{"id":702447,"date":"2026-01-08T11:06:10","date_gmt":"2026-01-08T11:06:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/702447\/"},"modified":"2026-01-08T11:06:10","modified_gmt":"2026-01-08T11:06:10","slug":"buchbinderei-mergemeier-the-dorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/702447\/","title":{"rendered":"BUCHBINDEREI MERGEMEIER &#8211; THE DORF"},"content":{"rendered":"\n<p><b>Im hellen, begr\u00fcnten Hinterhof an der Luisenstra\u00dfe 7 scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die <a href=\"https:\/\/www.mergemeier.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Buchbinderei Mergemeier<\/a> geht einem selten gewordenen sehr alten Handwerk nach. Alles dreht sich seit 1946 um das Jahrtausende alte Kulturgut Buch. Hier verbinden sich Handwerk und Kunst, Kunst und Handwerk.<\/b><\/p>\n<p>Heinz Mergemeier gr\u00fcndete die Buchbinderei 1946 an der Lorettostra\u00dfe und zog 1950 in den Hinterhof an der Luisenstra\u00dfe. Das Vorderhaus war im Krieg zerst\u00f6rt worden und damals noch eine Ruine. Die beiden kleinen H\u00e4user im Hinterhof stammen aus dem 19. Jahrhundert und waren unversehrt geblieben. Im Obergeschoss des linken Geb\u00e4udes wohnte von nun an das Ehepaar Mergemeier mit der damals noch kleinen Tochter Renate. Im Erdgeschoss waren Werkst\u00e4tten und B\u00fcro untergebracht.\u00a0<\/p>\n<p>Renate Mergemeier lernte sp\u00e4ter das Handwerk bei ihrem Vater und \u00fcbernahm 1987 die Buchbinderei. Anfang 2025 ist sie verstorben. 2009 \u00fcbernahm Ulrike Meysemeyer die Leitung der Buchbinderei. Sie hat hier ebenfalls eine Lehre absolviert und ihr ist die Begeisterung f\u00fcr B\u00fccher und die Liebe zu ihrer Arbeit anzumerken, w\u00e4hrend sie durch die R\u00e4ume f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Maschinen aus gr\u00fcnem Schlagmetall stammen noch aus den Anfangsjahren. Schon Heinz Mergemeier hat mit ihnen gearbeitet. \u201eMaschinen, die st\u00e4ndig gebraucht werden, geh\u00f6ren zum Team und tragen daher Namen\u201c, erkl\u00e4rt Ulrike Meysemeyer. Sie l\u00e4chelt, meint es aber v\u00f6llig ernst. Dann stellt sie Albert vor: \u201eAlbert kann Leder spalten, damit wir es einfacher weiterverarbeiten k\u00f6nnen.\u201c Liebevoll zeigt sie dann auf Peter \u2013 die Rillmaschine. Er macht die Rille ins Papier, zum Knicken der Falz.<\/p>\n<p>\u201eEdith ist keine Maschine, nur ein Ger\u00e4t\u201c, unterscheidet Ulrike Meysemeyer die schlanke gr\u00fcne Erscheinung von den anderen. Edith ist eine Presse, in der fertig gebundene B\u00fccher \u00fcber Nacht trocknen. Alle Maschinen werden per Hand bet\u00e4tigt. Eine Arbeit, die entschleunigt. Die meisten Reparaturen k\u00f6nnen die derzeit acht Mitarbeiter selbst erledigen, da die Maschinen ohne komplizierte Mechanik auskommen.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist auch Heinz Mergemeiers Enkelin Freia Teltz mit an Bord und betreibt gemeinsam mit Ulrike Meysemeyer und Nicole Morello die Buchbinderei. Freia weist auf eine Linie am Boden in der Werkstatt: \u201eHier war damals das B\u00fcro.\u201c Das zog sp\u00e4ter ins Geb\u00e4ude gegen\u00fcber. Dort sind nun K\u00fcnstlerateliers untergebracht. Kundinnen und Kunden werden nun wieder in den Hauptr\u00e4umen empfangen. Ganz nah am Wirken der Buchbinderei.