{"id":702082,"date":"2026-01-08T07:36:26","date_gmt":"2026-01-08T07:36:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/702082\/"},"modified":"2026-01-08T07:36:26","modified_gmt":"2026-01-08T07:36:26","slug":"darum-will-eine-19-jaehrige-aus-halle-bestatterin-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/702082\/","title":{"rendered":"Darum will eine 19-J\u00e4hrige aus Halle Bestatterin werden"},"content":{"rendered":"<p class=\"fp-paragraph\"><strong>Halle\/MZ<\/strong> &#8211; Drau\u00dfen ist es schon dunkel, als Leni K\u00f6hler gemeinsam mit dem Bestatter im Pflegeheim eintrifft. Sie sind gekommen, um einen Verstorbenen abzuholen. Zusammen mit dem Bestatter hebt die zierliche Blondine den Senior aus dem Bett. Es ist das erste Mal, dass K\u00f6hler einen toten Menschen sieht. Sie ist damals 15 Jahre alt. <\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Insgesamt zw\u00f6lf Sterbef\u00e4lle erlebt die Sch\u00fclerin damals innerhalb einer Woche w\u00e4hrend ihres Praktikums bei einem Bestattungsunternehmen. \u201eIch wurde nicht in Watte gepackt\u201c, sagt sie heute. So krass die Erfahrung f\u00fcr sie ist, der Umgang mit den Verstorbenen, die vielen verschiedenen Aufgaben und die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema Tod faszinieren die inzwischen 19-J\u00e4hrige. Und sie festigen ihren Berufswunsch \u2013 den teilen immer mehr junge Menschen.<\/p>\n<p>Bestatter in Sachsen-Anhalt: Viele Bewerber, wenig Stellen<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Seit diesem Sommer absolviert Leni K\u00f6hler eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft beim Beerdigungsinstitut Ludwig in Halle. Nach Angaben der Handwerkskammer ist sie eine von f\u00fcnf Auszubildenden im Bestattungswesen in der Saalestadt. Die Zahl der Azubi-Stellen ist knapp, weil vielen Betrieben das Fachpersonal fehlt, um selbst auszubilden. <\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Bewerber auf die raren Posten gibt es indes reichlich: <a href=\"https:\/\/www.mz.de\/mitteldeutschland\/sachsen-anhalt\/gegen-den-trend-bestatter-in-sachsen-anhalt-erleben-azubi-boom-4176988\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bundes- und landesweit erleben Bestatter derzeit einen wachsenden Zulauf an jungen Menschen. <\/a>Eine Ausnahme im vom Nachwuchsmangel gepr\u00e4gten Handwerk. K\u00f6hler f\u00fchrte die Neugier in die Branche \u2013 aber auch ein Berufsbild, das bei genauem Hinsehen facettenreicher ist, als es f\u00fcr Au\u00dfenstehende mitunter scheinen mag.<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Ein Vormittag in Halle. Im edel eingerichteten Gespr\u00e4chsraum des Beerdigungsinstituts erscheint die 19-J\u00e4hrige in schwarzem Blazer und schwarzer Hose. Das sei ein Symbol daf\u00fcr, dass es in ihrem Job vor allem um die Angeh\u00f6rigen und nicht um sie gehe, sagt K\u00f6hler. Das hei\u00dft aber nicht, dass ihr Alltag von Schwermut gepr\u00e4gt ist. \u201eWir sind hier ja nicht traurig.\u201c Im Gegenteil: Ihr mache die Ausbildung Spa\u00df, sagt sie. \u201eEs ist nicht schlimm, das zu sagen.\u201c <\/p>\n<blockquote class=\"fp-blockquote fp-container__small\">\n<p class=\"fp-blockquote__text text-xl\"> Wir sind hier ja nicht traurig.<\/p>\n<p class=\"fp-blockquote__source text-16--regular\">Leni K\u00f6hler \/ Auszubildende<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"fp-paragraph\">Wird Leni K\u00f6hler heute nach ihrem Beruf gefragt, erntet sie jedoch meist ungl\u00e4ubige Blicke. \u201eDann ist die Stimmung sofort eine andere.\u201c Denn ihr Alltag dreht sich um ein Thema, \u00fcber das viele Menschen selten und ungern sprechen. Sie selbst nicht. \u201eIch habe mich schon immer f\u00fcr den Tod interessiert.