{"id":699761,"date":"2026-01-07T09:39:16","date_gmt":"2026-01-07T09:39:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699761\/"},"modified":"2026-01-07T09:39:16","modified_gmt":"2026-01-07T09:39:16","slug":"valkenburg-de-rooij-ausstellung-utrecht-schoenheit-mit-moralischem-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/699761\/","title":{"rendered":"Valkenburg-de-Rooij-Ausstellung Utrecht: Sch\u00f6nheit mit moralischem Abgrund"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Wie w\u00fchlt der kleine gr\u00fcne Papagei auf dem elegant ausgestreckten Zeigefinger auf dem Portr\u00e4t der Amsterdamer Kaufmannsgemahlin Sara Munter in unserem Ged\u00e4chtnis? Das Nachleben der Bilder ist ein Denkmodell von Aby Warburg. Der Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman griff es vor einigen Jahren wieder auf und popularisierte es. Die Bilder sprechen zu uns, so Didi-Huberman, rufen wach, wo auch wir uns als Be\u00adtrach\u00adte\u00adr:in\u00adnen befinden. Und so k\u00f6nnte zuweilen die Malerei des Dirk Valkenburg (1675\u20131721) in unsere Gegenwart wirken.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das zumindest m\u00f6chte die Ausstellung im Centraal Museum Utrecht, <a href=\"https:\/\/www.centraalmuseum.nl\/nl\/nu-te-zien\/tentoonstellingen\/valkenburg-willem-de-rooij\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"noopener\">die erstmals allein dem Amsterdamer K\u00fcnstler gewidmet ist<\/a>. Valkenburg ist nicht sehr bekannt. Aber er dokumentiert die Sp\u00e4tphase des <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kolonialismus-Debatte-in-den-Niederlanden\/!5693265\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sogenannten Goldenen Zeitalters der Niederlande<\/a>, als diese eine weltumspannenden See- und Handelsmacht waren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Auf seinen Leinw\u00e4nden hielt Valkenburg die Elite von Amsterdam fest: die reichen Kaufmannsfamilien und die Verwalter, etwa der Westindien-Kompanie. Die hatte ein Monopol f\u00fcr den Handel in Westafrika und Amerika \u2013 und damit auch auf die Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Valkenburg \u00fcberliefert so Ansichten eines Milieus, in dem Bildung und Aufkl\u00e4rung, Kolonialismus und Ausbeutung gleicherma\u00dfen eine schillernde und sch\u00f6ne Bildwelt erzeugten. Dazu geh\u00f6rt der kleine gr\u00fcne Papagei auf dem Portr\u00e4t Sara Munters. Es wurde 1717 anl\u00e4sslich ihrer Verm\u00e4hlung mit Jan Wolters angefertigt, dem sp\u00e4teren Direktor der Geoctroyeerde West-Indische Compagnie.<\/p>\n<p>      Kunst, die fesseln soll<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/8166285\/1200\/Valkenburg---Jachtstilleven.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Valkenburg---Jachtstilleven.jpeg\" alt=\"Stillleben mit erlegten Hasen und Rebhuhn, sch\u00f6n arrangiert\" title=\"Stillleben mit erlegten Hasen und Rebhuhn, sch\u00f6n arrangiert\" height=\"543\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Dramatische Diagonale: Auf jedem der vier Jagdstillleben baumelt ein erlegter Hase an einem Bein<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nCollectie Centraal Museum, Utrecht<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Der direkt aus dem Gem\u00e4lde schauende Vogel muss nach einem echten Vorbild gemalt worden sein, von den s\u00fcdamerikanischen Kolonien gekommen, wie so viele Tiere und Pflanzen in den privaten G\u00e4rten und Menagerien der Handelsstadt. Valkenburg arbeitete auch sie in seine Gem\u00e4lde ein: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Spendabler-Verleger\/!5443197\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Palmenbl\u00e4tter und flauschige Federn auf dem goldenem Jackenstoff<\/a> des portr\u00e4tierten Jan Wolters, die gekr\u00fcmmte rote Frucht einer Cashewnuss in einem Stillleben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Valkenburg zeigt die Natur von \u00dcbersee eingehegt, bezwungen und besessen \u2013 durch den europ\u00e4ischen Mann und f\u00fcr ihn. Seine Malerei ist anziehend, mit ihren roten, dunklen Grundt\u00f6nen, den dramatischen Bildkompositionen, den lieblich blassen Gesichtern unter barocken Per\u00fccken und unscheinbaren Details am Rand.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Man m\u00fcsse die \u201eAugen der Menschen auf so s\u00fc\u00dfe Weise fesseln, dass \u2026 ihr Geist davon gefangen genommen wird\u201c, hatte der fl\u00e4mische Maler Karel van Mander 1604 in seiner kunsttheoretischen Abhandlung \u201eSchilder-boek\u201c geschrieben. Valkenburg scheint diesen damals sehr popul\u00e4ren Anweisungen gefolgt zu sein.