{"id":704248,"date":"2026-01-09T03:49:12","date_gmt":"2026-01-09T03:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704248\/"},"modified":"2026-01-09T03:49:12","modified_gmt":"2026-01-09T03:49:12","slug":"mathematik-und-evolution-scinexx-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704248\/","title":{"rendered":"Mathematik und Evolution &#8211; scinexx.de"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr das zweite Blatt ist das anders: Das Wachstum seines Vorg\u00e4ngers zehrt das Auxin in der unmittelbaren Umgebung auf und hemmt dort die Blattbildung. Deshalb entsteht das zweite Blatt in maximaler Entfernung vom ersten \u2013 gegen\u00fcber. Bei Pflanzen mit \u201egoldener Spirale\u201c wirken nun beide Vorg\u00e4ngerbl\u00e4tter hemmend auf das dritte. Dieses muss daher eine \u201eKompromiss-Position\u201c suchen. Diese liegt versetzt zu beiden Vorg\u00e4ngern, aber n\u00e4her am ersten als am zweiten Blatt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr alle folgenden Bl\u00e4tter. Das Ergebnis sind \u201egoldene\u201c Winkel, die zusammen eine Fibonacci-Spirale ergeben.<\/p>\n<p>Die Geometrie von Bl\u00e4ttern, Bl\u00fcten und Samen ist damit letztlich das Ergebnis von f\u00f6rdernden und hemmenden Faktoren w\u00e4hrend ihres Wachstums \u2013 reine Biochemie. Aber praktischerweise sorgt das resultierende Muster daf\u00fcr, dass sich die fertigen Bl\u00e4tter nicht in die Quere kommen und m\u00f6glichst wenig Konkurrenz um Licht besteht. Das bringt der Pflanze biologische Vorteile \u2013 und hat sich daher bei vielen Pflanzen durchgesetzt.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie12g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie12g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie12g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie12g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-310410\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/symmetrie12g-300x194.jpg\" alt=\"Tiger\" width=\"300\" height=\"194\"  \/><\/a>Wie entstehen die Streifen des Tigers?\u00a9 A.Savin\/ <a href=\"https:\/\/artlibre.org\/licence\/lal\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Free Art License<\/a>\n<\/p>\n<p>Tierische Muster und Turings Modell<\/p>\n<p>Aber Pflanzen sind nicht die einzigen, deren Form und Aussehen von Symmetrie gepr\u00e4gt ist. Auch im Tierreich gibt es solche geometrischen Muster. So haben die Fl\u00fcgel der Schmetterlinge auf beiden Seiten die gleiche Form und auch ihre Zeichnung und Farbe spiegelbildlich. Die farbigen Fellzeichnungen von Zebras, Tigern und einigen anderen S\u00e4ugetierarten sind meist bilateralsymmetrisch, die Farbverl\u00e4ufe beider K\u00f6rperseiten gleichen sich.\n<\/p>\n<p>Wie die Streifen und Punktmuster der Tiere zustande kommen, dar\u00fcber gr\u00fcbelte schon der Mathematiker und Computerpionier <a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/dossier\/alan-turing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alan Turing<\/a> in den 1950er Jahren. Er vermutete, dass es im Embryo der Tiere \u201eMorphogene\u201c geben muss \u2013 chemische Molek\u00fcle, die die Zellen und Gewebe dazu bringen, sich auf bestimmte Art anzuordnen. Ihre Interaktion und Diffusion folgen dabei bestimmten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die Turing in einem mathematischen Modell beschrieb.\n<\/p>\n<p>In diesem sogenannten Reaktions-Diffusions-Mechanismus bringt ein Aktivator-Molek\u00fcl die Zellen dazu, dunkle Pigmente zu bilden. Dies l\u00f6st die Bildung eines Hemmstoffs aus, der sich in die umliegenden Hautzonen ausbreitet und dort die Produktion des Aktivators stoppt \u2013 als Folge bleiben diese Hautpartien hell. Je nachdem, wie schnell und weit sich die beiden Molek\u00fcle ausbreiten und wie stark sie interagieren, entstehen so verschiedene Mustervarianten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie13g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie13g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie13g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie13g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-310411\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/symmetrie13g-300x198.jpg\" alt=\"Tigerstreifen\" width=\"300\" height=\"198\"  \/><\/a>Alan Turing entwickelte eine Gleichung, das Reaktions-Diffusions-System, das die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit hinter der Entstehung von Fellmustern beschreibt \u00a9 oscarcalero\/ iStock<br \/>\nVom idealisierten Modell zu nat\u00fcrlicher Unvollkommenheit<\/p>\n<p>Heute zeigen Computermodelle, dass sich mit dem <a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/dossierartikel\/das-geheimnis-der-musterbildung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reaktions-Diffusions-Modell<\/a> tats\u00e4chlich viele Musterbildungsprozesse beschreiben lassen. Allerdings nur in idealisierter Form: \u201eKlassische Turing-Modelle werden der Komplexit\u00e4t realer biologischer Muster oft nicht gerecht\u201c, erkl\u00e4rt Siamak Mirfendereski von der University of Colorado in Boulder. \u201eSie sind idealisiert und lassen nat\u00fcrliche Unvollkommenheiten au\u00dfer Acht.