<\/p>\n<p>Freia Teltz erinnert sich noch daran, wie sie als Kind in der Buchbinderei und im Hinterhof gespielt hat. \u201eMein Opa hat mir H\u00e4user aufgemalt und ich habe die Linien mit N\u00e4geln nachgezeichnet, die ich mit einem kleinen Hammer hineingeschlagen habe.\u201c Sie und ihre Schwester Vera durften mit einem M\u00f6belhund wie auf einem Skateboard durch die R\u00e4ume und \u00fcber den Hof rollen.\u00a0<\/p>\n<p>Heute spielen hier keine Kinder. Alle sind konzentriert bei der Arbeit. Hin und wieder rattert eine Maschine. Ein Auszubildender heftet mit Nadel und Faden im Kettstich ein Buch zusammen. Auf dem Papierstapel, der einmal das Buch sein wird, steht ein Zwei-Kilo-Gewicht, damit nichts verrutscht. \u201eEs gibt keine Maschinen f\u00fcr die Heftung, das geht nur per Hand\u201c, erkl\u00e4rt Ulrike Meysemeyer. Wer Buchbinder werden will, muss sehr genau sein. \u201eAufs Detail kommt\u2019s an. Man muss auch einen halben Millimeter wahrnehmen k\u00f6nnen\u201c, so Meysemeyer.<\/p>\n<p>Seit mehr als 2000 Jahren gibt es B\u00fccher. \u201eSobald etwas Bestand haben soll, greift der Mensch nach etwas Haptischem\u201c, bringt sie es auf den Punkt. \u201eDas Buch reiht sich als etwas Wertvolles in die Kulturgeschichte ein und ist daraus nicht mehr wegzudenken. Wir alle identifizieren uns damit. Wir h\u00fcten es als etwas Besonderes mit emotionalem Wert. Ein sch\u00f6nes Buch macht gl\u00fccklich\u201c, davon ist Ulrike Meysemeyer \u00fcberzeugt und diese Erfahrung machen alle Mitarbeitenden. Auch die Geschichten, die zu ihnen in die Buchbinderei kommen, sind bewegend.<\/p>\n<p>Ulrike Meysemeyer erz\u00e4hlt von der alten Frau, die vor Jahren mit ihrem Einkaufsroller in die Buchbinderei kam \u2013 randvoller Ordner und Briefe und Postkarten aus den vergangenen 60 Jahren. Sie stammten vom verstorbenen Ehemann der Frau, der Jude war. Sie hatte ihm auf dem Totenbett versprochen, sie zu einem sch\u00f6nen Buch binden zu lassen und ans j\u00fcdische Museum zu \u00fcbermitteln, um sie der Nachwelt zug\u00e4nglich zu machen. Eine andere Frau lie\u00df die Briefe ihres in russischer Gefangenschaft verstorbenen Vaters zu einem Buch zusammenfassen, da sie die einzige Erinnerung an ihn waren.\u00a0<\/p>\n<p>Beide Begegnungen erinnert Ulrike Meysemeyer als sehr emotionale Auftr\u00e4ge. Ein Ehepaar hatte noch Briefe eines Vorfahren, der als Soldat im deutsch-franz\u00f6sischen Krieg (1870\/71) gedient hatte. W\u00e4hrend der Pandemie \u00fcbersetzten die beiden die Schriftst\u00fccke aus dem S\u00fctterlin und formatierten sie. Die Berichte sollen auf diese Weise in Buchform kommenden Generationen erhalten bleiben. Der Chef einer Werbeagentur gab f\u00fcr seine Frau zum Geburtstag ein Fotoalbum in Auftrag \u2013 in DIN-A-3, in roten Samt gebunden und mit Namenpr\u00e4gung. Hinein kam eine Auswahl von Familienfotos aus dem Handy seiner Frau.\u00a0 \u201eEin Fotoalbum ist einfach lebendiger als die Mediathek im Telefon\u201c, sagt Ulrike Meysemeyer. \u201eMan kann darin bl\u00e4ttern.