{"id":700336,"date":"2026-01-07T15:04:21","date_gmt":"2026-01-07T15:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/700336\/"},"modified":"2026-01-07T15:04:21","modified_gmt":"2026-01-07T15:04:21","slug":"die-frick-collection-gilt-als-schoenstes-museum-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/700336\/","title":{"rendered":"Die Frick Collection gilt als sch\u00f6nstes Museum der Welt"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Links vom Kamin h\u00e4ngt Thomas Morus. Er blickt nach links, also vom Betrachter gesehen nach rechts. Rechts vom Kamin h\u00e4ngt Thomas Cromwell. Er blickt von uns aus gesehen nach links. Die beiden Minister Heinrichs VIII., der katholische Lordkanzler und der evangelische \u201eSekret\u00e4r\u201c oder Premierminister, \u201estarren auf ewige Zeiten aneinander vorbei\u201c. So hat der Historiker Sir Geoffrey Elton das Arrangement der beiden Gem\u00e4lde von Hans Holbein dem J\u00fcngeren in der Frick Collection beschrieben, dem Privatmuseum an der Fifth Avenue in <a data-rtr-index=\"40\" title=\"New York\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/new-york\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New York<\/a>.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Geoffrey Elton hie\u00df Gottfried Rudolf Ehrenberg, als er 1921 in T\u00fcbingen zur Welt kam. Sein Vater war der Althistoriker Victor Ehrenberg, der sich 1922 in Frankfurt habilitierte und 1929 Professor in Prag wurde. Im Fr\u00fchjahr 1939 konnte sich die Familie Ehrenberg nach England retten, wie evangelische Glaubensfl\u00fcchtlinge 400 Jahre zuvor. Victor Ehrenbergs S\u00f6hne \u00e4nderten ihren Namen; der \u00e4ltere wurde ber\u00fchmt als ein ganz besonderer englischer Historiker.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ebenso sachlich wie flei\u00dfig, lie\u00df Geoffrey Elton nur Tatsachen und Zahlen gelten, ein Mann nach dem Bilde jenes Thomas Cromwell, dem er seine Londoner Doktorarbeit und dann den gr\u00f6\u00dferen Teil seiner Lebensarbeit in Cambridge widmete. Der B\u00fcrokrat war nie ein Favorit der Nachwelt gewesen: Auf Befehl seines k\u00f6niglichen Chefs setzte Cromwell die englische Reformation ins Werk und Tausende von M\u00f6nchen und Nonnen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>\u201eSie m\u00fcssen betteln, Geld leihen, stehlen\u201c f\u00fcr dieses Gem\u00e4lde<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Henry Clay Frick kaufte Holbeins Portr\u00e4t von Morus im Januar 1912 bei einem Londoner Kunsth\u00e4ndler f\u00fcr 55.000 Pfund, umgerechnet 267.850 Dollar. Seine einsame Rivalin im M\u00e4nnersport der Altmeisterjagd, Isabella Stewart Gardner in Boston, hatte sich 1896 vergeblich um das Bild bem\u00fcht. Ihr Berater, der Kunsthistoriker Bernard Berenson, hatte ihr den Wert des Gem\u00e4ldes mit dem drastischen Gedankenspiel vor Augen gef\u00fchrt, dass f\u00fcr seinen Erwerb auch unmoralische Mittel erlaubt oder sogar geboten seien. \u201eSie m\u00fcssen betteln, Geld leihen, stehlen, alles unternehmen: Lassen Sie sich diese Gelegenheit nur nicht entgehen!\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Holbein, aus Augsburg geb\u00fcrtig, hatte sich 1520 in Basel selbst\u00e4ndig gemacht und verbrachte die Jahre 1526 bis 1528 in London, wo er im Haus von Morus in Chelsea lebte und seinen Gastgeber portr\u00e4tierte. Das Cromwell-Portr\u00e4t stellte Holbein wohl 1532 oder 1533 her, nachdem er von Basel nach London \u00fcbergesiedelt war, weil ihm die Ernennung zum Hofmaler winkte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">F\u00fcr seinen zweiten Holbein zahlte Frick im April 1915 sogar 60.000 Pfund. Allerdings bekam er von Hugh Lane, einem irischen Sammler, einen Tizian hinzu, das Portr\u00e4t eines unbekannten jungen Mannes in extravaganter Kleidung, mit roter M\u00fctze und Hermelinstola.