{"id":704093,"date":"2026-01-09T02:17:20","date_gmt":"2026-01-09T02:17:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704093\/"},"modified":"2026-01-09T02:17:20","modified_gmt":"2026-01-09T02:17:20","slug":"so-fuehlt-sich-ein-blackout-an-beobachtungen-aus-berlin-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704093\/","title":{"rendered":"So f\u00fchlt sich ein Blackout an. Beobachtungen aus Berlin \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Berlin ist eine Zumutung: zu weitl\u00e4ufig, zu vorlaut, zu kaputt. Eine Gro\u00dfstadt, die einen auslaugt bis zur Ersch\u00f6pfung, abz\u00fcglich der unbek\u00fcmmerten Welthaltigkeit New Yorks. Berlin im Winter ist eine Pr\u00fcfung, der nicht jeder standh\u00e4lt. Was vorher schon nicht funktionierte \u2013 \u00f6ffentlicher Nahverkehr, \u00f6ffentlicher Nahverkehr und \u00f6ffentlicher Nahverkehr \u2013 funktioniert gleich doppelt nicht. Die Gehsteige werden durch spiegelglatte Eisfl\u00e4chen ersetzt, auf denen es sich wunderbar ausrutschen l\u00e4sst, das Streuen von Salz oder Splitt wurde irgendwie vergessen, oder es war einfach wie so oft niemand zust\u00e4ndig. Stra\u00dfenlaternen bleiben ausgeschaltet, um Strom zu sparen und Lichtverschmutzung zu reduzieren. Stolz br\u00fcstet man sich, eine der \u201edunkelsten Gro\u00dfst\u00e4dte weltweit zu sein\u201c. Aber das Gute geht immer noch besser. Zum Applaudieren hat man leider keine Hand frei, weil man sich mit der einen das schmerzende Stei\u00dfbein reibt und sich mit der anderen ungl\u00e4ubig an den Kopf fasst.<\/p>\n<p>\u201eWenn es dunkel und kalt wird in Berlin\u201c \u2013 so hei\u00dft ein gewohnt romantisch-melancholisches Lied der Band Element of Crime, und ein besserer Soundtrack zum Blackout in Berlin l\u00e4sst sich nicht denken. Ob der urs\u00e4chliche Brandanschlag auf anarchistische Z\u00fcndler oder russische Schl\u00e4ferzellen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, das sollen die Verschw\u00f6rungstheoretiker unter sich kl\u00e4ren, und welche linksextreme Gruppierung sich von der anderen wegen \u201efalscher Kontinuit\u00e4ten\u201c distanzieren muss, soll sich die Jud\u00e4ische Volksfront mit der Volksfront von Jud\u00e4a ausmachen. Auf jeden Fall praktisch f\u00fcr interessierte Autokraten, die Anf\u00e4lligkeit kritischer Infrastruktur schon einmal unverbindlich getestet zu wissen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die hinterlassenen M\u00fcllberge der Feuerwerkseskapaden zu Silvester noch in den Hauseing\u00e4ngen br\u00fcten, geht im S\u00fcdwesten der Stadt das Licht aus, was f\u00fcr etwa hunderttausend Menschen ein Ausharren in Dunkelheit und K\u00e4lte bedeutet, \u00fcber zweitausend Betriebe machen dicht. Bald erstaunt der Funfact, dass es sich dabei um den am l\u00e4ngsten andauernden Stromausfall in der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg handle \u2013 wieder ein Rekord, auf den Berlin stolz sein kann.