\u201c Mit dem hat sie nun beinahe t\u00e4glich zu tun. \u201eDas ist nicht f\u00fcr jeden etwas.\u201c F\u00fcr die junge Frau schon \u2013 sie hat die Branche schon fr\u00fch f\u00fcr sich entdeckt.<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">K\u00f6hler w\u00e4chst in einem Ort mit wenigen hundert Einwohnern nahe Jena auf. Schon als Kind guckt sie heimlich Horrorfilme. Das habe ihr Interesse am Tod gesch\u00fcrt, erz\u00e4hlt sie. Was passiert eigentlich, nachdem ein Mensch gestorben ist? \u201eDas Thema hat mich fasziniert.\u201c Noch in der Schule absolviert sie das Praktikum beim Bestatter. \u201eIch habe da gemerkt, dass mir das Spa\u00df macht.\u201c <\/p>\n<p>Ausbildung in Halle: Per Podcast ins Bestattungshaus<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">In Th\u00fcringen macht sie anschlie\u00dfend Abitur, \u00fcberlegt, Gerichtsmedizin zu studieren. Doch das trockene Pauken schreckt sie ab, sie will etwas Handfestes machen. \u00dcber den MDR-Podcast \u201eRadieschen von unten\u201c, in dem ihr heutiger Ausbilder Jan Edler \u00fcber den Bestatterjob aufkl\u00e4rt, wird sie auf den Betrieb in Halle aufmerksam. \u201eIch habe ihn dann einfach \u00fcber Instagram angeschrieben.\u201c Nach einem weiteren Praktikum in Halle erh\u00e4lt sie schlie\u00dflich einen Ausbildungsvertrag. Dass ihr der Beruf gefalle, liege vor allem an der Vielseitigkeit, betont K\u00f6hler.<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Die 19-J\u00e4hrige f\u00fchrt in Halle nun in den Vorf\u00fchrraum. In einem mannshohen Regal reihen sich dutzende Urnen aneinander. Sie sind mit verschiedenen Motiven verziert. Blumenmuster, verschn\u00f6rkelte Schriftz\u00fcge, auf einer prangt die Zeichnung eines Lkw. Die Urnen seien aus einem speziellen Naturmaterial, das sich mit der Zeit in der Erde aufl\u00f6se, sagt die Auszubildende. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"fp-lazyload lazyload\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/49db821f-6e0b-4998-9fbe-f688f24118d5.jpeg\"  data- style=\"display: block; width: 100%;\" loading=\"lazy\" alt=\"Zur Bestatter-Ausbildung geh\u00f6rt auch eine Warenkunde \u2013 dabei lernen Azubis auch Merkmale verschiedener Sargtypen. \"\/>Zur Bestatter-Ausbildung geh\u00f6rt auch eine Warenkunde \u2013 dabei lernen Azubis auch Merkmale verschiedener Sargtypen. <\/p>\n<p> (Foto: Bundesverband Deutscher Bestatter)<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Sie macht einen Schritt zur Seite und l\u00e4sst ihre Hand nun \u00fcber den verzierten Deckel eines h\u00f6lzernen Sarges gleiten. \u201eDas ist ein Kuppelsarg.\u201c Das erkenne man an der geschnitzten Form. Diese Art der Warenkunde ist einer von vielen Teilen ihrer Ausbildung. \u201eWir m\u00fcssen die Menschen ja beraten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">In der dreij\u00e4hrigen Ausbildung lernen angehende Bestattungsfachkr\u00e4fte eine ganze Palette unterschiedlicher F\u00e4higkeiten. Dazu z\u00e4hlen eher trockene Aufgaben wie die Bearbeitung von Auftragsdokumenten, Rechnungswesen und Buchhaltung. \u201eDa ist die Begeisterung nicht so gro\u00df.\u201c Aber die angehenden Bestatter m\u00fcssen auch anpacken: Das Auskleiden eines Sarges mit Stoff, Tacker und N\u00e4geln z\u00e4hlt ebenso zum Lehrstoff wie das Ausheben eines metertiefen Grabes. Auch mit schwerem Ger\u00e4t. \u201eIch muss einen Baggerf\u00fchrerschein machen.\u201c <\/p>\n<p>Auszubildende aus Halle scheut keine Trauergespr\u00e4che<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Hinzu kommt der Umgang mit den Verstorbenen \u2013 von der Abholung \u00fcber die hygienische Vorbereitung bis zum w\u00fcrdevollen Betten in den Sarg. Das sei der Bereich, der ihr am meisten Spa\u00df mache, beteuert K\u00f6hler. Ekel? Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit Leichen? \u201eIch habe das gar nicht.\u201c Die Azubis \u00fcben zudem, R\u00e4ume f\u00fcr Trauerfeiern zu dekorieren. Und: das Trauergespr\u00e4ch mit den Angeh\u00f6rigen. Dabei helfe es oft schon, die Betroffenen erz\u00e4hlen zu lassen, sagt die Auszubildende. Der Beruf habe aber auch Grenzen. \u201eWir sind kein Therapiezentrum.\u201c Die Gespr\u00e4che mit den Angeh\u00f6rigen scheut K\u00f6hler aber nicht. \u201eMan merkt, wie es ihnen guttut.\u201c <\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Aber der t\u00e4gliche Umgang mit Toten und Trauernden, belastet der nicht? Sie empfinde das nicht so, sagt die 19-J\u00e4hrige. Sie pflegt einen Ausgleich zu ihrem von Piet\u00e4t gepr\u00e4gten Alltag. In ihrem Heimatort tanzt sie im Karnevalsverein. \u201eDa feiert man das Leben.\u201c Dass der Tod f\u00fcr viele Menschen ein so belastendes Thema ist, liegt aus ihrer Sicht auch am gesellschaftlichen Umgang. <\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">\u201eDadurch, dass viele das Thema verdr\u00e4ngen, wissen sie als Angeh\u00f6rige bei einem Todesfall nicht, was sie in dieser Situation machen sollen.\u201c Dabei k\u00f6nne es helfen, sich vorher damit zu besch\u00e4ftigen. Vor allem junge Menschen tun das offenbar zunehmend \u00fcber das Internet.<\/p>\n<p>Podcasts, Videos, Facebookposts: Bestattungsfirmen nutzen das Internet<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Bestatter nutzen inzwischen Podcasts und soziale Medien wie Facebook, Instagram und Tiktok, um ein junges Publikum anzusprechen. \u201eEs soll Communityarbeit sein, wir wollen Fragen beantworten\u201c, sagt Jan Edler. Der ausgebildete Bestatter produzierte gemeinsam mit dem MDR einen Podcast, der auch Leni K\u00f6hler nach Halle f\u00fchrte. Er meint, dass die Branche seit anderthalb Jahren zunehmend im Netz pr\u00e4sent ist. \u201eIch finde das klasse. Ich freue mich, wenn man das aus der staubigen Ecke holt.\u201c <\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Edler vermutet, dass die Ansprache \u00fcber Videos und Podcasts ein Grund f\u00fcr das wachsende Interesse am Beruf ist. Den sp\u00fcrt auch er. Auf den Ausbildungsplatz im Beerdigungsinstitut in Halle habe es viele Bewerber gegeben. \u201eViele wollen. Aber wenn sie dann die Arbeit erleben, \u00e4ndert sich das oft.\u201c<\/p>\n<p>Ausbildung als Bestatter: Unter 700 Euro Gehalt im ersten Lehrjahr<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Bei Leni K\u00f6hler ist das nicht der Fall. \u201eIch kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.\u201c Sie plant, bis zur Rente als Bestatterin zu arbeiten. \u201eDer Beruf gibt das her.\u201c Auch eine Meisterpr\u00fcfung will sie sp\u00e4ter ablegen. Ihr Azubi-Lohn sei mit unter 700\u2005Euro im ersten Lehrjahr zwar knapp, langfristig biete der Beruf aber gute Chancen auf \u201eein gutes Gehalt\u201c. Denn das Bestattergewerbe kann wohl als krisensicher gelten. In Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Sterbef\u00e4lle seit gut 20 Jahren wieder stetig an. F\u00fcr die Bestatter gibt es daher viel zu tun.<\/p>\n<p class=\"fp-paragraph\">Das alles sei f\u00fcr sie allerdings nicht wichtig, sagt Leni K\u00f6hler. Ihr gehe es um die Vielseitigkeit, den Kontakt zu Menschen im Beruf. Und darum, so klingt es zwischen ihren Worten heraus, etwas von Bedeutung zu machen. Der w\u00fcrdige Umgang mit dem Ende eines Lebens jedenfalls verlangt wohl ebenso nach einem Gesp\u00fcr f\u00fcr Piet\u00e4t wie f\u00fcr das Wichtige im Leben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Halle\/MZ &#8211; Drau\u00dfen ist es schon dunkel, als Leni K\u00f6hler gemeinsam mit dem Bestatter im Pflegeheim eintrifft. 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