{"id":700497,"date":"2026-01-07T16:32:23","date_gmt":"2026-01-07T16:32:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/700497\/"},"modified":"2026-01-07T16:32:23","modified_gmt":"2026-01-07T16:32:23","slug":"zdf-bergdoktor-und-dann-sagt-einer-zu-dir-ich-danke-dir-fuer-eine-schoene-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/700497\/","title":{"rendered":"ZDF-\u201eBergdoktor\u201c: \u201eUnd dann sagt einer zu dir: Ich danke dir f\u00fcr eine sch\u00f6ne Kindheit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Seit 2008 spielt Hans Sigl den \u201eBergdoktor\u201c Martin Gruber. Halb Europa schaut ihm dabei zu. Eine Begegnung im Ordinationszimmer, wo er zum ersten Mal verr\u00e4t, wie es mit Martin Gruber zu Ende gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Klinik von Hall in Tirol steht in Scheffau im Schatten des Wilden Kaisers, hinter dem allm\u00e4hlich die Sonne untergeht. Sie passt auf einen von drei Pl\u00e4tzen der Scheffauer Tennishalle. Seit ein paar Jahren ist das so. Da wird auf dem Court No. 1 \u201eDer Bergdoktor\u201c gedreht. <\/p>\n<p>Jene Szenen jedenfalls, in denen Hans Sigl als Dr. Martin Gruber \u2013 der Sherlock unter den Fernsehmedizinern, das Empathiezentrum des deutschen Fernsehens \u2013 seinem Klinik-Kumpel Dr. Alexander Kahnweiler erkl\u00e4rt, unter welcher r\u00e4tselhaften Krankheit ein Patient wahrscheinlich leidet. <\/p>\n<p>\u201eDer Bergdoktor\u201c, f\u00fcr alle die in den vergangenen Jahrzehnten nur Fu\u00dfball geschaut haben im Fernsehen und die Nachrichten, l\u00e4uft mit dem 56-j\u00e4hrigen geb\u00fcrtigen Steirer in der Hauptrolle seit 2008. Erst im 45-Minuten-Vorabendformat. Dann in Spielfilml\u00e4nge. Um die Grubers geht\u2019s und deren Hof hoch \u00fcber S\u00f6ll. Einen  unbedingt  bauernmuseumf\u00e4higen Hof, den man auch besichtigen kann, wenn man sein Auto unten am Hexenwasserparkplatz abstellt und eine Stunde wandert. <\/p>\n<p>Die Grubers sind Martin und Hans, die Br\u00fcder, die in der ersten Staffel erfuhren, dass Lilli, damals neun, gar nicht die Tochter von Hans und seiner t\u00f6dlich verunfallten Frau ist, sondern die von Martin. Lisbeth hei\u00dft die Mutter und ist das emotionale Zentralorgan des \u201eBergdoktor\u201c. Aus diesem Plotstamm wuchs mit den Jahren eine ganze Krone von Nebengeschichten \u00fcber Beziehungen und Familiengeheimnisse aller Arten. Und an jedem Ast h\u00e4ngt eine Patientenakte.<\/p>\n<p>Zehn Millionen schauen im Durchschnitt zu. Es soll Chat-Gruppen in Vorst\u00e4nden dax-notierter Unternehmen geben, in denen sich \u00fcber das Leben der Grubers ausgetauscht wird. Ein generationen\u00fcbergreifendes Sehnsuchtsph\u00e4nomen nach Empathie und Alles-wird-gut. Der Anteil der werberelevanten 14- bis 49-J\u00e4hrigen ist h\u00f6her als beim durchschnittlichen ZDF-Programm. <\/p>\n<p>Inzwischen gestehen selbst M\u00e4nner, dass sie die Gruber-Saga schauen. Nicht nur wegen des totschicken nickelgr\u00fcnen Mercedes 200 (W 123), mit dem der Gruber Martin zur Rettung seines einen Patienten, den er pro Folge hat, \u00fcber die Bergstra\u00dfen brettert. Sondern auch weil sie weinen wollen und sehen, wie alle gl\u00fccklich sind, wenn der Martin \u2013 der regelm\u00e4\u00dfig sein Privatleben ruiniert, weil er sich gegen seine Berufung nicht wehren kann \u2013 wieder jemanden gerettet hat. <\/p>\n<p>Enzephalitis ist heute dran. Die 19. Staffel wird gerade zu Ende gedreht. Sie l\u00e4uft wie immer dann an, wenn die Silvesterknallerei verklungen ist . Der arme junge, bleichgeschminkte Kerl im Bett hat eine malerische Narbe auf dem Kopf. F\u00fcr das, was er hat, kommt das neue und tats\u00e4chlich echte MRT, das sie jetzt irgendwo eine d\u00fcnne Wand weiter stehen haben, nat\u00fcrlich gerade recht. <\/p>\n<p>Man muss aufpassen, dass man sich nicht verl\u00e4uft im kafkaesken Geschachtel der angedeuteten R\u00e4ume, die auf den gut 300 Quadratmetern alles M\u00f6gliche sein sollen. Krankenzimmer, Aufzug, Empfang, Kahnweiler-Zimmer, wo sich echtes und falsches Medizinmaterial stapelt. Kameraleute wuseln herum und Regieassistenten, Schauspieler, der Gott des Tons sitzt in der Mitte des Chaos in einer Art Regiezentrale. Hans Sigl mag das eigentlich gar nicht. Er ist ein Teamplayer, sagt er. So sp\u00e4t zu kommen, findet er doof. W\u00e4hrend er vormittags frei hatte, waren alle andern hier und haben schon Stunden gedreht, vorbereitet.