<\/p>\n<p>Die Wohnung meiner Lebenskomplizin, bei der ich \u00fcberwintere, ist in einem zentraleren Bezirk, nat\u00fcrlich aber fiebern und leiden wir mit dem Rest der Stadt mit, kennen direkt oder indirekt Betroffene, die entweder selbst ihr Quartier verlassen m\u00fcssen oder andere in ihrem unterkommen lassen. Das Scrollen durch aufbereitete Informationen aus zweiter Hand reicht mir nicht mehr, ich m\u00f6chte \u2013 ich muss \u2013 mir selbst ein Bild machen. Als Investigativjournalist des eigenen Lebens zieht mich eine so fundamental ver\u00e4nderte Stadtlandschaft magisch an. Meine Lebenskomplizin ist von meinem Plan nicht begeistert, h\u00e4lt einen solchen Spaziergang f\u00fcr unappetitlichen Elendstourismus. Es f\u00e4llt mir schwer, dagegen Argumente vorzubringen, im Kern hat sie Recht: Ich folge einer nackten, berechnenden Neugier, gehorche einer unmoralischen Sensationsgeilheit. Jemandem helfen werde ich vor Ort mit Sicherheit nicht, im Zweifelsfall bin ich nur ein zus\u00e4tzlicher Unsicherheitsfaktor im ungeregelten Stra\u00dfenverkehr oder stehe irgendjemandem im Weg. Ich erkl\u00e4re meiner Lebenskomplizin wortreich, dass wir solche Eindr\u00fccke wohl niemals wieder werden sammeln k\u00f6nnen \u2013 eine stillgelegte, abgestellte Gro\u00dfstadt. Das Leid der Armen, Kranken und Schwachen will ich nicht herunterspielen. Sie l\u00e4sst das halbwegs gelten. Es gibt den Drang, Zeuge zu sein \u2013 dem ich folgen muss; er schert sich nicht um Erlaubnis oder Absolution. Also breche ich auf.<\/p>\n<p>Anstatt mit der Schnellbahn bis an den Rand der Zone zu fahren oder mich gar mit Schienenersatzverkehr direkt hineinzubegeben, gehe ich den ganzen Weg zu Fu\u00df. Als radikaler Fu\u00dfg\u00e4nger bin ich es ohnehin gewohnt, mir das uferlose Berlin in stundenlangen Streifz\u00fcgen zu ergehen. Aus dem Kiez Friedenau (Bezirk Tempelhof-Sch\u00f6neberg), \u00fcber die gesch\u00e4ftige Schlo\u00dfstra\u00dfe, vorbei am Botanischen Garten, nach Lichterfelde, bis tief ins stromlose Zehlendorf, zum pittoresken Mexikoplatz. Obwohl ich mir vornahm, genau aufzupassen, wann der \u00dcbergang vom Hellen ins Dunkle passiert, verpasse ich ihn; wie die meisten \u00dcberg\u00e4nge ist auch dieser hier flie\u00dfend. <\/p>\n<p>Wohl kurz nach der Thielallee, irgendwo auf der davon abzweigenden Sch\u00fctzallee, stellt sich ein anderes Gef\u00fchl ein, das Unbehagen des bekennenden St\u00e4dters, dessen Expedition ins Gewisse zu einer ins Ungewisse wird. Etwas ist anders, und das Vertraute, an dem sich etwas ver\u00e4ndert, wirkt viel fremder, als das Fremde, bei dem man keinen Vergleich hat. Das St\u00e4dtische d\u00fcnnt aus, der Lichtgeiz der Laternen ist absichtslos. Dunkeldeutschland, denke ich und grinse fies. Die Stra\u00dfe wirkt seltsam unbelebt, niemand unterwegs, aus kaum einem Fenster dringt Licht, da und dort flackert warmoranger Kerzenschein, dass einem ganz heimelig wird. Pfingstig ums Heil, denke ich an <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/ernst-jandl\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" f=\"\" sich=\"\" ein=\"\" blackout=\"\" an.=\"\" beobachtungen=\"\" aus=\"\" berlin=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ernst Jandl<\/a> und sein ber\u00fchmtes Heldenplatz-Gedicht, in dem der gottelbock mit stimmstummel von Sa-Atz zu Sa-Atz d\u00f6ppelt. Es liegt Schnee, was in mehrerer Hinsicht ein Faktor ist.