<\/p>\n<p>Am 28. Juli 1540 wurde Thomas Cromwell vor dem Tower enthauptet<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Salon, dem zentralen Raum im Erdgeschoss des Hauses, das Frick zwischen der 70. und der 71. Stra\u00dfe f\u00fcr seine Bildersammlung bauen lie\u00df, h\u00e4ngt Tizians Dandy gegen\u00fcber von Cromwell, der ebenfalls einen Mantel mit breitem Pelzkragen tr\u00e4gt, braun und ohne wildes Muster. Misstrauen spricht aus seinen Z\u00fcgen: der Mund verschlossen von schmalen Lippen, die Augen wachsam, aber winzig neben der Nase, der naturgegebenen Alarmanlage eines Menschen, der jederzeit Witterung aufnehmen musste. Er wusste, dass er sich warm anzuziehen hatte. Am 28. Juli 1540 wurde Thomas Cromwell vor dem Tower von London wegen Hochverrats enthauptet, nachdem er f\u00fcnf Jahre zuvor Aufsicht gef\u00fchrt hatte, als an Thomas Morus am selben Ort dasselbe politische Schicksal vollstreckt wurde.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Am 4. Mai 1915 traf Holbeins Cromwell-Portr\u00e4t im Hafen von New York ein. Die \u201eNew York Times\u201c, das \u201eWall Street Journal\u201c und der \u201ePittsburgh Dispatch\u201c aus Fricks Heimatstadt brachten Artikel dar\u00fcber. Das Haus mit Blick auf den Central Park, in Zeitungsberichten beschrieben als \u201edas teuerste und pr\u00e4chtigste st\u00e4dtische Privathaus der Vereinigten Staaten\u201c, war erst im Herbst 1914 fertig geworden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Ansichten aus dem Museum, Atrium\" height=\"2400\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/ansichten-aus-dem-museum.webp.webp\" width=\"1920\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Ansichten aus dem Museum, AtriumBenedict Evans<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Fr\u00fchjahr 1915 gaben Henry Clay Frick und seine Gattin Adelaide die ersten Gesellschaften. Der Patron war zufrieden, weil das Haus in seinen Augen nicht zu pr\u00e4chtig geworden war. Am 1. Juni 1915 richtete er einen Dankesbrief an seinen Architekten Thomas Hastings: \u201eIch glaube, es ist ein gro\u00dfes Denkmal f\u00fcr Sie, aber nur deshalb, weil ich Sie von exzessiver Ornamentik abgehalten habe.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein jedenfalls nach Bauvolumen noch gr\u00f6\u00dferes Denkmal der Firma Carr\u00e8re and Hastings steht 30 Stra\u00dfen weiter s\u00fcdlich an der Fifth Avenue: die New York Public Library. Durch dieses \u00f6ffentliche Kulturbauvorhaben war der Bauplatz f\u00fcr Fricks Villa frei geworden. Vorher hatte an der Ecke von Fifth Avenue und 70. Stra\u00dfe eine Privatbibliothek gestanden, die in der neuen Stadtbibliothek aufging.<\/p>\n<p>Das Entstehen der Frick Collection<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Am 24. Juni 1915, knapp zwei Monate nach der Ankunft von Tizians jugendlichem Draufg\u00e4nger und Holbeins ungef\u00e4hr 48 Jahre altem Schreibtischarbeiter, machte Frick sein Testament. Er bestimmte, dass sein New Yorker Haus samt Inhalt nach seinem Tod f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit erhalten bleiben sollte: als Museum. Auch den Namen des Museums legte er fest: The Frick Collection. Dass die von ihm selbst vorgenommene H\u00e4ngung