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre sind in der Buchbinderei noch zwei weitere R\u00e4ume dazugekommen. Der Vormieter besa\u00df einen Teppich- und Tapetenladen. Zuvor lagerten hier Teppiche. Heute finden sich in den Regalen Rollen aus den verschiedensten Materialien von Leinen bis Leder, in den unterschiedlichsten Farben von Azurblau \u00fcber Miss-Piggy-Pink bis Sonnengelb. Rund 500 Pr\u00e4gestempel mit Schriftz\u00fcgen, Wappen und Logos lagern in den Schubladen der Planschr\u00e4nke. Die meisten sind aus Messing und pr\u00e4gen B\u00fccher, Mitteilungen, Speisekarten oder wunderbar in farbiges Leinen gebundene K\u00e4sten. Seit den Achtzigern werden hier au\u00dferdem Grafiken und B\u00fcchern restauriert, f\u00fcr Museen ebenso wie f\u00fcr Privatsammlungen.<\/p>\n<p>1991 er\u00f6ffnete im hohen lichten Hauptraum eine der ersten Buchgalerien Deutschlands. Renate Mergemeier war es von Anfang wichtig, traditionelles Handwerk mit Kunst zu verquicken und widmete sich dem Kunstbuch. Unterst\u00fctzt wurde sie lange Jahre von der Wienerin Anna Grassl. Alle paar Monate luden die beiden Frauen zur Kunstb\u00fccher-Ausstellung in die Luisenstra\u00dfe 7. Die Buchgalerie Mergemeier vertrat die ausstellenden K\u00fcnstlerinnen auch in anderen L\u00e4ndern bis in die USA.<\/p>\n<p>Seit der Pandemie pr\u00e4sentiert sich die Galerie vor allem digital. Federf\u00fchrend ist mittlerweile die D\u00fcsseldorfer K\u00fcnstlerin Nicole Morello, die hier in den Neunzigern selbst ihre ersten Kunstb\u00fccher ausstellte. In der ehemaligen Wohnung der Mergemeiers im Obergeschoss treffen sich einmal in der Woche acht K\u00fcnstler:innen der \u201eAkademie der Stra\u00dfe\u201c unter der Regie der Fiftyfifty-Vorstandsvorsitzenden und K\u00fcnstlerin Katharina Mayer. Ehemals Wohnungslose widmen sich dann ihren kreativen Projekten.\u00a0<\/p>\n<p>In vielen R\u00e4umen der Buchbinderei geben Fenster den Blick in begr\u00fcnte Innenh\u00f6fe frei. \u201eAuch die Atmosph\u00e4re ist uns wichtig\u201c, sagt Ulrike Meysemeyer. Die Menschen, die hier arbeiten, sollen sich wohlf\u00fchlen und mit einbringen. 73 Frauen und M\u00e4nner haben \u00fcber die Jahrzehnte eine Ausbildung bei Mergemeiers durchlaufen. \u201eWir kommen etwa auf einen Azubi im Jahr\u201c, sagt Ulrike Meysemeyer. Ein Kollege hat hier einst mit 14 Jahren angefangen und ist nach der Rente 74-j\u00e4hrig als Aushilfe zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n<p>Bundesweit gibt es heute nur noch wenige handwerklich arbeitende Buchbindereien mit knapp 30 Auszubildenden pro Lehrjahr. Doch Ulrike Meysemeyer ist sicher, dass es weitergehen wird. Das Handwerk ist zeitlos und von Bestand. Die 53-J\u00e4hrige brennt nach wie vor daf\u00fcr.\u00a0<\/p>\n<p>B\u00fccher machen eben einfach gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><strong>Der Beitrag erschien im neuen THE DORF THE MAG No. 9 \u2013 das Magazin k\u00f6nnt Ihr hier auf\u00a0<a href=\"https:\/\/shop.thedorf.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">shop.thedorf.de<\/a>\u00a0bestellen.<\/strong><\/p>\n<p>Buchbinderei Mergemeier<br \/>Luisenstra\u00dfe 7<br \/>40215 D\u00fcsseldorf<br \/><a href=\"https:\/\/www.mergemeier.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mergemeier.net<\/a><\/p>\n<p><b>Text: <\/b>Katja H\u00fctte<b><br \/><\/b><b>Fotos: <\/b>Natasha auf\u2019m Kamp<b><br \/>\u00a9 THE DORF, 2026<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im hellen, begr\u00fcnten Hinterhof an der Luisenstra\u00dfe 7 scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. 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