<\/p>\n<p>Er ist Segen und Fluch zugleich, und so schlagen in meiner achenden Brust zwei Herzen. Mich pers\u00f6nlich vers\u00f6hnt das ergiebige Schneeaufkommen mit Berlin, weil es Winterfreuden bietet. In den Parks wachsen imposante Schneem\u00e4nner, Kleinkinder in Skianz\u00fcgen ziehen Holzschlitten hinter sich her, mit gl\u00fchenden Apfelwangen und triefender Rotznase wie in der kitschigen Verfilmung der Jahreszeit. F\u00fcr die Blackoutopfer nat\u00fcrlich macht es die Sache komplizierter und beschwerlicher. So hinterlasse ich begl\u00fcckt meine Spuren im Pulverschnee \u2013 lege den Verfolgern eine F\u00e4hrte \u2013, so lausche ich befriedigt dem Knirschen \u2013 das auch beim druckvollen Zerschieben von den Papierschichten eines Taschenbuchs entsteht \u2013, zwinge mich aber zu schlechtem Gewissen. Was f\u00fcr mich ein Abenteuer ist, bleibt f\u00fcr andere ein Albtraum. In makabrem Kontrast zur aufgezwungenen Stromaskese blinkt und kitscht \u00fcberall sonst noch die reiz\u00fcberflutende Weihnachtsbeleuchtung.<\/p>\n<p>Man f\u00fchlt sich an die Anfangszeit der gro\u00dfen Pandemie erinnert, als wir zwischen widerspr\u00fcchlichen Gewissheiten pendelten, die innerhalb ein- und desselben Menschen kaum in Einklang zu bringen waren. Die Berliner halten sich wacker, der Unmut \u00fcber unvermeidliches Beh\u00f6rdenversagen trifft tiefe Dankbarkeit gegen\u00fcber den professionellen und ehrenamtlichen Helfern. <\/p>\n<p>Den sp\u00e4rlichen Entgegenkommenden nicke ich intuitiv zu. Die meisten f\u00fchren einen Hund mit sich, so hat ihr Spaziergang einen offensichtlichen Grund. Wer sich drau\u00dfen aufh\u00e4lt, braucht eine Aufgabe; meine kenne nur ich selbst. Der durchaus journalistische Zugang hielte einer \u00dcberpr\u00fcfung der Beh\u00f6rden nicht stand. Unvermittelt geschieht eine Wahrnehmungsver\u00e4nderung: Sofort erkennt man in zwei schemenhaft tollenden Hunden zwei wilde F\u00fcchse \u2013 wieder dieses Tierreich, das sich beim ersten Anzeichen des R\u00fcckzugs von uns Menschen die Natur zur\u00fcckerobert. Tiere anderer Art sind die m\u00fcde blinkenden elektrischen Mietroller, die erlegt am Stra\u00dfenrand liegen, eingeschneite Werbung f\u00fcr Selbstaufgabe und Resignation. Eine Reduktion von Komplexit\u00e4t ist willkommen, kann Einkehr und Besinnung bedeuten. In romantischer Verkl\u00e4rung stelle ich mir Familien vor, die bei Kerzenschein Brettspiele spielen und wieder zueinander finden.<\/p>\n<p>Es ist Abend geworden, und insgesamt bleibt die Gegend entt\u00e4uschend undunkel, beinahe schon hell. Ein abnehmender Mond dient als Scheinwerfer, sein starkes Licht diffundiert durch einen milchigen Wolkenschleier, das die Schneefl\u00e4chen zus\u00e4tzlich reflektiert, so ist die Szene vorteilhaft beleuchtet. Seltene Autos werfen ihr rotes Bremslicht, wo sie sich entfernen, oder blenden auf, wo sie auf mich zukommen. Alle sind mir verd\u00e4chtig \u2013 so wie ich ihnen. Unwirklich und gespenstisch ist die Stimmung allemal, und hellh\u00f6rig macht eine Stille, die nach Verlassenheit klingt. Wo sie durchbrochen wird, da umso pr\u00e4gnanter. Einsatzfahrzeuge warnen mit Sirene vor, denn die Ampeln sind gro\u00dffl\u00e4chig ausgefallen. Beim \u00dcberqueren der Stra\u00dfe bin ich auf der Hut, manch einer wedelt \u00fcbermotiviert mit der Handytaschenlampe. Neben der Energieversorgung sind auch Teile des Mobilnetzes zusammengebrochen; es ist nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, einen Notruf absetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\">\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbJetzt schl\u00e4gt die Stunde des fossilen Brennstoffs, f\u00fcr den Betrieb der herangekarrten Generatoren braucht es Diesel und Benzin.