nicht ver\u00e4ndert werden darf, sagt Fricks letzter Wille nicht. Trotzdem ist garantiert, dass Morus und Cromwell, der heilige und der unheilige Thomas, tats\u00e4chlich auf ewige Zeiten aneinander vorbeistarren werden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seit M\u00e4rz dieses Jahres ist der Deutsche Axel R\u00fcger, geboren 1968 in Dortmund, der Direktor der Frick Collection. Er kam aus London, wo er die Royal Academy of Arts leitete, und war davor Direktor des Van-Gogh-Museums in Amsterdam gewesen. Im Gespr\u00e4ch versichert R\u00fcger, dass im Salon nicht nur die Verteilung der Gem\u00e4lde auf den in Eichenholz get\u00e4felten W\u00e4nden sakrosankt sei, sondern auch die Aufstellung des Mobiliars.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Vor dem Kamin steht ein mit gr\u00fcnem Samt \u00fcberzogenes Sofa. Eine Kordel verhindert, dass die Besucher sich hinsetzen. W\u00e4re es nicht gerade hier w\u00fcnschenswert, dass man Platz nehmen kann, um den Blick zwischen Holbein und Holbein hin und her wandern zu lassen und mit aller Zeit der Welt zu studieren, wie Cromwell und Morus aneinander vorbeischauen, von uns durch den Abstand der Epochen getrennt und voneinander durch den Abgrund der Konfession?<\/p>\n<p>Die Portr\u00e4ts waren gar nicht als Pendants gedacht<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">R\u00fcger schlie\u00dft aus, das historische M\u00f6belst\u00fcck in irgendeine Ecke im Haus zu versetzen und f\u00fcr den privilegierten Sitz- und Schauplatz vor dem Holbein-Paar ein f\u00fcr allm\u00e4hlichen Verschlei\u00df bestimmtes Funktionsm\u00f6bel zu beschaffen. Denn gerade dieses Sofa mit den goldenen Zierleisten stammt aus der von Frick zusammen mit der T\u00e4felung, den Pilastern neben dem Kamin, den Kartuschen \u00fcber den T\u00fcren, den Vorh\u00e4ngen und dem Teppichboden in Auftrag gegebenen Einrichtung, und er hat selbst an dieser Stelle auf ihm gesessen. Nach dem Willen Fricks spazieren die Besucher durch seine R\u00e4ume, um seine Erwerbungen so zu sehen, wie er sie pr\u00e4sentieren wollte. Durchbrochen wird die Illusion, dass wir alles mit den Augen des Sammlers betrachten, ausgerechnet an dem Ort des Rundgangs, an dem die H\u00e4ngung selbst den sprechenden Charakter angenommen hat, den wir von einem Kunstwerk erwarten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die beiden Portr\u00e4ts waren vom Maler selbst nicht als Pendants gedacht. Isabella Stewart Gardner hatte sich, nachdem sie dann doch keinen Diebstahl hatte begehen wollen, um Thomas Morus bei sich in Boston aufh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen, mit Holbeins Portr\u00e4ts der Eheleute Sir William und Lady Butts getr\u00f6stet.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bildpaare dieser Gattung, in der das Korrespondenzprinzip die Ehe als urspr\u00fcngliche soziale, aber auch wirtschaftliche Einheit des b\u00fcrgerlichen Lebens zelebriert, legte auch Frick sich zu, an der Spitze schon 1909 die Portr\u00e4ts, die der junge Anthonis van Dyck in Antwerpen von seinem Malerkollegen Frans Snyders und dessen Frau Margareta malte. Man muss dem Museumsbesucher sagen, dass dieser in feinste Seide gekleidete Herr, der ihn mit dem melancholischen Blick eines Menschenkenners taxiert, mit den l\u00e4ssig drapierten H\u00e4nden arbeitete, die bl\u00fctenwei\u00df vom schwarzen Stoff abstechen. Im gr\u00f6\u00dften Ehekrieg der englischen Verfassungsgeschichte, als Heinrich VIII. beim Papst die Scheidung von Katharina von Aragon zu erwirken versuchte, standen Morus und Cromwell auf entgegengesetzten Seiten.