neue Sedimentschichten \u00fcber dieser Masse, die den Druck und die Temperatur auf bis zu 150 Grad erh\u00f6ht. Dadurch spalten sich die organischen Molek\u00fcle auf, es entstehen fl\u00fcssige Kohlenwasserstoffe. Da Erd\u00f6l leichter als Wasser ist, wandert es durch por\u00f6se Gesteinsschichten nach oben, bis es auf eine undurchl\u00e4ssige Schicht trifft.<\/p>\n<p>\u00d6l lagert in geringer Tiefe<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In Venezuela lagert das \u00d6l nur etwa 1000 Meter unter der Erdoberfl\u00e4che. Andere Erd\u00f6lfelder in Saudi-Arabien, den Vereinigten Staaten und der Nordsee liegen bis zu 3000 Meter tief. Das erkl\u00e4rt, warum das Erd\u00f6l in Venezuela entdeckt wurde: Es ist in dieser Tiefe schlicht leichter zu finden. Doch die geringe Tiefe hat einen gro\u00dfen Nachteil: Hier sprudelt keine \u00d6lquelle, es ist ein z\u00e4her, an Teer oder Melasse erinnernder Rohstoff, der gef\u00f6rdert wird. Bei der F\u00f6rderung muss dieses \u00d6l kontinuierlich mechanisch getrieben, verd\u00fcnnt und aufbereitet werden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das hat zwei Ursachen. In Venezuela liegt das Erd\u00f6l unter dem Orinoco\u2011Becken. Die Temperaturen sind hier niedriger geblieben. Dadurch werden die gro\u00dfen Molek\u00fcle nicht gespalten. Dazu kommt: Der Orinoco ist einer der wasserreichsten Fl\u00fcsse der Welt. Die Sedimentschichten dort bestehen aus einer Menge an Erosionsmaterial, welches direkt aus den Anden durch einen gewaltigen Strom dorthin gesp\u00fclt wurde. Viele Sedimente bedeuten jedoch auch einen hohen Wasseranteil. Dadurch bleiben Bakterien lange Zeit im Reservoir aktiv. Das Erd\u00f6l ist dann quasi verwittert. Die Mikroorganismen haben gro\u00dfe Teile der leichteren Kohlenwasserstoffe abgebaut. \u00dcbrig bleibt ein extrem z\u00e4hes Erd\u00f6l aus der Kategorie Schwer\u2011 und Extrahochschwer\u00f6l.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das macht die Weiterverarbeitung extrem kompliziert. Und trotzdem war Venezuela von 1950 bis in die Siebzigerjahre hinein einer der gr\u00f6\u00dften Erd\u00f6lf\u00f6rderer. Der \u00d6lkonzern Petr\u00f3leos de Venezuela (<a data-rtr-index=\"34\" title=\"PDVSA\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/pdvsa\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDVSA<\/a>) wurde 1976 im Zuge einer Verstaatlichungswelle der Erd\u00f6lindustrie des Landes gegr\u00fcndet. Noch zur Jahrtausendwende galt PDVSA als einer der effizientesten und finanzst\u00e4rksten Konzerne der Welt. Doch der verstorbene Staatspr\u00e4sident Hugo Ch\u00e1vez, der im Jahr 2002 die Macht \u00fcbernahm, benutzte den Konzern als politisches und propagandistisches Werkzeug und melkte den \u00d6lkonzern des Landes anschlie\u00dfend. \u201eDas Maduro-Regime und Hugo Ch\u00e1vez haben die venezolanische \u00d6lindustrie im Grunde genommen gepl\u00fcndert\u201c, sagt dazu Phil Flynn, Analyst der Price Futures Group, dem Fernsehsender CNN.