\u00ab     <\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Auff\u00e4llig unauff\u00e4llig rollt ein dunkler Van ins Bild, dessen schwarzer Lack sich markant von der Umgebungsdunkelheit absetzt, in Schrittgeschwindigkeit schleicht er neben mir her. Ich erkenne darin das Aussp\u00e4hen einer Einbruchsm\u00f6glichkeit, die Polizei greift in der Gegend regelm\u00e4\u00dfig Verd\u00e4chtige mit hydraulischem Flanschspreizer auf. Gut m\u00f6glich, dass sich spontan B\u00fcrgerwehren und Nachbarschaftswachen etablieren, die um die toten H\u00e4user patrouillieren.<\/p>\n<p>Ich marschiere in ein Villenviertel. Da und dort stottert brachial ein Generator, der den Bewohnern Strom gibt, in hohen Wohnzimmern wechseln sich die Farben ab \u2013 das nerv\u00f6se Blinzeln der Fernseher. \u00dcberhaupt schl\u00e4gt jetzt die Stunde des fossilen Brennstoffs, f\u00fcr den Betrieb der herangekarrten Generatoren braucht es Diesel und Benzin. Aus kalten H\u00e4usern treten Menschen mit berstend vollen Plastiktaschen, mit beeindruckendem Galgenhumor erz\u00e4hlen sie von ihrem Umzug.<\/p>\n<p>Am schmucken Mexikoplatz hat sich das Technische Hilfswerk postiert, ihr Gro\u00dfgenerator versorgt ein Flutlicht, das auf der stark befahrenen Kreuzung \u00dcberblick verschafft. Ungefragt stelle ich mich zu den uniformierten M\u00e4nnern, sie scherzen und trinken Tee aus dampfenden Pappbechern. Menschen treten hinzu, bitten um Auskunft. <\/p>\n<p>Ich bringe es nicht \u00fcbers Herz, eine der eingerichteten Notunterk\u00fcnfte zu betreten, das erschiene mir geschmacklos. Ein unbedachter Eindringling w\u00fcrde nichts zutage f\u00f6rdern, was seri\u00f6se Berichterstatter nicht schon abgefr\u00fchst\u00fcckt h\u00e4tten. Kreuz und quer strawanze ich durch die Zone, summe die Titelmelodie von \u201eStranger Things\u201c, auch Berlin im Blackout ist ein Upside Down. Sp\u00e4ter st\u00f6\u00dft meine Lebenskomplizin dazu, wir stapfen durch den Schnee. Wo er besonders unber\u00fchrt und sch\u00f6n ist, werfe ich mich auf den R\u00fccken und schlage mit den Fl\u00fcgeln, mein erster Schnee-Engel seit Jahren. Ein Schneemann h\u00e4lt Wache. Wir stellen uns dazu, machen ein Selfie. Wir tun so, als h\u00e4tten wir ihn gebaut.<\/p>\n<p>              Zur Person<\/p>\n<p>Lukas Meschik lebt als Autor und Musiker in Wien. Zuletzt erschienen der Roman \u201eDie W\u00fcrde der Emp\u00f6rten\u201c (Limbus), der Gedichtband \u201eForm wahren. Dreizeiler\u201c (Limbus) sowie das literarische Notizbuch \u201eIm Epizentrum des Lebens\u201c (Edition Faust). 2019 nahm er beim Klagenfurter Wettlesen um den Bachmannpreis teil. Er ist Frontman der Band \u201eMoll\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin ist eine Zumutung: zu weitl\u00e4ufig, zu vorlaut, zu kaputt. 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