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre lang war die Frick Collection geschlossen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eIch denke dar\u00fcber nach, dass alle K\u00fcnste auf verschiedene Weise versuchen, mit dem Abnehmer zu kommunizieren.\u201c Das sagt die auf Museen spezialisierte Architektin Annabelle Selldorf im Gespr\u00e4ch \u00fcber die Renovierung und Erweiterung der Frick Collection, mit der ihr B\u00fcro in den vergangenen sieben Jahren befasst war. F\u00fcnf Jahre lang war das Geb\u00e4ude an der 70. Stra\u00dfe f\u00fcr das Publikum geschlossen; alle Bilder waren abgeh\u00e4ngt. Die Wiederer\u00f6ffnung fand am 17. April 2025 statt, einen Monat nach dem Antritt des neuen Direktors.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Links vom Kamin h\u00e4ngt Thomas Morus, rechts Thomas Cromwell, so wie sie Hans Holbein der J\u00fcngere gemalt hat.\" height=\"3633\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/links-vom-kamin-haengt-thomas.webp.webp\" width=\"5449\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Links vom Kamin h\u00e4ngt Thomas Morus, rechts Thomas Cromwell, so wie sie Hans Holbein der J\u00fcngere gemalt hat.Reuters<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Fall der Portr\u00e4ts von Morus und Cromwell war der Portr\u00e4tierte der Abnehmer. Vielleicht blicken die Staatsdiener auch deshalb den Betrachter nicht an, weil der erste Besitzer sein Bild sonst mit einem Spiegel h\u00e4tte verwechseln k\u00f6nnen. Die beiden Ministerportr\u00e4ts sind kleiner als die Ganzfigurenbilder von Damen des englischen Hochadels des 18. Jahrhunderts, auf die sich Fricks besonderer Ehrgeiz richtete. Als Gainsborough-Galerie dient die n\u00f6rdlich an das gro\u00dfe Kaminzimmer anschlie\u00dfende Bibliothek.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Holbeins Herren wirken auch im kleineren Format repr\u00e4sentativ. Thomas Morus tr\u00e4gt Amtstracht mit schwerer Goldkette, Cromwell ist von Schreibutensilien umgeben. Was sie darstellen, sind sie kraft ihrer T\u00e4tigkeit. Besucher, die in ihrer h\u00e4uslichen Londoner Umgebung die Gem\u00e4lde zu Gesicht bekamen, sahen einen Geistesarbeiter, der sich nicht ablenken lie\u00df \u2013 als wollte der gemalte Morus oder Cromwell mit den Abnehmern seiner Gunsterweise nicht direkt kommunizieren. Der st\u00e4ndige Besucherauflauf im Museum steigert diesen Eindruck.<\/p>\n<p>Jeden Tag bilden sich lange Schlangen vor dem Museum<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Frick Collection ist nicht nur wegen ihrer drei Vermeers immer gut besucht. Seit der R\u00fcckkehr der Sammlung aus dem Exil im Breuer-Geb\u00e4ude, dem fr\u00fcheren Whitney-Museum an der Madison Avenue, bilden sich auf der 70. Stra\u00dfe t\u00e4glich lange Schlangen. Holbeins fotorealistische Gem\u00e4lde kommunizieren mit dem Betrachter, indem sie zu Verbotenem einladen: Man m\u00f6chte sie anfassen, mit den Fingern \u00fcber den Pelz streichen oder den Federkiel in die Hand nehmen. In Fricks einmaligem Museum wirken die Antagonisten zu Hause, weil das Gr\u00fcn der Schreibunterlage vor Cromwell nicht nur im Gr\u00fcn des Vorhangs hinter Morus seine Entsprechung findet, sondern alle Gr\u00fcn-, Braun- und Goldt\u00f6ne ihrer standesgem\u00e4\u00dfen Requisiten von der luxuri\u00f6sen Ausstattung des Frickschen Wohnzimmers variiert werden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Immer gut besucht: die Frick