<\/p>\n<p>\u00d6l wird fast unverarbeitet weiterverkauft<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Zehntausende qualifizierte Arbeiter verlie\u00dfen seitdem das Land, sie wurden durch parteinahe Leute in der F\u00fchrung ersetzt. Ebenso tun sich ausl\u00e4ndische Fachkr\u00e4fte schwer damit, in dem s\u00fcdamerikanischen Land zu leben und zu arbeiten. Dazu kommt, dass das Land seit dem Jahr 2017 de facto zahlungsunf\u00e4hig ist und kaum noch an Geld kommt, um die Infrastruktur f\u00fcr die Erd\u00f6lf\u00f6rderung zu erhalten, geschweige denn auszubauen. Ein Beispiel: PDVSA gibt selbst an, dass seine Pipelines seit 50 Jahren nicht mehr modernisiert wurden. Allein die \u00dcberholung der Infrastruktur w\u00fcrde 60 Milliarden Dollar kosten. Es fehlt also sowohl an Fachwissen als auch an Geld.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das \u00d6l wird oftmals fast unverarbeitet weiterverkauft. 800.000 bis 900.000 Barrel werden exportiert. Venezuela konkurriert dabei im Preiskampf mit anderen sanktionierten Staaten wie Russland und Iran. Der gr\u00f6\u00dfte K\u00e4ufer f\u00fcr solches Erd\u00f6l, China, bekommt daher Rabatte einger\u00e4umt. W\u00e4hrend \u00d6l der Nordseesorte Brent etwa 60 Dollar \u00adkostet, kann Venezuela nur 40 Dollar verlangen \u2013 ein Abschlag von einem Drittel.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Deswegen ist der Rohstoffschatz zun\u00e4chst einmal theoretischer Natur. Doch wie schnell k\u00f6nnen sich Gewinne daraus realisieren? Bob McNally von der Beratungsfirma Rapidan Energy Group meint, dass Venezuela eine gro\u00dfe Rolle spielen kann \u2013 \u201eaber nicht in den n\u00e4chsten f\u00fcnf bis zehn Jahren\u201c. Das amerikanische Energieministerium schreibt dazu, dass die F\u00f6rderung des Erd\u00f6ls zwar teuer, aber technisch nicht besonders anspruchsvoll sei. Anders sieht es dann bei der Verarbeitung aus. Denn das schwere venezolanische \u00d6l kann nur unter gro\u00dfem Aufwand in Benzin und andere Produkte verarbeitet werden. Kurzfristig wird da nicht viel m\u00f6glich sein, ein langer Atem ist vonn\u00f6ten. Hier k\u00f6nnten die USA wieder ins Spiel kommen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es gibt im Prinzip zwei M\u00f6glichkeiten, das schwere venezolanische \u00d6l marktf\u00e4hig zu machen. Indem ihm Destillate beigef\u00fcgt werden, wird es fl\u00fcssiger. Fr\u00fcher produzierte Venezuela diese Destillate selbst, doch heute muss es sie importieren. Grund daf\u00fcr ist, dass <a data-rtr-index=\"22\" title=\"Hugo Ch\u00e1vez\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/hugo-ch\u00e1vez\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ch\u00e1vez<\/a> die ausl\u00e4ndischen \u00d6lkonzerne einst enteignen lies. Eine andere M\u00f6glichkeit ist es, das Roh\u00f6l in L\u00e4nder zu exportieren, die leichteres Roh\u00f6l produzieren. Dort wird es dann vor dem Raffinieren vermischt. Bislang war oftmals Iran das Ziel der Erd\u00f6ltanker. Doch in den Vereinigten Staaten befinden sich auch viele Raffinerien, die eben lange Zeit auf venezolanisches \u00d6l spezialisiert waren, eben bis die Sanktionen gegen das Regime immer h\u00e4rter wurden \u2013 angefangen bei Barack Obama, fortgef\u00fchrt von Donald Trump. Lockerten sich die Sanktionen, k\u00f6nnten die Raffinerien auch wieder mehr Erd\u00f6l verarbeiten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dazu kommt: Die Vereinigten Staaten k\u00f6nnten das \u00d6l trotz ihrer hohen F\u00f6rderung auch gut selbst gebrauchen. Zwar l\u00e4sst sich die schwefelarme leichte texanische Erd\u00f6lsorte leicht zu Benzin verarbeiten. Allerdings braucht es f\u00fcr andere Petroleumprodukte wie Asphalt, Motoren\u00f6l oder Diesel Importe von schwerem Erd\u00f6l. Trotz der t\u00e4glichen F\u00f6rderung von 13 Millionen Barrel \u00d6l in den Vereinigten Staaten muss das Land t\u00e4glich bis zu drei Millionen Barrel Schwer\u00f6l importieren und mit den heimischen Schiefer\u00f6len mischen, um optimale Raffinerieertr\u00e4ge zu erzielen. Bislang geschieht das mit einem Teil der mexikanischen Sorte Maya und den kanadischen Teersand\u00f6len. Doch ein Teil kommt schon heute aus Venezuela, rund 220.000 Barrel.