{"id":70,"date":"2025-03-31T03:27:15","date_gmt":"2025-03-31T03:27:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/70\/"},"modified":"2025-03-31T03:27:15","modified_gmt":"2025-03-31T03:27:15","slug":"gerd-poppe-ein-citoyen-in-einem-land-ohne-buergerrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/70\/","title":{"rendered":"Gerd Poppe: Ein Citoyen in einem Land ohne B\u00fcrgerrechte"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/gerd-poppe-ddr-menschenrechtler-gruene-nachruf\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen    <\/a><\/p>\n<p>                        Inhalt<\/p>\n<ol class=\"article-toc__list\">\n<li class=\"article-toc__list-item\">\n<p>Seite 1Ein Citoyen in einem Land ohne B\u00fcrgerrechte<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/gerd-poppe-ddr-menschenrechtler-gruene-nachruf\/seite-2\" data-ct-label=\"2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                    Seite 2Hauptfeinde<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/gerd-poppe-ddr-menschenrechtler-gruene-nachruf\/seite-3\" data-ct-label=\"3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                    Seite 3Freiheitsk\u00e4mpfer<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"paragraph article__item\">Um zu verstehen, wer Gerd Poppe war, muss man sich in Erinnerung rufen, dass die <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/ddr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DDR<\/a> eine SED-Diktatur war, in der nonkonformistische Haltungen verfolgt und unterdr\u00fcckt wurden. Es war schwierig, gar lebensgef\u00e4hrlich, in Opposition zur Diktatur zu stehen. &#8222;Poppoff&#8220;, wie ihn Freunde und Weggef\u00e4hrten nannten, lebte \u00fcber zwei Jahrzehnte konsequent gegen diese Anma\u00dfungen. Er lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern, und er nahm sich Rechte, die der SED-Staat verweigerte, als seien sie ihm gegeben. Gerd Poppe war ein B\u00fcrger im Sinne eines Citoyens in einem Land, in dem B\u00fcrgerrechte nichts galten.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Am 29. M\u00e4rz, nur vier Tage nach seinem 84. Geburtstag, ist er verstorben. Gerd Poppe z\u00e4hlte zu den Vordenkern der Freiheitsrevolution 1989, zu den bekanntesten K\u00f6pfen von 1989\/90. Er war, wie der einstige Oppositionelle Stephan Bickhardt es einmal formulierte, das &#8222;geistige Oberhaupt der Opposition&#8220;. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Poppe kam aus Rostock, Jahrgang 1941. Von seinem Elternhaus, sein Vater war Ingenieur, seine Mutter Sekret\u00e4rin, ist er politisch nicht, so erz\u00e4hlte er es, gepr\u00e4gt worden. 1964 schloss er ein Physikstudium und arbeitete bis 1976 im Halbleiterwerk in Stahnsdorf, einem Ort am Rande von Berlin. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2025-03\/13\/opposition-und-widerstand-bausoldaten-in-der-ddr\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1975 ging Poppe sechs Monate zu den Bausoldaten der Nationalen Volksarmee<\/a>, weil er den Dienst an der Waffe verweigerte.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">W\u00e4hrend des Prager Fr\u00fchlings 1968 protestierte Poppe in der \u010cSSR-Botschaft in Ost-Berlin mit einer Erkl\u00e4rung gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Die Staatssicherheit teilte das seiner Arbeitsstelle einige Tage sp\u00e4ter mit. Gerd Poppe hatte sich politisiert und war seitdem von der Stasi systematisch beobachtet und bearbeitet worden.\n<\/p>\n<p>        Faktisches Berufsverbot        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Nach der Ausb\u00fcrgerung <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2024-08\/wolf-biermann-ostdeutschland-sahra-wagenknecht-afd-interview\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolf Biermanns<\/a> im November 1976 richtete er ein Protestschreiben an Erich Honecker, weswegen ihm eine fest zugesicherte Anstellung an der Akademie der Wissenschaften weggenommen wurde. Er bekam ein faktisches Berufsverbot. Anfang der Siebzigerjahre hatte Gerd Poppe Biermann, Robert Havemann und Rudi Dutschke pers\u00f6nlich kennengelernt. Solche Begegnungen und Freundschaften in der geschlossenen Gesellschaft waren politisch pr\u00e4gend.