Collection\" height=\"1800\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/immer-gut-besucht-die-frick.webp.webp\" width=\"2400\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Immer gut besucht: die Frick CollectionBenedict Evans<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein Trompe-l&#8217;oeil-Effekt entsteht durch diesen geschmackvoll verteilten \u00dcberfluss allerdings nicht. Eher sind die Gem\u00e4lde erst recht Fenster in eine r\u00e4tselhafte Welt, in der durch unverwandte Konzentration auf etwas Unsichtbares der Reichtum, der Kunstproduktion und Kunstgenuss m\u00f6glich macht, alles verliert, was leicht die Assoziation des Vulg\u00e4ren hervorrufen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Nachdenken \u00fcber die kommunikativen Ambitionen der verschiedenen K\u00fcnste ist Annabelle Selldorf zu dem Ergebnis gekommen, dass die Architektur aus der Reihe der klassischen Disziplinen herausf\u00e4llt. Den Vergleich der Museumsbaumeisterin mit dem Rahmenmacher weist sie so freundlich wie bestimmt zur\u00fcck, weil selbst der glatteste und schmalste Rahmen etwas Ornamentales beh\u00e4lt und f\u00fcr einen im Museum durchaus willkommenen Moment der Zerstreuung die Aufmerksamkeit vom Bild abzieht.<\/p>\n<p>Flick lebte nur f\u00fcnf Jahre lang in dem Haus<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Selldorf hingegen, die 1960 in K\u00f6ln geboren wurde, wie der j\u00fcngere Holbein den v\u00e4terlichen Beruf ergriff und 1980 nach New York auswanderte, m\u00f6chte die Spuren ihrer Arbeit vollst\u00e4ndig unsichtbar machen. \u201eIn der Architektur ist die Kunst eine andere: ohne M\u00fche Funktionalit\u00e4t herzustellen.\u201c Nach Selldorfs Verst\u00e4ndnis kommuniziert die Architektur, indem sie nicht kommuniziert, also auf die Mitteilung eigener Botschaften verzichtet. Diese Architektin m\u00f6chte so diskret auftreten wie Thomas Cromwell und Thomas Morus zusammen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Henry Clay Frick lebte nur f\u00fcnf Jahre lang in seinem als Kunstschatzhaus entworfenen New Yorker Eigenheim; vor seinem Einzug an der 70. Stra\u00dfe hatte er bei einem Milliard\u00e4rskollegen aus der Familie Vanderbilt zur Miete gewohnt. Frick starb am 2. Dezember 1919. Er hatte schon damit begonnen, im Block zwischen Fifth und Madison Avenue, 70. und 71. Stra\u00dfe, Grundst\u00fccke hinzuzukaufen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nach dem Tod seiner Witwe Adelaide 1931 lie\u00dfen die Erben das Haus zum Museum umbauen, das am 16. Dezember 1935, vor 90 Jahren, er\u00f6ffnet wurde. John Russell Pope, der wenig sp\u00e4ter f\u00fcr die Sammlung von Andrew Mellon, einem Freund und Bildungsreisegef\u00e4hrten Fricks aus Pittsburgh, die National Gallery of Art in Washington entwarf, errichtete einen Anbau auf der Ostseite, indem er die Kutschvorfahrt beseitigte und den Hof durch \u00dcberdachung in einen Wintergarten aus Marmor verwandelte. Seitdem bildet das Zentrum des Geh\u00e4uses f\u00fcr einige der ber\u00fchmtesten Gem\u00e4lde der Welt ein Springbrunnen. Pope, der Architekt des Jefferson-Denkmals in Washington, war wie Hastings ein Vertreter des klassizistischen Stils, doch nach Selldorfs Urteil waren die beiden Zeitgenossen, 1860 und 1874 geboren, \u201ezwei ganz unterschiedliche Charaktere\u201c. Paradoxerweise entstand in zwei Schritten ein Geb\u00e4ude, das an Symmetrie nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrigl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Als der Garten wegsollte, protestierten die New