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dieses kommt von Chevron , da das Unternehmen noch im Land aktiv ist und von den Sanktionen ausgenommen ist. Gro\u00dfes Interesse d\u00fcrfte aber auch Conoco-Phillips haben. Der Konzern war vor zwanzig Jahren von einer Verstaatlichung betroffen und hat noch Anspr\u00fcche von zehn Milliarden Dollar. Daneben sind auch noch die europ\u00e4ischen Konzerne Repsol (Spanien), Eni (Italien) sowie Maurel &amp; Prom (Frankreich) aktiv. Doch gerade die europ\u00e4ischen Konzerne sind erst seit Kurzem wieder in dem Land. Hohe Investitionen werden sich f\u00fcr sie erst mittelfristig rechnen. Die Lizenzen, die die Konzerne aktuell haben, werden aber unterhalb ihrer Kapazit\u00e4t betrieben \u2013 und k\u00f6nnten bei den entsprechenden Rahmenbedingungen angepasst werden.<\/p>\n<p>Unterschiedliche \u00d6lf\u00f6rderkosten<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Denn das Gesch\u00e4ft ist lohnenswert. Eine Fachzeitschrift sch\u00e4tzte die \u00d6lf\u00f6rderkosten zuletzt auf 20 Dollar je Barrel. Das kann zwar nicht mit den gesch\u00e4tzten drei Dollar je Barrel konkurrieren, die Saudi-Arabien aufwenden muss. Doch das Fracking von Schiefer\u00f6l kostet 30 bis 50, der Abbau von \u00d6lsand sogar 85 Dollar je Barrel, ist also viel teurer als das venezolanische Roh\u00f6l. Beim schweren venezolanischen Roh\u00f6l soll die Gewinnmarge \u2013 selbst nach Lizenzgeb\u00fchren, Steuern und Gewinnbeteiligungen \u2013 28 Prozent nach Steuern be\u00adtragen. Das ist deutlich mehr als die gesch\u00e4tzten 18 Prozent, die transnationale Energiekonzerne sonst im Schnitt er\u00adzielen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Allianz Global Investors schreibt, dass der m\u00f6gliche Regimewechsel das \u00d6langebot erh\u00f6hen und den Wettbewerb sch\u00e4rfen kann. Doch das wird nicht schnell gehen. Das Beratungsunternehmen sch\u00e4tzt, dass es mindestens ein bis zwei Jahre dauern k\u00f6nnte, um mit Investitionen die Produktion auf bis zu zwei Millionen Barrel je Tag zu steigern. Danach w\u00e4ren Investitionen von 15 bis 20 Milliarden Dollar vonn\u00f6ten, um die Produktion um weitere 500.000 Barrel zu erh\u00f6hen. Doch ob sich diese Investitionen tats\u00e4chlich rechnen werden, wird auch am \u00d6lpreis in den kommenden Jahren liegen. Aktuell herrscht am Markt ein globales \u00dcberangebot, was sich in vergleichsweise niedrigen Preisen ausdr\u00fcckt. Amerikanische \u00d6lmanager sagen, dass sie bei Preisen von 60 Dollar nichts oder sehr wenig verdienen und daher auch nicht investieren. Allerdings gehen viele Fachleute davon aus, dass es in den kommenden Jahren zu einer Angebotsverknappung kommen wird, verbunden mit Preiserh\u00f6hungen. Dann k\u00f6nnte sich der lange Atem auszahlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Venezuela lebt in einem Widerspruch. 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