\u201c Beispielsweise sind die Fellstreifen vieler Tiere unterschiedlich kr\u00e4ftig und manchmal zwischendrin unterbrochen. Auch das Fleckenmuster der Leoparden bildet keine perfekten Kringel.\n<\/p>\n<p>Deshalb haben Mirfendereski und seine Kollegen Turings Theorie im Jahr 2025 um einen weiteren Mechanismus erg\u00e4nzt. Zu Turings Reaktions-Diffusions-Mechanismus kommt demnach ein Prozess namens Diffusiophorese hinzu. Bei diesem ziehen die diffundierenden Molek\u00fcle andere Teilchen mit sich. Dadurch kommen Muster mit klar voneinander abgegrenzten Farbbereichen zustande. Au\u00dferdem spielen die verschiedenen Zellgr\u00f6\u00dfen daf\u00fcr eine Rolle, wie weit und schnell sich Botenstoffe verteilen. Als die Forschenden diese Parameter erg\u00e4nzten, lieferte ihr Modell tats\u00e4chlich scharfe und zugleich unregelm\u00e4\u00dfige Muster, die den nat\u00fcrlichen sehr nahe kommen.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie14g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie14g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie14g.jpg\" data-lightbox=\"https:\/\/www.scinexx.de\/wp-content\/uploads\/s\/y\/symmetrie14g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-310412\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/symmetrie14g-300x200.jpg\" alt=\"Katze\" width=\"300\" height=\"200\"  \/><\/a>Das Wechselspiel zwischen dem Wachstumsfaktor Wnt und dem Gen Dickkopf 4 erzeugt die Fellstreifen der Katze \u2013 wie von Turing postuliert. \u00a9 step2626\/ iStock\n<\/p>\n<p>Die Fellstreifen der Katzen<\/p>\n<p>Wie nach diesen Prinzipien das Fell gestreifter Katzen entsteht, haben Forschende im Jahr 2021 <a href=\"https:\/\/www.scinexx.de\/news\/biowissen\/was-katzen-ihre-streifen-verleiht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">untersucht<\/a>. Sie stellten fest: In den Hautbereichen, die sich dunkles Fell bilden, produzieren bestimmte Gene unter anderem den Wachstumsfaktor Wnt. Dieser f\u00f6rdert die Entstehung von Haarfollikeln mit dunklem Pigment. Parallel dazu ist jedoch auch das Gen Dickkopf 4 (Dkk4) in diesen Zonen aktiv. Dieses erzeugt ein Protein, das sich schnell ausbreitet und als Hemmstoff wirkt: Es unterdr\u00fcckt die Aktivit\u00e4t der Wnt-Gene in den umliegenden Hautzonen.\u00a0\n<\/p>\n<p>\u201eDamit fungieren diese Molek\u00fcle als Aktivator und Inhibitor \u2013 genauso, wie es Turing in seinem Reaktions-Diffusions-Modell vorhergesagt hat\u201c, sagt Christopher Kaelin vom HudsonAlpha Institute for Biotechnology in Alabama.<br \/>\n&#13;<br \/>\n\t&#13;<br \/>\n\t&#13;<br \/>\n\t&#13;<\/p>\n<p>9. Januar 2026\t&#13;<br \/>\n\t&#13;<br \/>\n\t &#8211; Nadja Podbregar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr das zweite Blatt ist das anders: Das Wachstum seines Vorg\u00e4ngers zehrt das Auxin in der unmittelbaren Umgebung&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":704249,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[135],"tags":[29,30,190,189,194,191,193,192],"class_list":{"0":"post-704248","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wissenschaft-technik","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-science","11":"tag-science-technology","12":"tag-technik","13":"tag-technology","14":"tag-wissenschaft","15":"tag-wissenschaft-technik"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115863104251587385","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/704248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=704248"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/704248\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/704249"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=704248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=704248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=704248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}