\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                    Newsletter<\/p>\n<p>                    Nat\u00fcrlich intelligent<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">K\u00fcnstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie unserer Zeit. Aber auch ein riesiger Hype. Wie man echte Durchbr\u00fcche von hohlen Versprechungen unterscheidet, lesen Sie in unserem KI-Newsletter.<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__datapolicy\" hidden=\"\">\n            Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die <a href=\"https:\/\/datenschutz.zeit.de\/zon#Newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a><br \/>\n     zur Kenntnis.\n        <\/p>\n<p>    Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Biermann-Ausb\u00fcrgerung und die Verhaftung Rudolf Bahros 1977, nachdem dieser sein Buch Die Alternative im Westen herausgebracht hatte, verfestigten bei Poppe die Auffassung, dass politisches Engagement in der DDR nur au\u00dferhalb der bestehenden offiziellen Institutionen und Strukturen sinnvoll sei. Er empfand die Herstellung einer oppositionellen Gegen\u00f6ffentlichkeit als dringend notwendig.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Poppe war deshalb von langj\u00e4hrigen psychologischen Zersetzungsma\u00dfnahmen der Stasi, h\u00e4ufigen Zuf\u00fchrungen, also Freiheitsentz\u00fcgen, und Ordnungsstrafen betroffen. Das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit z\u00e4hlte Poppe zum harten Kern der unvers\u00f6hnlichen Feinde des SED-Systems. \u00dcber ihn gibt es mit die meisten Stasi-Unterlagen, die die Geheimpolizei \u00fcber einen Oppositionellen anlegte.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In der Wohnung von Gerd und Ulrike Poppe fanden zwischen 1980 und 1983 regelm\u00e4\u00dfig Lesungen kritischer und teils verbotener Autoren statt. Elke Erb, Gert Neumann, Adolf Endler oder Wolfgang Hilbig lasen aus unver\u00f6ffentlichten Texten vor. Die Wohnung im Prenzlauer Berg war nicht nur Anlaufpunkt f\u00fcr Unangepasste aus der DDR. Aus vielen L\u00e4ndern der Welt kamen Menschen, um die Poppes und die Opposition aufzusuchen. Auch Gr\u00fcnen-Politikerinnen, darunter Petra Kelly, Lukas Beckmann, Elisabeth Weber, Wilhelm Knabe oder Uli Fischer, um nur einige wenige zu nennen. Die Stasi hat alles akribisch festgehalten. <\/p>\n<p>            Das Politische Feuilleton        <\/p>\n<p>Mehr aus der dem Ressort<\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/groenland-donald-trump-jd-vance-daenemark\" data-ct-label=\"Gr\u00f6nland: Gr\u00f6nland ist gar nicht so &quot;massive&quot;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Gr\u00f6nland:<br \/>\n                        Gr\u00f6nland ist gar nicht so &#8222;massive&#8220;<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/europa-usa-unabhaengigkeit-selbstbewusstsein\" data-ct-label=\"Europa und die USA: Danke, Amerika, es reicht jetzt!\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Europa und die USA:<br \/>\n                        Danke, Amerika, es reicht jetzt!<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/einberufung-armee-jugendliche-krieg-ukraine\" data-ct-label=\"Einberufung in die Armee : Ich habe keinen Krieg zu gewinnen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Einberufung in die Armee :<br \/>\n                        Ich habe keinen Krieg zu gewinnen<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ende der Siebzigerjahre begann er Kontakte nach Ostmitteleuropa aufzubauen, etwa zu Mitgliedern der tschechoslowakischen B\u00fcrgerrechtsbewegung Charta 77 oder zur ungarischen Opposition. 1980 bekam Poppe ein totales Reiseverbot, er konnte nicht einmal mehr nach Prag reisen.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Bis Mitte der Achtzigerjahre arbeitete Poppe als Maschinist in einer Ost-Berliner Schwimmhalle. Bis 1989 war er Mitarbeiter im Baub\u00fcro des Diakonischen Werkes Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Ulrike und einigen Freunden betrieb er auch einen Kinderladen im Prenzlauer Berg. Ein Versuch, die eigenen Kinder, Poppe hatte vier Kinder, der staatlichen Verf\u00fcgungsgewalt zu entziehen. Der Kinderladen bestand von Anfang 1981 bis zum 14. Dezember 1983, ehe er zerst\u00f6rt und verboten wurde.