Yorker<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In den Siebzigern ging die Ausdehnung nach Osten weiter; ein Kassengeb\u00e4ude wurde angebaut, dessen Mauern aussahen, als h\u00e4tte es fast immer dort gestanden. Nicht der gesamte durch Abriss mehrerer schmaler Nachbarh\u00e4user geschaffene Baugrund wurde gef\u00fcllt. Der englische Landschaftsarchitekt Russell Page legte einen Ziergarten an der 70. Stra\u00dfe an, der urspr\u00fcnglich nur als Provisorium gedacht war, als Bauplatzhalter f\u00fcr die n\u00e4chste Expansionsphase. Als das Museum dann 2014 diese L\u00fccke schlie\u00dfen wollte, wurde das Projekt durch Protest der New Yorker verhindert, die sich den Garten inzwischen nicht mehr wegdenken konnten, weil er ein Inbild der Stille und Beruhigung ist, der mit einfachsten Mitteln hergestellten Ordnung, also selbst ein Objekt von der Anmutung der kostbarsten von Frick zusammengetragenen Gem\u00e4lde.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Selldorf hat Funktionsr\u00e4ume hinzugef\u00fcgt, die es bislang nicht gab. Von der Nordseite, aus dem Museumscaf\u00e9 im ersten Stock und durch die hohen Fenster der R\u00e4ume f\u00fcr Vermittlungsarbeit im Erdgeschoss, hat man nun einen zur Kontemplation befreiten Blick auf den Garten. Da dieses Freiluftkabinett erhalten werden sollte, musste Selldorf die B\u00fcros f\u00fcr die Kuratoren und das technische Personal sozusagen in die Ritzen des vorhandenen Komplexes einpassen. Es ist verbl\u00fcffend, wie viel Raum sie in diesen den Besuchern verschlossenen Geb\u00e4udeteilen freilegte und wie viel Sonnenlicht sie zuf\u00fchrte, indem sie die akkumulierte Baumasse nach dem Prinzip der optimalen Funktionalit\u00e4t zerlegte und neu zusammensetzte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seit der Umwandlung der Villa in ein Museum hatten die Kuratoren ihre Arbeitspl\u00e4tze im ersten Stock, wo sich die Privatgem\u00e4cher der Familie befunden hatten. Dass man diese R\u00e4ume nicht betreten konnte und das ausladende Treppenhaus von Hastings durch eine Kordel funktionslos gemacht wurde, verst\u00e4rkte die Aura des Hauses. Man konnte sich einbilden, die Familie halte sich immer noch oben auf.<\/p>\n<p>Im Schlafzimmer h\u00e4ngt wieder das Portr\u00e4t der Lady Hamilton<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Jetzt okkupiert die Sammlung auch die erste Etage, und im Schlafzimmer Henry Clay Fricks h\u00e4ngt wieder das Portr\u00e4t der Lady Hamilton von George Romney, das er t\u00e4glich als erstes und letztes St\u00fcck seiner Sammlung sah. Das Fr\u00fchst\u00fcckszimmer ist wieder ein Reservat der Schule von Barbizon, mit der Frick seine Sammlert\u00e4tigkeit begonnen hatte. Die Ma\u00dfe der R\u00e4ume sind im Vergleich zum Erdgeschoss intim, aber die Illusion, die Familie sei gerade erst ausgezogen, kann und soll nicht aufkommen. Daf\u00fcr ist alles zu \u00fcbersichtlich. Einzelne Kabinette nehmen Spezialsammlungen auf, die in j\u00fcngerer Zeit gestiftet wurden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Verwandlung des Frick-Hauses in ein Museum ist nach 90 Jahren vollendet. Damit wird die Versuchung eines nostalgischen Missverst\u00e4ndnisses beseitigt, denn diese Verwandlung beabsichtigte Frick schon, als er Hastings engagierte, und er wollte nicht seine Lebensform ausgestellt wissen, sondern deren in Zeitloses konvertierten Ertrag. Von fast allen anderen Museen der Welt wird sich die Frick Collection weiter dadurch unterscheiden, dass die H\u00e4ngung nicht ver\u00e4ndert werden soll, w\u00e4hrend die Museumsdirektoren sich sonst \u00fcberall vom Prinzip der Dauerausstellung verabschiedet haben. Bei der Renovierung des Erdgeschosses konnte sich die Firma Selldorf auf die Abnahme der Arbeit der Lichtdesigner beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die Verwandlung des Frick-Hauses in ein Museum ist nach 90 Jahren vollendet.