{"id":701161,"date":"2026-01-07T22:34:14","date_gmt":"2026-01-07T22:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/701161\/"},"modified":"2026-01-07T22:34:14","modified_gmt":"2026-01-07T22:34:14","slug":"constantin-schreiber-deutschland-das-depressive-land-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/701161\/","title":{"rendered":"Constantin Schreiber: Deutschland, das depressive Land | Politik"},"content":{"rendered":"<p><b>Wenn ich zur\u00fcck nach Deutschland komme, treffe ich auf ein depressives Land: ersch\u00f6pft, niedergeschlagen, ohne sp\u00fcrbaren Aufbruch. Politik und Medien haben mit ihrer jahrelangen Themensetzung eine Diskurs-Parallelwelt geschaffen, die sich immer weiter von der Lebensrealit\u00e4t vieler Menschen entfernt hat \u2013 und das r\u00e4cht sich jetzt. <\/b><\/p>\n<p>Auch interessant<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>Auch interessant<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>Ankommen. Passkontrolle. Ein freundliches \u201eHallo\u201c. Und ich blicke in ein trauriges, niedergeschlagenes Gesicht. Nicht unh\u00f6flich, nicht abweisend \u2013 aber leer, ersch\u00f6pft, angespannt. Es ist der Anfang des neuen Jahres, ein Flughafen in Deutschland. Ich komme aus dem S\u00fcden, voller Eindr\u00fccke, guter wie schlechter. W\u00e4rme, Erinnerungen an Begegnungen und Bilder bringe ich mit. Doch schon in diesen ersten Minuten sp\u00fcre ich etwas, das mich zutiefst irritiert: eine niederschmetternde Niedergeschlagenheit.<\/p>\n<p>Danach Taxi. U-Bahn. Supermarktkasse. Immer wieder dasselbe. Kurze Begegnungen, fl\u00fcchtige Blicke, sachliche Worte \u2013 und \u00fcberall diese Schwere. Als w\u00e4re sie Teil der Infrastruktur. Als w\u00fcrde sie mittransportiert, von Ort zu Ort, von Gesicht zu Gesicht. Es ist kein einzelner Moment. Es ist ein Eindruck, der sich verdichtet. Es ist normal.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber berichtet als Teil des Global Reporters Netzwerks von Axel Springer (Welt, Politico und BILD, Business Insider, Onet) \u00fcber internationale Themen. Sein Schwerpunkt liegt auf den USA und den Nahen Osten.<\/p>\n<p>Ich war in den vergangenen Monaten in Israel, Italien, Frankreich, Spanien, Island, den Vereinigten Arabischen Emiraten. L\u00e4nder, die kaum unterschiedlicher sein k\u00f6nnten. Unterschiedliche Kulturen, Konflikte, Klimazonen, politische Systeme. Und doch verbindet sie etwas, das mir bei meiner R\u00fcckkehr nach Deutschland schmerzhaft auff\u00e4llt: eine sp\u00fcrbare Lebendigkeit. Ein Grundton von Bewegung, von Energie, von Zugewandtheit zum Leben. Und dann lande ich hier \u2013 und es f\u00fchlt sich an wie die R\u00fcckkehr in ein depressives Land.<\/p>\n<p>Damit meine ich nicht, dass hier alles schlecht ist. Im Gegenteil. Aber die allgemeine Stimmung ist schwer. Ged\u00e4mpft. Als w\u00fcrde permanent ein leiser Moll-Akkord mitschwingen. Die Gesichter sind ernst, die Gespr\u00e4che schnell problemorientiert, der Blick oft nach unten gerichtet. Kaum bin ich zur\u00fcck, dreht sich alles um das, was nicht funktioniert: die Politik, die Wirtschaft, die B\u00fcrokratie, die Zukunft. Selbst kleine Begegnungen wirken angespannt, als st\u00fcnde man kollektiv unter Dauerstrom.<\/p>\n<p>In Israel etwa, einem Land, das objektiv in permanenter Bedrohung lebt, habe ich etwas anderes erlebt: eine fast trotzig wirkende Intensit\u00e4t des Lebens. Diskussionen sind laut, emotional, widerspr\u00fcchlich \u2013 aber sie sind lebendig. <\/p>\n<p>In Italien und Spanien, L\u00e4nder, in denen wei\u00df Gott auch nicht alles Gold ist: Leichtigkeit, K\u00f6rperlichkeit, soziale N\u00e4he. <\/p>\n<p>In Frankreich Streitlust, Stolz, intellektuelle Reibung. <\/p>\n<p>In Island eine stille, aber tiefe Gelassenheit. <\/p>\n<p>In den VAE ein fast \u00fcbertriebener Zukunftsoptimismus, der an manchen Stellen irritiert, aber eines klar macht: Dort glaubt man daran, dass Gestaltung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Und dann Deutschland. Ein Land, das sich anf\u00fchlt, als sei es ersch\u00f6pft von sich selbst. Als habe es verlernt, an Aufbruch zu glauben. Die permanente Selbstkritik, einst vielleicht eine St\u00e4rke, wirkt inzwischen selbstzerst\u00f6rerisch. Alles wird sofort relativiert, problematisiert, zerlegt. Fortschritt wird misstrauisch be\u00e4ugt, Ver\u00e4nderung als Risiko begriffen, nicht als Chance. Wer optimistisch ist, gilt schnell als naiv. Wer etwas wagt, muss sich rechtfertigen.