<\/p>\n<p>120 Drehtage am Wilden Kaiser im Jahr<\/p>\n<p>Sie sind eingespielt wie eine gut ge\u00f6lte Drehmaschine. Sigl vergleicht sein Team, aus dem er bei der Arbeit nur aufgrund seiner K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe herausragt, mit einer Nationalmannschaft. Hocheffizient sind sie inzwischen, sagt Sigl. In 16 Tagen drehen sie einen Neunzigmin\u00fcter. F\u00fcr Sonntagabendkrimis werden um die 23 veranschlagt. Von April bis Anfang Dezember sind sie in Ellmau. <\/p>\n<p>Mehr als 120 Tage drehen sie hier, wo andere \u2013 unter anderem auch, um sich vor den Originaldrehorten vom \u201eBergdoktor\u201c zu fotografieren \u2013 Urlaub machen. 100 Tage davon, sagt er, ist er dabei. Die anderen vom Ton, vom Licht und von der Maske, vom Catering, sind immer da. \u201eF\u00fcr die ist es Stress. Aber nicht f\u00fcr die Schauspieler. F\u00fcr die ist es Arbeit, gute Arbeit, herausfordernd, essenziell, existenziell manchmal auch. Aber anstrengend ist das nicht.\u201c<\/p>\n<p>Wir stehen drau\u00dfen vor der Halle. Sigl tr\u00e4gt seinen Gruber-Mantel. Frotzelt mit Mark Keller, ganz in Halbgottwei\u00df, der Kahnweiler ist und am Telefon immer \u201eMartin, mein einziger Freund\u201c sagt. Sie lassen sich von ChatGPT Comedy-Rants \u00fcber den jeweils anderen erstellen und lesen sie vor. Sehr lustig. <\/p>\n<p>Bald ist die Drehsaison vorbei. Es stehen nicht wie im Sommer Trauben von Fans um die Wagenburg vor der Tennishalle. Keine Bergdoktor-Bustouren fahren mehr.<\/p>\n<p>Wenn die Staffel anl\u00e4uft, geht Sigl in Deckung, macht zwei Monate Auszeit, h\u00e4lt Digital Detox, liest viel, geht Golfen. Geht auf Reisen. Was manchmal nicht ganz so entspannt ist, weil Sigl l\u00e4ngst zum medialen Stadtbild von ganz Europa geh\u00f6rt. In Slowenien schalten mehr Menschen ein, als das Land Einwohner hat. In Spanien rei\u00dfen sich am Flughafen die Taxifahrer um den \u201eDoctor en los Alpes&#8220;.<\/p>\n<p>Gerade hat er um zwei Jahre verl\u00e4ngert<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz kommen die Drehb\u00fccher. Sigl nimmt Kontakt mit den Kollegen f\u00fcr die Episodenhauptrollen auf. Und dann f\u00e4hrt er los am Ammersee und mit seinem alten Volvo das Tal Richtung Kitzb\u00fchel hoch. Sieht den Kaiser wieder. \u201eDas erf\u00fcllt mich mit Liebe, mit einem warmen Heimatgef\u00fchl.\u201c Und wenn er dann in Ellmau auf dem Golfplatz steht, wei\u00df er, dass das alles wieder anf\u00e4ngt. Und freut sich immer noch wie Bolle. Gerade hat er wieder um zwei Jahre verl\u00e4ngert. <\/p>\n<p>H\u00e4tte er 2008 nat\u00fcrlich nicht gedacht, dass er jetzt hier noch steht. Da hatte er einen Vierjahresvertrag, was auch schon ein Luxus war. Dass er \u00fcberhaupt hier steht, hat was mit Hartn\u00e4ckigkeit zu tun und mit dem Kosmos. Das mit der Hartn\u00e4ckigkeit erkl\u00e4rt sich so: Sigl  hatte Lehrer werden wollen, Englisch und Psychologie studiert. Einen Vortrag sollte er halten in P\u00e4dagogik. \u201eSchule im W\u00fcrgegriff des dritten Jahrtausends\u201c hie\u00df das Seminar. <\/p>\n<p>Nach dem Referat stand er mit einem Kumpel beim Bier, und ihm war klar, dass er was \u00e4ndern m\u00fcsse im Leben. Der Kumpel riet ihm, es doch mit der Schauspielerei zu versuchen. Emo Cingl, der Leiter der Schauspielschule am Tiroler Landestheater, wollte ihn nicht. Er sei zu gro\u00df und \u00fcberhaupt unbegabt, Gretel Fr\u00f6hlich, Cingls Kollegin, sah das anders. Sigl brachte sich das Spielen, Tanzen, Singen \u00fcberwiegend selbst bei. \u201eAus dir wird nie was\u201c, rief ihm Cingl noch nach. <\/p>\n<p>Das mit dem Kosmos kam dann sp\u00e4ter. Als er bei der Bremer Shakespeare Company war. Mit Drei\u00dfig. Und ohne Perspektiven. Da lief ihm ein Buch zu. \u201eBestellungen beim Universum\u201c hie\u00df das. B\u00e4rbel Mohr hat es geschrieben. Die autosuggestive Mechanik geht so, erkl\u00e4rt Sigl: \u201eMan kann Dinge bestellen und die werden dann geliefert. Man muss nur loslassen.