{"id":703903,"date":"2026-01-09T00:35:23","date_gmt":"2026-01-09T00:35:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/703903\/"},"modified":"2026-01-09T00:35:23","modified_gmt":"2026-01-09T00:35:23","slug":"alina-bronskys-autobiographisches-buch-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/703903\/","title":{"rendered":"Alina Bronskys autobiographisches Buch \u201eEssen\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Niemand wird bestreiten, dass die Nahrungsaufnahme f\u00fcr den Menschen ein elementarer, im buchst\u00e4blichen Sinne lebensnotwendiger Vorgang ist und sie daher unsere Aufmerksamkeit verdient. Allerdings hat die kulinarische Kontemplation im \u00f6ffentlichen Diskurs, die Inszenierung von Essen in sozialen (und anderen) Medien, inzwischen nachgerade pathologische Ausma\u00dfe erreicht. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Alina Bronsky: \u201eEssen\u201c\" height=\"2613\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/alina-bronsky-essen.webp.webp\" width=\"1600\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Alina Bronsky: \u201eEssen\u201cAlinaHanser Berlin<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">F\u00fcr andere wiederum ist das Nachdenken und Schreiben \u00fcber Speise und Trank ein Mittel zur moralischen Selbstoptimierung. Fleischkonsum gilt nicht wenigen als die Inkarnation des B\u00f6sen, als ein Attentat auf Tierwohl und Weltklima. Konsumverzicht und Lichterketten sollen die M\u00e4chte der Finsternis in die Knie zwingen. Die veganen Heerscharen w\u00e4hnten sich schon auf der Zielgeraden, als ihnen die Bratwurst-Kreuzz\u00fcgler in die Quere kamen. Essensvorlieben sind heute politischer denn je. <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Buch von Alina Bronsky l\u00e4sst sich so recht keiner der beiden Kategorien zurechnen, in jedem Fall nicht der letzteren, denn moralisch-politische Belehrungen sind der Autorin v\u00f6llig fremd. \u201eEssen\u201c ist eine Art kulinarische Kurzautobiographie, die anhand diverser, meist sehr einfacher Gerichte (ein Rezept findet sich im Anhang jedes Kapitels) Einblicke in den deutschen Alltag und dessen Zumutungen gew\u00e4hrt. Wie in ihren Romanen spielt auch in diesen zw\u00f6lf Kalendergeschichten in Ephraim-Kishon-Manier Alina Bronskys Herkunft eine wichtige Rolle. Geboren in Jekaterinburg, kam sie Anfang der Neunziger als Kind nach Deutschland und erkundete sofort mit Interesse die Absurdit\u00e4ten ihrer neuen Heimat, ohne den Absurdit\u00e4ten ihrer alten Heimat \u2013 der siechen Sowjetunion \u2013 nachzutrauern.<\/p>\n<p>Eingedenk russischer Gro\u00dfm\u00fctter<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bronskys Anekdoten sind Lehrst\u00fccke \u00fcber den Erwerb und Verlust von Identit\u00e4ten, die sich in kulinarischen Erlebnissen manifestieren. Der Biss in ein wei\u00dfes Fr\u00fchst\u00fccksbr\u00f6tchen, das sogleich \u201ein einer Kr\u00fcmelwolke explodierte\u201c, f\u00fchrte auf der ersten Klassenfahrt unter Deutschen dem an sich integrationsbegierigen, aber von klein auf morgens mit warmem Getreidebrei verk\u00f6stigten M\u00e4dchen vor Augen, dass die Distanz zu ihrer neuen Heimat gr\u00f6\u00dfer war als gedacht und ersehnt. Mit einigen Essgewohnheiten und Nahrungsmitteln kann sich die Autorin bis heute nicht anfreunden, andere \u2013 wie die Liebe der Deutschen zum Brot als Hauptgericht, in Russland als \u201eTrockenfutter\u201c verschm\u00e4ht \u2013 sind Bestandteil ihrer neuen Identit\u00e4t geworden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Gewiss, Alina Bronskys \u201eEssen\u201c ist leichte Kost, aber