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Man meint, sich in den blanken prallen Br\u00fcsten, schwangeren B\u00e4uchen und muskul\u00f6sen Pos spiegeln zu k\u00f6nnen. Es wird an Genitalien gegriffen, innig gek\u00fcsst. Alles hier ist sexuell aufgeladen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">Wie das Sch\u00f6ne von Valkenburgs Bildern zugleich koloniale Abgr\u00fcnde freilegt, interessiert Gegenwartsk\u00fcnstler Willem de Rooij. Die Valkenburg-Retrospektive in Utrecht ist zugleich seine Ausstellung. Schon lange besch\u00e4ftigt sich de Rooij, Jahrgang 1969 und <a href=\"https:\/\/staedelschule.de\/d\/information\/teachers\/willem-de-rooij\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"noopener\">Professor an der Frankfurter St\u00e4delschule,<\/a> mit dem Genre des niederl\u00e4ndischen Stilllebens und damit, wie es auch den europ\u00e4ischen Kolonialismus bis heute weitertr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Im Centraal Museum setzt er Valkenburgs Kunst in neue Zusammenh\u00e4nge. Man kann tats\u00e4chlich von einer Montage sprechen: Die Konstruktion der Ausstellungsw\u00e4nde aus Gipsplatten und Blechtr\u00e4gern ist sichtbar. Valkenburgs Bilder lie\u00df de Rooij darauf in konzentrierten Gruppen h\u00e4ngen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"11\">Eindringlich ist diejenige mit vier Jagdstillleben. Wie von einer Schablone gefertigt, baumelt auf jedem ein erlegter Hase an einem Bein. Er zieht damit eine dramatische Diagonale durchs Gem\u00e4lde, die Augen des Tiers gl\u00e4nzen, als h\u00e4tte es eben noch geblinzelt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Manches Wandpaneel von de Rooij steht seltsam quer im Raum, als Hindernis. Der Blick kann nicht einfach an ihm abgleiten. Wie andere f\u00fcr ihr eigenes \u0152uvre hinterfragt Rooij als Konzeptk\u00fcnstler mit der Valkenburg-Schau das herk\u00f6mmliche Blickregime klassischer Kunstausstellungen.<\/p>\n<p>      Politik der Benennungen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Und lenkt dabei selbst den Blick. Alles l\u00e4uft bei einem zentralen Bild zusammen. Ganz klein ist es, nur 58 mal 46 Zentimeter. Gemalt hat es Valkenburg zwischen 1706 und 1708, als er sich im Auftrag des Plantagenbesitzers Jan Witsen in der Kolonie Suriname aufhielt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Es ist zu einer Art Ikone postkolonialer Bildkritik geworden. Seine Benennungen im Laufe der Zeit spiegeln wider, wie unsere Gesellschaft den Kolonialismus thematisiert: Noch 1951 hie\u00df es \u201eNegro Merrymaking in Suriname\u201c, sp\u00e4ter \u201eRitual Slave Party on a Sugar Plantation in Suriname\u201c. In Utrecht wird es jetzt mit \u201eGathering of Enslaved People on One of Jonas Witsen\u2019s Plantations in Suriname\u201c betitelt, \u201eVersammlung versklavter Menschen von Jonas Witsens Plantage\u201c, um auch sprachlich die dargestellten Personen als Subjekte zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\"><strong>Willem de Rooij:<\/strong> \u201eValkenburg\u201c. Centraal Museum Utrecht. Bis 25. Januar. Ein Katalog ist in Vorbereitung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\"><strong>Die Recherchen<\/strong> wurden vom Centraal Museum Utrecht unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"16\">Das Bild hat, ganz im Sinne van Manders wirklich etwas \u201eFesselndes\u201c: Am Ufer eines tropischen Flusses versammeln sich Schwarze Menschen, Versklavte einer Zuckerplantage, um einen Trommelspieler. Valkenburg widmete ihrer Haut viel Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"17\">Sie changiert von Dunkel- \u00fcber Rot- bis Hellbraun und gl\u00e4nzt an jeder K\u00f6rperw\u00f6lbung in k\u00fchlem Licht. Man meint, sich in den blanken prallen Br\u00fcsten, schwangeren B\u00e4uchen und muskul\u00f6sen Pos spiegeln zu k\u00f6nnen. Es wird an Genitalien gegriffen, innig gek\u00fcsst. Alles hier ist sexuell aufgeladen.<\/p>\n<p>      Lebendig verbrannt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"19\">Vielleicht sind unter den Dargestellten auch Mingo oder Wally und Baratham. Die drei Br\u00fcder hatten im Juni 1707 eine Rebellion gegen den Direktor der Zuckerplantage angeleitet. Die ist gut dokumentiert. Valkenburg agierte hier als Zeuge. Die Rebellenanf\u00fchrer wurden zur Strafe lebendig verbrannt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"20\">\u00dcber Interpretationen dieses Bilds wird gestritten. Kunsthistoriker Charles Ford sieht darin versklavte Menschen als Besitz und Rohstoff dargestellt wie \u201eVieh mit reproduktiver Effizienz\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"21\">Katalog-Autorin Rebecca Parker Brienen wertet die \u00fcber\u00e4sthetisierte Darstellung als Ausdruck der Faszination f\u00fcr Schwarze Menschen. Ambivalent bleibt es und auf erschreckende Weise anziehend. Willem de Rooij stellt die Aus\u00adstel\u00adlungs\u00adbe\u00adsu\u00adche\u00adr:in\u00adnen vor das Sch\u00f6ne \u2013 und vor einen moralischen Abgrund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie w\u00fchlt der kleine gr\u00fcne Papagei auf dem elegant ausgestreckten Zeigefinger auf dem Portr\u00e4t der Amsterdamer Kaufmannsgemahlin Sara&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":699762,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-699761","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115853155619883744","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/699761","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=699761"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/699761\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/699762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=699761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=699761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=699761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}