<\/p>\n<p>Mehr zum Thema<\/p>\n<p><b>Ich frage mich, woher diese depressive Grundstimmung kommt. Ist es die historische Last, die immer mitschwingt? Die deutsche Neigung zur Schuld, zur moralischen \u00dcberkorrektheit? Ist es die jahrelange Krisenabfolge \u2013 Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Inflation \u2013, die jede Zuversicht aufgezehrt hat? Oder ist es der Wohlstand selbst, der uns lange tr\u00e4ge gemacht hat, satt, und der jetzt immer st\u00e4rker zu br\u00f6ckeln beginnt? Vielleicht auch die \u00dcberregulierung, das Gef\u00fchl, dass alles kompliziert, langsam und festgefahren ist. Dass individuelle Gestaltung kaum noch durchdringt durch die Schichten aus Regeln, Zust\u00e4ndigkeiten und Bedenken.<\/b><\/p>\n<p>Ein Teil dieser Stimmung hat sicherlich mit der Art zu tun, wie Politik und Medien in den letzten Jahren Themen gesetzt haben. Klimawandel, der Aufstieg der Rechten, Identit\u00e4tspolitik, Umverteilung. Themen, die in einer Weise verhandelt wurden, die eine eigene Parallelwelt geschaffen hat. Eine Welt der permanenten moralischen Alarmierung, der zugespitzten Narrative, der symbolischen Stellvertreterdebatten. Eine Welt, die sich immer weiter von der konkreten Lebensrealit\u00e4t vieler Menschen entfernt hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dort \u00fcber Begriffe, Haltungen und Deutungen gestritten wird, k\u00e4mpfen Menschen hier mit steigenden Preisen, maroder Infrastruktur, \u00fcberlasteten Beh\u00f6rden, fehlender Planungssicherheit. W\u00e4hrend gro\u00dfe Teile des \u00f6ffentlichen Diskurses um moralische Positionierung kreisen, fehlt vielen das Gef\u00fchl, dass sich jemand ernsthaft um Funktionalit\u00e4t, Alltagstauglichkeit und Zukunftsf\u00e4higkeit k\u00fcmmert. Diese Diskrepanz erzeugt Frust. Und irgendwann Resignation. So entsteht ein \u00f6ffentlicher Raum, der laut ist, aber schmal \u2013 und viele innerlich ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Was mich besonders irritiert: Diese Stimmung scheint kaum noch hinterfragt zu werden. Sie ist Normalit\u00e4t geworden. Pessimismus gilt als Realismus. Hoffnung als Verdacht. Dabei ist genau das fatal. Denn Stimmung ist nicht nebens\u00e4chlich \u2013 sie pr\u00e4gt Entscheidungen, Mut, Innovationskraft, gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein Land, das innerlich resigniert, verliert nicht nur wirtschaftlich, sondern kulturell und emotional.<\/p>\n<p>Und doch stehe ich am Ende ratlos da. Denn einfache L\u00f6sungen gibt es nicht. Man kann Zuversicht nicht verordnen. Man kann Lebensfreude nicht per Gesetz beschlie\u00dfen. Vielleicht beginnt es im Kleinen: im Tonfall, im Umgang miteinander, im Mut, auch einmal nicht sofort das Haar in der Suppe zu suchen. Vielleicht braucht es neue Narrative, neue Vorbilder, neue Formen von Gemeinschaft. Vielleicht m\u00fcssen wir wieder lernen, dass Kritik und Zuversicht keine Gegens\u00e4tze sind.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Ich wei\u00df nur, dass sich Deutschland im Moment anf\u00fchlt wie ein Land, das vergessen hat, wie sich Aufbruch anf\u00fchlt. Und dass das, nach allem, was dieses Land kann und war, unendlich schade ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn ich zur\u00fcck nach Deutschland komme, treffe ich auf ein depressives Land: ersch\u00f6pft, niedergeschlagen, ohne sp\u00fcrbaren Aufbruch. 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