gut gew\u00fcrzt und nicht versalzen. Vor allem kann das schmale Buch mit einer Zutat aufwarten, die \u2013 zumal in den literarischen Speisekammern deutscher Schriftsteller \u2013 seit jeher Mangelware ist: Humor ohne falsche R\u00fccksichtnahmen auf gesellschaftliche Erwartungen. Einige h\u00fcbsche Vignetten gelingen der Autorin, etwa wenn sie sich zu ihrer irrationalen Panik vor Mikroben bekennt \u2013 ebenfalls eine Erblast sowjetischer Kindheit \u2013 und jene (russischen) Gro\u00dfm\u00fctter w\u00fcrdigt, die Mandarinen vor dem Sch\u00e4len gr\u00fcndlich mit Seife reinigen und anschlie\u00dfend \u2013 sicher ist sicher \u2013 noch mit kochend hei\u00dfem Wasser \u00fcberbr\u00fchen.<\/p>\n<p>Der (deutsche) Mann in der K\u00fcche<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch das Portr\u00e4t der Cousine Mira, wie Bronsky in der Sowjetunion sozialisiert und dann nach Deutschland ausgewandert, ist eine heitere Hommage an die kulturell entwurzelte Verwandtschaft. Sie geh\u00f6rt einer im Westen beinahe versunkenen Welt an, in der \u201ees absolute Frauensache\u201c war, Menschen satt zu bekommen. In diesem Kosmos \u201ebetraten M\u00e4nner die K\u00fcche ausschlie\u00dflich zum Essen. Danach zogen sie sich zur\u00fcck, um die Frauen beim Abwaschen nicht zu st\u00f6ren.\u201c Besagte Cousine hatte dieses Prinzip so sehr verinnerlicht, dass ihr Ehemann Alex es nicht gewagt h\u00e4tte, \u201esich ohne ihre Erlaubnis ein Butterbrot zu schmieren\u201c. Doch irgendwann war Mira der Plackerei in der K\u00fcche \u00fcberdr\u00fcssig und trennte sich von Alex.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ihr neuer Partner entsprach ganz und gar dem Ideal des modernen deutschen Mannes. Er kochte besser als Cousine Mira oder jedenfalls ges\u00fcnder. \u201eEr lobte h\u00f6flich ihre Eint\u00f6pfe und Aufl\u00e4ufe und machte sich anschlie\u00dfend ein Vollkornbrot mit Ziegenk\u00e4se, Cranberry-Chutney und Rucola-Bl\u00e4ttern.\u201c \u00dcberdies musste sie sich den einen oder anderen liebevollen Tadel gefallen lassen, wenn sie mal wieder Kartoffeln aus nichtbiologischem Anbau gekauft hatte. In einem Wort: unertr\u00e4glich. Das erkannte irgendwann auch Mira und kehrte reum\u00fctig zu ihrem Ehemann zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Politisch korrekt ist die Pointe nicht, aber Alina Bronsky pfeift darauf. Wem also der Sinn weder nach Foodporn noch nach moralischer Bevormundung steht, wird mit diesem Buch seinen Spa\u00df \u00adhaben.<\/p>\n<p><strong>Alina Bronsky: \u201eEssen\u201c.<\/strong> Hanser Berlin Verlag, Berlin 2025. 112 S., geb., 20,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Niemand wird bestreiten, dass die Nahrungsaufnahme f\u00fcr den Menschen ein elementarer, im buchst\u00e4blichen Sinne lebensnotwendiger Vorgang ist und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":703904,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[3364,29,3688,30,1209],"class_list":{"0":"post-703903","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-essen","11":"tag-germany","12":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115862341216548385","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/703903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=703903"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/703903\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/703904"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=703903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=703903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=703903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}