\n<\/p>\n<p>                        Auseinandersetzungen und Entscheidungen        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">1983, die unabh\u00e4ngige Friedensbewegung in Ost wie West hatte ihren Zenit \u00fcberschritten, r\u00fcckten Fragen der <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/menschenrechte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Menschenrechte<\/a> immer st\u00e4rker in den Mittelpunkt der Oppositionsarbeit. F\u00fcr Poppe war dies mit zwei wichtigen Entscheidungen verbunden: Einmal sollte diese Arbeit block\u00fcbergreifend geschehen, was dazu f\u00fchrte, dass nicht nur mit westdeutschen Oppositionsparteien und Nichtregierungsorganisationen gesprochen wurde, sondern ebenso mit an der Regierung beteiligten Parteien. Als Poppe 1987 an Gespr\u00e4chen mit CDU-Politikern oder auch mit US-Politikern teilnahm und er dies anschlie\u00dfend im Samisdat, also einer Untergrundzeitschrift, als &#8222;Grenzfall&#8220; verteidigte, kam es innerhalb der Oppositionsszene zu harschen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Vorw\u00fcrfen.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die starke linke Oppositionsstr\u00f6mung lehnte jeden Kontakt mit westlichen Regierungsvertretern ab. Poppe hingegen vertrat die Haltung, dass man intensiv und systematisch mit den Westmedien zusammenarbeiten m\u00fcsse, um \u00d6ffentlichkeit herzustellen. Auch das lehnte ein Teil der linken Opposition strikt ab \u2013 ohne dies selbst durchhalten zu k\u00f6nnen. In dieser Zeit fiel auch die Entscheidung, Opposition nicht unter dem sch\u00fctzenden Dach der Evangelischen Kirche zu betreiben, weil diese so zum &#8222;Ersatzfeind&#8220; werde: Statt Diskussionen \u00fcber den Zustand des SED-Staates und der Gesellschaft zu f\u00fchren, gab es immer mehr Diskussionen, in denen es um die Kl\u00e4rung des komplizierten Verh\u00e4ltnisses zwischen den oppositionellen Basisgruppen und den Kirchenleitungen ging.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Aus diesen Grunds\u00e4tzen und in Anlehnung an die tschechoslowakische Charta 77 bildete sich so Ende 1985, Anfang 1986 in Berlin die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), die wichtigste Oppositionsgruppe in der DDR in den Achtzigerjahren. Diese Gruppe, zu deren Mitbegr\u00fcndern neben Gerd und Ulrike Poppe auch Wolfgang Templin, Werner Fischer, B\u00e4rbel Bohley, Peter Grimm, Reinhard Wei\u00dfhuhn oder Ralf Hirsch geh\u00f6rten, trat am entschiedensten f\u00fcr Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in der DDR ein. Die Mitglieder diskutierten auch \u00fcber die L\u00f6sung der deutschen Frage im Rahmen eines gemeinsamen Hauses Europas. Das kam in der DDR einem Sakrileg gleich. Das Motto der IFM lautete: Wer keinen inneren Frieden biete, k\u00f6nne auch keinen \u00e4u\u00dferen Frieden garantieren. Ein massiver Angriff auf das Selbstverst\u00e4ndnis des SED-Staates.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1Ein Citoyen in einem Land ohne B\u00fcrgerrechte Seite 2Hauptfeinde Seite 3Freiheitsk\u00e4mpfer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":71,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[21,131,129,29,128,30,13,80,130,133,14,15,12,132,10,8,9,11],"class_list":{"0":"post-70","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-buendnis-90-die-gruenen","9":"tag-buergerrecht","10":"tag-ddr","11":"tag-deutschland","12":"tag-gerd-poppe","13":"tag-germany","14":"tag-headlines","15":"tag-kultur","16":"tag-menschenrechte","17":"tag-ministerium-fuer-staatssicherheit","18":"tag-nachrichten","19":"tag-news","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-sed","22":"tag-top-news","23":"tag-top-meldungen","24":"tag-topmeldungen","25":"tag-topnews"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/71"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}