\" height=\"2400\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/die-verwandlung-des-frick.webp.webp\" width=\"1920\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Die Verwandlung des Frick-Hauses in ein Museum ist nach 90 Jahren vollendet.Benedict Evans<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Annabelle Selldorfs Stilideal kann man klassisch oder auch klassisch modern nennen. Die unaufdringliche R\u00fcckwand des Gartens, von einfachsten Fensterfolgen gegliedert, wird asymmetrisch von einem schmalen Glaskasten geteilt, sodass sich hier der Gedanke an Monumentalit\u00e4t nicht aufdr\u00e4ngen kann. Dahinter liegt Popes kunsthistorische Forschungsbibliothek, die nun erstmals ein Durchgang mit der Sammlung verbindet.<\/p>\n<p>Selldorf baut gerade nicht f\u00fcr die Ewigkeit<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Zum Klassischen im Verst\u00e4ndnis von Selldorf geh\u00f6rt, dass sie gerade nicht damit rechnet, f\u00fcr alle Ewigkeit zu bauen. Bauen im Bestand bedeutet, dass sie auch Sch\u00f6pfungen ihrer Vorg\u00e4nger beseitigen muss, hier Popes Kammermusiksaal. Ihn ersetzt ein Auditorium unter dem Garten, dessen Erde ausgehoben, wieder aufgef\u00fcllt und neu bepflanzt wurde. In kollegialer Sympathie malt Selldorf sich aus, was Hastings empfunden h\u00e4tte, wenn er 1932 vom Auftrag der Erben an Pope erfahren h\u00e4tte und nicht schon drei Jahre vorher verstorben w\u00e4re: Er h\u00e4tte sich \u201ewahrscheinlich gewaltig auf die F\u00fc\u00dfe getreten gef\u00fchlt\u201c. Dabei hatte der Bauherr die Geduld von Hastings schon genug strapaziert, mit seiner Vorliebe f\u00fcr knappe Befehle und der Absage an dekorative Verschwendung. Heinrich VIII. h\u00e4tte einen Henry Clay Frick als Finanzminister gut verwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Verbindungstrakt zwischen den neuen Museumsr\u00e4umen und der erweiterten funktionalen Sph\u00e4re f\u00fcr die Sortierung und Entspannung der Besucher ist im Geist der Museumsgr\u00fcnderzeit gestaltet, aber ohne klassizistische Buchst\u00e4blichkeit. Der \u00dcbergang zwischen Vergangenheit und Gegenwart versteht sich von selbst. Dem Treppenhaus des Altbaus mit dem Orgelprospekt nach Art der Renaissance setzt Selldorfs Treppenturm im Foyer keinen Tusch eines Eine-Frau-Orchesters entgegen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Detail hat sie sich aber Extravaganzen geleistet, ohne die das Phantasieprodukt der Generationen \u00fcberspannenden Architektengemeinschaft aus dem Gleichgewicht gekippt w\u00e4re. Nach ihrer Sch\u00e4tzung hat sie ihren Auftraggebern 150 Entw\u00fcrfe f\u00fcr die Treppe vorgelegt: \u201erund, oval, lang, kurz und so weiter\u201c. Golden schimmert der doppelte Handlauf, und der Marmor exponiert seine fleischige Maserung. Mit diesen Ornamenten hat Annabelle Selldorf ihrem Kollegen Thomas Hastings ein kleines Denkmal gesetzt\u00a0\u2013 klein naturgem\u00e4\u00df nur nach den Gr\u00f6\u00dfenvorstellungen von Henry Clay Frick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Links vom Kamin h\u00e4ngt Thomas Morus. Er blickt nach links, also vom Betrachter gesehen nach rechts. 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