\u201c<\/p>\n<p>Als Erstes bestellte er nicht Geld, das fand er albern, obwohl er es h\u00e4tte gebrauchen k\u00f6nnen, sondern Arbeit. Und bekam einen Springerjob in Hannover. Dann bestellte er sich Drehtage und wurde ein Kriegsverbrecher bei \u201eMarienhof\u201c. Da er irgendwann wohl dem Universum \u00fcbermittelt hatte, dass er gern H\u00f6rb\u00fccher machen w\u00fcrde, durfte er, der als \u201eautodidaktischer Anf\u00e4nger\u201c w\u00e4hrend des Schauspielstudiums abends als Meditation, Stimm- und Ausspracheschulung Reclam-Hefte laut vorlas, mit Reclam-B\u00e4nden ins H\u00f6rbuchstudio und 50 Klassiker einlesen. <\/p>\n<p>Ersch\u00fctternd analoges Ordinationszimmer<\/p>\n<p>Dass er, nach f\u00fcnf Jahren als Kommissar bei \u201eSoko Kitzb\u00fchel\u201c jemals geb\u00fcckt \u2013 man schl\u00e4gt sich automatisch am T\u00fcrrahmen den Sch\u00e4del an, wenn man das zum ersten Mal macht \u2013 und f\u00fcr zwanzig Jahre das geradezu ersch\u00fctternd analoge Ordinationszimmer in Ellmau betreten w\u00fcrde, muss auch auf einem Bestellzettel gestanden haben. Generationen von Zuschauern, die erwachsen wurden mit Ronja Forchers Lilli und grau wurden auf dem Kopf mit dem Gruber Martin und ein anderes M\u00e4nnerbild lernten, sind dem Kosmos dankbar. <\/p>\n<p>Manchmal sogar die Kollegen, die auch immer j\u00fcnger werden. Und ihm dann unglaubliche S\u00e4tze sagen. Einmal, da stand einer vor ihm, verbl\u00fcfft dar\u00fcber, dass man etwas wie den \u201eBergdoktor\u201c derart lang tun kann und meinte: \u201eIch danke dir f\u00fcr eine sch\u00f6ne Kindheit.\u201c Ein \u201egro\u00dfer Satz\u201c, sagt Sigl, \u201eund ein schrecklicher. Weil ich innerlich zu Staub zerfalle: Wo ist denn bitte die Zeit hin?\u201c<\/p>\n<p>Insgesamt h\u00e4lt er, dass er altern darf als Bergdoktor, allerdings schon f\u00fcr ein Privileg. Erschreckt ihn nur manchmal. Wenn er sich so grau sieht im Fernsehen. Im April sitzt er, sagt er, noch mit der Maskenbildnerin vor dem Spiegel, sie lachen viel und er kann sich gut aushalten. \u201eIm November habe ich die Augen zu. Dann bin ich meiner m\u00fcde.\u201c<\/p>\n<p>Aber das h\u00e4lt nicht lange an. Weil er immer noch Lust hat auf diesen Kerl und diese Geschichte. Weil die Arbeit am \u201eBergdoktor\u201c nie zu Ende geht. Das Formatgrenzen einhalten und Genregrenzen sprengen, das Modernisieren des Heimatfilms, das eines der Geheimnisse der Serie ist. Weil es ihm nie langweilig wird mit dem Doktor, dem ganze Nationen vertrauen, der Beichtvater ist und Hoffnung auf eine empathische Medizin, der nie ankommt, selbst jetzt nicht, wo er verheiratet ist. <\/p>\n<p>Irgendwann aber wird es dann doch vorbei sein. Und er w\u00fcsste schon wie es zu Ende gehen k\u00f6nnte mit der Geschichte vom Gruber Martin. \u201eIrgendwann schlie\u00dft er hier die Praxis ab. Er f\u00e4hrt rauf auf den Gruber Hof. Stellt sein geiles Auto in die Scheune und deckt es zu. Dann sp\u00e4testens, wenn alle merken, was kommt,  m\u00f6chte ich, dass alle weinen oder \u2013 noch besser: lachen. Anschlie\u00dfend nimmt er ein Taxi f\u00fcr den Weg zur\u00fcck, den er einst gekommen ist. Er steigt ein. Und f\u00e4hrt los. Und am Ende Bahnsteigs steht der neue Bergdoktor.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit 2008 spielt Hans Sigl den \u201eBergdoktor\u201c Martin Gruber. Halb Europa schaut ihm dabei zu. 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